Kasimdzhanov: Top Choice: French Defence - eine Rezension

von Christian Hoethe
25.05.2022 – Rustam Kasimdzhanov gilt weltweit als einer der führenden Eröffnungsexperten und arbeitete mit seinen Kenntnissen als Sekundant für Anand, Caruana oder die deutsche Nationalmannschaft. In seinem neuen Fritztrainer zur Französischen Verteidigung gibt er sein Wissen weiter. Christian Höthe hat sich den Kurs angesehen und meint "Französisch ist eine wundervolle Eröffnung, besonders mit diesem Fritztrainer!"

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Rezension Kasimdzhanov, "Top Choice Repertoire" French 1 + 2

Großmeister Kasimdzhanov,ist mit zwei FritzTrainern zum Franzosen zurück und beginnt damit eine neue Serie mit dem Namen "Top Choice Repertoire".

Top Choice Repertoire: Play the French Defence Vol.1 & 2

In diesem zweibändigen Videokurs zeigt Ihnen der ehemalige Weltmeister und Startrainer Rustam Kasimdzhanov, was es mit dieser äußerst komplexen Eröffnung auf sich hat.

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In dem vorliegenden zweibändigen Videokurs stellt Ihnen Ex-Weltmeister und Startrainer Rustam Kasimdzhanov ein vollständiges Französisch-Repertoire für die schwarzen Steine zusammen und lässt seine langjährige Erfahrung sowohl als Spitzenspieler als auch als Sekundant von Anand und Caruana Einfließen. 

In insgesamt fast elf Stunden Videolaufzeit – Band 1 läuft fünf, Band 2 fast sechs Stunden - stellt Kasimdzhanov gewohnt detailliert und fachkundig sein Repertoire vor. Ich war sehr gespannt zu sehen, für welche Empfehlungen sich Kasimdzhanov ausgesprochen hat, gab es in der jüngeren als auch älteren Vergangenheit doch eine Vielzahl wirklich guter Französisch-Repertoires, allein aus der Feder von ChessBase die wirklich lohnenswerten von IM Berger und den GMs King, Pähtz und Pert. 

Natürlich glänzt Kasimdzhanov durch eine Vielzahl frischer kreativer Ideen, die, wenn überhaupt, nur wenig Überlappung zu den oben genannten Vorgängerwerken beinhalten. 

Schauen wir direkt in den Inhalt des ersten Bandes und das Herzstück, nämlich der Frage, was empfiehlt Kasimdzhanov gegen 3. Sc3?

Die Wahl des Ex-Weltmeisters fiel dabei auf 1. e4 e6, 2. d4 d5, 3. Sc3 Sf6. Dieses sogenannte klassische System verzeichnete in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Popularitätsschub und lief dem Winawer-Zug 3. ...Lb4, der einzig Thema von Perts FRITZTRAINER ist, deutlich den Rang ab. 

Anhand dreier Musterpartien von Morozevich, des frisch gebackenen Europameisters Matthias Blübaum und des langjährigen Französisch-Connaisseurs Georg Meier vermittelt Kasimdzhanov erstes Französisch-Flair und zeigt eindrucksvoll das Konter-Potential der französischen Verteidigung - oder sollte man sie eher als Gegenangriff bezeichnen? Danach möchte man sich fast in die sich anschließenden Theoriekapitel stürzen, die ich hier kurz zusammengefasst grob umreißen möchte: 

Der erste Part befasst sich gewohnt intensiv mit dem Zug 4. e4 Nfd7 5.Nce2!? und im Weiteren der Variante mit 5. ... c5 6.c3 Nc6 mit und ohne f4. Anschließend kommen wir zum Herzstück der Variante, die durch die Bauernraubvariante 4.e5 Nfd7 5.f4 c5 6.Nf3 Nc6 7.Be3 cxd4 8.Nxd4 Qb6!? gekennzeichnet ist. Diese Variante birgt ein gewisses Risiko sowohl für Weiss als auch für Schwarz und ist daher die ideale Wahl für ein scharfes Spiel auf Sieg. 

Kasimdzhanov ist sich dessen natürlich bewusst und betrachtet vorab vor allem die Züge 9. a3 und 9. Sb5, die Weiss in meiner Big Database jeweils über 60 Prozent und damit mehr als die Hauptvariante mit 9. Dd2 versprechen. Auf dem Weg zur Hauptvariante werden wiederholt mögliche Alternativen teils in beträchtlicher Tiefe diskutiert, ehe wir final in dieser Stellung landen: 4.e5 Nfd7 5.f4 c5 6.Nf3 Nc6 7.Be3 cxd4 8.Nxd4 Qb6 9.Qd2 Qxb2 10.Rb1 Qa3 11.Bb5 Nxd4 12.Bxd4 a6 13.Bxd7 Bxd7 14.Rb3 Qe7 15.Rxb7 und an dieser Stelle werden sogleich 15. ...Rc8, 15....Qd8 und 15. ...Qh4 thematisiert

Die Erläuterungen des Ex-Weltmeisters in dieser komplex-scharfen Variante sind präzise und verständlich, setzen meiner Meinung nach jedoch schon eine Spielstärke von mindestens 1850 DWZ voraus. 

Noch interessanter für mich war der Part, der sich mit der Fortsetzung 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nc3 Nf6 4.Bg5 befasst, der - vermutlich aus Gründen der Schachmode - heute deutlich seltener als 4. e5 anzutreffen ist. 

Kasimdzhanov überraschte mich überaus positiv, indem er sich für die heute wieder seltenere Variante mit 4...dxe4 5.Nxe4 Be7!? entschied - IM Steve Bergers FritzTrainer beschäftigte sich an dieser Stelle mit dem meiner Meinung nach unterschätzten 5. ...Sbd7, so dass es auch hier zu keinerlei Überschneidungen kommt. 

In der Hauptvariante nach 6.Bxf6 fiel Kasimdzhanovs Wahl dann auf das früher von Morozevich bevorzugte 6. ....gxf6!?, mit dem sich Schwarz das Läuferpaar und die halboffene g-Linie sichert und zweifellos auch seine Siegesambitionen signalisiert. Wie Schwarz die entstehenden Strukturen behandeln sollte, wird sehr gut nachvollziehbar vorgetragen und detailliert erklärt. 

Besonders erwähnenswert: wem die nach 4. ...dxe4 5. Nxe4 Be7 entstehenden Stellungen zu theorielastig oder komplex sind, der bekommt von Kasimdzhanov eine überaus interessante, aber theoriearme Alternative in Form des überraschenden 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nc3 Nf6 4.Bg5 h6!? geboten. Diese Variante, die ich erstmals in Band 4 der Reihe "Secrets of opening surprises" von Jeroen Bosch in einem 2006er Artikel mit dem Namen "Alekhine´s blunder" von Igor Glek und Elena Sedina gesehen habe, faszinierte mich schon damals. Ich habe die Variante in diversen Blitzpartien und mit recht guten Erfolgen gespielt und war begeistert zu sehen, dass selbst GM Blübaum diese Variante zumindest achtmal spielte, einmal um den starken GM Demchenko zu besiegen. Dieses Abspiel hat  Kasimdzhanov mit eigenen und Engine-Analysen feinpoliert.

Wie ersichtlich, gibt es besonders in den Hauptvarianten kaum Überschneidungen zu IM Steve Bergers inspirierenden Französisch-Kurs bei ChessBase, der somit eine ideale Ergänzung zu den  Kasimdzhanovs Werk darstellen.

Natürlich "vergisst" Kasimdzhanov an dieser Stelle auch nicht eher seltene Abspiele wie 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nc3 Nf6 4.exd5 exd5 oder 4.Bd3 c5!.

Der zweite Band beschäftigt sich mit allen übrigen Varianten, hier stehen natürlich besonders die Tarrasch-Variante nach 3. Sd2 und die Vorstoßvariante mit 3. e5 im Vordergrund. 

Die Vorstoßvarrante möchte Kasimdzhanov mit  dem klassischen 1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 Nc6 5.Nf3 Qb6 begegnen - den Euwe-Zug 5. ...Bd7 finden wir hingegen wieder bei IM Berger.  Kasimdzhanov konzentriert seine Aufmerksamkeit dabei nach 5. ...Qb6 auf die folgenden Fortsetzungen: 6.Na3 Bd7, 6.Bd3 cxd4 7.0-0 Bd7 und 6.Bd3 cxd4 7.cxd4 Bd7.

Seine Entscheidung, den ebenso typischen wie unscheinbaren Zug 6.a3 mit Nh6! zu beantworten, hat mir besonders gefallen und stellt meiner Meinung nach deshalb eine hervorragende Wahl dar. 

Dieser Rösselsprung an den Rand des Brettes wurde zuerst Ende der 80er Jahre von Moskalenko, Velimirovic, Dokhoian und Barsov gespielt, besonders populär wurde er jedoch erst durch John Watsons "Play the French - 4th edition". Seine Qualität wird dadurch bestätigt, dass er heute besonders von Nakamura, Vitiugov, Bareev, Howell, Shirov, Meier und Ponomariov gewählt wird. 

Im Detail werden dann die Varianten 6.a3 Nh6 7.b4 cxd4 8.Bxh6 gxh6 9.cxd4 Bd7 10.Ra2

6.a3 Nh6 7.b4 cxd4 8.cxd4, 6.a3 Nh6 7.Bd3, 6.Be2 cxd4 7.cxd4 Nh6 behandelt, in denen Kasimdzhanov für Schwarz immer wieder gutes Gegenspiel nachweist. 

Auch in der Tarrasch-Variante wartete  Kasimdzhanov mit einer Überraschung auf!

Seine Entscheidung für das frei nach Moskalenko "skandinavische System" nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nd2 c5 4.exd5 Qxd5 traf einmal mehr genau meinen Geschmack, allerdings stellte die Wahl der Variante 5.Ngf3 cxd4 6.Bc4 Qd6 7.0-0 Nf6 8.Nb3 Nc6 9.Nbxd4 Nxd4 10.Nxd4 Be7!? für mich eine absolute Überraschung dar, lauteten die mir bekannten Standardzüge an dieser Stelle doch üblicherweise 10. ....a6 oder gar 10. ...Ld7.  

Eine kurze Überprüfung der Variante ergab, dass 10. ...Le7 bereits von Pietzsch, Uhlmann, Petrosian, Vaganian, Mestel und sogar Spassky in den 70er bis 80er Jahren angewandt wurde. Zu seinen heutigen Praktikern zählen beispielsweise MVL, Nakamura, Ding, Blübaum, Andreikin, und Salem - besser geht es kaum!  Frühe Abweichungen im Tarrasch-Franzosen wie 4.Ngf3 cxd4 5.Nxd4 Nf6  finden sich im abschließenden Kapitel dieser Variante. 

Die berüchtigte Abtauschvariante 1.e4 e6 2.d4 d5 3.exd5 schließt sich diesem an und beinhaltet unter anderem die Abspiele 4.Nf3 Nf6 5.Bd3 Bd6 6.Qe2 Be6 7.c4/Ng5 und 6.0-0 0-0 7.Bg5 Bg4. 

Hier findet sich auf Input zu solch Nebenvarianten wie 2. b3, 2. Sc3, 2. f4 oder den königsindischen Angriff. Wenn ich richtig geguckt habe, findet sich hier auch die einzige Auslassung, indem Kasimdzhanov die Fortsetzung 2. Sf3 d5, 3. e5 ggf. mit 3. ...c5, 4. b4!? auslässt. Es wäre spannend gewesen zu sehen, welches Abspiel er hier dem Schwarzen an die Hand zu geben gedachte. 

Mich hat immer wieder Kasimdzhanovs Gewissenhaftigkeit beeindruckt. Der zum ChessBase-Standard zählende interaktive Trainingstest inklusive Video-Feedback rundet den Kurs ab, ebenso das Training mittels ChessBase-Apps sowie das konkrete Testen des Eröffnungsrepertoires.

Fazit: "Französisch ist eine wundervolle Eröffnung" sagte einmal "Play the French"-Papst und IM John Watson. Und wer wäre ich, dem nach Erscheinen dieser beiden beeindruckenden FritzTrainer von Kasimdzhanov zu widersprechen? 

Top Choice Repertoire: Play the French Defence Vol.1 & 2

In diesem zweibändigen Videokurs zeigt Ihnen der ehemalige Weltmeister und Startrainer Rustam Kasimdzhanov, was es mit dieser äußerst komplexen Eröffnung auf sich hat.

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Christian Hoethe ist Jahrgang 1975, Vater zweier Töchter und eines Sohnes, wohnt in Braunschweig und erlernte die Gangart der Figuren relativ spät mit 13 von seinem Vater. Ein Jahr später spielte in der Schach-AG seines damaligen Erdkundelehrers, mit dem er auch heute noch ab und zu eine Partie spielt. Mit 15 landete er Dank seines Mathe-Nachhilfelehrers (!) endlich in einem Verein. Er brachte es zu seinen besten Zeiten auf eine Elo-Zahl von 2247 und spielt für den Schachverein Gifhorn, wo er auch einmal im Monat Training gibt.
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