Kortschnoj-Festspiele in Fredersdorf

07.02.2007 – Am Wochenende durften zahlreiche Berliner und Brandenburger einen der ganz Großen der Schachgeschichte bewundern. Viktor Kortschnoj trat am Sonntag seinen "Dienst" beim Glückauf Rüdersdorf an. Im Zweitligaduell gegen Zehlendorf holte er am ersten Brett einen vollen Punkt, konnte aber die Niederlage seines Vereins gegen den früheren Erstligisten Zehlendorf alleine nicht abwenden. Am Montag stand der in St. Petersburg geborene Wahlschweizer außerdem für ein Simultan zur Verfügung. Zahlreiche Schachfreunde hatten sich um einen der Plätze beworben. Einer von ihnen war der Filmproduzent Artur Brauner (Foto). Dagobert Kohlmeyer berichtet. Mehr...

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Kortschnoj-Festspiele und ein Film-Guru
Von Dagobert Kohlmeyer

Schachreporter aus Berlin hatten in den vergangenen Tagen gut zu tun. Neben dem Treffen von acht Mannschaften der 1. Bundesliga im Schöneberger Rathaus gab es noch ein anderes Ereignis, das mindestens genauso zog, wie die halbe Liga. Die Rede ist von den Kortschnoj-Festspielen in Fredersdorf am Rande der Hauptstadt.

Am Sonntag hatte der Schweizer Großmeister einen erfolgreichen Einsatz in der 2. Bundesliga. Am Spitzenbrett unterstützte Viktor Kortschnoi das Team des SV „Glück auf“ Rüdersdorf in der Staffel Nord. Im Kampf gegen den SK Zehlendorf besiegte Kortschnoj den aus Bosnien stammenden Großmeister Borki Predojevic.

Mit Schwarz zwang der Seniorenweltmeister seinen Gegner in einer Französischen Partie nach 50 Zügen zur Kapitulation.

Es blieb allerdings der einzige Sieg für Rüdersdorf. Das Team erreichte noch drei Remis und verlor gegen den Bundesliga-Absteiger Zehlendorf mit 2,5:5,5.

Bürgermeister Wolfgang Thamm begrüßte den Ehrengast, der seit Juni 2006 Ehrenmitglied von Glück auf Rüdersdorf ist und verwies auf dessen einmalige Schachkarriere. Kortschnoj, der aus Leningrad stammt und viermal sowjetischer Landesmeister war, schrieb durch seine spektakulären WM-Duelle 1978 und 1981 gegen den damaligen Weltmeister Anatoli Karpow Schachgeschichte.


Bürgermeister Wolfgang Thamm und Viktor Kortschnoj

1976 blieb er aus politischen Gründen im Westen. Seit drei Jahrzehnten spielt Kortschnoj für die Schweizer Nationalmannschaft.


Ehrung für Kortschnoj

Ehe es Sonntagvormittag ans Brett ging, war für Viktor den Schrecklichen zunächst Warten angesagt. Um 10 Uhr fehlte noch die halbe Zehlendorfer Mannschaft, weil das Navigationssystem ihrer Nobelkarosse den Weg ins Hotel „Flora“ nicht fand.


Ehepaar Kortschnoj. Petra Kortschnoj begleitet ihren Mann auf allen Reisen.

Nach zwanzig Minuten waren sie dann angekommen und das Spiel konnte beginnen. Es wurde eine feine Partie so recht im Kortschnoj-Stil. Auf 1.e4 war Französisch angesagt und der Zug 9…Da5 laut Viktor so etwas wie eine Neuerung.

An frühere wenige Bundesliga-Einsätze kann sich Kortschnoj kaum noch erinnern: „Es war um 1977, als ich noch bei Porz als Spielertrainer unter Vertrag war. Ich habe damals eine oder zwei Partien absolviert, mehr nicht.“  Hier nun Viktors Comeback als Bundesliga-Spieler.

B. Predojevic – V. Kortschnoj 2. Bundesliga, Fredersdorf 04.02.2007
Französisch  C11

1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.e5 Sfd7 5.f4 c5 6.Sf3 Sc6 7.Le3 a6 8.Dd2 b5 9.a3 Da5 10.Ta2 Dc7 11.Se2 Lb7 12.g3 cxd4 13.Sfxd4 Sc5 14.Lg2 Se4 15.Dd1 Lc5 16.0–0 0–0 17.Kh1 b4 18.axb4 Sxb4 19.Ta1 a5 20.c3 Sc6 21.Da4 Se7 22.Tfe1 Db6 23.Lg1 h5 24.Dc2 Tfd8 25.Lf3 h4 26.Kg2 Sf5 27.Tad1 a4 28.Sxf5 exf5 29.Sd4 Dg6 30.Lxe4 dxe4 31.Le3 La6 32.Ta1 Lxd4 33.Lxd4

33... e3! 34.Txe3 Lb7+ 35.Kf2 a3 36.bxa3 Dc6 37.Tg1 Txa3 38.e6 Dd5 39.exf7+ Kxf7 40.gxh4 Ta2 41.Txg7+ Kf8 42.Dxa2 Dxa2+ 43.Te2 Dd5 44.Th7 Ta8 45.Th8+ Kf7 46.Th7+ Kg6 47.Tg7+ Kh6 48.Tg3 Ta2 49.Le5 Txe2+ 50.Kxe2 La6+

 0–1


Schiedsrichter Hans-Christian Funke
 

Montagvormittag trainierte Kortschnoj dann gratis mit Rüdersdorfer Jugendlichen, und das einige Stunden lang. Er zeigte seine schöne Partie vom Vortage und behandelte u. a. auch Turmendspiele, die bekanntlich am schwierigsten sind.

Am Abend dann der Höhepunkt. 25 Schachamateure aus Berlin, Brandenburg und Sachsen Anhalt haben einen Platz beim Simultan mit dem Seniorenweltmeister ergattert. Einer seiner Gegner ist der bekannte Filmproduzent Artur Brauner.

Mit ihrer Aktion unterstützen die Rüdersdorfer die Vorbereitung der Schacholympiade 2008 in Dresden. Bis zum Herbst des kommenden Jahres wollen Spitzenspieler des Schachvereins bei zahlreichen Gelegenheiten insgesamt 2008 Simultanpartien absolvieren.

Filmguru „Atze“ Brauner kommt etwas später. Der legendäre Produzent zeigt an diesem Abend trotz seiner 88 Jahre noch immer filigrane Züge.


Artur Brauner spielt die Larsen-Eröffnung


Mit 88 Jahren noch topfit

Als einziger Teilnehmer darf er mit Weiß spielen. Brauner baut seine Steine solide auf und wartet geduldig, bis Kortschnoj seine Runde gedreht hat. Zwei Bretter weiter sitzt Dietmar Bartsch,  Geschäftsführer der Linkspartei.PDS. Schon nach 16 Zügen muss er die Segel streichen: „Kortschnoj ist zu stark für mich. Ich bin ja nur Hobbyspieler“. Nicht besser ergeht es Stefan Hansen von der Lasker-Gesellschaft.

Atze Brauner befindet sich noch im tiefen Mittelspiel. Er steckt seine Nase in die Figuren, die großen Augen huschen über das Brett. Aber sie erfassen nicht jeden Winkel. Kortschnoj bricht am Damenflügel durch. Am Ende erobert er einen Turm und droht Matt. Brauner muss nach vier Stunden aufgeben. Er gratuliert dem Seniorenweltmeister in Russisch und lädt Kortschnoj zur Revanchepartie nach Berlin ein.

Schräg gegenüber grübelt der 13-jährige Martin Wapenhans von „Glück auf“ Rüdersdorf. Vor zwei Jahren hat er gegen „Viktor den Schrecklichen“ beim Simultan nur knapp verloren. Heute läuft es nicht so gut. Martin verteidigt sich sizilianisch, aber Kortschnoj überrascht ihn schon in der Eröffnung mit einer seltenen Variante. Der Schacheleve gibt einem Rat des früheren Weltmeisters Botwinnik folgend, rechtzeitig auf.

Nach fünfeinhalb Stunden hat Kortschnoj seine Arbeit beendet, 20 Spiele gewonnen und kein Remis abgegeben.

Aber fünf glücklichen Amateure konnten die Schachlegende bezwingen: Ralf Michael Kuna (SC Rochade Magdeburg), Dr. Volker-Hans Ludsteck (SC Pasing), Dan-Peter Poetke (Burger SK Schwarz-Weiß), Dr. Herbert Mayer (SC Rochade Berlin) und Uwe Keil (SC Friesen Lichtenberg).


Dan-Peter Poetke mit Siegerpokal



 

Schachfreund Herbert

Herbert Mayer aus meinem Klub SC Rochade Berlin freut sich besonders über seinen Großmeister-Skalp.

Er hat es auf die großen K. des Weltschachs abgesehen. Bei früheren Simultanspielen in Berlin schaffte er 1998 gegen Karpow, 2001 gegen Khalifman und 2004 gegen Kasparow keinen Sieg. „Heute hatte ich das notwendige Glück. Ein Damenzug von Kortschnoj brachte mich in große Bedrängnis. Ich konnte aber einen starken Freibauern bilden und seinen König attackieren. Im 31. Zug leistete sich Kortschnoj einen Fehler und gab nach meiner Antwort sofort auf. Darin zeigt sich der wahre Großmeister“.

Wahre Größe bewies Kortschnoj auch, als er mit den Rüdersdorfer Jugendlichen gratis trainierte. Für seine Verdienste um den Schachsport wurde der 75-Jährige vor dem Simultan übrigens mit der goldenen Ehrennadel des Landesschachbundes Brandenburg ausgezeichnet. Organisator Raymund Stolze sagt: Viktor Kortschnoj lebt Schach. Er ist ein Vorbild für jeden jungen Spieler.“ Stolze gab noch zu bedenken, dass Garri Kasparow selbst in seinen besten Zeiten niemals Simultanspieler mit einer ELO-Zahl über 2000 Punkten akzeptiert hat, während Viktor Kortschnoj keinerlei Grenze forderte. Vier der Sieger von Fredersdorf hatten eine Zahl deutlich über 2000. Anzumerken ist ferner, dass ihnen mehr als fünf Stunden in dieser Partie zur Verfügung stand, während Viktor Kortschnoj im Durchschnitt 12-15 Minuten hatte, dazu bis weit in die zweite Hälfte auch physisch ein enormes Pensum zurückzulegen hatte, weil er ja von Brett zu Brett laufen musste. In der Zeit seines Wettkampfes trank er lediglich vier keine Flaschen Kirschsaft. Am Tag zuvor bei der 2. Bundesliga war es Orangensaft.

Jörg Zähler, Geschäftsführer des SV „Glück auf“ Rüdersdorf dankte der Sparkasse Märkisch-Oderland und dem ND für ihre tatkräftige Unterstützung der Veranstaltung. Ebenfalls dem Hotel „Flora“, wo das Ehepaar Kortschnoj drei Tage lang zu Gast war. „Wir sind auf einem guten Weg, bis zur Schacholympiade in Dresden die 2008 Simultanpartien zu schaffen und damit für dieses Ereignis zu werben.“

Hier die Partie Kortschnoj - Mayer mit Anmerkungen des Siegers, der sich von Fritz analytische Hilfe holte.

Kortschnoj,Viktor (2629) - Mayer,Herbert,Dr. (1832)
Simultan Fredersdorf, 05.02.2007

B28: Sizilianisch (Frühes a7-a6) 1.e4 c5 2.Sf3 a6 3.c4 Sc6 4.d4 cxd4 5.Sxd4 e5 6.Sc2 Sf6 7.Sc3 Lc5 8.Le2 Sd4 [8...d6 9.0-0 0-0 10.Kh1 Sd4 11.Tb1 b5 12.Lg5 h6 13.Lxf6 Dxf6 14.b4 Lb6 15.Sd5 Dd8 16.Sce3 Le6 17.Ld3 Tc8 18.Tc1 La7 19.a4 Dd7 20.axb5 axb5 21.cxb5 Txc1 22.Dxc1 Sxb5 23.Dd2 Valiente,C (2310)-Sursock,S (2220)/Thessaloniki 1988/TD/1/2-1/2] 9.0-0 Sxc2 [9...d6 10.Kh1 Sxc2 11.Dxc2 0-0 12.Lg5 h6 13.Lxf6 Dxf6 14.Sd5 Dd8 15.f4 exf4 16.Tad1 a5 17.Txf4 Le6 18.Dd3 Dg5 19.Tdf1 Lxd5 20.cxd5 Tae8 21.Lg4 g6 22.Df3 De7 23.Dh3 Kg7 24.Ld7 Da Silva Fo,A (2101)-Trois,F (2364)/Sao Paulo 2003/CBM 096 ext/1/2-1/2 (50)] 10.Dxc2 d6 11.Lg5N [11.Dd3 Le6 12.Lg5 h6 13.Le3 Tc8 14.b3 0-0 15.Tac1 Se8 16.Lf3 Tc7 17.Tfd1 Lxe3 18.Dxe3 De7 19.Td3 Kh7 20.Tcd1 g6 21.g4 Dh4 22.Sd5 Tc5 23.De2 f5 24.Se3 fxg4 25.Sxg4 Txf3 Muri,E (2080)-Kristovic,M (2290)/Ljubljana 1995/EXT 98/0-1 (48)] 11...h6 12.Lh4 Le6 13.Tad1 g5 14.Lg3 Dc7 15.Kh1 [15.Sd5 Sxd5 16.exd5 Ld7+/=] 15...Tc8 16.Sd5 Sxd5 17.exd5 Ld7 18.Ld3 Ld4 Dort gehört der Läufer hin. 19.De2 0-0 20.f4 f5 [20...exf4!? ist zu überlegen 21.De4 f5 22.Dxd4 fxg3 23.hxg3 Dc5+/=] 21.fxg5 Dd8 22.gxh6 Dg5 Will f4 spielen 23.Lf2 Lxf2 24.Txf2 e4 25.Lc2 e3 26.Tf3 f4 27.h3 [=27.h7+!? Kh8 28.Tdf1+/-] 27...Dxh6+/= 28.Kg1 Dg5 29.Tdf1 Tf6 30.g4 Kg7 31.Dh2? vergibt den Vorteil [31.Ld3+/= war der einzige Versuch] 31...Txc4-+ [31...Txc4 32.Lb3 Td4-+] 0-1

 

 

 



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