Lubomir Ljubojevic zum 70sten

von Dagobert Kohlmeyer
02.11.2020 – Seine erste Begegnung hatte Lubomir Ljubojevic mit der Weltspitze, als er auf eigene Faust 1970 nach Siegen zur Schacholympiade gefahren war und dort in den Pausen mit den Stars Blitzpartien spielte. Bald danach wurde er selber ein Star. Heute feiert er seinen 70sten Geburtstag. | Fotos: Dagobert Kohlmeyer, Dutch National Archive, David Llada

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„Ljubo“ Ljubojević – ein Schach-Original wird 70 Jahre

Zur Schacholympiade 1970 in Siegen tauchte ein knapp 20-jähriger Bursche aus Jugoslawien auf. Ljubomir Ljubojević war auf eigene Faust dort hingereist, um die Superstars der Szene wie Bobby Fischer, Boris Spasski und andere einmal aus nächster Nähe beobachten zu können. Im Foyer der Siegerlandhalle spielte er pausenlos Blitzpartien, und das auf einem bemerkenswerten Niveau. Ein Jahr später war der talentierte junge Mann schon Großmeister, ein gelungener Karrierestart. Zur Schacholympiade 1972 in Skopje schaffte es „Ljubo“ bereits ins jugoslawische Nationalteam und besetzte dort hinter den Legenden Svetozar Gligorić und Borislav Ivkov das dritte Brett. Gleich bei seiner Premiere war der Youngster mit 15,5 Punkten aus 19 Partien am erfolgreichsten und trug mit diesem Ergebnis entscheidend dazu bei, dass seine Mannschaft Bronze gewann. Er markierte damit auch das beste Resultat aller Olympiade-Teilnehmer am 3. Brett. - Wir blicken heute auf einige Stationen und Ereignisse in Ljubojevićs interessantem Schachleben zurück.

Ljubomir Ljubojević wurde am 2. November 1950 im serbischen Titovo Užice geboren. Die Stadt liegt nahe an der Grenze zu Bosnien und heißt seit 1992, nachdem das Jugoslawien von Josip Broz Tito zerfallen war, wieder wie früher Užice.

Ende der 1950er Jahre erlebte Jugoslawien einen unglaublichen Schachboom. Auslöser  waren vor allem das Interzonenturnier 1958 in Portorož und das Kandidatenturnier 1959 in Bled. Ganz Jugoslawien war damals begeistert von Michail Tals großartigen Auftritten, so auch der kleine Ljubo. Er bekannte später, dass Tal ihn mit seinen Partien und wagemutigen Kombinationen entscheidend beeinflusst habe, Schachprofi zu werden. In der Tat erinnert Ljubojevićs verwegenes Spiel sehr an den wilden Kombinationsstil des achten Schach-Champions.   

Schacholympiade Malta 1980 - Jugoslawien gegen Niederlande

Die Turniererfolge des temperamentvollen Großmeisters sind zahlreich. Ljubojević gewann unter anderem in Palma de Mallorca 1971, Las Palmas 1974 und in Manila 1975. Im berühmten „Turnier“ der Stars“ von Montreal 1979 belegte er hinter Karpow, Tal und Portisch den 4. Platz. Es folgten Siege in Linares 1985, Reggio Emilia 1985/86 und Amsterdam 1986. Imponierend war auch Ljubojevićs Abschneiden in der Weltcup-Serie 1988-89. Dort belegte er unter den 25 besten Großmeistern der Welt in der Gesamtwertung Rang 5. In der Etappe Barcelona 1989 teilte Ljubo den Sieg mit Garri Kasparow. Er blieb dort ungeschlagen, führte lange Zeit und wurde erst in der Schlussrunde von Kasparow eingeholt.

Ljubojevic und Tal in Wijl aan Zee

Obwohl Ljubojević viele Jahre lang zur Weltspitze gehörte, gelangte er nie unter die WM-Kandidaten. Ein Grund dafür war sicher sein risikoreicher Spielstil, auf den sich die Gegner schließlich einstellen konnten. Hin und wieder gab es bei ihm auch große Formschwankungen; er konnte Turniere glänzend gewinnen, aber manchmal auch ziemlich weit hinten landen. Beim Interzonenturnier in Manila 1976 verfehlte er als 5./6. die Qualifikation für das Kandidatenturnier nur knapp.

Ich lernte den Großmeister, der ein halbes Dutzend Sprachen spricht, als Reporter bei der Schacholympiade 1990 in Novi Sad kennen. Dort war Ljubojević der Leader des jugoslawischen Teams und saß meist in einer braunen Lederjacke am Brett. Neben ihm an Brett 2 spielte Predrag Nikolic, der in diesem Turnier unbesiegt blieb und dann zwei Jahre später bei Olympia in Manila für sein Heimatland Bosnien startete. Jugoslawien war durch den Balkankrieg in seine Teilstaaten zerfallen, was sich auch auf das internationale Schachgeschehen auswirkte. Die Serben traten in Manila gar nicht an. In Novi Sad war im November 1990 noch alles friedlich gewesen, später sah man im Fernsehen mit Bestürzung die im Kosovo-Krieg zerbombten Donaubrücken der Stadt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Ljubomir Ljubojević schon längst seinen Wohnsitz nach Spanien verlegt. Er lebt seit ca. drei Jahrzehnten in Linares und heiratete eine Andalusierin. Viele Jahre lang nahm er am dortigen Superturnier teil, das vom Hotelier Luis Rentero ausgerichtet wurde. 1985 gewann Ljubo in Linares gemeinsam mit Robert Hübner. Seine schöne Partie gegen Viktor Kortschnoi bei dem Turnier (siehe weiter unten) bleibt bis heute im Gedächtnis.

Wegen seiner Frohnatur und umgänglichen Art hat Ljubojević in der Schachwelt viele Freunde. Unter ihnen war auch der holländische Mäzen Joop van Oosterom (1937-2016). Dieser richtete in Monte Carlo von 1992 bis 2011 die berühmten Melody-Amber-Turniere aus, in denen Schnell- und Blindschach gespielt wurde. (Melody Amber heißt van Oosteroms älteste Tochter). Die Weltelite des Schachs kam im Frühjahr immer sehr gern ins mondäne Fürstentum, wo es sich in 5-Sterne-Hotels gut leben ließ und vom betuchten Organisator noch bessere Preisgelder bezahlt wurden.

Foto: Ljubojević 1998 in Monte Carlo

Ljubo wurde stets dazu eingeladen, anfangs als Spieler, später als Gast. Der Serbe gewann denn auch das zweite Amber-Turnier im Jahre 1993. Als Reporter erlebte ich jedes Mal mit Vergnügen, wie Ljubo sich nach Siegen freute und seine Glanzpartien lautstark im Presseraum vor Kollegen und Journalisten präsentierte. Über Niederlagen konnte er sich furchtbar aufregen und gebrauchte dann bei der Analyse nicht immer druckreife Worte. Umstehende Kollegen wie Karpow, Anand, Kramnik & Co quittierten diese Ausbrüche mit mildem Lächeln. 1998 gelang Ljubojević in Runde 2 ein Weiß-Sieg über Anand. Sein O-Ton nach der Schnellpartie: „Ich bin so glücklich, dass du aufgegeben hast. Ich hatte Angst, einen Fehler zu machen.“ Ein Jahr darauf bezwang er den späteren Weltmeister aus  Indien in Monaco auch mit den schwarzen Steinen.

Im Oktober 1994 richtete der Milliardär van Oosterom in Buenos Aires zu Ehren von Lew Polugajewskis 60. Geburtstag ein Turnier aus, in dem nur Sizilianisch gespielt wurde. Der unterhaltsame Ljubojević war selbstverständlich mit von der Partie. In fließendem Spanisch parlierte er mit den argentinischen Schachlegenden Miguel Najdorf und Oscar Panno, die täglich beim Event vorbeischauten. Als Ältester im Teilnehmerfeld spielte der Großmeister nicht mehr um den Gesamtsieg mit, doch konnte er einigen Favoriten ein Bein zu stellen.

Foto: Polugajewski eröffnet in Buenos Aires die Partie Ljubojević-Anand

Unsere Partiebeispiele zeigen, was für ein waghalsiges, experimentierfreudiges Schach der Jubilar spielt. Sitzt Ljubo am Brett, sprüht er nur so vor originellen Einfällen. Er liebt die Attacke, egal mit welcher Spielfarbe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten deutschen Schachreportern. Über 35 Jahre berichtet der Berliner bereits in Wort und Bild von Schacholympiaden, Weltmeisterschaften und hochkarätigen Turnieren.
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