Lajos Portisch zum 75sten

04.04.2012 – Lajos Portisch war mehrfacher WM-Kandidat - er spielte nicht weniger als acht Kandidatenkämpfen zwischen 1965 bis 1989 - und gehörte in den 70er und 80er Jahren zur absoluten Weltspitze. Der Statistiker Jeff Sonas führt ihn auf seiner - in letzter Zeit leider nicht mehr aktualisieren - historischen Weltrangliste als Nummer 46. Gelernt hat der Ungar das Schachspiel erst spät, im Alter von 12 Jahren. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er heute immer noch viel Spaß daran habe, glaubt Portisch. Neben dem Schach gilt seine Liebe der Musik. Mit seinem Gesang erfreute er zuletzt die Gäste des Uhlmann-Jubiläums-Turniers. Heute feiert Lajos Portisch seinen 75sten Geburtstag und berichtet im Gespräch mit Dagobert Kohlmeyer von seiner Freundschaft mit Bobby Fischer, den er noch 1994 in Budapest regelmäßig traf. Mehr...

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Hommage an Lajos Portisch zum 75. Geburtstag
Von Dagobert Kohlmeyer


Und wieder wird heute ein Weltklasse-Schachspieler 75 Jahre alt. "Willkommen im Klub!" kann Boris Spasski (geboren am 30. Januar 1937) zu Lajos Portisch, dem sympathischen Magyaren, sagen, der am 4. April 1937 in Zalaergerszeg an der ungarisch-österreichischen Grenze, etwa 230 km von Budapest entfernt, das Licht der Welt erblickte.

Portisch begann relativ spät mit dem Schach, machte mit 12 Jahren seine ersten Züge. Rückblickend meint der Jubilar: "Man sagt zwar, das ist zu spät, um erfolgreich zu sein. Aber vielleicht war es gar nicht so schlecht. Ich kann heute noch immer stark spielen, habe noch viel Energie."

Allerdings hätte im Jahre 1956 ein Ereignis die Schachlaufbahn von Portisch beinahe verhindert. In den Tagen des ungarischen Aufstandes - Lajos lebte gerade ein Jahr als Student in Budapest - beschäftigte er sich intensiv mit Capablancas Partien. Als er einmal auf die Straße ging, lief er fast ins Feuer eines russischen Panzers. Um ein Haar hätte Portisch, so erinnert er sich noch genau, eine Kugel abbekommen. Aber die Salve traf ihn glücklicherweise nicht.    

Portisch trat in die Fußstapfen solcher ungarischen Schachgrößen wie Maroczy und Szabo, er machte schnell Karriere: 1956 gewann er in Budapest sein erstes internationales Turnier, 1957 wurde er zum ersten Mal Landesmeister Ungarns. Seit 1961 trägt Lajos Portisch den Großmeistertitel. Er war häufig WM-Kandidat und bestritt von 1965 bis 1989 insgesamt acht Kandidatenkämpfe.

Portisch hat in Ungarn im Jahre 2004 die höchste sportliche Auszeichnung erhalten, er ist Sportler der Nation geworden.

Neben dem Schach gilt Lajos‘ ganze Liebe der Musik. Er singt ausgezeichnet, was er bei speziellen Konzerten und Auftritten am Rande von Schachveranstaltungen gern unter Beweis stellt. Dagobert Kohlmeyer hat Portisch vor kurzem beim Uhlmann-77-Turnier in Dresden getroffen und ihn anlässlich seines Jubiläums interviewt.

Nach dem Event im Ramada Hotel war noch etwas Zeit bis zum Gala Dinner am Abend. Wir fuhren gemeinsam im Auto und waren etwa eine halbe Stunde vor Beginn im Lokal, weil Lajos noch mit einem Pianisten ein paar klassische Lieder einüben wollte, um Wolfgang Uhlmann dann ein Ständchen zu bringen. So konnte ich ihm meine Fragen stellen:

Lajos, bald hast auch du einen Ehrentag. Was ist dazu geplant?

Ich bekomme so ein ähnliches Turnier wie Wolfgang Uhlmann geschenkt. Es findet bei mir zu Hause in Budapest statt. Dort sollen mein Landsmann Istvan Csom, Ljubomir Ljubojevic und Vlastimil Hort mit mir spielen. Noch weiß ich nicht genau, ob Hort kommen kann, aber ich hoffe, dass es klappt.“

Du wirst gern der ungarische Botwinnik genannt. Gefällt dir dieser Vergleich?

Er ist etwas übertrieben. Schon aus dem Grunde, weil ich nicht so viel Erfolg hatte und nie ein so harter Arbeiter gewesen bin wie der sechste Weltmeister. Botwinnik spielte immer sehr exakt und konzentriert. Das meinte übrigens auch Bobby Fischer von ihm.

Dennoch sagt der Vergleich viel über die Wertschätzung aus, die du genießt.

Das klingt natürlich angenehm. Aber so vielseitig wie die ganz Großen war ich nie. Ich sehe mich eher als praktischen Schachspieler. Zum Beispiel analysiere ich nie Eröffnungen, die ich nicht spiele. Manche Schachmeister wollen alles erforschen, ich nicht. 

Einer, der etliche Jahre in Budapest wohnte oder besser gesagt untertauchte, war Bobby Fischer. Du hast lange über eure Begegnungen geschwiegen, aber jetzt brauchst du es doch nicht mehr.

So ist es. Bobby war introvertiert, und er fühlte sich immer verfolgt. Deshalb verlangte er von allen Bekannten absolute Geheimhaltung über die Treffen mit ihm.

Heute kann Fischer sich nicht mehr beklagen. Wie war er wirklich?

Am Brett war Bobby stets korrekt. Er hat sich in Turnieren uns Spielern gegenüber wie ein Gentleman verhalten. Im Leben wirkte sein Benehmen mitunter recht seltsam. Vor allem dann, wenn Leute politisch anders dachten als er, gab es Konflikte. Fischer hatte viele fixe Ideen. Wenn er eine Meinung hatte, vertrat er sie so vehement, dass er keine andere zuließ.

Erzählst du bitte nochmal die hübsche Goulasch-Geschichte?

Sie hat sich tatsächlich zugetragen. Meine erste Frau, die vor zehn Jahren gestorben ist, war eine gute Köchin. Sie servierte Bobby bei seinen Besuchen immer ein reichhaltiges Essen. Bobby aß nur einmal am Tag, dann aber sehr viel. Manchmal verdrückte er ein ganzes Kilo Goulasch!

Das ist in der Tat eine Menge.

Eines Abends analysierten wir vor dem Essen ein kompliziertes Abspiel, das wir nicht lösen konnten. Dann aßen wir, und als wir fertig waren, sagte Bobby: "Lajos, gib mir fünf Minuten zum Ausruhen." Er legte sich auf das Sofa im Wohnzimmer, während ich mich ans Schachbrett setzte und nachdachte.

Klar, dass er sehr müde war.

Nach wenigen Minuten sprang Fischer auf und machte sofort einen unglaublich starken Zug. Vielleicht hatte er auf dem Sofa blind weiter analysiert, aber das glaube ich nicht. Er war eben immer noch sehr stark. Das war etwa 1994.

Die Story ist richtig gut. Warum hat Bobby dann später Ungarn verlassen?

Gute Frage. Ich weiß nur, dass er Probleme mit der Vermarktung seiner Uhr hatte. Vielleicht ging er deshalb nach Japan, weil er hoffte, in Asien eine bessere Unterstützung zu bekommen.

Die ganze Schachwelt spielt heute mit dieser elektronischen Uhr, doch Fischer hatte nichts von seiner Erfindung.

Das ist eine schrecklich ungerechte Sache.

Warum hat er das Patent denn nicht angemeldet?

Weil er ein Kindskopf war, immer sehr skeptisch und überhaupt kein Geschäftsmann. Ich sagte ihm: „Du musst deine Erfindung registrieren lassen!“, aber er wollte die Uhr immer noch feiner machen. Weil er nie zufrieden mit ihr war.

Was war Bobby Fischers stärkster Charakterzug?

Schwer zu sagen. Seine beste Qualität ist wohl gewesen, dass er als Schachspieler ein wirklicher Kämpfer war.

Im Leben kam er  weniger gut zurecht.

Vor allem mit der Damenwelt wusste er nicht viel anzufangen. Meinen Ratschlag, dass man einer Frau zum Rendezvous Blumen mitbringt, hat er jedenfalls nicht verstanden und in den Wind geschlagen. 

Eine andere Frage: Stimmt es, dass du ein sehr gläubiger Mensch bist, wie ich kürzlich hörte?

Ja, natürlich, ich bin so erzogen worden. Meinen Glauben habe ich immer ausgeübt, auch als Ungarn noch sozialistisch war. Und ich bin nicht nur zu Hause in die Kirche gegangen. Auch bei Turnieren im Ausland habe ich, wenn es möglich war, den Gottesdienst besucht.

Wo zum Beispiel?

In Wijk aan Zee, wo ich häufig gespielt habe. Dort gibt es eine ganz kleine Kirche, die von Protestanten und Katholiken genutzt wird. So etwas kannte ich vorher nicht. Einmal traf ich in dieser Kirche auch Großmeister Henrique Mecking. Wir beide staunten nicht schlecht.  

Lajos, danke für das Gespräch. Was möchtest du nachher für Wolfgang Uhlmann singen?

Unter anderen ein berühmtes Lied von Schumann, wo französische Grenadiere vorkommen. Ich nenne es heute Wolfgang zuliebe „Die Französische Verteidigung in der Musik.“



P.S.: Der Pianist im Restaurant „Classico Italiano“ an der Frauenkirche konnte aber die Noten des Schumann-Liedes ohne intensives Üben nicht einfach vom Blatt spielen, so dass Lajos sein Repertoire total ändern musste. Unter anderem sang er an diesem Abend aus dem Gedächtnis „Santa Lucia“ auf Italienisch, wohl wissend, dass nicht nur die Kellner, sondern auch Robert Hübner diese Sprache sehr gut verstehen würden. Es war ein Erfolg!

 

Zwei feine Partien des Jubilars:

Portisch – Tal
Französisch C05
Oberhausen 1961
 

 

Larsen – Portisch
Siegen 1970
Larsen-Eröffnung A01

 
                                                                                                               

 

Wie der Webseite des ungarischen Schachverbandes www.chess.hu heute zu entnehmen ist, ist Lajos Portisch Im Begriff, sein Turnier in Budapest zu gewinnen:

1.Portisch 2,0
2.-3.Ljubojevic, Hort je 1,5
4.Csom 1,0

 

Zum Ungarisch lernen.

Eredmények:
1. forduló:
Ljubomir Ljubojevic (szerb)-Portisch Lajos 0-1
Csom István-Vlastimil Hort (német) 0-1

 

2. forduló:
Hort-Ljubojevic 0-1
Csom-Portisch döntetlen

 

3. forduló:
Ljubojevic-Csom döntetlen
Portisch-Hort döntetlen

 

Az állás: Portisch 2 pont, Ljubojevic, Hort 1,5-1,5, Csom 1


 

 

 



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