"Magnus, und Modernes Schach, par excellence"

09.12.2021 – Das neue ChessBase Magazin Extra #204 bietet neben zwei Eröffnungsvideos zu Skandinavisch und Katalanisch insg. 26 ausführlich kommentierte Partien, u.a. mit Analysen von Anish Giri, Romain Edouard und Michal Krasenkow. Die "Glanzpartie" steuert indes Peter Heine Nielsen, der Sekundant von Magnus Carlsen, bei. Und natürlich geht es um eine besonders gelungene Partie des Weltmeisters. Beim Finale der Meltwater Tour 2021 überspielte Carlsen Jan-Krzysztof Duda nach einer Neuerung ("Auf den ersten Blick sieht es nahezu irrsinnig aus.") in nur 18 Zügen. Schauen Sie rein!

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Videos: Skandinavisch-Experte Christian Bauer zeigt geschickte Ausweichmanöver im System mit 3…Da5. Mihail Marin beweist, dass Katalanisch lebendig und immer gut für neue Ideen ist! "Wundertüte" mit Analysen von Anish Giri, Peter Heine Nielsen u.v.a.

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ChessBase Magazin Extra #204: Die Glanzpartie

Peter Heine Nielsen kommentiert Magnus Carlsen - Jan-Krzysztof Duda (Meltwater Tour Final 2021, 25.09.2021)

1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Sf3 c5 6.e3 cxd4 7.exd4 Sxc3!? 8.bxc3 Dc7!

 

Dieser Zug war eine der Schlüsselpointen, als Kramnik Semi-Tarrasch in sein Repertoire aufnahm, was schnell von vielen Spielern kopiert wurde. Schwarz hat die Bauernstruktur verändert, von Isolani zu hängenden Bauern, und attackiert sofort c3, um zu verhindern, dass Weiß sich frei entwickelt, da jetzt 9.Ld3?? Dxc3+ eine Figur für Schwarz gewinnt. 9.Ld2 ist der offensichtliche Zug, aber er ist auch rein defensiv, und Weiß schaffte es danach nie, seine Initiative voll zu entwickeln. Daher versucht Magnus ein ehrgeizigeres Konzept, ohne sich zu scheren, dass es einen Bauern kostet.

9.Tb1!? Sd7 Falls sofort 9...Dxc3+, so gibt 10.Ld2 einen Riesenentwicklungsvorsprung. Als Nächstes kommt Ld3 oder Lb5+ gefolgt von der Rochade.

Aber Schwarz beißt nicht so leicht an und macht stattdessen einen vernünftigen Entwicklungszug, der Weiß erneut vor die Frage stellt, wie soll es ohne das passive Ld2 weitergehen?

10.Ld3!

Das ist die Pointe von Magnus' Konzept. Da Rochieren eine Drohung ist, und man dann das schwarze 8...Dc7 dann als Misserfolg sehen könnte, ist Duda praktisch gezwungen, das Geschenk anzunehmen.

10...Dxc3+ 11.Kf1 Erzwungen, denn 11.Ld2 verliert ja offensichtlich wegen 11...Dxd3

Auf den ersten Blick sieht es nahezu irrsinnig aus. Weiß hat nicht nur einen Bauern verloren, sondern auch das Rochaderecht, was bedeutet, dass sein Turm keine Verbindung aufnehmen kann und sein König auf f1 festhängen wird. Und wie Ulf Andersson einst scherzte: Einen isolierten Bauern zu verlieren heißt, dass man keine Schwächen hat, aber einen hängenden Bauern zu verlieren ist richtig schlimm ... Will sagen, Magnus sitzt jetzt auch noch auf einem schwachen Isolani auf d4. Wäre dies eine Partie von Anfängern, würden wir mit Recht auf all diese Defizite hinweisen, aber da es sich um den Weltmeister handelt, werden wir hervorheben, dass seine Türme sich nicht gegenseitig auf die Zehen treten, sondern Angriffspotential auf ihren jeweiligen Flanken haben, dass der König auf f1 sicher steht und dass der Entwicklungsvorsprung Chancen auf einen "Blitzangriff" auf die unterentwickelte Stellung gibt!

11...Le7 12.h4! Der Turm wird jetzt auf h3 erscheinen, und entweder der Läufer oder der Springer, je nach dem, kann auf g5 landen. Der weiße König wird auf g1 absolut sicher stehen, aber er braucht nicht einmal Zeit zu verschwenden, um dorthin zu kommen, da f1 ebenso sicher ist. Die weißen Figuren haben alle offensichtliche Zielorte, während es für Schwarz komplizierter ist. Da wäre zunächst einmal die Frage, wo platziert er den König? Duda tut das Natürliche und rochiert:

12...0–0 13.Th3!

Aktiviert den Turm, der nach g3 strebt, und da dies 14.Lxh7+ Kxh7 15.Sg5+ mit Gewinn der Dame auf c3 droht, muss Schwarz zurückgehen, was dem weißen Angriff noch mehr Schwung gibt..

13...Sf6? Logisch, aber es verliert. Zurückzugehen war doch am besten, und nach

13...Dc7 wehrt sich Schwarz noch.

14.Se5! Da5 15.Tg3 Ein guter Zug, aber 15.Lh6 war noch spektakulärer und gewinnt ebenfalls, wobei die Hauptpointe ist, dass nach 15...gxh6 16.Dc1! Schwarz komplett hilflos gegen die Drohung Dxh6 nebst Tg3 und Matt auf g7 ist, da der Springer gegen das Matt auf h7 verteidigen muss und der Turm gegen Sxf7. Aber was Magnus spielte, ist sowohl logisch als auch stark.

15...Kh8 16.Lg5 h6 Erlaubt ein schönes Finale, aber das täte 16...Dd8 ebenfalls, denn nach 17.Lxf6 Lxf6 (17...gxf6 18.Dg4 und Matt im nächsten Zug!) 18.Dh5 h6 19.Tg6!! nebst baldigem Matt.

17.Lxh6! gxh6 18.Df3! Duda dachte nun ein paar Minuten nach, und gab auf! Zu Recht. Der Computer sieht 18...Dd2 18 Td1 Dxd3+ als beste schwarze Option, aber das würde offensichtlich für Weiß trivial gewinnen. Auf den ersten Blick mag es überraschend wirken, dass die Lage für Schwarz so schlimm steht, aber Weiß beabsichtigt 19.Df4, was Matt auf h6 droht. 18...Dd8 19.Df4 Sg8 wirkt wie der logische Verteidigungsweg, aber dann beendet 20.Dxf7!! die Partie sofort, und mit Stil! Magnus, und Modernes Schach, par excellence. 1–0 

ChessBase Magazin Exta #204

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