Kramnik mit Weiß

22.09.2006 – Wer in Elista angekommen ist, hat das Schlimmste erst einmal hinter sich. Gerne fliegen die Linien in den Gebieten der früheren Sowjetunion noch mit den alten Flugzeugen z.B. des Typs Jak. Die pfeifenden Triebwerke signalisieren, dass sie noch da sind. Die Wiedergutmachung für die Reisestrapazen erfolgt sogleich am Flughafen in Elista, wo man von den Einwohnern in Landestracht mit einem Willkommensschal begrüßt wird. FIDE-Präsident Ilyumshinov ist überglücklich, dass in seiner Amtszeit nun die Wiedervereinigung im Schach zustande kommt und lässt eine Eröffnungsfeier veranstalten, die man für einen Schachwettkampf sonst sicher nirgendwo auf der Welt zu sehen bekommt. Bei der Auslosung der Farbverteilung hatte Kramnik das Glück in Gestalt einer weißen Taube auf seiner Seite. Er beginnt die erste Partie mit Weiß. Dagobert Kohlmeyer berichtet aus Elista. Mehr...

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Schachfest der Freude und Wiedervereinigung
Von Dagobert Kohlmeyer aus Elista

Vor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Der Reporter weiß aus eigener Erfahrung, wie lang und beschwerlich der Weg nach Elista ist. Das vierte Mal seit 1996 weilt er nun schon für seine Leser in Kalmückien, weil dort wieder ein schachliches Großereignis wartet, an dem keiner von uns vorbeikommt.

Man fliegt bis Moskau und kämpft sich dann von Scheremetjevo durch die verstopfte Metropole Russlands bis zum einem der Inland-Airports. Unser Charter mit illustrer Gesellschaft soll um 19 Uhr vom Flughafen Domodjedovo abgehen. Es dauert aber noch bis 21 Uhr, ehe wir in die Luft steigen. Die FIDE-Funktionäre können sich einfach nicht aus der VIP-Langue losreißen, obwohl es auch im Flugzeug gut zu essen und zu trinken gibt. Vorn in der Business Class sitzt Bulgariens Sportministerin Vesela Lecheva, die der WM-Eröffnung am nächsten Tag in Elista Glanz verleihen wird. 


Sportministerin Vesela Lecheva

Wir schaukeln in einer alten Jak (benannt nach dem Konstrukteur Jakowlew), die schon bessere Zeiten gesehen hat, über die Weiten Russlands in Richtung Süden. Es klappert heftig, die Triebwerke pfeifen lauter als gewohnt, aber nach gut zwei Stunden setzen wir wohlbehalten auf dem kleinen Steppen Airport von Elista auf.

Mit von der Partie sind etliche Journalistenkollegen. Allen voran Schachlegende Alexander Roschal, Herausgeber der Moskauer Schachrundschau „64“, der unlängst 70 wurde, Jewgeni Gik, Schachschriftsteller und -kolumnist von „MK“ Moskau sowie langjähriger Co-Autor von Anatoli Karpow, Dirk Jan ten Geuzendam, Chefredakteur von New In Chess.


Mit Alexander Roschal

Junge Mädchen und Burschen in Nationaltracht begrüßen uns herzlich.


Willkommen in Elista
 


Empfang in Kalmückien

Jeder Gast erhält einen weißen Seidenschal. Nachts werden wir in verschiedene Hotels gebracht. Die meisten wohnen in Chess City, wo vor acht Jahren die Olympiade stattfand.

Am nächsten Tag besichtigen wir die Spielstätte. Neben dem Regierungsgebäude, das so wie in Washington „Weißes Haus“ genannt wird, steht das Haus des Parlaments. Im großen Saal wo sonst die Mitglieder des kalmückischen Abgeordnetenhauses beraten, sollen Weselin Topalow und Wladimir Kramnik um die Schachkrone spielen. Um keine gewöhnliche, um die des Weltmeisters aller Klassen. Das Gebäude ist für das historische Match komplett restauriert worden. Neue Sessel, neue Wände, neue Bühnen, neue Technik, - fast alles wurde den Bedingungen der heutigen Zeit angepasst. Im ersten Stock befindet sich das Pressezentrum, von dem wir die interessierte Schachöffentlichkeit in aller Welt drei Wochen lang über das Geschehen auf dem Brett und über viele Rangeschichten informieren werden.


Buddha unter freiem Himmel


Das WM-Logo

Um 15 Uhr ist eine Inspektion angesetzt. Hauptschiedsrichter Geurt Gijssen aus Holland, seit fast 20 Jahren der begehrteste WM- Referee, bittet Wladimir Kramnik auf die Bühne, damit er die Spielbedingungen prüfen kann.

Drei Sessel stehen zur Auswahl, der lange Moskauer entscheidet sich für den größten. Nachdem die Sitzhöhe stimmt, geht es um die Beleuchtung. Kramnik bittet um mehr Licht. Die Techniker schalten weitere Spots zu und experimentieren so lange, bis der Klassik-Weltmeister zufrieden ist.

Weselin Topalow erscheint gar nicht zur Probe, für ihn übernimmt sein Manager Silvio Danailow die Sitzkontrolle. „Ist okay“, sagt er schon nach wenigen Sekunden.

Da ist noch eine Glaswand, welche die Organisatoren auf Bitten der Kramnik-Seite auf der Bühne hingestellt haben. Mit ihr soll der Lärmpegel gedämpft und auch Lichteinflüsse aus dem Saal abgemildert werden. Erinnerungen an das Re-Match zwischen Fischer und Spasski in Montenegro und Belgrad werden wach, als der Amerikaner so etwas einführte, um die Zuschauer nicht zu sehen und völlig ungestört bei seinen Zügen zu sein. Die Ausmaße der Glaswand in Elista halten sich in Grenzen. Jeder Zuschauer wird genug sehen können. In den ersten zehn Minuten, so verspricht man uns Journalisten, wird man den gläsernen Schirm wegziehen, damit wir ungestört Fotos vom ersten Zug und der Eröffnungsphase der Auftaktpartie machen können. Auch am heutigen Freitag gehen die Präparationen, unter anderem in den Ruheräumen der Spieler, weiter. Es wird praktisch bis zur letzten Minute gewerkelt, wie das meist bei Ereignissen ist, die großartig werden sollen.

Weiße Tauben für Kramnik

Szenenwechsel. Um 18 Uhr beginnt im Uralan Stadion von Elista die glanzvolle Eröffnungsfeier. Schon eine Stunde vorher sind die kleinsten Akteure da und voller Eifer bei ihren Präparationen. Halb Elista scheint auf den Beinen zu sein. Kirsan Iljumschinow hat vorher einen Pakt mit Petrus geschlossen. Es regnet tatsächlich nicht, so dass Spieler und Zuschauer bei schönstem Sommerwetter begrüßt werden können. Eineinhalb Stunden rollt ein buntes Programm ab, wie es selbst alt gediente Reporter noch nicht erlebt haben. In der unvergesslichen Show zeigen Kalmückiens Kinder und Jugendliche, was sie können. Ob Tanz, Gesang oder sportliche Darbietungen, alles wird mit Tempo und Leidenschaft vorgetragen. In Kalmückien sind besonders die fernöstlichen Kampfsportarten Judo und Taekwandoo  beliebt. Das Land hat schon etliche Ringerweltmeister hervorgebracht.

Die Schönheit der kalmückischen Frauen ist sprichwörtlich. Ihre Klugheit zeigen sie durch rege geistige Aktivität und auch die Beschäftigung mit Schach. Das Spiel wurde hier im Land in jeder Schule durch Dekret des Präsidenten zum Pflichtfach.

Junge Modelle in entsprechenden Kostümen entzücken im Stadion während der Eröffnung nicht nur die männlichen Zuschauer. Ein Conferencier ruft sogar durchs Mikrofon „Schach wurde in Kalmückien erfunden!“ Nun gut…


Gleich wird gelost

Nach den unvermeidlichen Reden, Iljumschinow verliest zu Beginn auch ein Grußtelegramm von Präsident Putin, folgt der Höhepunkt des Abends, die Farbenwahl für die erste Partie des Matchs. Schiedsrichter Gijssen erläutert das Prozedere: Die Wahl beginnt derjenige Spieler, den wir jetzt als ersten ziehen. Ein Mädchen in kalmückischer Tracht öffnet eine Rolle und zieht eine Karikatur mit Kramniks Konterfei heraus. Der Moskauer hat also die erste Wahl. Es werden zwei schöne Truhen herbei getragen. Beide Spieler öffnen sie zugleich.

Aus Kramniks fliegen weiße Tauben, aus Topalows schwarze.

Die Sache ist damit klar: Der Weltmeister aus Russland führt im wichtigen Auftaktspiel die weißen Steine. Ein großes Feuerwerk beschließt den Abend im Uralan Stadion, den alle nicht so schnell vergessen werden.

Iljumschinow ist in dieser Nacht zweifellos der glücklichste Mann. Zehn Jahre nach dem Match Karpow - Kamsky richtet der FIDE-Chef in seinem Steppenland wieder eine Weltmeisterschaft aus: „Ich bin froh, dass sie überhaupt stattfindet, zudem noch in meiner Heimat. Als sie mich zum FIDE-Präsidenten wählten, stellte ich mir das Ziel, die Schachwelt zu vereinen. Ein ganzes Jahrzehnt lang ist das nicht gelungen, es gab so viele Widerstände. Aber jetzt wird es Wirklichkeit. In 20 Tagen haben wir nur einen einzigen Weltmeister. Ich bin einfach glücklich!“

Und Weselin Topalow erwiderte auf meine Frage, ob es ihm etwas ausmacht, dass Kramnik ein Heimspiel hat, weil das Match auf russischem Boden stattfindet:

„Nein, überhaupt nicht. Ich betrachte Elista als Territorium der FIDE!“

Seine Sportministerin hofft, dass er gewinnt. Vesela Lechewa, ehemalige Weltmeisterin im Sportschießen und das gleich fünfmal!, betont: „Schach ist so wertvoll für die Jugend. Es erzieht zu Ausdauer, Konzentration und strategischem Denken. Weselin Topalow ist ein Vorbild für unsere Jugend. Schon deshalb möchten wir, dass er Schachweltmeister bleibt.“

Genug der Vorrede. Ab Samstag 15 Uhr Moskauer Zeit wird es ernst. Dann sprechen die weißen und schwarzen Figuren. Spätestens am 12. Oktober kennen wir den neuen Schachkönig, der sich dann als Alleinherrscher der Schachwelt betrachten kann.

 

 

 

 

 


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