Kortschnojs Harakiri-Variante im Staunton Gambit

von Stephan Oliver Platz
15.09.2020 – Der 2016 verstorbene Viktor Kortschnoj war ein sehr kämpferischer, aber auch experimentierfreudiger Spieler. Ein besonders provokatives Experiment wagte der spätere WM-Herausforderer schon 1950 gegen seinen Trainer Semjon Furman. "Harakiri", meint Stephan Oliver Platz in seinem Beitrag. Aber Kortschnoj überlebte es.

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Das 1846 von dem englischen Großmeister Howard Staunton (1810 – 1874) eingeführte Gambit 1.d4 f5 2.e4!? stellt eine reizvolle taktische Bekämpfungsart der Holländischen Verteidigung dar. Eine Zeitlang wurde es sogar als die „Widerlegung“ dieser Eröffnung gehandelt, so dass die Zugumstellung 1.d4 e6 und 2. ... f5 in Mode kam. Heute ist man nicht mehr so ängstlich, vor allem seit nach 2. ... fxe4 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 der besonders von Großmeister Jacques Mieses empfohlene Zug 4. ... Sc6 der Verteidigung neuen Auftrieb gab. In diesem Beitrag möchte ich mich mit der zweifelhaften, aber spannenden Nebenvariante 4. ... d5?! beschäftigen, die wohl den meisten 1.d4-Spielern zumindest in Blitzpartien sicher schon einige Male vorgesetzt wurde und üblicherweise zu einem raschen weißen Sieg führt.

 

Doch wenn selbst ein Spieler vom Format eines Viktor Kortschnoj in einer wichtigen Turnierpartie diese Harakiri-Variante mit Schwarz anwandte, und noch dazu mit Erfolg, so lohnt es sich doch, sie einmal näher zu untersuchen.

Viktor, der Schreckliche wagt den Husarenritt

Einer meiner Lieblingsspieler war stets Viktor Kortschnoj (1931 – 2016). Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass er 1978 gegen Anatoly Karpov um die Weltmeisterschaft spielte und nach dramatischem Verlauf ganz knapp mit 5:6 bei 21 Remisen unterlag. Dies war der erste WM-Kampf, den ich, wenn auch nur von der Ferne aus, aufmerksam verfolgte. Als ich neulich einmal wieder in seinem Buch „Meine besten Kämpfe“ blätterte, machte mich ein Hinweis auf eine verschollene Partie neugierig. Bei der Leningrader Stadtmeisterschaft 1950 kam es nämlich zu einem denkwürdigen Schlagabtausch mit Semjon Furman (1920 - 1978).

Semjon Furman

Dieser starke Großmeister wurde Kortschnoj's Trainer und Sekundant, wechselte aber später zu seinem Erzfeind Anatoly Karpov. Damit endete natürlich auch ihre Freundschaft, denn Kortschnoj nahm so etwas bekanntlich sehr persönlich. Im Jahre 1950 allerdings war Anatoly Karpov noch gar nicht geboren und Kortschnoj nahm im heutigen Sankt Petersburg zum ersten Mal an einem Schachturnier für Erwachsene teil. Dort spielte er gegen Furman's Staunton-Gambit die haarsträubende 4. ... d5?!-Variante mit einer Neuerung, die vor ihm noch niemand jemals riskiert hatte. Was für eine Variante war das und wie kam es dazu?

Abgehetzt und 20 Minuten zu spät

Leider ist von der ominösen Partie Furman - Kortschnoj nur noch der Anfang erhalten geblieben. Selbst in der MEGA Database von ChessBase fehlt sie, und auch Natalia Pogonina, die mir freundlicherweise bei der Suche half, konnte in ihren russischen Schachdatenbanken keinen Eintrag dazu finden. Im Internet stieß ich schließlich auf einen Beitrag von Kortschnoj selbst. Über die Begleitumstände der Partie äußerte er sich darin wie folgt:

„Als 19-jähriger Meisteranwärter nahm ich zum ersten Mal an Wettbewerben für Erwachsene teil. Es war die Leningrader Meisterschaft von 1950. Die nächste Partie musste ich gegen Furman spielen, einen erfahrenen Meister, 9 Jahre älter als ich. Ich verschlief und kam zu spät zur Partie. Da ich mich nicht auf die Straßenbahn verlassen wollte, lief ich den größten Teil des Weges zum Club, fast zweieinhalb Kilometer. Mit 20 Minuten Verspätung hastete ich zum Club, setzte mich ans Brett und machte schnell meine ersten Züge...“ (a)

Fingerfehler oder Absicht?

Der obigen Schilderung zufolge könnte Kortschnojs Eröffnungswahl durchaus auch einfach auf einem Versehen beruhen. Schließlich war er zu spät dran und machte „schnell“ seine ersten Züge. In diesem Falle hätte er nach dem 5. Zuge von Weiß erschrocken erkennen müssen, dass er in eine Eröffnungsfalle hineingelaufen war. Aber wie wahrscheinlich ist das? Schließlich gewann Kortschnoj nicht nur diese Partie gegen Semjon Furman, einen sehr starken Gegner, der 1948 bei der UdSSR-Meisterschaft hinter Bronstein und Kotov den 3. Platz belegt hatte, sondern er bezwang auch den späteren Turniersieger Mark Taimanov und erreichte, nur einen halben Punkt hinter ihm, den zweiten Platz. Somit spricht einiges dafür, dass Kortschnoj mit seinen 19 Jahren schon viel zu stark war, um sich einen so elementaren Eröffnungsfehler zu leisten. Wenn seine Eröffnungswahl aber so beabsichtigt war, dann geschah es wahrscheinlich, um seinen erfahreneren Gegner zu verwirren und aufs äußerste zu provozieren. Kortschnoj's Kalkül ging auf, denn Furman ließ sich zu einem riskanten Figurenopfer hinreißen und verlor die Partie nach nur 27 Zügen. Wie schaffte er es, Furman derart in die Irre zu führen?

Die verschollene Partie

In Kortschnoj's Buch „Meine besten Kämpfe“ findet sich der Partieverlauf bis zum 8. Zug. (b) Durch weitere Hinweise seinerseits konnte ich den wahrscheinlichen Spielverlauf noch etwas weiter rekonstruieren. Nach 4. ... d5?! schlug Furman den Springer f6 mit seinem Läufer, um anschließend durch ein Damenschach auf h5 den Bauern d5 zu gewinnen. Kortschnoj deckte dieses Schach nicht wie üblich durch g7-g6, sondern zog seinen König nach e7 und im siebten Zug  sogar noch nach d6 getreu dem alten Steinitz-Motto: „Der König ist eine starke Figur“. Wie mag sich Furman dabei gefühlt haben?

 

Wie ging es nach dem 11. Zug weiter?

Solange die vollständige Notation der Partie Furman - Kortschnoj nicht vorliegt, kann man über den weiteren Verlauf nur spekulieren. Lassen Sie uns einige Möglichkeiten betrachten:

 

Der dramatische Verlauf dieser ersten Partie gegen Furman wirkte noch lange nach. Kortschnoj schrieb dazu:

„Offensichtlich ist diese Partie mit ihren unruhigen Assoziationen Furman lange in Erinnerung geblieben. Unsere späteren Aufeinandertreffen waren von heftigen, blutigen Kämpfen geprägt. Jetzt, da ich diesen Aufsatz schreibe, scheint es mir, dass Furman ein Mann von seltener Stille ist, ein introvertierter, aber, wie ich bemerkt habe, empfindsamer und rachsüchtiger Mensch! Er blieb unter dem düsteren Eindruck dieser Partei für die kommenden Jahrzehnte...“ (a)

Leider starb Semjon Furman 1978 allzu früh im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. In der MEGA Database von ChessBase finden sich über 800 von ihm gespielte Partien, darunter auch die erwähnten übrigen Partien gegen Kortschnoj.

Wann wurde 4. ... d5?! zum ersten Mal gespielt?

Lassen Sie uns abschließend noch einen Blick auf die Anfänge der 4. ... d5?!-Variante werfen. Die erste Partie, die ich hierzu finden konnte, wurde 1851 in Berlin zwischen Adolf Anderssen und Jean Dufresne gespielt. Der deutsche Großmeister, der im gleichen Jahr das erste große internationale Schachturnier in London überzeugend gewann, gab nach einem Fehler im 13. Zug seinen Eröffnungsvorteil aus der Hand. Dufresne revanchierte sich jedoch postwendend und geriet in einen vernichtenden Angriff:

 

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In der Holländischen Stonewall-Variante kämpft Schwarz vom ersten Zug an um die Initiative. Gehen Sie mit GM Erwin l'Ami auf eine faszinierende Reise und lassen Sie sich von ihm die Tiefe und den Reiz dieser attraktiven Eröffnung demonstrieren!

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Der englische Großmeister und Trainer Nick Pert stellt ein komplettes Schwarzrepertoire mit der Klassischen Variante der Holländischen Verteidigung vor.

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Sollte ein ChessBase-Leser einen Hinweis oder im Idealfall die vollständige Notation der verschollenen Partie Furman - Kortschnoj finden, so wäre ich für eine entsprechende Mitteilung mit Quellenangabe dankbar.

Quellen:

(a) https://64ab.ru/interesnye-materialy-o-shakhmatakh/230-v-korchnoj-shakhmaty-bez-poshchady-glava-9

(b) Viktor Kortschnoj, „Meine besten Kämpfe“ (Düsseldorf 1979), S. 9

 




Stephan Oliver Platz (Jahrgang 1963) ist ein leidenschaftlicher Sammler von Schachbüchern und spielt seit Jahrzehnten erfolgreich in der mittelfränkischen Bezirksliga. Der ehemalige Musiker und Kabarettist arbeitet als freier Journalist und Autor in Hilpoltstein und Berlin.
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