Krieg und Frieden in Chess City

09.10.2006 – Heute ist Ruhetag in Elista: Wer die bisherigen Vorgänge beim Wettkampf beobachtet hat, weiß, dass auch und gerade an den spielfreien Tagen selten Ruhe herrscht. Immerhin gab es heute noch keine aktuellen Nachrichten. Dagobert Kohlmeyer war zu Anfang des Wettkampfes in Elista und hat es dann geschafft, über Wolgograd und Moskau zurück nach Deutschland zu kommen. Noch bevor der Krieg neben den Brettern ausbrach, sprach er mit Silvio Danailov über die Gerüchte in der russischen Presse, Topalov sei ein Chip implantiert worden, was seinen Spielstärkezuwachs erkläre. Auch die Mutmaßungen über einen vermeintlichen Hellseher konnte Danailov zu jener Zeit noch humorvoll kommentieren. Mehr...

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Krieg und Frieden in City Chess
Von Dagobert Kohlmeyer


Eingang nach Chess City

City Chess ist ein Vorort von Elista, der eigens für die Schacholympiade 1998 errichtet wurde. Den Mittelpunkt bildet der große Schachpalast, in dem sich im Herbst vor acht Jahren die gesamte Schachwelt traf.


Chess Palace


Ein Bauer aus Stein

Topalow war seinerzeit dabei, Kramnik nicht. Trotzdem wurden die Russen Olympiasieger. Bei den Frauen triumphierte China.

Heute werden die Häuser in City Chess vielfältig genutzt. In einer Seitenstraße finden wir das FIDE-Büro, in dem mehrmals im Jahr die ELO-Zahlen errechnet werden. Oben in der ersten Etage sitzt Webmaster Casto Abundo.


Helferinnen

Das „Faktotum“ des Weltverbandes arbeitet seit einem Vierteljahrhundert für die FIDE. Der Philippino ist seit Campomanes’ Zeiten dabei. In Elista hat er sein Glück gefunden: „Ich bin seit sechs Jahren mit einer Kalmückin verheiratet, Nachwuchs haben wir auch. „Ich gehe hier nicht mehr weg“, sagt er bei unserem Besuch.


Casto Abundo

Wir frühstücken täglich im Restaurant des Schachpalasts. Schiedsrichter Geurt Gijssen sitzt an unserem Tisch und hat beste Laune. Er war in Elista schon vor zehn Jahren WM-Referee bei Karpow und Kamsky sowie Hauptschiedsrichter bei der Olympiade. Iljumschinow setzt den erfahrenen Holländer gern zu Hause bei seinen Events ein und ist sich dessen Loyalität sicher.


Geurt Gijssen und gute Fee

Gijssen war lange vor den Delegationen der beiden Spieler vor Ort und hat sich, um die Mentalität der Leute wissend, um jedes Detail gekümmert. Es war auch nötig. Bis zur vierten Partie ahnt der 72-jährige Mann aus Nijmegen allerdings nicht, was in den folgenden Wettkampftagen an ungeahntem Stress auf ihn zukommt.

Die Villen, in den die Teams der Spieler wohnen, sind für Normalsterbliche eigentlich unzugänglich. Vier bis sechs Wachleute stehen ständig vor den Häusern von Kramnik und Topalow, ein Eindringen ist schier unmöglich. Aber wenn man hartnäckig genug ist und dazu noch Reporterglück hat, geschieht manchmal ein Wunder. Visavis vom Schachpalast steht Topalows Villa. Deutlich zu erkennen an der dort wehenden bulgarischen Flagge.

Mit meinem Moskauer Kollegen Jewgeni Gik können wir eines Vormittags vor der Partie in die Residenz des FIDE-Champions eindringen. Zwei Hostessen des Organisationsteams erleichterten uns die Sache. Wir gehen ihnen einfach hinterher, so dass die einfach gestrickten Security-Boys aus Kalmückien denken, wir gehören dazu.



Im Foyer sitzen Topalow, seine Sekundanten Ivan Cheparinow und Alexander Onischuk. Francisco Vallejo ist nicht zu sehen. Weselin selbst will nichts sagen, bittet auch darum, keine Fotos zu machen. Aber sein Manager empfängt uns fröhlich. Wir steigen eine Treppe hinauf in einen gemütlichen Salon.


Danailov mit Hostessen

Jedes Team hat neben dem Manager und den Sekundanten, einen Physiotherapeuten und einen Koch. Topalow brachte nach Elista auch noch einen Hellseher mit. So wurde es jedenfalls vorher in die Welt gesetzt. Offiziell gehört dieser nicht zum Team, doch physisch existiert er, erfahren wir von Silvio Danailow. Einige Minuten scherzen wir, das Gespräch dreht sich um Wahrsagen, Betrügen und andere dubiose Dinge. Der Fragesteller ahnt nicht im Entferntesten, dass nach dem ersten Matchdrittel aus dem Scherz bitterer Ernst wird.

Wie ist der Name des Hellsehers, Silvio?

„Er heißt Sergej und weiß übrigens das Ergebnis des WM-Matchs schon.

Und, wie geht das Duell aus?

Lasst euch überraschen.

Ihr habt euch viele Vorwürfe anhören müssen, dass bei der WM in San Luis während der Partien betrogen wurde. Was ist an der Geschichte dran?

Natürlich nichts.

Komm schon. Unsere Leser interessiert vor allem, wie der Mikrochip in Weselins Kopf eingepflanzt wurde?

Auf brutale Weise. Wir bohrten mit der Maschine ein Loch in seine Stirn.

Zeig mal, wo!

Hier oben über den Augen.


Team Topalov

Und dann?

Setzten wir den Mikrochip ein und klebten das Loch wieder zu.

Hm. Wo versteckt ihr denn hier euren Hellseher?

Ihr seid gerade an ihm vorbeigegangen, grinste Danailow.

(Ich drehte mich um. Niemand zu sehen.)

Das ist ein virtueller Hellseher, darum habt ihr ihn nicht bemerkt.“

Wir wollten nicht wieder auf die Straße gehen, ohne wenigstens eines der Geheimnisse Topalows wirklich gelüftet zu haben. Wichtiger ist es allerdings, dass dies Kramnik am Brett gelingt, dachte ich. Nachdem wir genug gescherzt hatten, kamen wir doch noch zur Sache.

Wie war die Präparation auf das WM-Duell?

Wir haben in der Vorbereitung alles getan und wollen gewinnen. Weselin kämpft in jeder Partie um den Sieg. Kramnik ist anders gestrickt. Er gibt sich auch mit Remis zufrieden, wenn die Stellung noch nicht ausgekämpft ist. Das wollen wir nutzen. Weselins große Stärke ist der Kampfgeist.

Ist damit auch der merkwürdige Turnierverlauf in Sofia zu erklären?

Ja. Alle fragten sich, wie kam sein gewaltiger Endspurt zustande? Ganz einfach. Durch kämpferisches Schach und Energie bis zuletzt. Die anderen haben hingegen alle nachgelassen.

Ponomarjow zum Beispiel stand gegen Topalow glatt auf Gewinn.

Ja. Er konnte einzügig gegen Vesko gewinnen, und hat es nicht geschafft. Auch die anderen hatten am Ende keine Power mehr. Das ist alles. 

Gegen Wladimir Kramnik wird es hier viel schwerer. Der ist mit Sicherheit sehr gut vorbereitet und hat auch, wie immer vor großen Matches, an seiner Physis  gearbeitet.

An einem anderen Tag gehe ich zu Kramniks Villa, möchte dort mit Carsten Hensel einen Kaffee trinken. An der Hauswand hängt im Gegensatz zu Topalows Residenz keine Staatsflagge.

Ich brauche einige Minuten, um der Wache klarzumachen, dass ich verabredet bin. Bis in den Vorraum darf ich, dann muss ich warten.

Ein Uniformierter sucht lange, findet Carsten aber nicht. Stattdessen kommt Waleri Krylow heraus. Der legendäre Therapeut aus Moskau hat schon Karpow betreut und vor diesem viele Olympiasieger und Weltmeister in anderen Sportarten. Mit Wladimir Kramnik arbeitet der 64-Jährige nun auch schon mehr als zehn Jahre zusammen, machte ihn u.a. für die WM-Matches gegen Kasparow und Leko fit. „Bei aller Freundschaft, ich kann dich nicht hineinlassen. Die Jungs schlafen noch alle, waren gestern lange auf“ (es war der Morgen nach Kramniks zweiter Gewinnpartie).

Das Gespräch mit Carsten Hensel findet dann am Nachmittag im Pressezentrum statt. Schon vor Elista hatte mit der Dortmunder gesagt: „Das Match wird mehr als hart. In Elista wird es Krieg geben. Einen größeren als 1972 in Reykjavik zwischen Fischer und Spasski.“ Ich hielt das damals für übertrieben. Die nächsten Tage in Elista belehren uns alle eines Besseren. Carsten Hensel, der Silvio Danailow seit San Luis 2005 nicht mehr vertraut, hat die Lage nüchterner eingeschätzt. Die beiden Manager waren sich damals in Argentinien einig über einen attraktiven WM-Austragungsort in Mitteleuropa. Die WM-Börse stand, alles schien geregelt. Bis die Bulgaren einen Rückzieher machten, mit dem Hinweis, dass es nicht interessant sei, gegen Kramnik zu spielen. Was und wer steckte dahinter? Und wie kam es nach ein paar Monaten zum plötzlichen Sinneswandel Topalows, doch gegen Kramnik zu spielen, aber am Ende der Welt in Elista? Wir werden wohl im Moment nicht auf jede Frage eine schlüssige Antwort bekommen. Die Schachwelt war ja erst einmal froh, dass ein Vereinigungsmatch überhaupt stattfindet.

Was mit der schönen Eröffnungsfeier und den ersten Partien in Elista so großartig begann, wird nach einer knappen Woche zum Albtraum. Die Fakten sind bekannt,. nach Partie 4 beginnt der Psychokrieg außerhalb des Bretts. Danailows absurde Anschuldigungen in Richtung Kramnik sind auch auf dieser Website mehr als ausführlich dargestellt und kommentiert worden.

FIDE-Präsident Iljumschinow erfährt von der ernsten Krise bei einem Treffen mit Putin in Sotschi. Nach peinlichen Fragen des russischen Präsidenten, was da in seinem Elista bei der Schach-WM auf der Toilette vor sich gehe, eilt der Kalmücke schleunigst zurück und schlägt sein Lager direkt in City Chess auf. Dort wird tage- und nächtelang verhandelt. Wenn die Luft im Raum zu dick wird, geht man nach draußen und redet weiter. Iljumschinow will und muss das Match retten. Er übernachtet im olympischen Dort, um in jeder Minute bei den Kampfhähnen und ihren Verhandlungsführern sein zu können. Der Kreml pocht, wie man hört, auch darauf, dass es weitergeht.

Aus dem friedlichen City Chess ist ein Schauplatz der Auseinandersetzung geworden, wo von den Konfliktpartien sowie dem FIDE-Chef alle Register gezogen werden. Bitten und Drohungen, Psychologie und harte Worte, Zuckerbrot und Peitsche wechseln einander ab. Kramnik bekommt in allen Punkten Recht, nur die Null wegen seines Nichtantritts im fünften Spiel bleibt stehen. Iljumschinow soll sich in Lausanne über die juristischen Feinheiten erkundigt haben. Aber auch Kramniks Manager hat mit Reinhard Rauball aus Dortmund einen exzellenten Sportjuristen an seiner Seite. Ab Partie 6 jedenfalls spielt sein Mandant nur unter Vorbehalt und lässt sich die Möglichkeit offen, den Minuspunkt per Klage wieder loszuwerden.

Der weltweiten Unterstützung seiner Großmeisterkollegen kann sich Wladimir Kramnik sicher sein. Ich telefoniere während der heißen Phase, als der Abbruch des Matchs in der Luft hängt, mit Anatoli Karpow und frage nach seiner Meinung. Der Exweltmeister sagt: „Kramnik ist um einen Punkt betrogen worden. Ich hätte an seiner Stelle gar nicht weiter gespielt.“ Einige Tage später stimmt gar Karpows Erzfeind Kortschnoi ihm zu und sagt dasselbe. Karpow verweist darauf, dass man bei der Auswahl des Appellationskomitees Sorgfalt walten lassen muss: „Früher wurden von der FIDE fünf Namen genannt, und die Spieler konnten dann drei Personen ihres Vertrauens auswählen. Es gab dabei nicht immer Übereinstimmungen. Aber man bildete eine Rangfolge, und wer die meisten Punkte bekam, wurde Mitglied der Jury“.

Was nicht nur den Berichterstatter, sondern viele Beobachter stutzig macht, ist die Tatsache, dass Makropoulos trotz Amtsenthebung als Mitglied des AC weiter in Elista als FIDE-Beobachter bleiben darf. Auch Jorge Vega, der Kontinentalpräsident Amerikas, waltet weiter seines Amtes.


Jorge Vega

Und vom neu hinzugezogenen Bors Kutin weiß man, wie gewogen er Iljumschinow ist. Vor Turin betrieb der ECU-Präsident trotz anderer Haltung seiner Organisation (die war für Bessel Kok)  Wahlpropaganda für den kalmückischen FIDE-Chef. Nibelungentreue wird eben auch heute noch belohnt.

Mit einem weiteren Störmanöver (Fritz-Statistik von Kramniks Zügen) macht sich der Topalow-Manager vor ein paar Tagen in der Schachwelt vollends unmöglich. Die Kommentare in den Zeitungen und der Schachpresse sind entsprechend. Interessant wird sein, wie die großen Schachveranstalter in Wijk aan Zee, Linares usw. künftig zu Danailow stehen werden, der vom Grand Slam des königlichen Spiels träumt, aber nur die Städte einbinden will, die genügend Kohle für die großen Stars hinlegen. Dortmund würde nach Danailows Rechnung nicht dazugehören, womit sich der Kreis zu Carsten Hensel wieder schließt. Die beiden werden in diesem Leben mit Sicherheit keine Freunde mehr.

Die Sticheleien der bulgarischen Seite gehen weiter. Ist Bobby Fischer mit seinem kapriziösen Verhalten ihr Vorbild? Seit einigen Partien erscheint Topalow in Elista erst nach Kramnik zur Pressekonferenz. In einem Interview mit der Sofioter Zeitung „Trud“ vom Samstag lässt der Bulgare wenig Gutes an seinem Gegner und wärmt die Toilettenstory noch mal auf. Darüber hinaus wirft er ChessBase News eine einseitige Berichterstattung klar zugunsten von Kramnik vor.

Trotz alledem bleibt die Weltmeisterschaft Gott sei Dank bis zum Schluss spannend. Nach Weselin Topalows Doppelschlag in Partie 8 und 9 hat sich Wladimir Kramnik nun wieder gefangen und im zehnten Spiel eindrucksvoll zurückgelangt. Ob ihm sein vorheriger Besuch im Buddha-Tempel von Elista etwa geholfen hat? Psychologisch scheint der Moskauer jetzt im Vorteil zu sein. Die Spannung wird bis zum Donnerstag jedenfalls noch weiter steigen. Denkbar sind jetzt vor allem zwei Szenarien: Nach 12 Partien gibt es ein 6:6 und Tiebreak. Oder die Geschichte von Brissago wiederholt sich, Kramnik gewinnt wie damals gegen Leko die letzte Partie mit Weiß und bleibt Weltmeister! Vielleicht kommt alles auch ganz anders…

 

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 

 

 

 



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