Kramniks Neunte

12.07.2009 – Neun Mal gewann Vladimir Kramnik in Dortmund, eine einzigartige Leistung. 2009 überzeugte er durch gute Vorbereitung und brillante Angriffspartien zum richtigen Zeitpunkt. In seinem Bericht von der Schlussrunde des Turniers würdigt Dagobert Kohlmeyer Kramniks Leistung, erzählt von dessen Plänen für die Zukunft und verrät, warum Dmitry Jakovenko, der in Dortmund großen Kampfgeist zeigte, eine Partie beinahe kampflos verloren hätte.Turnierseite...Zum Bericht...

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Kramniks Neunte
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer



Wladimir Kramnik ist und bleibt Schachkönig von Dortmund. Ein Sieg in der Schlussrunde gegen Arkadij Naiditsch beseitigte gestern auch die letzten Zweifel an seiner Klasse. Damit hat der russische Exweltmeister das Sparkassen Chess-Meeting zum neunten Mal gewonnen.

 

Mit einem halben Punkt Vorsprung konnte Kramnik die letzte Partie entspannt angehen. Er nahm sich einen Kaffee hinter der Bühne und ging zu seinem Schachtisch. Beim Hinsetzen bemerkte er, dass es die falsche Seite mit den schwarzen Figuren war. Auf seinen Aufschlag mit Weiß wollte der 1.93-m-Hüne natürlich nicht verzichten und wechselte deshalb lächelnd zur anderen Tischhälfte. Nach knapp vier Stunden gab er mit der Dame in der Brettmitte Schach und war am Ziel.


Kramnik während der entscheidenden Partie

Eugen Schackmann, einer der Gründerväter der Dortmunder Schachtage, hatte an diesem Brett den ersten Zug ausgeführt, worauf Kramnik und Naiditsch die Eröffnung (Damengambit) im Eilzugtempo herunter spulten.


Eugen Schackmann eröffnet die letzte Runde

Erst nach einer Viertelstunde begann Naiditsch zu grübeln. Die Stellung war alles andere als einfach. Im Mittelspiel opferte Kramnik plötzlich einen Turm für einen Springer, wonach die schwarze Königsfestung geöffnet wurde. Naiditsch wehrte sich tapfer, aber die weißen Angriffe des Russen waren zu stark. Nach 42 Zügen musste der Dortmunder in hoffnungsloser Stellung aufgeben.

An den Nachbartischen versuchten die Verfolger Leko gegen Jakowenko und Carlsen gegen Bacrot ihre Spiele zu gewinnen, aber nach Kramniks Sieg gaben sie ihre Bemühungen sofort auf.




Magnus Carlsen gegen Etiennne Bacrot


Peter Leko gegen Dmitri Jakowenko

Beide Duelle endeten friedlich. Es bleibt dabei, Wladimir Kramnik ist in seiner zweiten Heimat Dortmund einsame Spitze. "Manche Spiele von ihm sind so schön wie Sinfonien", sagte ein begeisterter Schachfan im Schauspielhaus. Das kann man von den drei Siegpartien dieses Jahres auf jeden Fall sagen.


Etienne Bacrot mit Frau Nathalia

Im Meisterturnier gewann Markus Schäfer (SG Solingen) vor dem Vorjahressieger Thomas Trella (SF Gerresheim). Das A-Open im Rathaus wurde eine Beute des deutschen Großmeisters David Baramidze (Hamburger SK), der lange in Dortmund lebte und die hiesige Schachschule durchlief. Im offenen B-Turnier siegte Wladimir Dolgopoly (SV Halver).


Thomas Trella und Markus Schäfer

Der Rekordmann

Wladimir Kramnik wurde am Sonntagabend im Rathaus zum neunten Mal als Schachkönig von Dortmund gekrönt.

Er erreichte damit eine Bestmarke für das Guinness-Buch der Rekorde und vielleicht auch für die Ewigkeit. Noch nie zuvor in der Schachgeschichte hat ein Großmeister ein derart hochkarätiges Turnier so oft für sich entschieden. "Zehnmal in Dortmund zu gewinnen", das habe ich mir bis zum Ende meiner Karriere als Ziel gesetzt", sagte der glückliche Sieger kurz nach seinem diesjährigen Erfolg. Inzwischen Senior des Feldes, bewies der russische Exweltmeister auch diesmal erneut seine Ausnahmestellung. Bislang konnte noch kein anderer Denksportler Wladimir Kramnik in dessen Wohnzimmer, dem Dortmunder Schauspielhaus, auch nur entfernt das Wasser reichen.

Erstaunlich war wiederum, mit welch effektiven Mitteln der Wahl-Pariser das Turnier dominierte. Kramniks Kritiker werfen ihm gern Minimalismus und zu wenig Kampfeslust vor. Seine Anhänger verweisen hingegen darauf, dass er im entscheidenden Moment seine Schach-Genialität aufblitzen lässt und die "Big Points" macht. So geschehen vor fünf Jahren im WM-Kampf gegen Peter Leko, als er die letzte Partie unbedingt gewinnen musste und "auf Bestellung" siegte. Bei diesem Chess-Meeting war es der achte Spieltag, an dem Kramnik auf schöne Art den ersten entscheidenden Punkt gegen Magnus Carlsen holte, als die meisten schon an den Turniersieg des jungen Norwegers glaubten.

Wladimir Kramnik absolvierte in seinen zehn Turnierpartien insgesamt viel weniger Züge als zum Beispiel sein Landsmann Dmitri Jakowenko, der mit 81 Zügen gegen Etienne Bacrot auch die längste Partie des Turniers spielte. Kampfgeist allein hilft mitunter jedoch nicht, wenn man auf einen Gegner trifft, der top vorbereitet ist und die kleinsten Fehler brillant ausnutzt, wie Kramnik es zweimal gegen Naiditsch tat.


Jakowenko gegen Kramnik

In der Hinrunde zauberte er mit Schwarz am Königsflügel ein sehenswertes Mattfinale aufs Brett. Es war eine Russische Partie! Auch zuletzt mit Weiß begeisterte er durch seinen ideenreichen Angriff. Die drei Gewinnpartien des Seriensiegers werden vor allem in Erinnerung bleiben, wenn man an den Schach-Jahrgang 2009 in Dortmund zurückdenkt.

Jako im Glück

Noch eine kuriose Geschichte aus der Rückrunde. Den 7. Spieltag wird Dmitri Jakowenko nicht so schnell vergessen. Da hatte der Großmeister aus Moskau zweimal Glück. Zu Beginn des Spiels fehlte er noch im Schauspielhaus. Jakowenko hatte die Abfahrtzeit vom Hotel schlicht verpasst, weil er in seinem Zimmer noch bis zur letzten Minute Varianten analysierte. Normalerweise erhält ein Akteur, der zu spät zur Partie kommt, eine Null. Das schreiben die neuen Regularien des Weltschachbundes vor. Zur Schacholympiade in Dresden wurde es schon mit aller Härte praktiziert.


Dmitri Jakowenko aus Moskau

In Dortmund ist das Reglement humaner, die Schiedsrichter lassen das "akademische Viertel" zu. Wer innerhalb von 15 Minuten nach dem Startgong am Brett sitzt, darf noch spielen, ohne dass Sanktionen verhängt werden. Jakowenko kam aber an diesem Nachmittag erst um 15.15 Uhr und 30 Sekunden an. Mit wehenden Rockschößen sprintete er durchs Foyer des Schauspiels, nahm drei Treppenstufen auf einmal und rannte auf die Bühne, um seinen ersten Zug gegen den Lokalmatador Arkadij Naiditsch zu machen.

Eigentlich war die Viertelstunde abgelaufen, doch "Jako" hatte Glück, dass Moderator Gerd Kolbe vorher länger geredet und auf der Bühne die Verdienste von Großmeister Helmut Pfleger um die Dortmunder Schachtage gewürdigt hatte. Dadurch erfolgte der Startgong zur Runde 7 etwas später, so dass Schiedsrichter Andrzej Filipowicz bei dem Zuspätkommer Gnade vor Recht ergehen lassen konnte.


Schiedsrichter Andrzej Filipowicz aus Polen

In der Sizilianischen Partie war dem kleinen Russen dann das Glück zum zweiten Mal hold. Arkadij Naiditsch hatte ihn mit Weiß arg in Bedrängnis gebracht und sah bereits wie der sichere Sieger aus. Aber Jakowenko wehrte sich zäh und fand immer wieder eine Verteidigung, so dass der Dortmunder Großmeister schließlich nach über sechs Stunden und 70 Zügen ins Remis einwilligen musste. Arkadij wartete damit immer noch auf einen Sieg beim Chess-Meeting. Jakowenko hatte indessen seine Lektion gelernt und kam pünktlich zur nächsten Partie gegen den Franzosen Etienne Bacrot, die dann die längste wurde...

 

 



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