Leuven: Wesley So gewinnt "Your Next Move"

von Klaus Besenthal
16.06.2018 – In der belgischen Stadt Leuven ist heute das "Your Next Move Rapid & Blitz" mit dem Sieg des Amerikaners Wesley So zu Ende gegangen. So hatte bereits vor zwei Tagen das Rapidturnier gewonnen, was ihn mit einem deutlichen Vorsprung in der Gesamtwertung in das doppelrundige Blitzturnier hatte gehen lassen. Dort schmolz seine Führung nach äußerst spannendem Verlauf dann zwischenzeitlich sogar auf null, bevor er in der letzten Runde doch noch von Patzern seiner ärgsten Konkurrenten Sergey Karjakin und Maxime Vachier-Lagrave profitieren und einen halben Punkt Vorsprung ins Ziel retten konnte. Das Turnier war zugleich die erste Station der diesjährigen Grand Chess Tour, die vom 20.6. bis 24.6. in Paris fortgesetzt wird. (Fotos: Lennart Ootes, Turnierseite)

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Wer sich mit dem Turnier in Leuven beschäftigt, stolpert dabei zwangsläufig über eine Reihe von Akronymen. Das "2018 YNM Leuven Rapid & Blitz" heißt im Langtext "Your Next Move" - "Dein nächster Zug", eine Marke, die sich inzwischen in der Welt des Schachs etabliert hat. Das Turnier ist der erste Teil der "GCT", der "Grand Chess Tour", die in wenigen Tagen in Paris weitergeht, bevor sie im August in Saint Louis mit dem "Sinquefield Cup" und dem "Saint Louis Rapid & Blitz" fortgesetzt wird. Zum Tourfinale kommt es dann im Dezember in der britischen Hauptstadt beim "London Chess Classic".

Der heutige Tag in Leuven begann um 12 Uhr mit der Runde "B10", also der zehnten von insgesamt achtzehn Runden des Blitzturniers. Die spannendste Frage (zumindest dürfte sie das aus der Sicht der Statistiker gewesen sein, die jedes große Sportereignis auf der Welt begleiten) dabei war wohl, ob Wesley So seine 1,5 Punkte Vorsprung, die er in der Gesamtwertung auf Sergey Karjakin und Levon Aronian hatte, würde halten können. Die Tabellenspitze hatte gestern Abend so ausgesehen: So 18 Punkte, Karjakin und Aronian je 16,5 Punkte. Auf Platz 4 hatte Maxime Vachier-Lagrave gelegen (15,5), auf Platz 5 Hikaru Nakamura (15). Die fünf Spieler auf den weiteren Plätzen (Grischuk, Mamedyarov, Anand, Caruana und Giri) spielten für den Gesamtsieg kaum noch eine Rolle - angesichts von nur noch neun ausstehenden Runden Blitz, für die jeweils (im Falle eines Sieges) lediglich ein Punkt vergeben werden sollte.   

Sergey Karjakin war in Leuven bester Blitzer und durchaus auch ein "Mann für die Gesamtwertung" | Foto: Spectrum Studios / Grand Chess Tour

Umgehend brachte die Runde "B10" eine deutliche Steigerung der Spannung. Wesley So musste mit Schwarz gegen seinen Verfolger Sergey Karjakin antreten. Der Russe wusste sich in der Partie auf risikolose Art frühzeitig das Läuferpaar zu sichern - ein erheblicher Vorteil im Endspiel, wo Karjakin zusätzlich seine Königsstellung immer weiter verbesserte, während im Lager seines Gegners die Anzahl der schwachen Bauern stetig anwuchs:

 

So hatte jetzt nur noch einen halben Punkt Vorsprung auf Karjakin, während Levon Aronian einen halben Punkt hinter Karjakin zurückgefallen war. In besserer, aber wilder Stellung hatte sich der Armenier gegen Shakhriyar Mamedyarov mit einer dreimaligen Stellungswiederholung begnügt. Die Runde "B11" brachte dann keine Veränderung an der Spitze, weil dort alle Partien remis endeten. In der Gesamtwertung stand es wie folgt: So 18,5, Karjakin 18, Aronian 17,5, Vachier-Lagrave 17, Nakamura 16,5 Punkte. Fünf Spieler, die jeweils nur ein halber Punkt trennte - mehr Dramatik ging nicht! In "B12" schließlich siegte Maxime Vachier-Lagrave gegen Hikaru Nakamura, während Aronian und Karjakin sich unentschieden trennten und auch Wesley So gegen Anand zu einem halben Punkt kam. Im Ergebnis trennte nach B12 genau ein Punkt den Ersten (So) vom Dritten bzw. Vierten (Aronian und Vachier-Lagrave); dazwischen befand sich weiterhin Sergey Karjakin. Hikaru Nakamura hingegen blieb zwar Fünfter in der Gesamtwertung, doch seine Chancen auf den Gesamtsieg hatten sich durch die Niederlage deutlich verringert. 

Auch Levon Aronian hatte Chancen, es in diesem Turnier bis ganz nach oben zu schaffen | Foto: Spectrum Studios / Grand Chess Tour

Mit "B13" ging es dann aufs zweite Drittel der heutigen Distanz, und es kam sogleich Bewegung in die Sache. Zunächst konnte Sergey Karjakin ein Turmendspiel mit einem Mehrbauern gegen Viswanathan Anand für sich entscheiden, bevor dann auch Hikaru Nakamura gegen Levon Aronian zu einem Sieg kam. In der Gesamtwertung konnte Karjakin somit zu Wesley So aufschließen, während Nakamura doch noch einmal ganz zaghaft bei der Spitzengruppe anklopfte. Die Partie gegen den indischen Exweltmeister zeigte erneut Karjakins Stil: kein Risiko, ein winziger Vorteil im Endspiel, virtuose Technik. Alles vor dem Hintergrund, dass es sich um eine Blitzpartie handelt, in der man anders als in einer langen Partie agieren muss:

 

Wer jetzt allerdings geglaubt hatte, dass Karjakin in seinem Lauf nicht mehr zu stoppen sein würde, der hatte die Rechnung ohne Alexander Grischuk gemacht. Gegen seinen russischen Landsmann stand Karjakin in Runde B14 schon nach 20 Zügen klar auf Verlust. Weil Wesley So gegen den Tabellenletzten Anish Giri mit zwei verbundenen Freibauern im Turmendspiel gewinnen konnte und zugleich auch noch Vachier-Lagrave gegen Mamedyarov verlor, hatte sich vier Runden vor Schluss plötzlich doch wieder eine deutliche Führung für Wesley So ergeben: So 20,5; Karjakin 19,5; Vachier-Lagrave 19; Aronian 18,5. Endgültig nicht mehr im Geschäft im Kampf um den Turniersieg war nach dieser Runde Hikaru Nakamura: Der Amerikaner verlor gegen seinen Landsmann Fabiano Caruana. Die fünfzehnte Runde "B15" begann mit einem schnellen Remis zwischen Wesley So und Maxime Vachier-Lagrave. Diesmal durfte Karjakin gegen den glücklosen Giri ran, und der blieb glücklos: Nachdem der Niederländer einen als Angriffsversuch gedachten Bauernzug vor seiner Königsstellung gemacht hatte, anstatt die gefährlichen Drohungen seines Gegners zu decken, fiel seine Stellung nach einigen gezielten Schlägen Karjakins schnell auseinander. Drei Runden vor Schluss führte So mit einem halben Punkt Vorsprung auf Karjakin. Theoretische Chancen auf den Turniersieg hatten zu diesem Zeitpunkt auch noch Aronian und Vachier-Lagrave, die beide gemeinsam zwei Punkte hinter So auf Rang 3 bzw. 4 lagen. 

In der Krise: Anish Giri | Foto: Spectrum Studios / Grand Chess Tour

Um 15 Uhr ging es in die drittletzte Runde. Und die brachte eine Art Vorentscheidung, als Wesley So nach einem langwierigen Endspiel glücklich, aber nicht unverdient gegen Fabiano Caruana gewann:

 

Weil Vachier-Lagrave zeitgleich gegen Karjakin gewann (Aronian hielt sich an Giri schadlos), betrug Wesley Sos Vorsprung zwei Runden vor Schluss komfortable 1,5 Punkte auf Karjakin, Vachier-Lagrave und Aronian, die sich einträchtig die Plätze 2-4 teilten. Mit zwei Unentschieden würde So also das Turnier gewinnen können. Doch so einfach sollte es nicht gehen für den Amerikaner. In der vorletzten Runde B17 verlor So gegen Mamedyarov ein wohl eigentlich noch verteidigungsfähiges, gleichwohl aber schlechteres Turmendspiel. Weil Karjakin und Vachier-Lagrave ihre Partie gewannen, betrug Sos Vorsprung auf diese beiden plötzlich nur noch einen halben Punkt. Aus dem Rennen um den Turniersieg ausgeschieden war nach dieser Runde hingegen Levon Aronian - er war der Leidtragende gegen Vachier-Lagrave. Der Stand an der Spitze vor der letzten Runde: 1. So, 22 Punkte, 2.-3. Karjakin und Vachier-Lagrave, 21,5 Punkte, 4. Aronian, 20,5 Punkte, 5.Nakamura, 20 Punkte.

Maxime Vachier-Lagrave ist in Leuven am Turniersieg nur hauchdünn vorbeigeschrammt

Kam aus dem Windschatten der Spieler vor ihm nicht mehr heraus: Hikaru Nakamura | Foto: Spectrum Studios / Grand Chess Tour

In der letzten Runde "B18" passierte dann tatsächlich das nicht mehr Erwartete: Wesley So zog auch gegen Hikaru Nakamura den Kürzeren. Nicht unerwartet, aber irgendwie doch unglaublich: Es reichte für So trotzdem zum Turniergewinn, weil auch die Konkurrenz patzte! Vachier-Lagrave stand gegen Anand am Ende mit drei Minusbauern da, während Karjakin von Mamedyarov schnöde matt gesetzt wurde. 

Die Abschlusstabelle weist eine Zweiklassengesellschaft aus: Von den ersten Fünf hätte sicherlich jeder das Turnier gewinnen können, während am Tabellenende Exweltmeister Anand sich nicht mehr hundertprozentig konkurrenzfähig präsentiert, Fabiano Caruana seine Erfolge eher in langen Partien erzielt und Anish Giri in der Krise ist. 

Endstand des "Your Next Move Rapid & Blitz" in Leuven:

1. Wesley So (USA) 22/36

2. Sergey Karjakin (Russland) 21,5/36

3. Maxime Vachier-Lagrave (Frankreich) 21,5/36

4. Hikaru Nakamura (USA) 21/36

5. Levon Aronian (Armenien) 20,5/36

6. Alexander Grischuk (Russland) 17,5/36

7. Shakhriyar Mamedyarov (Aserbaidschan) 17/36

8. Viswanathan Anand (Indien) 14,5/36

9. Fabiano Caruana (USA) 13,5/36

10. Anish Giri (Niederlande) 11/36

Weil dieses das erste Turnier der diesjährigen Grand Chess Tour war, führt Wesley So natürlich auch die Gesamtwertung der Tour an.

Ein Platz im Niemandsland der Tabelle: Shakhriyar Mamedyarov macht sich abreisebereit

Endstand des Blitzturniers 

 

Endstand des Schnellturniers (mit Verdoppelung der Punkte)

 

Partien vom Blitzturnier

 

Live Broadcast, 5. Tag




Klaus Besenthal ist ausgebildeter Informatiker und ein begeisterter Hamburger Schachspieler. Die Schachszene verfolgt er schon seit 1972 und nimmt fast ebenso lange regelmäßig selber an Schachturnieren teil.
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