"Morgens Strand - abends Schach" beim Kieler Open

von Klaus Besenthal
04.08.2018 – In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt ist gestern das "Kieler Open" mit dem Sieg von IM Benedict Krause zu Ende gegangen. Der Bundesligaspieler vom SK Norderstedt hatte es am Ende - ohne Niederlage! - auf 7,0/9 Punkte gebracht, dabei aber gegenüber den mit ihm punktgleichen Großmeistern Zigurds Lanka (Lettland), Wan Yunguo (China) und Zeng Chongsheng (ebenfalls China) die bessere Zweitwertung vorzuweisen gehabt. Das traditionsreiche Turnier der Kieler Schachgesellschaft wurde bereits zum 31. Mal ausgerichtet, und diesmal sorgte das anhaltende Hochsommerwetter auch dafür, dass das Motto des Turniers von jedem, der es gerne wollte, wörtlich genommen werden konnte. Unser Autor Klaus Besenthal war persönlich vor Ort.

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In Kiel gibt es drei Schachvereine, die auch überregional bekannt sein dürften - "Turm" hat vor einigen Wochen sogar den Aufstieg in die Schachbundesliga vollbracht. Der SK Doppelbauer konnte in den vergangenen Jahren mit einer spielstarken Truppe aus vielen sehr jungen Spielern glänzen, scheiterte beim angestrebten Aufstieg in die - überregionale - "Oberliga Nord Nord" aber knapp - an der 2. Mannschaft von Turm! Und es gibt die Kieler Schachgesellschaft von 1884, die (das ist jetzt meine persönliche Erinnerung) hinsichtlich der Ligazugehörigkeit wohl schon bessere Zeiten erlebt hat als es die Zugehörigkeit zur schleswig-holsteinischen Verbandsliga aktuell auszudrücken vermag. Die Kieler Schachgesellschaft ist auch der Ausrichter des Kieler Opens, wobei in erster Linie sicherlich der rührige Turnierleiter Hans-Jürgen Hahne namentlich (aber stellvertretend für alle Mitstreiter!) erwähnt werden muss. Die jungen Spieler von Doppelbauer hingegen spielten eine hervorragende Rolle direkt im Turnier - einige von ihnen konnten bis zur letzten Runde an den vorderen Brettern auf Augenhöhe mit den Titelträgern agieren.

Hans-Jürgen Hahne (links) zusammen mit Schiedsrichter Sascha Abel. Hans-Jürgen hat mir auch die Fotos vom Turniergeschehen zur Verfügung gestellt.

Soviel zur vitalen Schachszene im nördlichsten Bundesland. Ein anderer Verein, der nichts mit Schach zu tun hat, verdient aber ebenfalls Erwähnung. Das Turnier wird nämlich im Klubheim der "Rudergesellschaft Germania" ausgetragen, genauer gesagt im über dem Bootshaus gelegenen Restaurant, das ziemlich genau 150 Sitzplätze zu bieten hat. Die Anzahl der Teilnehmer ist also begrenzt, und man muss sich mit frühzeitiger Anmeldung einen Platz sichern. Ich habe hier den unschätzbaren Vorteil, im Mailverteiler zu stehen, an den Hans-Jürgen Hahne die Vorankündigung des Turnier zu versenden pflegt. Diese Vorankündigung kam letztes Jahr am 9. Dezember - dann sollte man auch zusehen, dass man mit der Anmeldung bald "in die Pötte kommt", wie man in Norddeutschland sagt. Dieses Turnier ist nämlich auch ohne Werbung immer ausgebucht. Und das wiederum könnte vielleicht auch an der absolut spektakulären Location liegen, die in Deutschland ziemlich einzigartig sein dürfte. Hier können Sie über ihrer Partie sitzen, während direkt neben Ihnen vor dem großen Panoramafenster einer der auf dem Teaserbild gezeigten Kreuzfahrer vorbeizieht! 

Das Bootshaus der Rudergesellschaft Germania - im Restaurant im 1. Stock wurde Schach gespielt

Ein spezielles Problem besteht hier allerdings darin, eine passende Unterkunft zu finden. Es ist nämlich so: Meldet man sich im Januar für das Turnier an, dann dürften die (guten) Ferienwohnungen alle längst vermietet sein. Von einem Freund weiß ich, dass man sich darum tunlichst ein ganzes Jahr im Voraus kümmern sollte. Ein Hotelzimmer in Kiel sollte sich aber natürlich noch finden lassen, nur ist es vielleicht nicht unbedingt das, was man sich für einen Urlaub an der Ostsee vorstellen würde. Aber diese Frage ist immer mit Arbeit verbunden, egal, wo man hinfährt. Ich habe das Problem jedenfalls radikal gelöst, indem ich die knapp 90 km von meinem Wohnort Lübeck aus jeden Tag mit dem Auto gefahren bin. Das klingt dramatisch, doch man darf sich das nicht so vorstellen, wie 90 km in einem Ballungsraum wie Hamburg, Frankfurt oder München. Bei der Anreise am Nachmittag ist der Verkehr in der holsteinischen Provinz eher dünn; abends um 22 Uhr kommt er tatsächlich vollends zum Erliegen, so dass sich das alles stressfrei und zügig abwickeln lässt. Und natürlich konnte ich so einen Betrag von 700 oder 1.000 Euro einsparen, was ja auch immer eine Rolle spielt. 

Falls Sie immer noch Zweifel daran haben sollten, wie einzigartig dieser Standort ist: Diese Szenerie hätte sich 50 m Luftlinie von Ihrem Schachtisch entfernt abgespielt. Das Bootshaus liegt direkt an der "Kiellinie", der kilometerlangen autofreien Uferpromenade an der Kieler Förde, die vom Kreuzfahrerterminal zur Holtenauer Schleuse verläuft, wo der Nord-Ostsee-Kanal auf die Ostsee trifft.  

Ich hatte eine Woche vorher auch noch das "St. Pauli-Open" gespielt - auch in einer spektakulären Location, nämlich im Ballsaal des Millerntorstadions auf dem Hamburger Heiligengeistfeld. Dort hatte ich einen schweren Stand gehabt gegen die vielen Jugendlichen, von denen viele 200 oder 300 Elopunkte weniger hatten als ich, aber trotzdem in der Partie keinen Deut schlechter als ich waren. Nach dem Turnier hatten sie teilweise mehr als 100 Punkte gewonnen - natürlich von Leuten wie mir! Aber egal, ich hatte in Hamburg am Ende 5 aus 9 gehabt, und das war für meine Verhältnisse ganz gut gewesen. Richtig, richtig gut bin ich hingegen darin, mit einer Niederlage in ein offenes Turnier zu starten - beim FC St. Pauli passierte mir das gegen einen 12jährigen. So war ich in Kiel etwas alarmiert, als ich in der ersten Runde erneut einem der Jugendlichen gegenüber saß, gegen den ich in Hamburg mit Mühe ein Remis geschafft hatte - und das auch noch wieder mit Schwarz. Mein Gegner hatte die erste Partie offenbar gut nachbereitet, während ich dies recht lax getan hatte. Ich spielte dieselbe statische, passive Struktur in einer Nebenvariante - nur diesmal noch schlechter. Aber das lässt sich reparieren - schwer beeindruckt war ich hingegen von der exzellenten Rechenkraft meines Gegners, der mich, beginnend mit einem Qualitätsopfer, komplett zerlegte:

 

Erste Runden sind die Zeitpunkte, wo ich die geringste Energie habe: Das frühe Aufstehen (wegen des "Eincheckens" noch früher als sonst), man ist noch nicht im Rhythmus... Daran lag es sicher nicht, aber es bleibt ein schwieriger Zeitpunkt. Punktemäßig kann man sich von einer Auftaktniederlage erholen; bei der Zweitwertung hingegen bleibt man sicher Letzter in der Gruppe punktgleicher Spieler, der man am Ende angehört. Im Aufholprozess spielt man einfach immer gegen die etwas schlechteren Gegner. Die Tabelle unten bestätigt (für mich) diese Regel. 

Die nächste Partie konnte ich gewinnen, bevor ich in Runde 3 erneut einen Gegner bekam, gegen den ich schon bei St. Pauli gespielt hatte. Und das war nicht irgendjemand, sondern der 9jährige Inder Aarav Dengla, der, wie ich von Hans-Jürgen Hahne gehört habe, zweitbester U8-Spieler weltweit gewesen sein soll. Aarav hat bereits eine Elozahl oberhalb von 1.800 Punkten. Mit 9 - das muss man sich mal vorstellen! Trotzdem konnte ich ihm in Hamburg seine Dame abknöpfen (musste aber einen Turm geben) und konnte nach einem langen, zähen Endspiel schließlich gewinnen. In Kiel führte Aarav schnell eine symmetrische Stellung herbei, die ihm einen frühen Damentausch erlaubte. Das Ergebnis diesmal: remis! Nach der Partie erklärte er mir mit absolut entwaffnendem Charme, dass er so frühzeitig die Damen getauscht habe, damit ich ihm seine kein zweites Mal hätte wegnehmen können. Als Aarav mir vor der letzten Runde eine Packung Schokolade schenkte, da erfuhr ich dann tatsächlich auch noch, dass er mich irgendwie in sein Herz geschlossen hatte. Aber ich hatte auch beide Partien mit ihm zusammen analysiert (auf Englisch) und wir hatten dabei viel Spaß gehabt. Dieser intelligente Junge, kann nicht nur sehr gut Schach spielen, sondern hat auch eine Menge Humor!

Aarav Dengla (im blauen Pullover) - solche großartigen Begegnungen gibt es wohl nur auf offenen Turnieren, die eben tatsächlich für alle "offen" sind. Aarav ist eine Weile zusammen mit seiner Mutter durch Europa gereist; vor dem St. Pauli-Turnier war er bei einer Veranstaltung in Österreich. Schach gelernt hat er von einem Großmeister, der in Mumbai ganz in seiner Nähe wohnt.

In Runde 4 konnte ich einen anderen Jugendlichen in 18 Zügen besiegen - inspiriert von der bei ChessBase erschienenen "London"-DVD des Großmeisters Simon Williams, einem Produkt, das mir sehr am Herzen liegt: 

The London System with 2.Bf4

"Einfach aber aggressiv!" Freuen Sie sich auf eine neue, spannende DVD von Simon Williams. Lassen Sie sich zeigen, wie Sie mit dem Londoner System (1.d4 d5 2.Lf4) dynamische und zugleich gut fundierte Stellungen aufs Brett bekommen.

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Dann ging es weiter gegen einen weiteren Jugendlichen, gegen den ich am Ende mit einer Mehrfigur klar auf Gewinn stand, aber bei schwindenden Zeitreserven hatte ich keine Idee mehr, wie ich seine weit vorgedrungenen Freibauern am besten stoppen könnte. Durch Rückgabe der Figur sicherte ich lieber das Remis. Das war kein Ruhmesblatt, aber ein Stück Stabilität. Dieser Jugendliche eilte anschließend übrigens von Sieg zu Sieg und landete weit vor mir in der Abschlusstabelle. 

Es folgte eine Serie von drei Partien gegen TitelträgerInnen, die ich alle remis gestalten konnte: IM Cliff Wichmann, WFM Lara Schulze, FM Martin Haag. Ich hatte 4,5 aus 8 und sollte in der Schlussrunde gegen einen Gegner mit einer deutlich schwächeren Elozahl antreten - und dieses Mal wäre das kein Jugendlicher gewesen! Richtig, der Satz steht im Konjunktiv: Der Gegner erschien gar nicht und ich gewann kampflos. 5,5 aus 9 sind eigentlich das Maximum dessen, was für mich überhaupt geht - dass ich dahinter eine Klammer setzen muss (ein Punkt wurde kampflos gewonnen), ist ebenso ärgerlich wie nicht zu ändern! Man muss damit leben (und in jüngeren Jahren war auch ich zwei oder dreimal der Anlass für ein solches Ärgernis...).

Siegerfoto ohne Chinesen (v.l.n.r.): Alexander Pluska, Tigran Poghosyan, Zigurds Lanka, Benedict Krause, Leonid Voloshin, Sergio Rocha, Hans-Joachim Vatter. Dass es die ganze Woche über auch an der See eine höllische Hitze war, sehen Sie sicher an der Kleidung der Spieler. Den Chinesen, das soll nicht verschwiegen werden, musste noch die Sache mit der "Streichwertung" bei der Berechnung der Buchholzzahl erklärt werden. Dabei ging es natürlich um die Preisgelder - in den 40 Jahren, die ich mittlerweile an Schachturnieren teilnehme, war das zu jeder Zeit ein wichtiges Thema. 

Der viertplatzierte Großmeister Zeng Chongsheng - am Ende klärte sich auch die Sache mit der Buchholzzahl

Großmeister Wan Yunguo bei der Arbeit gegen den in Schleswig-Holstein bestens bekannten Dänen Bjarne Light

Zum Abschluss dieses Berichts habe ich noch zwei Ausrisse aus den "Kieler Nachrichten" im Angebot, denen Sie nähere Informationen über die (nicht nur aus den beiden Großmeistern bestehende) Reisegruppe aus China entnehmen können - und auch die Geschichte von Aarav finden Sie hier noch einmal aufbereitet:

Abschlusstabelle des A-Turniers

Rang Teilnehmer Titel TWZ Land S R V Punkte Buchh SoBerg
1. Krause,Benedict IM 2445 GER 5 4 0 7.0 49.5 37.00
2. Lanka,Zigurds GM 2414 LAT 6 2 1 7.0 49.0 40.75
3. Wan,Yunguo GM 2514 CHN 5 4 0 7.0 49.0 36.50
4. Zeng,Chongsheng GM 2532 CHN 6 2 1 7.0 48.5 39.75
5. Voloshin,Leonid GM 2383 CZE 5 3 1 6.5 48.5 36.50
6. Rocha,Sergio IM 2373 POR 6 1 2 6.5 47.0 33.50
7. Poghosyan,Tigran   2146 GER 6 1 2 6.5 41.5 28.75
8. Pluska,Alexander   2199 GER 5 2 2 6.0 47.5 32.00
9. Vatter,Hans-Joachim FM 2216 GER 5 2 2 6.0 47.0 30.75
10. Du,Yuxin   2129 CHN 5 2 2 6.0 44.0 27.75
11. Light,Bjarne   2177 DEN 5 2 2 6.0 43.5 29.25
12. Kaulich,Philipp T   2157 GER 4 4 1 6.0 43.5 28.25
13. Arndt,Magnus   2120 GER 5 2 2 6.0 41.0 26.75
14. Kleinschroth,Roland   2058 GER 5 2 2 6.0 41.0 26.50
15. Ghadimi,Mohammed    2108 GER 6 0 3 6.0 34.0 20.50
16. Krause,Jonah FM 2336 GER 3 5 1 5.5 45.0 28.75
17. Schulze,Lara WFM 2187 GER 4 3 2 5.5 43.0 28.00
18. Knudsen,Simon   2197 GER 5 1 3 5.5 43.0 26.50
19. Petri,Alexander   2138 GER 4 3 2 5.5 42.0 24.25
20. Haffner,Alexander   2107 GER 5 1 3 5.5 42.0 23.50
21. Wunder,Niklas   2099 GER 4 3 2 5.5 41.5 24.50
22. Begri,Felix   1984 GER 3 5 1 5.5 41.0 26.00
23. Easwaralingam,Adesh   2168 DEN 3 5 1 5.5 40.0 24.25
24. Möller,Dustin   2140 GER 4 3 2 5.5 40.0 23.75
25. Pietzsch,Manuel   2185 GER 4 3 2 5.5 40.0 23.50
26. Besenthal,Klaus-G   2053 GER 3 5 1 5.5 38.0 23.50

... 95 Spieler

Partien (noch nicht vollständig...)

 

Turnierseite




Klaus Besenthal ist ausgebildeter Informatiker und ein begeisterter Hamburger Schachspieler. Die Schachszene verfolgt er schon seit 1972 und nimmt fast ebenso lange regelmäßig selber an Schachturnieren teil.
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knight100 knight100 06.08.2018 08:40
Hallo Klaus,

aus Deinem Kommentar liest sich viel Frust. Was wurde denn damals ignoriert?

VG
Klaus Wockenfuß Klaus Wockenfuß 05.08.2018 09:19
Klaus Wockenfuß vor 6 Stunden
KIEL WAR IN DEN LETZTEN jAHRZEHNTEN EINE HOFFNUNGSLOSE Schachprovinz
Die Kieler SG hat Spieler hervorgebracht wie Sämisch, Brinckmann und meine
Wenigkeit.Vor genau 30 Jahren verabschiedete
ich mich aber aus dieser Region für immer.

Diese Ignoranz war schlicht unerträglich.
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