Kramnik auf Rekordkurs

30.07.2011 – Zehn Mal eines der stärksten und bedeutendsten Turniere des Schachkalenders gewinnen - das ist noch keinem Spieler geglückt. Doch Wladimir Kramnik ist auf dem besten Wege, genau das zu tun und damit einen bemerkenswerten Rekord aufzustellen. Neun Mal hat der Ex-Weltmeister das Sparkassen Chess-Meeting bereits gewonnen und zwei Runden vor Schluss scheint ihm der Sieg beim diesjährigen Dortmunder Turnier nach einer souveränen Vorstellung nicht mehr zu nehmen sein. Zehn Siege, davon träumt der Fußballclub Borussia Dortmund, der 2011 zum siebten Mal in der Vereinsgeschichte Deutscher Fußballmeister wurde. Was Fußball und Schach gemeinsam haben und was beim Dortmunder Turnier noch passiert ist, weiß Dagobert Kohlmeyer.Turnierseite...Zum Bericht...

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Wladimir Kramnik vor dem Turniersieg in Dortmund
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

Endspurt beim Sparkassen Chess-Meeting. Noch zwei Runden, dann ist das stärkste Schachturnier auf deutschem Boden schon wieder Geschichte. Wir fassen die Ereignisse der vergangenen Tage auf und neben den Brettern zusammen. Je näher das Turnierende im Dortmunder Schauspielhaus rückt, umso mehr steigt auch die Zahl der akkreditierten Fachjournalisten. Manch einer war bisher noch beim Schachfestival in Biel und wird auch zum Halali im Revier erwartet.



Wladimir Kramnik wurde am Freitag ernsthaft vom Vietnamesen Le Quang Liem geprüft. Es war seine bislang schwierigste Partie. Nur der Großmeister aus Ho-Chi-Minh-Stadt konnte den Russen auf seinem Weg zum 10. Titelgewinn überhaupt noch aufhalten. Der dreifache Weltmeister kam punkt 15 Uhr voll konzentriert zur Partie, um auch diesen Angriff abzuwehren. Und Vietnams Nr. 1 erwies sich als härtester Gegner, der beinahe zum Stolperstein für Kramnik geworden wäre. In der spannenden Partie kam Le als Weißer mit Stellungsvorteilen aus dem Mittelspiel heraus, die Position des Russen wurde immer ungemütlicher. Es wäre ganz eng für Kramnik geworden, wenn der Vietnamese den starken Zug 44.Ta6! (statt 47.Ta7) gefunden hätte, wonach Weiß laut Rybka gute Gewinnchancen gehabt hätte.

Le Quang Liem - Wladimir Kramnik, Stellung nach 43...e4



Das sahen beide Spieler hinterher auch so. Doch diese Fortsetzung kam nicht aufs Brett, so dass der Seriensieger von Dortmund mit Glück und Geschick seine komplizierte Stellung halten konnte. Die anschließende Analyse im Pressezentrum dauerte sehr lange, um den Tisch herum stand eine große Traube von Journalisten, und der Mann aus Asien hörte andächtig zu, wie Kramnik gemeinsam mit Großmeister Konstantin Landa (dieser berichtet aus Dortmund für die Webseite chesspro.ru) die Varianten aus dem Ärmel schüttelten.


Konstantin Landa

Nur ab und zu warf Le Quang Liem schüchtern einen Zugvorschlag dazwischen. Sein sehr bescheidenes Auftreten täuschte aber niemanden darüber hinweg, dass dort ein ganz starker Großmeister am Tisch saß, der in Zukunft noch viel von sich reden machen wird. Im Vorjahr war der zweifache Aeroflot-Open-Sieger schon Zweiter in Dortmund, und sicher wird er auch 2011 wieder diesen Platz belegen. Er ist beim Chess-Meeting genau wie der souverän führende Kramnik noch unbesiegt. Das wird wahrscheinlich auch bis morgen so bleiben.


Le Quang Liem und Georg Meier mit ihren Müttern


Le Quang Liem und seine Mutter beim Chinesen

Doch einer gibt hier unangefochten den Ton an. Seit über einer Woche erleben wir, dass Wladimir Kramnik in Dortmund einfach nicht zu stoppen ist. In der siebenten Runde bezwang er zum zweiten Mal den Trierer Großmeister Georg Meier. Hinterher analysierten beide im Presseraum wieder ausgiebig ihre interessante Partie.


Georg Meier und Wladimir Kramnik analysieren, Georg Meiers Mutter schaut zu.


Auch im weiteren Verlauf des Turniers geht es immer wieder um Varianten.

Kramnik war in bester Stimmung, hatte er zu diesem Zeitpunkt doch bereits 6,0 Punkte auf seinem Konto. Dahinter klaffte eine große Lücke zum übrigen Feld - so überragend ist in diesem Jahr die Vorstellung des Exweltmeisters, der auf der Bühne des Schauspielhauses seinen Kontrahenten eine Lektion nach der anderen erteilt.

Auf dem zweiten Tabellenplatz mit 4,0 Punkten lag drei Spieltage vor Schluss Le Quang Liem, der sich in seinem Rückrundenspiel mit Schwarz von Hikaru Nakamura (USA) remis trennte. Dritter mit 3,5 Punkten war nach der siebten Runde der junge Anish Giri (Niederlande), weil er den Vorjahressieger Ruslan Ponomarjow in einem Turmendspiel überlistete. Der Ukrainer kassierte damit schon seine dritte Niederlage im Turnier - auch das gehört zu den großen Überraschungen dieses Jahrgangs. Ruslan nahm die Verlustpartie dennoch, zumindest äußerlich, gelassen und setzte sich anschließend im Presseraum erstmal an einen Computer, um seine E-Mails zu lesen. Am nächsten Turniertag lief es dann besser für ihn, als Ponomarjow gegen Nakamura gewann. Dem Amerikaner gelingt in Dortmund rein gar nichts, er wartet immer noch auf seinen ersten Sieg.


Ruslan Ponomariov


Anish Giri


Hikaru Nakamura

Ein nachhaltiger Sponsor

Das Chess-Meeting wäre ohne seinen Titelsponsor, die Sparkasse Dortmund, nicht denkbar. In Runde 7 führte der frühere Vorstandsvorsitzende der Bank, Helmut Kohls, auf der Bühne des Schauspielhauses den ersten Zug am Spitzenbrett aus. Dieser Mann hat über Jahre hinweg viel für das Dortmunder Schach getan, darum ist nach ihm auch das hiesige B-Turnier benannt. Kohls schnappte sich den weißen Königsspringer von Wladimir Kramnik und setzte ihn auf das Feld f3. Damit war die Partie des Russen gegen Georg Meier eröffnet. Nachdem er dem Geschehen auf der Bühne eine Weile zugesehen hatte, kam Helmut Kohls im Pressezentrum vorbei und betonte, dass sein Interesse am Schach nach wie vor sehr groß ist, obwohl er schon seit längerem das Leben als Pensionär genießt. Er freue sich jedes Jahr aufs Neue über die hohe Qualität des Chess-Meetings. "Doch neben diesem herausragenden Ereignis mit weltweiter Resonanz hat für mich die Arbeit in unseren Dortmunder Schachschulen die gleiche Bedeutung. Ich finde es sehr wichtig, gerade junge Menschen für dieses schöne Spiel zu begeistern", sagte der Ehrengast. Anschließend ging Kohls noch zu den beiden Kommentatoren Klaus Bischoff und Sebastian Siebrecht, um über Kopfhörer auch mit den Zuschauern im Saal in Kontakt zu treten.


Helmut Kohls beim 1. Zug


Die Kommentatoren Klaus Bischoff (links) und Sebastian Siebrecht

In der sechsten Runde hatten wir im Schauspielhaus ein Remisfestival erlebt, so dass Spitzenreiter Wladimir Kramnik auch nach Beginn der zweiten Turnierhälfte das übrige Teilnehmerfeld weiter auf Distanz hielt. Nach sechs Runden führte er mit 5,0 Punkten die Tabelle an. In der Spitzenpartie wehrte Kramnik mit Schwarz alle Angriffe von Ruslan Ponomarjow erfolgreich ab. Nach 50 Zügen endete das Spiel remis. Zuvor gab es auch in der Partie zwischen Le Quang Liem und Georg Meier ein Unentschieden, so dass sich im Gesamtklassement keine Änderungen ergaben. Hinter Kramnik folgten Le mit 3,5 und Ponomarjow mit 3,0 Punkten. Auch Hikaru Nakamura und der junge Anish Giri teilten im längsten Duell dieses Spieltages den Punkt. Damit endeten zum ersten Mal in diesem Turnier alle Partien der Schachstars auf der Bühne des Schauspielhauses friedlich.

Nach Lage der Dinge konnten zu diesem Zeitpunkt außer Kramnik nur noch Le Quang Liem und Ponomarjow bei der diesjährigen Titelvergabe in Dortmund ein Wort mitreden. Jedoch nur ein kleines. Oder anders gesagt, sie hatten nur noch theoretische Chancen. Dann müsste Kramnik aber in den verbleibenden Runden mehrmals fehlgreifen, was bei seiner augenblicklichen Superform nicht zu erwarten war (und auch nicht passierte). Schon keine reellen Aussichten mehr auf einen Spitzenplatz hatten zu Beginn der zweiten Turnierhälfte die Großmeister Anish Giri (2,5 Punkte) sowie Hikaru Nakamura und Georg Meier (je 2,0).


Meier und Nakamura zu Beginn ihrer Partie, die sich schließlich zur "Seeschlange" entwickeln sollte.


Trainer Wladimir Tschutschelow mit seinem Schützling Anish Giri

Autogrammstunde und Rasenschach

Vor dem Start der Rückrunde lockte am einzigen Ruhetag eine Autogrammstunde in der Sparkasse Dortmund etwa 200 Schachfans aus der ganzen Region an. In einer langen Reihe standen die Schachjünger bis vor die Tür, um von ihren Idolen ein Autogramm zu ergattern. Es zeigte sich, dass nicht nur die Unterschriften von Popstars oder Fußballern gefragt sind, sondern auch die der Figurenkünstler. Das Schlangestehen lohnte sich. Alle Autogrammjäger bekamen ein Plakat der 39. Internationalen Dortmunder Schachtage, und die Großmeister schrieben geduldig ihren Namenszug darauf, jeder in einer anderen Farbe. Sie hörten nicht auf damit, bis auch der letzte Schachjünger zufrieden war. Viele hatten auch Bücher und Fotos von einzelnen Spielern mitgebracht, die sie sich extra signieren ließen. Vielleicht wird aus dem einen oder anderen Schachschüler später mal ein Meister. Die Digitalkameras klickten, nicht wenige Schachfans ließen sich mit ihren Idolen ablichten.


Große und kleine Autogrammjäger


Ein junger Schachfan

Das Chess-Meeting steht in diesem Jahr auch unter dem Motto "Schach und Rasenschach". Zwischen Fußball und Schach gibt es durchaus Parallelen, das weiß man nicht nur in der Stadt des amtierenden deutschen Meisters. Der BVB ermöglichte es, dass Schachfreunde und Fußballfans sich im Schauspielhaus mit der Meisterschale ablichten konnten.


Schachjournalist Dirk Poldauf


Schach- und Fußballfan: Der Autor Dagobert Kohlmeyer

Dafür kam eine ältere Salatschüssel, und zwar diejenige, die Borussia als Erinnerung an die Meisterschaft 2002 erwerben durfte, zwei Tage lang ins Dortmunder Theater. Viele Schachfreunde brachten deshalb ihre eigene Kamera mit.

Der Reporter machte am Vormittag des Ruhetages eine Stippvisite in den Dortmunder Vorort Brackel, wo der deutsche Fußballmeister sein modernes Trainingsgelände hat. Die Spieler von Trainer Jürgen Klopp absolvierten erst eine Einheit im Kraftraum, danach erfolgte ein Lauftraining rund um den Platz.


Das Dortmunder Team beim Lauftraining

Es war schön für einen Berliner, die BVB-Fußballer mal in Natura zu sehen und erheiternd, dabei den erheblichen Größenunterschied zwischen Verteidiger Mats Hummels und dem japanischen Stürmer Shinji Kagawa (zwei Köpfe) in Augenschein zu nehmen.


Der deutsche Fußballmeister 2011 beim Training

Der Mann aus Nippon beweist aber genau wie seine Landsfrauen, die Weltmeisterinnen wurden oder wie sein hochtalentierter Kollege Mario Götze, dass man kein Riese von Gestalt sein muss, um einen Riesen-Fußballspieler abzugeben. Die Klopp-Truppe flog dann am Nachmittag noch nach Frankreich, wo sie abends beim Erstligisten Valenciennes ein Testspiel hatten und 1:0 gewannen. Am heutigen Samstag müssen die Borussen zum Pokalspiel nach Sandhausen. Dann sitzen die Schachspieler wohl noch an ihren Brettern im Schauspielhaus. Wladimir Kramnik genügt ein Remis, dann ist er uneinholbar und zum 10. Mal Schachkönig von Dortmund - eine Marke für das Guinness-Buch der Rekorde!

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