Keine Steinlaus im Stonewall

04.05.2021 – Im Gegensatz zur Steinlaus sind Stonewall-Spieler keineswegs vom Aussterben bedroht. Auch dank Magnus Carlsen genießt die Eröffnung derzeit einen guten Ruf, gilt als gesund und ambitioniert. Allerdings kommt der Stonewall-Aufbau normalerweise im Holländer, also nach 1.d4 f5 zum Einsatz. Viktor Moskalenko zeigt in seinem Eröffnungsbeitrag im neuen ChessBase Magazin #201, dass Schwarz auch gegen Aufstellungen ohne d2-d4 gut damit fährt und erläutert die Ideen anhand zahlreicher eigener Partien.

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Expertenvideos: Jan Werle, Rustam Kasimdzhanov und Mihail Marin erklären neue Eröffnungsideen in 30 Minuten. Spezial: "Vassily Ivanchuk – einfach genial!“. Analysen von Anish Giri, Jan-Krzysztof Duda, Wesley So u.a. 11 spannende Theorieartikel u.v.m.!

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Keine Steinlaus im Stonewall

Viktor Moskalenko entkräftet (weiße) Aufstellungen ohne d2-d4

Nach 1.c4 f5 2.Sf3 e6 3.g3 d5 4.Lg2 Sf6 5.0-0 c6

 

erreichen wir die Ausgangsstellung unserer Übersicht. Schwarz hat die klassischen Züge des Holländisch-Stonewalls gemacht, während Weiß sich bezüglich seines d- und b-Bauern noch nicht festgelegt hat. An dieser Stelle möchte ich meine Erfahrungen gegen die Pläne mit 6.d3 (Englisch-Stil) bzw. 6.b3 (Réti-Stil), d.h. ohne d2-d4, mit Ihnen teilen. Diese Pläne können manchmal zueinander übergehen. Da das Spiel von Weiß anfangs offensichtlicher ist, musste ich für Schwarz nach neuen Ideen suchen. Infolgedessen habe ich in der Praxis aus dieser Stellung heraus sehr gute Ergebnisse erzielt (siehe Datenbank!), vor allem aufgrund eines guten Verständnisses der beiderseitigen Konzepte. Daher würde ich empfehlen, die Evolution der Entwicklung verschiedener Optionen schrittweise zu verfolgen.

1) Aufstellung im Englisch-Stil: 6.d3

Nun kann Schwarz zwei Möglichkeiten erproben: A) das alte und solide 6...Le7 oder B) das moderne 6...dxc4!?.

A) 6...Le7

 

Dies war viele Jahre lang meine Lieblingswaffe. Ich stellte fest, dass die Stellung des schwarzen Läufers hilfreich ist bei der Verteidigung gegen den sofortigen weißen Angriff mit Sc3/e2-e4,

 

siehe Ivanov,J - Moskalenko,V 0-1.

Wenn der Anziehende langsamer vorgeht, kann Schwarz ein raffiniertes Manöver einleiten, nämlich mit dem originellen ...Sg4!?,

 

was das Feld f6 für den Läufer freimacht (Bode,U - Moskalenko,V 0-1)

 

und wenn nötig mit dem Rückzug nach h6 verbunden ist (Makarov,M - Moskalenko,V ½-½).

B) 6...dxc4!?

Eine kuriose Idee, die Aufmerksamkeit verdient. Schwarz tauscht sofort die Damen und reduziert so die Initiative von Weiß. 7.dxc4 Dxd1 9.Txd1.

 

Es gibt noch nicht viele Partien zu der Diagrammstellung (außer meinen) und keine Theorie, aber ein paar praktische Konzepte bezüglich der Bauernstruktur. Unterm Strich geht es für Schwarz in diesem Endspiel darum, seine Bauern ins Rollen zu bekommen, d.h. e6-e5 vorzubereiten. In der Praxis wurde konfrontiert ich mit den weißen Fortsetzungen 9.b3 (Matamoros Franco,C - Moskalenko,V 0-1) 9.Sc3 (Lalic,B - Moskalenko,V ½-½, die Anmerkungen beleuchten außerdem 9.Lf4!?) und 9.Sd4

 

(Valdes,L - Moskalenko,V 0-1, nach 13...e5!?). In all diesen Partien gelang es Schwarz schließlich, den befreienden Vorstoß durchzusetzen, was ihm zumindest gleiche Chancen gibt. Zusammenfassend liegt das Geheimnis der Variante 6...dxc4 darin, dass der Damentausch Weiß keinen ernsten Vorteil bietet!

2) Aufstellung im Réti-Stil: 6.b3 Ld6!

 

Weiß bereitet ein typisches Réti-Doppelfianchetto ohne den Vorstoß d2-d4 vor. Gleichzeitig deckt er den c4-Bauern und macht so die Drohung ...d5xc4 harmlos. Andererseits erlaubt dieses langsamere Konzept Schwarz, seinen Läufer auf das Optimalfeld d6 zu entwickeln, gefolgt von dem Stonewall-Standard ...De7, was die Kontrolle über die dunklen Felder erlangt und e6-e5 vorbereitet.

Die Musterpartien nach 7.Lb2 zeigen 7...0-0!? (De Boer,G - Moskalenko,V 0-1) und 7...De7 8.d3 (Franco Ocampos,Z - Moskalenko,V ½-½) bzw. 8.Dc2

 

(Gorbatov,A - Moskalenko,V 0-1, Stellung nach 12...Sh6). Überall stand Schwarz ordentlich!

Fazit zum Holländisch-Stonewall gegen Englisch- und Réti-Aufstellungen: Ich habe diese Stellungen ziemlich oft gespielt, und mit guten Ergebnissen. Es empfiehlt sich, während der Eröffnung sehr geduldig zu sein und sich erst in den späteren Phasen der Partie an Taktik zu erfreuen. Ich hoffe, dass diese Untersuchung den Schwarzspielern helfen wird, ihre Fertigkeit (und Ergebnisse) in solchen Stellungen in erheblichem Maße zu verbessern. Verlieren sollte man hinter der Steinmauer schließlich nie!

Den kompletten Artikel mit allen Analysen und kommentierten Partien finden Sie im ChessBase Magazin #201 (Mai/Juni 2021)

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