Ein Teil der umfangreichen und außergewöhnlichen Schachsammlung des deutschen Großmeisters Lothar Schmid wird im kommenden Monat beim Auktionshaus Sotheby’s versteigert. Die einzigartige Sammlung umfasst mehr als 50.000 Objekte, die Schmid über mehrere Jahrzehnte hinweg zusammengetrug und sie gilt als eine der bedeutendsten Privatsammlungen zur Schachhistorie.
Zu den Stücken gehören seltene Bücher, historische Manuskripte, Autographen, Schachsets sowie Erinnerungsstücke aus bedeutenden Turnieren. Die Objekte stammen aus mehreren Jahrhunderten Schachgeschichte und dokumentieren die Entwicklung des Spiels von seinen frühen modernen Formen bis in die Gegenwart.
Die Sammlung befand sich bis vor wenigen Jahren im Wohnhaus Schmids in Bamberg. 13 Jahre nach seinem Tod am 18. Mai 2013 entschieden sich seine Kinder, einen Teil des umfangreichen Bestandes per Auktion auf den Markt zu bringen.
Besonders großes Interesse dürfte eine Reihe von Dokumenten der legendären Schachweltmeisterschaft 1972 wecken. Damals trafen in Reykjavík der US-Amerikaner Bobby Fischer und der sowjetische Titelverteidiger Boris Spassky im sogenannten „Match des Jahrhunderts“ aufeinander – ein Wettkampf, der vor dem Hintergrund des Kalten Krieges weltweit und über die Schachszene hinaus enorme Aufmerksamkeit erregte.
Schmid fungierte bei diesem Duell als Hauptschiedsrichter (auf dem Foto links aus der New York Times gratuliert Lothar Schmid Fischer zu dessen Titelgewinn). Zu den angebotenen Stücken gehören unter anderem handschriftliche Partieformulare, die von den beiden Spielern unterzeichnet wurden. Dokumente, die unter Sammlern natürlich wertvolle Highlights darstellen.
Zu den herausragenden Losen der Auktion zählt außerdem ein äußerst seltenes Exemplar des Werkes „Repetition of Loves and the Art of Chess“ aus dem Jahr 1497 von Luis Ramírez de Lucena. Das Buch (rechts eine Seite daraus, Quelle: Wikipedia by Leonardo Hutz y Lope Sanz) gilt als das älteste bekannte gedruckte Schachlehrbuch, das Regeln und strategische Grundlagen des Spiels beschreibt. Sotheby’s erwartet für dieses Stück einen Preis von mindestens 70.000 Pfund.
Weitere Objekte dokumentieren etwa die Geschichte des „Schachtürken“ aus dem 18. Jahrhundert und auch Manuskripte des früheren Weltmeisters Emanuel Lasker sowie weitere frühe Drucke und Schachpublikationen aus dem 18. Jahrhundert und davor gehören zu den angebotenen Stücken.
Schmid war nicht nur erfolgreicher Spieler, sondern auch einer der bedeutendsten Schachschiedsrichter seiner Zeit. Neben dem WM-Duell von 1972 leitete er mehrere weitere Weltmeisterschaftskämpfe. Parallel dazu baute er eine außergewöhnliche Sammlung von Schachliteratur und -artefakten auf, die zeitweise als größte private Schachbibliothek der Welt galt. Finanziert wurde seine Sammelleidenschaft unter anderem durch die Tätigkeit im Familienunternehmen, dem Karl-May-Verlag in Bamberg, der die populären Abenteuerromane des Schriftstellers Karl May herausgab.
Nach Angaben seiner Familie reiste Schmid auf fünf Kontinente, um seltene Bücher und Objekte aufzuspüren. Manche Stücke seien so teuer gewesen „wie ein Haus“, erinnerte sich später sein Sohn.
Fachleute erwarten großes internationales Interesse an der Auktion. Historische Schachdokumente sind unter Sammlern rar, und Sammlungen dieser Größe gelangen nur selten geschlossen auf den Markt. Mit der Versteigerung wird einerseits ein einzigartiges Lebenswerk in alle Welt zerstreut andererseits eröffnet sie Sammlern, Museen und Bibliotheken die seltene Gelegenheit, originale Zeugnisse aus vielen Jahrhunderten Schachgeschichte zu erwerben.
Wikipediaseite von Lothar Schmid