M'tel Masters: Rückschau und Interview

26.05.2008 – Nur knapp verfehlte Veselin Topalov beim M'tel-Turnier in Sofia seinen vierten M'tel-Sieg in Folge und die von einer Bank ausgelobte Sonderprämie von 50.000 Euro. Am Bulgaren lag es nicht - er machte einen Punkt mehr als im letzten Jahr - aber Vassily Ivanchuk war noch besser. Im Übrigen hatten die Organisatoren keine Mühen gescheut, um das Turnier unterhaltsam zu gestalten. Für die Moderation wurde Ex-Model und TV-Moderatorin Violeta Sechova engagiert (Bild im Innenteil). Ehrengast war Boris Spassky. Zur Schlussfeier machte Sofias Bürgermeister Bojko Borissow seine Aufwartung. Der frühere Karatekämpfer und Bodyguard von KP-Chef Todor Shivkov wird als der kommende Mann an der Spitze Bulgariens gehandelt. Dagobert Kohlmeyer zieht ein Resümee und sprach mit dem Sieger. Bericht, Interview, Bilder...

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Sofia einmal anders – Resümee zum M’tel Masters 2008
Von Dagobert Kohlmeyer

Wieder vereinte die bulgarische Hauptstadt zehn Tage lang sechs der weltbesten Schachspieler zum traditionellen Maiturnier.


Alexander Newski-Kathedrale in Sofia


Hier stehen Bush und Bin Laden einträchtig nebeneinander


Im Unterschied zu den Vorjahren wurden es keine Topalow-Festspiele, es gab auch sonst etliche Änderungen. Die Großmeister zogen ihre Figuren nicht wie bisher im Gand Hotel von Sofia, sondern im Zentralen Militärklub, wo mehr Platz für die Zuschauer und für eine arteigene Neuerung war. Im prunkvollen Saal des Palastes spielten Exweltmeister Weselin Topalow und seine Kollegen in einem riesigen Glaskasten. Hermetisch vom Publikum abgeschirmt, konnten die Grübler in dem „Aquarium“ ihre Züge ohne störende Geräusche von außen absolvieren. Die Zuschauer wiederum hatten dadurch die Möglichkeit, ungestört zu fachsimpeln. Selbst das beim Schach verpönte Handyklingen musste von Hauptschiedsrichter Joaqim Espejo nicht gerügt werden. Es gibt jetzt sogar Pläne, im nächsten Jahr mit dem Glashaus nach draußen ins Freie zu gehen, um noch mehr Publikum anzulocken (siehe unser Interview mit dem M’tel-Chef Josef Vinatzer). Inwieweit das realistisch ist, muss man abwarten.

Nachdem Bulgariens Nationalheld Weselin Topalow in den letzten Jahren zu Hause schon dreimal gewonnen hat, lobte eine Bank des Landes 50 000 Euro Extraprämie für den Figurenkünstler aus, wenn er den prestigeträchtigen Wettbewerb auch diesmal für sich entscheiden würde. „Ganz sicher eine zusätzliche Motivation für mich, mein Bestes zu geben“, sagte uns Topalow nach Runde 8, als seine Aufholjagd sehr viel versprechend aussah und er nur noch einen halben Punkt Rückstand zum Leader Iwantschuk hatte. Dann aber wurde Topalow überraschend durch den Chinesen Xiangzhi Bu gestoppt.  Vor der Schlussrunde rückte damit ein erneuter Erfolg für den Seriensieger Topalow wieder in weite Ferne.


Die drei Schiedsrichter

Der Ukrainer Wassili Iwantschuk war in Sofia offenbar mit dem Ziel angetreten, dem Lokalmatador die Suppe gründlich zu versalzen. In den ersten fünf Runden hatte der 39-jährige Turniersenior alle Partien gewonnen und bei Halbzeit schon 1,5 Punkte Vorsprung vor Topalow. Der Bulgare schaltete daraufhin seinen gefürchteten Turbo ein und kam dem Spitzenreiter bedrohlich nahe. Am Samstag verlor Topalow jedoch  gegen Großmeister Xiangzhi, so dass der Abstand zu Iwantschuk wieder einen ganzen Punkt betrug. Nun hätte der Großmeister aus Lwow seine letzte Partie gegen Topalows Landsmann Iwan Cheparinow verlieren und Topalow gegen Teimur Radjabow (Aserbaidschan) siegen müssen, um gleichzuziehen und ein Stechen um den ersten Platz zu erzwingen.

Das hielten selbst die größten Topalow-Fans und auch die Experten vor Ort, unter ihnen Exweltmeister Boris Spasski, für sehr unwahrscheinlich. Spasski, von 1969-1972 weltbester Schachspieler, ehe er durch den Amerikaner Bobby Fischer entthront wurde, war in Sofia Ehrengast. Er wurde von Präsident Georgi Parvanov empfangen, gab eine Simultanvorstellung und zeichnete am Wochenende die Sieger eines Kinderschachturniers aus.


Moderatoren des Kinderschachturniers

Den zweiten Platz belegte dort Kiprian Berbatov, ein Neffe des bekannten Fußballers Krasimir Berbatov. Spasski traf in Sofia auch die bulgarische Fußball-Legende Christo Stoichkov, und die Teilnehmer des Schachturniers spielten an ihrem Ruhetag wieder gegen eine Auswahl von Lewski Spartak. Mit 2:3 zogen sie sich in dem Freundschaftsmatch sehr achtbar aus der Affäre.

Schirmherr des M’tel Masters war wieder Präsident Georgi Parvanov, der das Turnier auch eröffnete. Das Fernsehen brachte täglich Sondersendungen auf mehreren Kanälen. Bei uns wohl kaum vorstellbar.


Leontxo Garcia (re.) kommentiert

Auch sonst scheuten die Organisatoren um Silvio Danailow keine Mühe, um Spielern, Zuschauern und Gästen etwas Schönes zu bieten. Die Eröffnungsveranstaltung wurde von TV-Star Violeta Sechova moderiert.

Die Schöne verdient heute im zweiten bulgarischen Fernsehkanal ihr Geld.

Zuvor war sie ein erfolgreiches Fotomodell. Für die Zeitschrift „Maxim“ hat sie sich auch ausgezogen. Die Organisatoren des M’tel Masters verschickten als Kostprobe die schöne Rückansicht der jungen Dame, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.

Zur Siegerehrung tauchte Sofias Bürgermeister Bojko Borissow auf.


Bürgermeister Borrisow

Er stieg auf die Bühne, gratulierte allen Spielern und äußerte die Hoffnung, dass es in Sofia zu einem Re-Match Kramnik - Topalow kommen möge. Der charismatische Kommunalpolitiker geht offensichtlich von der Möglichkeit aus, dass Kramnik im Herbst den WM-Titel von Anand zurückerobert und Topalow sein Kandidatenmatch gegen Kamsky gewinnt.

Dann soll es nach den Vorstellungen der Bulgaren in ihrer Hauptstadt zum großen Showdown kommen. Warten wir es ab. Meistens kommt alles ganz anders. Bürgermeister Borissow gilt indessen als neuer Stern am Politikerhimmel Bulgariens. Seine Biographie ist außergewöhnlich. Früher war er Polizist und Bodyguard des damaligen Kommunistenchefs Todor Shivkov. Ende 2005 wurde der ehemalige Karatekämpfer als Parteiloser Bürgermeister Sofias. Borissow gewinnt seine Wahlen haushoch, ist unkonventionell, liebt das Spiel mit den Medien und gilt als Held im Kampf gegen Korruption und Kriminalität. „Das ist der kommende Mann“, raunte mir jemand, der es wissen muss, bei der Abschlussfeier des M’tel Masters zu. Bojko Borissow, der in seinem Auftreten an Arnold Schwarzenegger erinnert, wird schon heute als künftiger Premierminister Bulgariens gehandelt. – Schau’n wir mal.

Boris Spasski absolvierte in der vergangenen Woche in Sofia ein volles Programm.

Neben den offiziellen Terminen gesellte er sich an jedem Spieltag zum Kommentatorenteam und erfreute das Publikum mit geistreichen Anmerkungen zu den laufenden Partien und zur Schachhistorie überhaupt. Oft fiel dabei der Name Bobby Fischer. Am Ende kürte der 10. Schachweltmeister die Begegnung Radjabow – Xiangzhi aus der 7. Runde zur besten Partie des Turniers.


T. Radjabow - Bu Xiangzhi D15
Sofia 15.05.2008
Slawisch D15

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.e3 a6 5.Sf3 b5 6.c5 g6 7.Se5 Lg7 8.Le2 0-0 9.0-0 Sfd7 10.f4 a5 11.a3 f6 12.Sf3 f5 13.Ld2 Sf6 14.Le1 Kh8 15.Lh4 Le6 16.Se5 Dc7 17.De1 Sbd7 18.Lg5 Sxe5 19.fxe5 Se4 20.Sxe4 fxe4 21.Dh4 Txf1+ 22.Txf1 Te8 23.Lg4 Dd7 24.Tf7 Lxg4 25.Lf6!

25... exf6 26.Txd7 Lxd7 27.exf6 a4 28.fxg7+ Kxg7 29.Kf2 h6 30.Ke1 Te6 31.Dg3 Le8 32.Kd2 g5 33.Kc3 Kf8 34.Kb4 Lf7 35.Ka5 Kg7 36.Kb6 Kf8 37.Kc7 Kg7 38.Kd7 Kf8 39.Df2 Tg6 40.Df5 h5 41.g3 1-0

Die Partie ist vom Sieger im kommenden ChessBase Magazin 124 kommentiert.

Wie in jedem Jahr bekamen die Spieler vor dem Abschlusscocktail auf der Bühne ihre gerahmten Karikaturen überreicht.

Am gelungensten halten wir die von Iwantschuk, der seine Muskeln herrlich spielen lässt und von Aronian als Radfahrer.

Wir flogen am nächsten Tag mit Levon Aronian nach Berlin zurück. Er bestätigte uns, dass er kein Auto besitzt, sondern lieber mit seinem City-Bike durch die Stadt fährt. „Der Nahverkehr in Berlin ist doch okay, wozu brauche ich dann ein Auto?“. Levon nahm seine schlechte Platzierung von Sofia gelassen und vertrieb sich auf dem Airport und im Flugzeug die Zeit mit der Lektüre von Dostojewski-Erzählungen. „Ich habe alles von ihm gelesen“, verriet uns der armenische Großmeister. In Berlin-Tegel wurde er von Vater Grigori und seinem Schwager abgeholt. Spätestens zur Olympiade in Dresden sehen wir uns wieder, wo die Armenier mit einer starken Truppe die Goldmedaille von Turin verteidigen wollen.

 

„Ich möchte sehr gern noch weitere Erfolge feiern“
Interview mit der Schachikone Wassili Iwantschuk

Von Dagobert Kohlmeyer

Was Iwantschuks Turnierleistung von Sofia wert ist, zeigt der Vergleich mit den Vorjahren. 2007 genügten Weselin Topalow dort ganze 5,5 Punkte (+1) zum Gesamtsieg. In den Jahren davor errichte er jeweils 6,5 Punkte. Diese reichten 2008 nur für den zweiten Platz. Und stolze 8 aus 10, wie sie Iwantschuk holte, schafft man in einem Turnier der Kategorie 20 in der Tat nicht alle Tage.

Glückwunsch, Wassili! Was für Gefühle bewegen dich unmittelbar nach dem Sieg?

Es ist immer angenehm, ein so starkes Turnier zu gewinnen. Das hohe Ergebnis überrascht mich selbst. Aber ich wollte auch am Ende trotz meines Vorsprungs nicht mauern und habe am Sonntag in der letzten Partie gegen Iwan Cheparinow nicht auf Remis gespielt, sondern eine scharfe Variante des Sizilianers gewählt. Ich spielte dieses System schon in verschiedenen Partien, auch mit Weiß.

Durch den Erfolg in Sofia hast du nicht nur sehr viele ELO-Punkte gewonnen, sondern bist auch für das Grand Slam Finale in Bilbao qualifiziert. Keine schlechten Aussichten.

Ja, natürlich. Die spanischen Organisatoren haben mir hier nach der Siegerehrung auf der Bühne gleich die Einladung und den Vertrag in die Hand gedrückt. Ich muss jetzt in meinem Turnierkalender nachschauen, ob ich in der ersten Septemberhälfte Zeit habe. Ich glaube, es gibt in dem Monat noch die spanische Liga. Das Grand Slam Finale hat jetzt natürlich Priorität. Ich werde gern dorthin nach Bilbao fahren, um mich mit den Gewinnern der anderen großen Turniere wie Wijk aan Zee oder Linares zu messen. (Ob das geplante Grand-Slam-Turnier in Mexiko überhaupt stattfindet, so wurde in Sofia gemunkelt, ist noch unklar - D. K.)

Wasja, du bist hier unbesiegt geblieben und hast das übrige Feld deutlich distanziert. Wie erklärst du dir deine gegenwärtige blendende Form?

Ich habe vorher sehr viel gearbeitet und mich einfach gut gefühlt. Der erfolgreiche Start tat sein Übriges. Es lief wirklich ganz prima. Natürlich kann man bei einer derart starken Konkurrenz nicht immer so spielen und schon gar nicht alle zehn Partien gewinnen. Ein paar Remis dazwischen sind doch eine ganz normale Sache.

Du warst hier der Turniersenior. Das scheint dich nicht im Geringsten gestört zu haben?

Die Frage des Alters (Iwantschuk wird im nächsten März 40 - D. K.) stellt sich bei mir nicht. Noch fühle ich mich stark genug und möchte weitere Erfolge feiern wie hier. Natürlich verfolge auch ich, wie die jungen Burschen Magnus Carlsen, Teimur Radjabow oder Sergej Karjakin auftrumpfen. Aber ich denke, dass ich ihnen noch immer Paroli bieten kann.

Was sind deine nächsten Pläne?

Im nächsten Monat komme ich zum Chess Meeting nach Dortmund, das ist eine neue Herausforderung für mich. Ich habe dort sehr lange nicht mehr gespielt, es muss über zehn Jahre her sein. Aber ich erinnere mich sehr gern an frühere Zeiten. (Iwantschuks letzter Start in Dortmund war 1998 - D. K.) Vor allem an das Superturnier 1992, das ich gemeinsam mit Garri Kasparow gewinnen konnte, denke ich gern zurück. Ich will immer weiter und wenn es geht, noch viele Turniere gewinnen.

Du hast in deinem Leben fast alles gewonnen, warst mit der Ukraine Olympiasieger und Teamweltmeister. In Moskau bist du im Winter auch Blitz-Champion geworden. Es fehlt nur die Krone, der WM-Titel im Normalschach. Schmerzt die Niederlage gegen deinen Landsmann Ruslan Ponomarjow im Finale der FIDE-Weltmeisterschaft 2002 noch immer?

Nein. Es liegt schon so lange zurück, so dass es müßig ist, heute noch darüber zu reden. Und wenn ich Schach spiele, mache ich auch keinen großen Unterschied, ob es ein WM-Match oder ein Turnier ist. Ich gebe in jeder Partie mein Bestes.

 

 

 

 


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