Fazit nach zwei Dritteln
Von André Schulz
Partiekommentare: Arik Braun
Fotos: Jeroen van den Belt
Jeder weiß, dass der
Rechner bei taktischen Scharmützeln überlegen ist, während der Mensch mit einer
besseren Partieanlage und strategischer Weitsicht dagegen halten kann. Kurzfristige Taktik
ist die Stärke der Computer. Hier rechnet er viel, schnell und praktisch
fehlerlos. Kramnik selbst hat dies vor vier Jahren in Bahrain am eigenen Leib verspürt, als
er mit einem Springeropfer auf f7 eine taktische Glanzpartie einleiten wollte
und dann feststellen musste, dass seine Kombination ein mikroskopisch kleines
Loch hatte. Deep Fritz fand es.

In seiner Vorbereitung wird Kramnik daher größte Aufmerksamkeit darauf gelegt
haben, Eröffnungen zu finden, die durch ruhiges Spiel mit Ausbau-Möglichkeiten
für den strategisch besseren Spieler geprägt sind. Und wer der bessere Stratege
ist, dürfte klar sein.

Schaut man, wer sein Wettkampfkonzept bisher besser verwirklichen konnte,
dann führt Kramnik mit 4:0. Viermal kamen Varianten aufs Brett, die einigermaßen
übersichtlich waren und bei denen bald viele Figuren getauscht wurden. Am
wenigsten trifft dies für die zweite Partie zu. Diese gewann Deep Fritz, wenn
auch kurios und natürlich unverdient.

Die erste Partie zeigte bereits, wie intensiv
sich Kramnik auf den Wettkampf vorbereitet hatte. Und die Vorbereitung kam
sogleich zum Tragen. Die Matchbedingungen sehen vor, dass Kramnik sich das
Wettkampf-Programm zuvor intensiv anschauen und nach Schwächen forschen durfte.
Und er fand zumindest ein paar Ansatzpunkte.

Die ersten 20 Züge der ersten Partie spielte Kramnik fast à tempo und
verbrauchte dafür kaum 15 Minuten. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kramnik in einer
Katalanischen Variante bereits drei Leichtfiguren und die Dame getauscht.

Kommentar von Arik Braun zu Partie Eins...
Ein paar
Züge später waren auch die Türme verschwunden und Kramniks Wunschendspiel
erreicht: Guter Springer gegen schlechten Läufer. Und er konnte darauf
vertrauen, dass Deep Fritz die Stellung falsch einschätzen und die Gefahren nicht
erkennen würde, die in diesem Endspiel liegen. Denn genau das hatte das Programm in
der
Vorbereitung bestimmt auch gemacht.

Weltmeister Vladimir Kramnik
Tatsächlich spielte Deep Fritz das Endspiel wie erwartet ungenau, da die
Gefahren jenseits seines Rechenhorizonts liegen, wie Jugendweltmeister Arik
Braun in seiner Analyse betonte.

Jugendweltmeister Arik Braun
Dass es die Partie nicht verlor, verdankt es
dem Umstand, dass das für den unbedarften Laien "langweilig" erscheinende Endspiel
immer noch so komplex war, dass der Weltmeister es am Brett nicht zu lösen
imstande war.

Auch in seiner ersten Schwarzpartie kam Kramniks Vorbereitung zum Tragen. Im
Angenommenen Damengambit schuf er eine relativ starre Struktur und verführte
Deep Fritz später zu Maßnahmen am Königsflügel. Während die Maschine "hoffte",
beginnend mit dem Einschlag Lxh6 einen sehr gefährlichen Königsangriff
einzuleiten, schnappte der Weltmeister im Menschenschach kaltblütig einen Bauern
am Damenflügel und eliminierte den tückischen Kamikazeläufer auf e3 gerade eben
noch rechtzeitig.

Kommentar von Arik Braun zu Partie Zwei...
Obwohl die Partie für den oberflächlichen Beobachter einen positionellen Charakter zu
haben schien, enthielt sie dennoch eine Menge taktische Nebengeräusche. Der
Weltmeister schaffte es, am Damenflügel seine Majorität in Marsch zu setzen.
Doch dann wurde er vielleicht ein Opfer seiner menschlichen Psyche. Im Wunsch,
die Partie zu gewinnen, übersah er, dass der Rechner en passant ein einigermaßen
ungewöhnliches Mattbild in sein Verteidigungsnetz mit eingeflochten hatte. Als
Kramnik seine eigene tödliche Drohung ausspielte, wunderte sich Bediener Mathias
Feist, dass Fritz den Zug nicht vorhergesehen hatte und glaubte an einen Fehler
im Programm. Doch das folgende einzügige Matt parierte als einzig mögliche
Verteidigung Kramniks Angriff - allerdings auf sehr zufrieden
stellende Weise.

Die ersten beiden Partien bewiesen erneut klar die Überlegenheit des Weltmeister
in der strategischen Planung der Partie. Nur einmal konnte Deep Fritz seine
taktische Tücke zum Einsatz bringen. Mit Kramniks Hilfe war dies allerdings gleich tödlich.
Arik Braun sieht in seiner Analyse Kramnik in Partie Zwei im Vorteil, aber nicht
auf Gewinn stehend.
In der dritten Partie änderten sich plötzlich die Vorzeichen.
Kramnik wich im Katalanen aus Angst vor einer Vorbereitung ab und verschaffte
sich Entwicklungsvorteil. Dann riss Deep Fritz die Initiative mit Hilfe eines
menschlich wirkenden Bauernopfers an sich und setzte den Weltmeister dank besserer -
huch - Strategie unter Druck - und dies auch noch mit wenigen Steinen auf dem
Brett.

Kommentar von Arik Braun zu Partie Drei...
Deep Fritz stand zwar besser, aber nicht auf Gewinn, wie Arik Braun in
seinem Kommentar betont. Dass Kramnik das Remis mit Hilfe eines Qualitätsopfers
forcierte und Deep Fritz wie alle Schachprogramme die nachfolgende Festung nicht
erkennen konnte, ändert nichts an der objektiven Beurteilung.

In der vierten Partie kam erstmals 1.e4 aufs Brett. Kramnik
wählte die Russische Verteidigung, Fritz verschmähte die Hautvarianten nach
3.Sxe5 - genauer: sein Betreuerteam - und ging mit 3.d4 einen anderen Weg. Der
Rechner hatte wieder die Initiative und hielt diese auch bei reduziertem
Material fest.

Kommentar von Arik Braun zu Partie Vier...
Die Großmeister in der Kommentatorenkabine - Artur Jussupov,
Dr.Helmut Pfleger und Klaus Bischoff - machten sich zwischenzeitlich ziemliche
Sorgen um ihren Gattungsvertreter, doch Kramnik zeigte sich absolut auf der Höhe
und entschärfte nach und nach die Druckstellung. Warum Kramnik, der doch
gewinnen muss, um den Wettkampf für sich zu entscheiden, zu diesem Zweck die
Russische Verteidigung wählte, bleibt allerdings sein Geheimnis. Wurde er von 3.d4 überrascht oder
hat er gegen ein 1.e4 des Rechner keine Waffe im Gewinnsinne?

Es ist bemerkenswert, dass der Weltmeister die zwei letzten
Partien, in denen er kein einfaches Spiel hatte, dann doch recht souverän remis
hielt, während er ausgerechnet eine Partie durch einen Blackout verlor, in der
er dem Sieg zumindest nahe war. Aus Sicht von Fritz kann man gegenüber dem
Wettkampf von vor vier Jahren deutlich Fortschritte erkenne. Zweimal bisher
übernahm das Programm die strategische Führung in den Partien. Der Abstand
zwischen Rechner und
Weltmeister im Schachverständnis scheint kürzer geworden zu sein.

Zur vierten Partie ist auch Frans Morsch angereist. Der
Niederländer ist der eigentliche Vater des Fritzprogramms. Von ihm stammt der
Schachalgorithmus. Im Laufe der nun 15-jährigen Entwicklung hat Mathias Feist,
ursprünglich nur für das Interface zuständig, mehr und mehr auch zum Programm
selbst beigetragen.

Buchautor ist der Österreicher Alexander Kure.
Drei Männer, drei Länder - Deep Fritz international.