Magnus Carlsen im Guardian

von Johannes Fischer
10.01.2020 – Morgen, am Samstag, den 11. Januar, beginnt das Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee. Turnierfavorit ist Magnus Carlsen. Doch vor Wijk war Carlsen noch in London, um Simultan zu spielen. Der "Guardian" nutzte die Gelegenheit für ein ausführliches Interview, in dem der Weltmeister über Fantasy Football und seine Serie von 107 Partien in Folge ohne Niederlage spricht, und außerdem verrät, warum 2019 so gut für ihn gelaufen ist und wen er für den besten Spieler der Schachgeschichte hält. | Foto: Tom Jenkins, Guardian

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Magnus Carlsen: Porträt und Interview im Guardian

"Ich bin kein besonders kultivierter Typ", wird Carlsen zu Beginn des von Sean Ingle verfassten Porträts zitiert. "Ich glaube, ich verbringe meine Freizeit wie viele andere Leute auch. Ich spiele und verfolge Fußball und auch ein paar NBA-Spiele. Und natürlich widme ich mich meinem Fantasy Football Team."

Seine "brilliante Form im Jahre 2019" führt Carlsen auf drei Faktoren zurück: die Beschäftigung mit den Partien von AlphaZero und eine "Kombination von Momentum und den Eröffnungsneuerungen, die für den Weltmeisterschaftskampf gegen Fabiano Caruana 2018" vorbereitet wurden.

"Ich glaube fest an Momentum", zitiert Ingle den Weltmeister. "Ich glaube, im Schach wie im Wettbewerb generell ist das Momentum wichtig, aber auch fragil. Ich glaube, Momentum ist schwer zu bekommen und sehr leicht zu verlieren, zumindest, wenn man über ein wenig Realitätssinn verfügt."

Um zu illustrieren, welchen Einfluß AlphaZero auf sein Spiel hatte, verweist Carlsen auf seine Partie gegen Anish Giri beim Gashimov Memorial in Shamkir, in der Carlsen einen starken und überraschenden Angriff mit einem verblüffenden Bauernopfer einleitete.

 

Aber, wie Ingle bemerkt, hat Carlsen ein anderer Sieg gegen Giri noch mehr Freude bereitet. Diese Partie wurde einen Monat später, beim Turnier der Grand Chess Tour in Zagreb, gespielt und hier überrannte Carlsen Giri mit Schwarz in 23 Zügen:

 

"In der Eröffnung hat er mich überrascht. Doch dann habe ich eine sehr verdächtige Fortsetzung gewählt, weil ich wusste, dass dies für ihn psychologisch unangenehm sein würde – anders gesagt hatte ich das Selbstvertrauen, gegen die Person und nicht nur die Stellung zu spielen. ... Und ich habe gemerkt, wie er die nächste Stunde einfach gelitten hat. Er begriff, dass seine Stellung wahrscheinlich objektiv sehr gut war, aber das nur sehr schwer zu beweisen war. Deshalb war ich weiter am Drücker, denn ich hatte keine Angst, ihm Gegensatz zu ihm. Über das Ergebnis habe ich mir nicht viel Gedanken gemacht – ich habe einfach eine psychologisch sehr gute Entscheidung getroffen, und das hat sich als richtig erwiesen."

Zum Schluss des Interviews verrät Carlsen, wen er für den besten Spieler aller Zeiten hält:

"Kasparov war 20 Jahre in Folge die Nummer 1 der Welt. ... Und meiner Ansicht nach gab es in diesen 20 Jahren nur selten Zweifel daran, dass er auch der beste Spieler ist. Er muss als der beste Spieler der Schachgeschichte betrachtet werden."

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Doch dann erklärt Carlsen selbstbewusst: "Aber ich glaube, ich habe die Zeit auf meiner Seite. Ich bin noch keine 30. Um schon mit 30 für den besten Spieler der Schachgeschichte gehalten zu werden, hätte ich bereits mit 10 anfangen müssen, die Schachwelt zu beherrschen."

Zum vollständigen Interview beim Guardian...



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".

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