Komodo 12 holt Triple bei Computer-WM in Stockholm

von André Schulz
30.07.2018 – Bei der 24. Computer-Schachweltmeisterschaft der International Computer Games Association (ICGA) konnte Komodo 12 alle drei Titel gewinnen, in der offenen Klasse, in der Sofware Klasse und im Blitzen. Zweimal musste Komodo allerdings in einen Stichkampf.| Fotos: Jan Krabbenbos (ICGA) und Erdogan Günes

Schach Nachrichten


Komodo 12 Komodo 12

Komodo gibt Gas! Die neue Version des mehrfachen Weltmeisterprogramms spielt nicht nur stärker als jemals zuvor. Mit ihrer neuen "Monte-Carlo" Version - basierend auf KI-Techniken - spielt sie auch deutlich aggressiver.

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Die 24. Computer Schach Weltmeisterschaft

Die 24. ICGA Computer-Schachweltmeisterschaft startete am 16. Juli 2018 und wurde auf der Stockholmsmässan in Stockholm, Schweden, ausgetragen. Insgesamt acht Programme nahmen teil. Die Weltmeisterschaft war eingebettet in eine Reihe von Konferenzen mit Technologiefragen. Hauptsponsor des Turniers war DGT. Es wurden drei Titel ausgespielt. Die offene Compiter-Schachweltmeisterschaft, die Software-Schachweltmeisterschaft und die Computer-Blitzweltmeisterschaft.

Harry Schüssler kommentiert

Einige Zuschauer bei der Computerschach-WM in Stockholm

Für die Zuschauer kommentierte GM Harry Schüssler die Partien. Der Unterscheid zu den Anfangszeiten war groß. 1986 kommentierte Vlastimil Hort und wusste weit mehr als die Programme damals. Harry Schüssler hingegen war sich bewusst, dass alle beteiligten Programme sehr viel besser rechneten und Schach spielten als er selbst. Trotzdem hat er aus der Sicht der Organisatoren und der Zuschauer ausgezeichnete Arbeit geleistet, indem er die Manöver und Absichten der Programm erläuterte.

Runde 1
Leela Chess Zero - Komodo 0-1
Booot - Jonny ½-½
GridGinkgo - The Baron 1-0
Chiron - Shredder ½-½

Die Partie zwischen Leela Chess Zero und Komodo begann interessant und mündete in ein Endspiel, in dem Schwarz zwei Leichtfiguren für Turm und Bauer hatte. Dies entstand schon um Zug 20. Die Partie dauerte insgesamt 134 Züge und da Weiß keine Tablebases zur Verfügung hatte und alle Züge selber errechnen musste, spielte das Komodo-Team auf Gewinn. Im 134. Zug überschritt Weiß die Zeit.

Runde 2

Komodo - Shredder ½-½
The Baron - Chiron ½-½
Jonny - GridGinkgo ½-½
Leela Chess Zero - Booot ½-½

Runde 3
Booot - Komodo 0-1
GridGinkgo - Leela Chess Zero 1-0
Chiron - Jonny ½-½
Shredder - The Baron 1-0

Runde 4
Komodo - The Baron 1-0
Jonny - Shredder ½-½
Leela Chess Zero - Chiron ½-½
Booot - GridGinkgo ½-½

Tabellenspitze nach vier Runden

1. Komodo 3.5
2. GridGinkgo 3
3. Shredder 2.5

Round 5
GridGinkgo - Komodo ½-½
Chiron - Booot ½-½
Shredder - Leela Chess Zero ½-½
The Baron - Jonny ½-½

Runde 6
Komodo - Jonny ½-½
Leela Chess Zero - The Baron ½-½
Booot - Shredder ½-½
GridGinkgo - Chiron ½-½

Runde 7
Chiron - Komodo ½-½
Shredder - GridGinkgo 0-1
The Baron - Booot 0-1
Jonny - Leela Chess Zero 1-0

Endstand

1.-2. GridGinkgo 5.0, Komodo 5.0
3. Jonny 4.0
4.-6. Chiron 3.5, Booot 3.5, Shredder 3.5
7. Leela Chess Zero 2.0
8. The Baron 1.5

Die Claude Shannon Trophäe

Damit war ein Stichkampf zwischen GridGinko und Komodo notwendig.

1. Partie: GridGinkgo – Komodo 0-1
2. Partie:  Komodo – GridGinkgo ½-½

Mit dem Sieg wurde Komodo Computer Schach-Weltmeister.

 

Komodo 12

Komodo gibt Gas! Die neue Version des mehrfachen Weltmeisterprogramms spielt nicht nur stärker als jemals zuvor. Mit ihrer neuen "Monte-Carlo" Version - basierend auf KI-Techniken - spielt sie auch deutlich aggressiver.

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Die Software-Weltmeisterschaft

Zuvor wurde die Software-Schachweltmeisterschaft ausgetragen und ebenfalls von Komodo nach Stichkampf gewonnen. Vor der 9. und letzten Runde führte das Programm Booot. Jonny, Komodo und Gingko hatten noch die Chance gleichzuziehen. Komodo gewann gegen Jonny, Ginkgo spielte remis. So kam es zum Stichkampf zwischen Booot und Komodo.

 

Computerschach-Blitzweltmeisterschaft

Auch das Blitzturnier wurde von Komodo gewonnen. Hier spielten die Programme jeweils drei Partien gegeneinander. Am Ende lag Komodo mit 9 Punkten weit vorne.

 

Komodo, die aktuelle Version ist Komodo 12, wird von Mark Leffler, Larry Kaufmann und Erdogan Günes weiter entwickelt. Bei der WM in Stockholm wurde das Programm von Mark Leffler und Erdogan Günes betreut und bedient. 

Großes Interesse an den Computerpartien

Mark Leffler, Erdogan Günes

Wir sprachen nach der WM mit Erdogan Günes über den Verlauf der drei Turniere.

Interview mit Erdogan Günes vom Komodo-Team

André Schulz: Wir gratulieren herzlich zum "Triple" bei der Computer-WM der ICGA Wie bewertest du den Erfolg?

Erdogan Günes: Danke für die Glückwünsche. Für mich war das der schönste und auch wichtigste Sieg.

Warum der wichtigste Sieg?

Es könnte gut sein, dass dies das letzte Mal war, dass eine normale Schachengine, so wie wir sie bisher kannten, diese WM gewinnen konnte. Die Neuronalen Netze machen in Siebenmeilenstiefel so schnelle Fortschritte, so dass ich fast glaube, dass normale Engines schon im nächsten Jahr keine Chance mehr haben.

Wie verlief die Weltmeisterschaft aus ihrer Sicht?

Wir mussten schon gleich in der ersten Runde überraschend gegen Leela Chess Zero spielen, mit Schwarz. Sie kamen mit einer eigenen Oberfläche, sehr spartanisch. Sah ein wenig nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus und erinnerte mich an die guten alten Zeiten, als die Engines noch ihre Züge im Textmodus ausgaben. So haben einst auch die ersten Fritzis und Rebels angefangen. Die Leela lief auf 8 x V100-Karten, was um einiges schneller ist als  die GTX 1080 Ti, die ich zuhause habe. "Da ist meine Vorbereitung wohl im Eimer", dachte ich, aber ganz so war es dann doch nicht. Wir hatten Schwarz. Ich wusste, dass Leela gerne 1.c4 spielt und Raumvorteil mag. Also setzte ich mit einer soliden Eröffnung dagegen 1...e6 und 2...d5, um den Kampf ums Zentrum aufzunehmen.

Die Partie dauerte ja recht lange und fand dann ein überraschendes Ende...

Ich bemerkte, dass der Bediener von Leela kein geübter Schachspieler war und war gespannt, was alles so passieren würde. Nach ca. 15-20 Zügen hatte Komodo nur noch 0.00-Bewertungen. Die Partie verlief für uns also nach Plan, aber nicht für den Leela-Bediener. Er hatte so seine lieben Sorgen. Es kamen dauernd Zuschauer und fragten nach den technischen Einzelheiten, Hardware, Knoten, usw. Er war dann auch noch in die Gespräche vertieft, als Leela schon gezogen hatte, gab Interviews, obwohl er sein Interface hätte bedienen müssen. Weil er die Koordinaten nicht lesen konnte, musste ich ihm dann auch immer noch die gespielten Züge diktieren. ich wusste, dass es hier keinen Fairness-Preis gibt, aber ich dachte: "Was soll's". Das war jedenfalls alles nicht sehr professionell.

Das Leela Interface

Die Partie plätscherte so dahin, Komodo hatte immer noch 0.00 in seinem Bewertungsfenster. Leela hatte allerdings keine Tablebases und errechnete sich einen Vorteil von +1.0 und der stieg dann immer weiter an, die Tachonadel auf der Bewertungsskala zeigte +4.0 zum Schluss. Die Nadel auf der Bedenkzeituhr zeigte etwas anderes. Kurz vor dem Blättchenfall, mit 45 Sekunden Restbedenkzeit, schlugen die Zuschauer dem Leela-Bediener dann vor Remis anzubieten. Mir war aber aufgefallen, dass Leela für einen Zug mindestens eine Minute Bedenkzeit verbrauchte. Als er Remis anbot, hatte er noch 15 Sekunden auf der Uhr. Das Remis hat er dann auch noch formal falsch angeboten, erst die Uhr gedrückt. Das war mir dann alles zuviel und ich habe das Remis abgelehnt. Leela hat dann die Zeit überschritten.

Dafür gab es ein paar kritische Bemerkungen...

Sorry, aber so sind nun einmal die Regeln. Das war eine offizielle Weltmeisterschaft, kein Übungsplatz. Das Leela-Team ist neu und hat noch etwas zu lernen. Wir haben am Anfang auch viel Lehrgeld gezahlt. 

Das Leela-Team hatte allerdings auch wirklich Pech. Später, ich glaube, es war nach der dritten Runde, musste der Bediener von Leela abreisen, weil seine Mutter gestürzt war und sich den Arm gebrochen hatte. Die Entwickler haben über das Internet einen Ersatz gesucht und auch gefunden. Der Ersatz spielte dann aber mit einer schwächeren Hardware weiter, statt den 8 x v100 Karten nun auf 2 x GTX 1080 Ti.

Wie ging es nach dem Auftakt gegen Leela dann weiter?

Gegen The Baron hatte ich eine Killer-Variante im Buch. Ich weiß, wie er seine Bücher macht: Auto Blunder Check Engine. Das ist viel zu statisch und sieht die Nebenvarianten nicht richtig kommen. Na ja, jetzt hat er eine Wunde, die er bis zum nächsten Mal lecken kann.
Am Ende kamen wir dann zusammen mit Grid Ginkgo punktgleich ins Ziel und gewannen den Stichkampf. Wir kennen uns natürlich gut und der Stichkampf verlief in freundschaftlicher Atmosphäre. Ich habe sogar ein Zimmer mit Wolfgang Zugrav geteilt, den ich schon seit vielen Jahren kenne. Er hat damals zusammen mit Chrilly Donninger an Hydra gearbeitet. Wolfgang hat eine Fernschach-GM-Norm und auch Alex Kure bei seinem Buch geholfen. Hier im Turnier war er als Buchautor im Grid Ginkgo Team. 

Zuvor hat Komodo auch die Software-WM gewonnen. Wie lief diese?

Booot war hier der große Unbekannte, lief auf einer 36-Core-Kiste, die in Russland stand. Wahrscheinlich wegen der Kühlung - haha. Wir hatten in der Sotware-WM ein Playoff gegen Booot. Sie spielen mit einem Kurzbuch. Ich hatte für das Playoff eine Idee mit einer netten Variante. Weil Komodo das nicht so spielt, wie ich mir das vorstelle, habe ich ein paar Vorgaben dazu im Buch gemacht. Aber um ins Playoff zu kommen, mussten wir vorher unbedingt Jonny schlagen. Und da fiel mir eine Variante ein, die wir schon gegen den gleichen Gegner bei der WM in Leiden gespielt haben. Während der Partie sagt Johannes Zwanzger zu mir: "Moment mal, die Variante kenne ich doch..."

Auch die Blitzturnierweltmeisterschaft ging an Komodo, sogar ziemlich klar...

Im Blitzturnier hat das Grid Ginkgo Team leider einen Bedienfehler gemacht. In den zwei nächsten Matches war Komodo nicht zu stoppen und holte jeweils ein klares 3:0. Ich habe mich gewundert, dass Jonny auf seiner Monstermaschine im Blitz so kläglich abgeschnitten hat, gegen Komodo mit 0,5:2,5. Aus meiner Sicht zeigt der Sieg bei der Blitz-WM, dass Komodo auch bei wenig Zeit zu sehr guten Entscheidungen kommt. Das ist ja auch bei der Analyse von Partien sehr wichtig. Man muss nicht lange warten, um vernünftige Zugvorschläge zu haben.

ICGA...

Insalzach: Betonvariante soll Titel bringen...

Insalzach: Erdogan holt Triple... 

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Rainbow66 Rainbow66 17.08.2018 12:25
@DoktorM:
Vielleicht sind das die Gründe für das Fernbleiben Stockfishs und Houdinis von der WM. Unter gleichen Bedingungen, wenn es "echt elektronisch" zugeht, stellen sie sich der Herausforderung.
DoktorM DoktorM 11.08.2018 10:52
Eine Schachcomputer-WM, bei der Menschen die Computer bedienen müssen, ist ein Witz. Und dann ist das auch noch spielentscheidend in einigen Partien. Und dann sind noch Tablebases zugelassen, aber nicht alle haben oder verwenden sie. Und dann wird noch auf unterschiedlicher Hardware gespielt. Irgendwann wird es absurd.
Chris69 Chris69 31.07.2018 07:51
Danke Erdo für die Information. Und weil ich es eben nicht wusste, deswegen habe ich auch nachgefragt.
Rainbow66 Rainbow66 31.07.2018 01:08
Natürlich kann Komodo nichts dafür, wenn die stärksten Programme nicht teilnehmen, aber objektiv, da gebe ich Chris69 Recht, mindert das den Wert einer WM stark. Bei der Schach-960-Meisterschaft waren alle wieder vereint. Nachdem Stockfish in den TCEC-Superfinals 11 und 12 gegen Komodo in jeweils 100 Partien 59:41 bzw. 60:40 gewann, möchten auch die Fans, die "noch nie bei so einem Turnier dabei" waren, Stockfish (und Houdini) natürlich gern bei der WM erleben. Es bleibt ein ungutes Gefühl und Falks Frage: "Könnte es andere Gründe geben?"
Falk Falk 30.07.2018 10:35
Das ist schade. Dabei lebt Schach doch vom Wettkampf. Zumindest das menschliche, wenn es wie Sport sein möchte.

OK - einer der Nachteile von Open Source (Stockfish ist Open Source) ist, dass wegen der öffentlichen Entwicklung auch die Konkurrenz gezielt gegen die neuste Version optimieren kann. Aber das kann es doch nicht der Weg sein.

Stockfish, Houdini und Fire - 3 der ersten 4 Engines wollen sich nicht messen.

Gönnt man sich so wenig, dass man die sportliche Herausforderung nicht annimmt? Könnte es andere Gründe geben? Nagut - manchmal ist es wahrscheinlich schwierig...

http://computerchess.org.uk/ccrl/404/

http://www.computerchess.org.uk/ccrl/4040/
Erdo Erdo 30.07.2018 05:17
Alpha Zero und das Stockfish Team wurden ja eingeladen ( ...mit Spesenübernahme ), nur wenn es keiner der beiden für nötig hält zu kommen, wessen schuld ist es dann ?

Ein Zitat von der CSS:

Wenn das Stockfish-Team sich nicht einigen kann bzw. ein Teil der Autoren dafür sind mitzuspielen und ein anderer Teil dagegen, so dass es in dem Zuge eben nicht zu einer Teilnahme kommt, dann ist das nicht die Schuld der ICGA! 2015 hatte das Stockfish-Team die Möglichkeit, ohne jeglichen Kostenaufwand bei der WM teilzunehmen (da sich ein Freiwilliger gemeldet hat, der Reise-/ Hotel- und Hardwarekosten auf sich genommen hätte) - doch Marco Costalba hat abgelehnt. Dann muss sich auch niemand beschweren, dass Stockfish niemals diesen Titel gewinnen wird, wenn die Autoren nicht wollen, dass ihr Programm dort spielt. Deswegen die Veranstaltung als wertlos zu deklarieren, ist vollkommener Humbug und das kann auch nur jemand schreiben, der noch nie bei so einem Turnier dabei war.

Bye Erdo
Chris69 Chris69 30.07.2018 12:28
Was ist ein Weltmeistertitel wert, wenn das evtl. stärkste Programm Stockfish nicht dabei ist, frage ich mich. Weiß jemand warum SF hier nicht vertreten ist?
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