Kramnik gegen Deep Fritz: Kommentar

02.12.2006 – Mit seiner Eröffnungsvorbereitung kann Kramnik im bisherigen Matchverlauf zufrieden sein. Alle vier Partien wurden in ruhigem Geläuf gespielt, dorniges Taktikgestrüpp weitgehend vermieden. Allerdings konnte Kramnik nur in den ersten beiden Partien die Führung übernehmen und den Rechner unter Druck setzen. Bezahlt gemacht hat sich dies jedoch nicht. Statt 1,5:0,5 kam geradewegs das umgekehrte Ergebnis heraus. In den nächsten beiden Partien übernahm Deep Fritz die Initiative. Ein hellwacher Weltmeister entschärfte die beiden nicht einfachen Partien recht souverän. Jugendweltmeister Arik Braun hat sich die bisherigen vier Partien angeschaut und für die Leser von ChessBase News kommentiert. Mehr...

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Fazit nach zwei Dritteln
Von André Schulz
Partiekommentare: Arik Braun
Fotos: Jeroen van den Belt

Jeder weiß, dass der Rechner bei taktischen Scharmützeln überlegen ist, während der Mensch mit einer besseren Partieanlage und strategischer Weitsicht dagegen halten kann. Kurzfristige Taktik ist die Stärke der Computer. Hier rechnet er viel, schnell und praktisch fehlerlos. Kramnik selbst hat dies vor vier Jahren in Bahrain am eigenen Leib verspürt, als er mit einem Springeropfer auf f7 eine taktische Glanzpartie einleiten wollte und dann feststellen musste, dass seine Kombination ein mikroskopisch kleines Loch hatte. Deep Fritz fand es.



In seiner Vorbereitung wird Kramnik daher größte Aufmerksamkeit darauf gelegt haben, Eröffnungen zu finden, die durch ruhiges Spiel mit Ausbau-Möglichkeiten für den strategisch besseren Spieler geprägt sind. Und wer der bessere Stratege ist, dürfte klar sein.


Schaut man, wer sein Wettkampfkonzept bisher besser verwirklichen konnte, dann führt Kramnik mit 4:0. Viermal kamen Varianten aufs Brett, die einigermaßen übersichtlich waren und bei denen bald viele Figuren getauscht wurden. Am wenigsten trifft dies für die zweite Partie zu. Diese gewann Deep Fritz, wenn auch kurios und natürlich unverdient.



Die erste Partie zeigte bereits, wie intensiv sich Kramnik auf den Wettkampf vorbereitet hatte. Und die Vorbereitung kam sogleich zum Tragen. Die Matchbedingungen sehen vor, dass Kramnik sich das Wettkampf-Programm zuvor intensiv anschauen und nach Schwächen forschen durfte. Und er fand zumindest ein paar Ansatzpunkte.



Die ersten 20 Züge der ersten Partie spielte Kramnik fast à tempo und verbrauchte dafür kaum 15 Minuten. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kramnik in einer Katalanischen Variante bereits drei Leichtfiguren und die Dame getauscht.



Kommentar von Arik Braun zu Partie Eins...

Ein paar Züge später waren auch die Türme verschwunden und Kramniks Wunschendspiel erreicht: Guter Springer gegen schlechten Läufer. Und er konnte darauf vertrauen, dass Deep Fritz die Stellung falsch einschätzen und die Gefahren nicht erkennen würde, die in diesem Endspiel liegen. Denn genau das hatte das Programm in der Vorbereitung bestimmt auch gemacht.


Weltmeister Vladimir Kramnik

Tatsächlich spielte Deep Fritz das Endspiel wie erwartet ungenau, da die Gefahren jenseits seines Rechenhorizonts liegen, wie Jugendweltmeister Arik Braun in seiner Analyse betonte.


Jugendweltmeister Arik Braun

Dass es die Partie nicht verlor, verdankt es dem Umstand, dass das für den unbedarften Laien "langweilig" erscheinende Endspiel immer noch so komplex war, dass der Weltmeister es am Brett nicht zu lösen imstande war.



Auch in seiner ersten Schwarzpartie kam Kramniks Vorbereitung zum Tragen. Im Angenommenen Damengambit schuf er eine relativ starre Struktur und verführte Deep Fritz später zu Maßnahmen am Königsflügel. Während die Maschine "hoffte", beginnend mit dem Einschlag Lxh6 einen sehr gefährlichen Königsangriff einzuleiten, schnappte der Weltmeister im Menschenschach kaltblütig einen Bauern am Damenflügel und eliminierte den tückischen Kamikazeläufer auf e3 gerade eben noch rechtzeitig.



Kommentar von Arik Braun zu Partie Zwei...

Obwohl die Partie für den oberflächlichen Beobachter einen positionellen Charakter zu haben schien, enthielt sie dennoch eine Menge taktische Nebengeräusche. Der Weltmeister schaffte es, am Damenflügel seine Majorität in Marsch zu setzen. Doch dann wurde er vielleicht ein Opfer seiner menschlichen Psyche. Im Wunsch, die Partie zu gewinnen, übersah er, dass der Rechner en passant ein einigermaßen ungewöhnliches Mattbild in sein Verteidigungsnetz mit eingeflochten hatte. Als Kramnik seine eigene tödliche Drohung ausspielte, wunderte sich Bediener Mathias Feist, dass Fritz den Zug nicht vorhergesehen hatte und glaubte an einen Fehler im Programm. Doch das folgende einzügige Matt parierte als einzig mögliche Verteidigung Kramniks Angriff - allerdings auf sehr zufrieden stellende Weise.




Die ersten beiden Partien bewiesen erneut klar die Überlegenheit des Weltmeister in der strategischen Planung der Partie. Nur einmal konnte Deep Fritz seine taktische Tücke zum Einsatz bringen. Mit Kramniks Hilfe war dies allerdings gleich tödlich. Arik Braun sieht in seiner Analyse Kramnik in Partie Zwei im Vorteil, aber nicht auf Gewinn stehend.

In der dritten Partie änderten sich plötzlich die Vorzeichen. Kramnik wich im Katalanen aus Angst vor einer Vorbereitung ab und verschaffte sich Entwicklungsvorteil. Dann riss Deep Fritz die Initiative mit Hilfe eines menschlich wirkenden Bauernopfers an sich und setzte den Weltmeister dank besserer - huch - Strategie unter Druck - und dies auch noch mit wenigen Steinen auf dem Brett.



Kommentar von Arik Braun zu Partie Drei...

Deep Fritz stand zwar besser, aber nicht auf Gewinn, wie Arik Braun in seinem Kommentar betont. Dass Kramnik das Remis mit Hilfe eines Qualitätsopfers forcierte und Deep Fritz wie alle Schachprogramme die nachfolgende Festung nicht erkennen konnte, ändert nichts an der objektiven Beurteilung.

In der vierten Partie kam erstmals 1.e4 aufs Brett. Kramnik wählte die Russische Verteidigung, Fritz verschmähte die Hautvarianten nach 3.Sxe5 - genauer: sein Betreuerteam - und ging mit 3.d4 einen anderen Weg. Der Rechner hatte wieder die Initiative und hielt diese auch bei reduziertem Material fest.



Kommentar von Arik Braun zu Partie Vier...

Die Großmeister in der Kommentatorenkabine - Artur Jussupov, Dr.Helmut Pfleger und Klaus Bischoff - machten sich zwischenzeitlich ziemliche Sorgen um ihren Gattungsvertreter, doch Kramnik zeigte sich absolut auf der Höhe und entschärfte nach und nach die Druckstellung. Warum Kramnik, der doch gewinnen muss, um den Wettkampf für sich zu entscheiden, zu diesem Zweck die Russische Verteidigung wählte, bleibt allerdings sein Geheimnis. Wurde er von 3.d4 überrascht oder hat er gegen ein 1.e4 des Rechner keine Waffe im Gewinnsinne?

Es ist bemerkenswert, dass der Weltmeister die zwei letzten Partien, in denen er kein einfaches Spiel hatte, dann doch recht souverän remis hielt, während er ausgerechnet eine Partie durch einen Blackout verlor, in der er dem Sieg zumindest nahe war. Aus Sicht von Fritz kann man gegenüber dem Wettkampf von vor vier Jahren deutlich Fortschritte erkenne. Zweimal bisher übernahm das Programm die strategische Führung in den Partien. Der Abstand zwischen Rechner und Weltmeister im Schachverständnis scheint kürzer geworden zu sein.

Zur vierten Partie ist auch Frans Morsch angereist. Der Niederländer ist der eigentliche Vater des Fritzprogramms. Von ihm stammt der Schachalgorithmus. Im Laufe der nun 15-jährigen Entwicklung hat Mathias Feist, ursprünglich nur für das Interface zuständig, mehr und mehr auch zum Programm selbst beigetragen.

Buchautor ist der Österreicher Alexander Kure. Drei Männer, drei Länder - Deep Fritz international.

 

 

 

 

 

 

 

 



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