Lothar Schmid zum 90sten Geburtstag

von André Schulz
10.05.2018 – Lothar Schmid, vor fünf Jahren verstorben, war ein Multitalent. Er war Schachgroßmeister, Fernschachgroßmeister, Verleger und Sammler. Am bekanntesten wurde er wohl als Schiedsrichter des Wettkampfes zwischen Fischer und Spassky, 1972 in Reykjavik. Heute wäre Lothar Schmid 90 Jahre alt geworden. (Foto: Karl May Verlag)

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Heute vor 90 Jahren, am 10. Mai 1928, wurde Lothar Schmid in Dresden geboren. Sein Vater war Euchar Albert Schmid, der aus Bamberg stammte und ein großer Verehrer des Abenteuer-Schriftstellers Karl May war. 1911 kam es zu einem Treffen in Stuttgart. Karl May soll sich dort dafür ausgesprochen haben, dass E. A. Schmid sein Verleger werden sollte. Karl May starb 1912 und Schmid gründete nun in Radebeul zusammen mit der Witwe Klara May und dem Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld den Verlag Fehsenfeld & Co, 1915 umbenannt in Karl-May-Verlag Fehsenfeld & Co, seit 1960 verkürzt Karl-May-Verlag genannt. E. A. Schmid war Mitgesellschafter und Geschäftsführer des Verlages. Er zog 1915 nach Radebeul und bewohnte dort die Villa Gustav Röder (August-Bebel-Straße 23). Auch der Karl-May-Verlag, sowie zwei andere Verlage von E. A. Schmid, die Haupt & Hammon Verlagsbuchhandlung und der Retcliffe-Verlag, wurden dort untergebracht.

E.A. Schmid war mit Katharina Barthel (1898–1974) verheiratet und hatte mit ihr vier Söhne: Joachim (1921–2003), Wolfgang (1924–1945), Lothar (1928–2013) und Roland (1930–1990). Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die überlebenden Söhne Joachim, Lothar und Roland die Geschäftsführung des Karl-May-Verlages und zogen mit diesem 1947 von Radebeul nach Bamberg um. E. A. Schmid blieb in Radebeul. Er starb 1951 bei einem Kuraufenthalt in Bad Liebenstein.

Lothar Schmid zeigte sich schon als Kind als vielseitig begabt und beschäftigte sich seit seinem achten Lebensjahr mit dem Schachspiel. Sein erster Schachpartner war sein Freund Rolf Roennefahrt, der später für Düsseldorf Mannschaftskämpfe betritt. Remispartien wurden mit einem nachfolgenden Ringkampf entschieden - eine interessante Idee, die man auch für aktuelle internationale Turniere in Betracht ziehen sollte.

Mit 13 Jahren trat Lothar Schmid in den Schachclub von Radebeul ein. 1942 erlebte er als Zuschauer das Schachturnier von Dresden mit und war vom Spiel des Turniersiegers Klaus Junge so begeistert, dass er ihm nacheiferte. 1943 wurde Lothar Schmid bereits Stadtmeister von Dresden, außerdem Gaumeister von Sachsen. Bei der Reichsmeisterschaft der Hitler-Jugend in Wien belegte er im gleichen Jahr den zweiten Platz. Er traf dort Alexander Aljechin, der Ehrengast des Turniers war und eine Simultanvorstellung gab.

1947 gewann Lothar Schmid die Deutsche Jugendmeisterschaft und wurde Meister der Sowjetischen Besatzungszone nach Stichkampf gegen Gerhard Pfeiffer. Während seiner Zeit in Radebeul war Lothar Schmid zudem Schachlehrer des sieben Jahre jüngeren Wolfgang Uhlmann, der später lange Jahre der beste Spieler der DDR und WM-Kandidat war. 1947 begann Lothar Schmid in Bamberg ein Jura-Studium. Auch nach dem Mauerbau hielt er noch engen Kontakt zu seinen Schachfreunden im Osten Deutschlands, darunter Edith Keller-Herrman, mit der freundschaftlich verbunden war.

1948 wurde Lothar Schmid Vierter bei der Deutschen Meisterschaft in Essen. 1950 gewann er die erstmals ausgetragene Deutsche Pokalmeisterschaft. 1955 und 1959 wurde Schmid Deutscher Vizemeister hinter Klaus Darga beziehungsweise Wolfgang Unzicker. Wegen seiner Erfolge ernannte die FIDE ihn 1959 zum Internationalen Großmeister.

Als Geschäftsführer des Karl May Verlages konnte Lothar Schmid nur selten an internationalen Turnieren teilnehmen und beschränkte sich zumeist auf offizielle Meisterschaften und Teilnahmen an Mannschaftsturnieren wie den Schacholympiaden. Zusammen mit Wolfgang Unzicker, Klaus Darga und Helmut Pfleger bildete er eine sehr schlagkräftige deutsche Nationalmannschaft. Zwischen 1950 und 1974 nahm Lothar Schmid mit der deutschen Mannschaft an insgesamt 11 Schacholympiaden teil. 1950 und 1964 gewann die deutsche Mannschaft jeweils die Bronzemedaille. Auf nationaler Ebene spielte Lothar Schmid für den SC Bamberg bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften mit. Der SC Bamberg wurde dreimal Deutscher Mannschaftsmeister und zweimal Pokalmeister. Die letzte Partie für den SC Bamberg bestritt Lothar Schmid in der inzwischen eingeführten einteiligen Bundesliga 1981 gegen Boris Spassky.

Neben dem normalen Turnierschach war Lothar Schmid auch im Fernschach aktiv. Er gewann die erste deutsche Fernschachmeisterschaft (1950-1952) und das 1954 begonnene Eduard-Dyckhoff-Gedenkturnier. Bei der zweiten Fernschach-Weltmeisterschaft (1956-1959) wurde er Zweiter. Der ICCF verlieh ihm daraufhin den Titel eines Fernschachgroßmeisters.

1982 zog Lothar Schmid sich vom Turnierschach zurück. Schon während seiner aktiven Karriere als Spieler hatte sich Lothar Schmid als Schiedsrichter betätigt. 1971 leitete er den Wettkampf zwischen Fischer und Petrosjan und erlangte schließlich als Schiedsrichter des Wettkampfes zwischen Spassky und Fischer 1972 in Reykjavik weltweit Bekanntheit.

Lothar Schmid, 1972, 2. Partie

Mit seinem Fingerspitzengefühl rettete Lothar Schmid dieses Match, das mehrmals vor dem Abbruch stand. Zu Beginn der 3. Partie saßen sich die beiden Spieler feindselig gegenüber. Fischer hatte neue Forderungen gestellt, Spassky verlor allmählich die Geduld. In einem kritischen Moment drückte Schmid die Spieler in ihre Sessel und forderte sie auf: "Now Play Chess!"

Später war Schmid unter anderem Schiedsrichter bei den Wettkämpfen Karpov - Kortschnoj, Baguio 1978, und Kasparov-Karpov, London/Leningrad 1986. Auch bei der Neuauflage des Wettkampfes Spassky gegen Fischer, Sveti Stefan 1992, war Schmid als Schiedsrichter wieder mit von der Partie.

Im Zuge seiner Schachleidenschaft baute Lothar Schmid zudem eine der größten Schachsammlungen auf, mit über 50.000 Titeln, darunter eine Reihe von wertvollen Erstausgaben, wie dem ersten gedruckten Schachbuch überhaupt, Lucenas 1497 veröffentlichten Buch "Repeticion de amores e arte de axedrez con CL juegos de partido" (Abhandlung über die Liebe zum Schach und dessen Kunst anhand von 150 Endspielen).

Lothar Schmids eigene Lieblingspartien:

 

 

 

 

 

 

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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