Lange Tradition: Die Schachkolumne

von Martin Schaffeld
21.05.2017 – Die erste regelmäßige Schachkolumne erschien 1813 im Liverpool Mercury. Seitdem wird diese Tradition von Tageszeitungen, die auf sich halten, gewahrt - auch in Deutschland: Seit rund 35 Jahren gibt es Helmut Pflegers Schachspalte in der „Zeit". Aber auch Stefan Kindermann, Martin Breutigam & und einige andere schreiben Woche für Woche in Zeitungen und Magazinen über das königliche Spiel. (Foto: Age of Chess) Martin Schaffeld weiß...

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Seine Schachspalte im Zeit-Magazin ist sicherlich der deutsche „Dino“: Schon seit rund 35 Jahren gibt es Helmut Pflegers Schachspalte in der "Zeit". Der Mediziner und TV-Experte schreibt aber auch jede Woche in der Welt am Sonntag – meist eine Partieanalyse von einem bemerkenswerten Großmeister-Schlagabtausch. Berühmt sind dabei seine pointierten Anekdoten aus den vielen Begegnungen mit den originellen und schrulligen Genies in Schwarz-Weiß – als Journalist, aber auch als Aktiver in den 70er- und 80er-Jahren. Zeit-Redakteur Wolfram Runkel sprach Pfleger 1981 an, ob er die wöchentliche Spalte samt Aufgabenstellung (& spätere Auflösung) machen könne.

„Ich versuche sie dabei nicht nur rein schachlich, sondern etwas feuilletonistisch zu machen“, erklärte Pfleger seinen Ansatz. „Ich möchte eine Geschichte schreiben, mit allgemeinen oder philosophischen Erwägungen. Oder Anekdoten. Und ich versuche dabei selbstverständlich, den schachlichen Inhalt nicht aus dem Auge zu verlieren. Manchmal kann ich eine schwierige Aufgabenstellung nicht vermeiden: Eine gute Geschichte ist mir wichtiger als die Auswahl einer leichten Aufgabe.“

Schachsplate im Zeit Magazin

Pflegers GM-Kollege Stefan Kindermann thematisiert das weltbekannte Spiel seit 30 Jahren in der Süddeutschen Zeitung – zunächst jeweils mittwochs, dann übernahm vor zehn Jahren nach dessen Tod auch Wolfgang Unzickers Samstags-Kolumne. Kindermann ist Geschäftsführer der Münchner Schachakademie und Mitbegründer der Münchner Schachstiftung, die benachteiligte Kinder fördert. Als Schachprofi war Kindermann neunmaliger deutscher Mannschaftsmeister und hat an acht Schacholympiaden sowie einer WM teilgenommen.

Ebenso für die SZ schreibt Chessbase-Autor und IM Martin Breutigam, er hat aber vor allem eine feste Schachspalte in der Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegels. Breutigams Perlen aus dem Spitzenschach sind bereits in zwei Büchern im Verlag Die Werkstatt erschienen: „Todesküsse am Brett“ sowie „Himmlische Züge“ sind ein absoluter Tipp für einen Lesegenuss – nicht nur an kalten Wintertagen. Sein Insiderwissen als Journalist im Spitzenschach mündete in hochspannenden Anekdoten – und jüngst auch in der lang ersehnten (übersetzten und aktualisierten) Weltmeister-Biographie-Sammlung im selben Verlag.

Martin Breutigams Kolumne

Breutigams Prognose für Kolumnenthemen fällt optimistisch aus: Tot sei Schach in der digitalen Computeranalse-Welt „keineswegs. Ganz im Gegenteil“, betont Breutigam. Von Spitzengroßmeistern „und ihrer außergewöhnlichen Gabe handeln die Geschichten dieses Lese- und Trainingsbuches – zusammengestellt aus meinen Kolumnen […] größtenteils im Tagesspiegel und im Bremer Weser-Kurier.“

Allein die deutschen Schachspalten sind wahrlich vielfältig: „Hack“ - das ist die wöchentliche Kolumne, die samstags in der Stuttgarter Zeitung erscheint. FIDE-Meister Harald Keilhack ist Autor und Herausgeber. Seit dem ersten April 1998 schreibt er die wöchentliche Schachspalte in Nachfolge von Theo Schuster. In jeder Ausgabe gibt es Neuigkeiten, Problemschach und kommentierte originelle Partien.

International betrachtet sticht aktuell ein Autor absolut heraus: Der englische GM und Journalist Raymond Keene verfasste seit 1985 seine Spalte sogar täglich (!) in der „Times“, ab März 1977 in „The Spectator“. Fans weltweit freuen sich auf ihren süchtig machenden Lesestoff auf 64 Feldern. Wie kam es zu so einer globalen Entwicklung?

Raymond Keene

Ursprung 1813 in England

Diese vielfältigen bekannten Kolumnen sind nur die Spitze des Eisbergs: Die Frühgeschichte der Schachkolumnen begann in England, wo am 9. Juli 1813 die weltweit erste periodische Zeitungs-Schachspalte in der 1811 gegründeten Liverpool Mercury erschien, schon damals mit Diagramm (!).

1828 druckt die Berliner Staffette die erste deutschsprachige Schachspalte. 1836 bis 1839 gibt La Bourdonnais mit Le Palamède die erste Schachzeitung der Welt heraus. 1837/38 folgt mit The Philidorian von George Walker die erste britische, 1846 die erste in den USA.

Eine Standardisierung der Diagramme begann sehr früh. 1842 wurden in der Le Palamède in den Diagrammen die Figuren durch Buchstaben symbolisiert. Noch im selben Jahr setzten sich die bis heute üblichen Symbole durch. Eine wichtige Bedeutung für die Verbreitung kam dabei der 1843 erschienenen Illustrierten Zeitung in Leipzig zu, wo der Pionier J. J. Weber, die Xylographie, also die Holzstich-Illustration einführte und als erste überregionale Zeitung regelmäßig Beiträge zu Schach brachte. Am 12. August 1943 erschien in ihr das erste Schachdiagramm in einer deutschen Zeitung, in Frankreich sogar schon wenige Monate zuvor in der L’Illustration, die von Anfang an eine Schachspalte mit Diagramm hatte.

Die erste Schach-Kolumne, die sich historisch nachhaltig etablierte, war die von George Walker in „Bells Life“ im Jahre 1834. Sie überdauerte die Jahrzehnte sogar bis 1873. Echte „Langzeit“-Konkurrenz bekam sie erst im Februar 1845 mit der regelmäßigen Schachrubrik von Howard Staunton, dem Namensgeber der bekannten Wettkampf-Figuren und damals bester Spieler der Welt. Stauntons Kolumne in der “Illustrated London News”, der ersten illustrierten Zeitung der Welt, überlebte ihren Autor nach dessen Tod sogar für fünf Jahre. Die Diagramme wurden nach einer Zeichnung von Setzern mit Hilfe einzelner vorgefertigter Figurensätze zusammengestellt. Staunton spielte schon 1845 eine Partie via Kabel, aber erst 1850 verbindet das erste Seekabel die britischen Insel mit dem Kontinent, was nicht nur die Berichterstattung, sondern auch die Ausrichtung von Schachevents begünstigte.

Entwicklung der Zeitungen selbst

Interessant ist in diesem Kontext auch die Entwicklung der Zeitungen selbst, die sich zunehmend Aktualität auf die Fahnen schrieben: Die Kommunikation veränderte sich binnen weniger Jahre rasant, etwa durch das aufkommende Postwesen mit den ersten Briefmarken - der One Penny Black 1840 in England und dem Schwarzen Einser 1849 in Deutschland - dem Ausbau der Eisenbahnnetze seit den 1840er-Jahren und der von Morse 1835 erfundenen Telegrafie, die sich seit 1840 als Informationsmittel durchsetzte.

 

Währenddessen gab es bereits eine weitere Schachspalte in der „Pictorial Times“ – von Februar 1845 bis Juni 1848. Zeitgleich erschienen auch die ersten deutschsprachigen Fachorgane mit der kurzlebigen Deutschen Schachzeitung (Leipzig) und der Schachzeitung (Berlin, 1846-1988). 1855 kommt die Wiener, 1857 die Schweizer Schachzeitung hinzu. Um 1860 gab es weltweit bereits mehrere hundert periodisch erscheinende Zeitungen und Magazine, die mehr oder weniger regelmäßig über Schach berichteten. Im Jahr 1882 erhob Henry Bird in seiner Untersuchung des Themas (“Chess History and Reminiscences”), dass es zu diesem Zeitpunkt bereits 150 verschiedene Kolumnen gab. Bereits rund eintausend (mehr oder weniger langlebige) Schachspalten weltweit waren es im Jahr 1913, wie H.J.R. Murray in seinem Dossier „A History of Chess“ empirisch dokumentiert.

Byrne mit Meilenstein in der NY Times

Beim Blick in die jüngere Vergangenheit begegnen einem weitere prominente Namen: Der berühmte US-Großmeister Robert Byrne schrieb regelmäßig für die New York Times – seine Ergüsse fanden sich in der weltbekannten Zeitung von 1972 bis 2006. GM Lubomir Kavaleks Kolumne in der Washington Post liefen von 1986-2010. Der Journalist Robert Huntington schrieb die Schachkolumne bei Associated Press von 1992 bis 2003. Seine Spalte wurde erst eingestellt als Reaktion auf die Spaltung der Schach-WM-Welt zwischen 1993 und 2006.

Der daran nicht unwesentlich beteiligte Engländer Nigel Short höchstpersönlich versuchte sich mit Wortwitz und britischem Humor ebenfalls erfolgreich an dieser Disziplin: Im „Sunday Telegraph“ fand sich seine Kolumne zwischen 1995-2005, und später für „The Guardian“ noch einmal bis 2006. Sein Landsmann (und GM) Jon Speelman führte diese Tradition im Guardian von 2005 bis 2008 weiter. GM Patrick Wolff war Co-Autor einer kurzfristigen Schachspalte im Boston Globe im Jahr 2012.

Zu schachhistorischen Themen sind in jüngster Vergangenheit einige bemerkenswerte Bücher auf den Markt gekommen. Eine gute Quelle für die Historie ist dabei das Werk „Schach in Zeitungen des 19. Jahrhunderts“, geschrieben von der Künstlerin Elke Rehder und erschienen in der Edition Jung. Verfasserin Rehder schrieb Autorenkollege Otto Borik zur Entstehung ihres Werks: "Ich besuchte den Grafiker Uwe Holstein in seinem Atelier. Dort entdeckte ich eine Vielzahl alter Zeitungen und Magazine in diversen Schränken. Die Zeitungen waren nicht zehn oder hundert Jahre alt; sie waren 140 bis 230 Jahre alt. Ich wollte kein rein wissenschaftliches Buch schreiben. Das Buch sollte für jeden an Kultur interessierten Schachspieler spannend und interessant sein." Und so sind die Kolumnen es auch.

 

Helmut Pflegers Zeit-Schachkolumne online...

Helmut Pflegers Kolumne im Ärzteblatt...

Eine schöne Sammlung mit Beispielen sehr alter Schachkolumnen gibt es hier:

Age of Chess...
 

 



Martin Schaffeld (Jahrgang 1971, verheiratet/zwei Töchter) lebt in Langenfeld bei Düsseldorf und arbeitet seit seinem Sportpublizistik-Studium als freier Journalist und Online-Redakteur.
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