Markus Kappe: Das vergessene Schachgenie

25.02.2021 – Bei der Kadetten-Weltmeisterschaft 1977 in Cagnes-sur-Mer spielten neben weiteren großen Talenten Garry Kasparov und Nigel Short mit. Sie wurden im Lauf des Turniers beide von einem jungen deutschen Spieler besiegt - von Markus Kappe. Der Name dieses Schachgenies ist heute vergessen. Martin Hahn begab sich auf Spurensuche. | Foto: Deutsche Jugendmeisterschaft 1977 (Quelle: Wikipedia/ Barabara Hund)

ChessBase 16 - Megapaket Edition 2021 ChessBase 16 - Megapaket Edition 2021

Dein Schlüssel zu frischen Ideen, präzisen Analysen und zielgenauem Training!
ChessBase ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Von Martin Hahn

Der Beitrag ist ein Nachdruck aus "Perlen vom Bodensee". Er erschien dort in drei Teilen am 24. Januar, 3.  und 24. Februar 2021. Nachdruck in einem Stück mit freundlicher Genehmigung des Autors Martin Hahn und des Blog-Redakteurs Conrad Schormann.

Markus Kappe, das vergessene Supertalent: „Strategisch der Beste der Welt“

Jugend-WM 1977 an der französischen Mittelmeerküste. In der vierten von elf Runden wird Markus Kappe aus Oberkochen zu Garri Kasparow hochgelost. Mit 2,5 Punkten liegt der 16-jährige Deutsche einen halben Zähler hinter dem Russen, der bis dahin alle Partien gewonnen hatte.

Garri startet als Nachziehender in seinem geliebten Königsinder vielversprechend. Nach einer frühen Ungenauigkeit Kappes steht er schon nach zehn Zügen leicht besser. Dann greift der Turnierfavorit aus Baku fehl. Wird Kappe die taktische Chance sehen, die ihm der Turnierfavorit bietet?

Kappe-Kasparow, Stellung nach Kasparows 10… Te8.

Die erste Septemberhälfte 1977: Helmut Schmidt ist Bundeskanzler. Mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer beginnt der „Deutsche Herbst“, eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik. In der Hitparade steht die französische Band „Space“ mit ihrem Instrumentalstück „Magic Fly“ an der Spitze.

Fliegen, keine magischen, spielen auch bei der U17-WM eine Rolle. Das Turnier läuft im französischen Cagnes-sur-Mer, eine Gemeinde zwischen Cannes und Nizza, die in Frankreich für ihre Pferderennen bekannt ist.

„Eines der fünf größten Talente, die Deutschland je hatte“

Nach 20 Stunden Zugfahrt haben Markus und sein Bruder Reinhard Kappe die französische Mittelmeerküste erreicht. Markus ist als einziger Deutscher vom Schachbund nominiert worden, sein Bruder ist als Sekundant dabei, er hilft unter anderem beim Analysieren von Hängepartien. Nebenbei hält er die heimische Presse auf dem Laufenden.

32 Spieler aus 30 Ländern absolvieren vom 8. bis 19. September 11 Runden Schweizer System. Die Spieler und ihre Sekundanten sind in den fliegenverseuchten Jockey-Kammern des Hippodroms untergebracht. „Wir versuchten, im Ort eine Fliegenklatsche zu kaufen, haben aber keine bekommen“, sagt Reinhard Kappe.

Jugendweltmeisterschaften in diversen Altersklassen gibt es 1977 nicht. Die U17-WM, auch Kadettenweltmeisterschaft, ist gespickt mit Spielern, die viel jünger als 17 sind. Allen voran natürlich der 14-jährige Kasparow. Auch Nigel Short ist Teil des Felds. Der 12-Jährige hatte wenige Wochen zuvor bei der Britischen Meisterschaft der Erwachsenen für Furore gesorgt: Sieg über Jonathan Penrose, den mehrfachen Landesmeister.

Kasparow startet mit drei Siegen, er scheint seiner Favoritenrolle gerecht zu werden. Ein halbes Jahr zuvor hatte der Hochbegabte die UdSSR-Juniorenmeisterschaft (U18) gewonnen. Und das mit einem Rekordergebnis (+ 8 – 0 =1), wie sein stolzer Trainer Alexander Nikitin später in seinem Buch „Mit Kasparow zum Schachgipfel“ (Sportverlag Berlin, 1991) explizit anmerkt.

Und Markus Kappe?

„Markus, mein ehemaliger Mannschaftskamerad, war in jenen Jahren strategisch der beste Spieler der Welt in seiner Altersklasse. Er war eines der fünf größten Schachtalente, die Deutschland je hatte. Davon bin ich überzeugt.“

Erstaunliche Worte standen in der Neujahrsmail des ehemaligen Bundesligaspielers Dieter Migl, die er mit dem Vorschlag verband, Markus Kappe zu würdigen.

Eine erste Google-Suche führte mich direkt zur Seite vom Schachverein Oberkochen. Dort sprang mir, versteckt in der Vereinshistorie, dieser Satz entgegen:   

„Zu den größten Erfolgen zählte der Sieg von unserem damaligen 16-jährigen Talent Markus Kappe gegen den hochfavorisierten Garri Kasparow an der 1. Schüler-Schachweltmeisterschaft 1977 im südfranzösischen Cagnes-sur-Mer.“

Markus Kappe mit seinem Bruder Reinhard, der später in der Bundesliga spielte.

Markus Kappe? Von diesem Spieler hatte ich nie gehört. Also die Datenbank konsultiert. Neben Kappes Sieg gegen Kasparow ploppten weitere auf: gegen späterere Bundesligaspieler wie Matthias Deutschmann, Phillip Gerbert, Christian Schubert. Des Weiteren wurde ein Remis gegen Eric Lobron und eines gegen Stefan Kindermann angezeigt, beides spätere Großmeister. 

Auf gut Glück kontaktierte ich Lobron und Kindermann. Anders als Kappe sagten mir deren Namen natürlich etwas – große Meister unseres Spiels, deren sportlichen Weg ich stets verfolgt hatte. Ob sie sich an Markus Kappe und an ihre Remispartien aus dem Jahr 1977 erinnern, fragte ich die beiden.

Kurz danach traf eine freundliche Antwort von Eric Lobron ein. Er wäre gern behilflich gewesen, bedauerte aber, dass er sich weder an Markus Kappe noch an die Partie gegen ihn erinnere. Kaum hatte ich mich für seine prompte Antwort bedankt, traf eine andere Mail ein. Absender: Stefan Kindermann. Der Leiter der Münchner Schachakademie war einst deutscher, später österreichischer Nationalspieler. Er schrieb:

„Mit Markus Kappe hatte ich bei den Deutschen Jugendmeisterschaften 1977 in Wallrabenstein gespielt. Leider erinnere ich mich an ihn nur sehr vage. Ich glaube, dass er ein sehr ernster und stiller junger Mann war. Anscheinend war er auch wirklich ein beachtliches Talent. Ich hatte jetzt ein paar Partien von damals durchgesehen, die erstaunliches Niveau hatten, zum Beispiel sein Sieg gegen Philipp Gerbert und ein starkes Kampfremis gegen Lobron, der ja später auch Großmeister wurde.“

„Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft 1977 in Wallrabenstein. Linke Tischreihe mit Schwarz: Matthias Deutschmann, Dario Doncevic, Peter Weber, ?. Rechte Tischreihe: ?, Ralf Lau, Stefan Kindermann, Dirk Paulsen, ?. Stehend an Wand: ?, ?, Herbert Vetter, ?.“ Diese Bildzeile entnehmen wir der Wikipedia. Womöglich ist auch Markus Kappe auf diesem Foto zu sehen. Die von uns befragten Schachfreunde, darunter Stefan Kindermann und Dieter Migl, sind sich nicht sicher.

Seine eigene Partie gegen Markus Kappe, ein schnelles Remis, hält Kindermann für nicht weiter erwähnenswert. Kasparows Partie gegen Markus Kappe kannte Kindermann nicht. Als ich sie ihm schickte, war er begeistert. Schon am Morgen danach fand ich in meinem E-Briefkasten seine ausführliche Analyse (vielen Dank nochmals!). Kindermann gratulierte zur Initiative, diesen Spieler dem Vergessen zu entreißen.

 

 

Motiviert und inspiriert durch die großmeisterliche Unterstützung, begab sich Dieter Migl umgehend in sein Archiv. Er förderte einen Zeitungsausschnitt zutage, den er vor über 43 Jahren aus der „Ipf-und Jagst-Zeitung“ ausgeschnitten hatte, ein zufällig genau nach jener vierten Runde entstandener Bericht, in dem Reinhard Kappe Einblicke zu der Partie gegen Kasparow gewährte:

„In der vierten Runde wurde Markus nach oben gelost und musste mit Weiß gegen den favorisierten Sowjetrussen Garri Kasparow antreten. Markus lehnte im 35. Zug ein Remisangebot des Russen ab und nach 41 Zügen und fünf Stunden Spielzeit wurde die Partie abgebrochen. Anschließend analysierten wir das Spiel etwa eine Stunde lang und legten uns danach schlafen. Nachts um 24 Uhr fiel Markus plötzlich ein möglicher sehr starker Zug des Russen ein, den wir bisher völlig außer Acht gelassen hatten. Ich schlug ihm vor, ihn sofort zu analysieren. 

Nach einer Stunde hatten wir auf diesen Zug einen feinen Gewinnzug gefunden. Am nächsten Morgen spielte Kasparow tatsächlich genau die Variante unserer nächtlichen Analyse und Markus gewann nach einer Stunde Spielzeit. Eine ganz tolle Leistung, wenn man bedenkt, dass der Russe eine Elozahl von 2323 aufweist.“ (*)

Kasparow hat in seiner Karriere zwei Turnierpartien gegen Deutsche verloren. Eine gegen Robert Hübner, eine gegen – Markus Kappe.

Perlen-TV über Markus Kappe.

„Wie eine Maschine“: Der Junge, der Kasparow und Short schlug

Woran erinnert sich Dr. Reinhard Kappe als erstes, wenn er an den 11. September 1977 zurückdenkt, den Tag, an dem sein Bruder Markus Garri Kasparow besiegte? „Ich glaube, Kasparow hatte ein weinrotes Shirt an. Oder erinnere ich mich an ein Polaroidfoto der Partie?“

 

„Wenigstens leben wir noch, Garri“: Zur ersten Runde der Kadetten-WM 1977 trug Garri Kasparow ein dunkles Hemd.

Reinhard Kappe begleitete seinen zweieinhalb Jahre jüngeren Bruder Markus als Betreuer und Sekundant bei der Kadettenweltmeisterschaft 1977 in Südfrankreich. Untergebracht in einer vor Fliegen wimmelnden Jockeybox (siehe erster Bericht), analysierten die Brüder die Hängepartie gegen Kasparow. Nach Mitternacht fanden sie das entscheidende Manöver, mit dem Markus am Morgen danach den angehenden dominierenden Spieler des Weltschachs niederringen sollte.

Reinhard Kappe führte Buch über alle Resultate des Turniers. Ein handgeschriebenes Papierstück hat er aufbewahrt und für diesen Artikel zur Verfügung gestellt. Außerdem versorgte Reinhard Kappe die Presse daheim mit Informationen, sodass die deutschen Schachfreunde auf dem Laufenden waren: Markus Kappes Auftaktremis gegen den Tunesier Chazzai folgten zwei Siege. Nach 16 Zügen gab sich in Runde zwei der Portugiese Sequeria geschlagen, in Runde drei besiegte Markus den Norweger Jansson.

Wie sind diese Resultate aus heutiger Sicht einzuschätzen? Der in Runde zwei kurzzügig abgefertigte Joao Sequeria wurde später immerhin FIDE-Meister. Der Norweger Jøran Aulin-Jansson sollte als Funktionär und Organisator Karriere machen. Von 2007-15 war er Präsident des norwegischen Schachverbands, von 2013-17 Organisator des Norway Chess.  

„Obwohl es fast 44 Jahren her ist, habe ich noch einige Erinnerungen“, sagt Aulin-Jansson. „Ich war 15, und ich kam am Flughafen in Nizza an. Der Veranstalter hatte versprochen, mich abzuholen, doch das passierte nicht. Nach zweistündigem Warten nahm ich ein Taxi nach Cagnes-sur-Mer und zeigte dem Fahrer als Ziel ein Infoblatt vom Turnier. Mein Englisch war okay, doch ich konnte kein Französisch. Der Fahrer tätigte einige Anrufe und fand schließlich den ‚Stall‘, in dem wir untergebracht waren.“

„Das Hippodrom hatte seinen Charme“, sagt er über den Ort der Veranstaltung. „Als Unterkunft würde es aber heutzutage nicht mehr durchgehen.“ Auch an die Partie gegen Markus Kappe (sie ist weiter unten in der Partie Arnason-Kappe eingefügt, Anm. des Autors) erinnert er sich. „Eine peinliche Angelegenheit. Markus kannte die Theorie, ich nicht. Er spielte ziemlich schnell und hatte die ganze Partie über alles unter Kontrolle. Ich spielte später auch noch gegen Garri Kasparow, und der zerquetschte mich auf eine ähnliche Art und Weise wie Markus. Worüber ich mich wirklich gefreut habe, war, Jay Whitehead zu schlagen. Nicht im Schach, sondern im Tischtennis. Ich habe schöne Erinnerungen an die U17-WM 1977 und habe dort viele nette Leute kennengelernt.“

Nach vier Runden inklusive dem Sieg über Kasparow stand Markus Kappe glänzend da. Und sein Lauf ging weiter. In Runde fünf siegte er mit Weiß in 34 Zügen gegen Adnan Sednur aus der Türkei, einen späteren IM.

Markus Kappe hatte vier Partien am Stück gewonnen, dann die sechste Runde, Schwarz gegen Jón Loftur Árnason aus Island. Die Zeitung berichtete anschließend von einer „kleinen Tragödie“: Markus Kappe war in Vorteil, als die Partie unterbrochen wurde. Bei Wiederaufnahme am nächsten Morgen übersah Markus eine taktische Finesse seines Gegners, und die Partie wendete sich. Markus verlor, nachdem er ein Remisangebot des Isländers ausgeschlagen hatte.

 

Der spätere Großmeister Jón Loftur Árnason sollte diese Kadetten-WM 1977 gewinnen. „Die Verlustpartie gegen Árnason war für uns beide am wichtigsten und emotional bedeutendsten. Hätte Markus diese Partie gewonnen, wäre er Weltmeister geworden“, sagt Reinhard Kappe.

„Die Partie hätte Markus gewinnen müssen. Arnason hatte keine Chance. Nullkommanull. Läuferpaar ist Läuferpaar“, sagt Markus Kappes einstiger Mannschaftskamerad Dieter Migl. „Markus hat Arnason völlig überspielt, dieser Ausgang ist wirklich ein Drama. Die Partie erinnert mich an eine andere Partie von Markus kurz zuvor und bei der Jugendmeisterschaft in Wallrabenstein gegen Dario Doncevic. Auch hier hat Markus den späteren Turniersieger mit Schwarz überspielt und dann einen taktischen Witz übersehen. Ich erinnere mich noch, wie enttäuscht Markus war, weil er damals in Wallrabenstein nicht gewonnen hat.“

Trotz der bitteren Niederlage gegen Arnason lag Markus Kappe mit 4,5/6 noch gut im Rennen um den WM-Titel. Dann das nächste Drama in der siebten Runde gegen den Amerikaner und späteren IM Jay Whitehed. „Markus stand bereits nach 18 Zügen auf Verlust“, berichtet Reinhard Kappe.

 

„Markus spielte auch gegen Whitehead natürlich wie immer die prinzipiellste und schärfste Variante“, erklärt Dieter Migl. „13…a5 sieht aus wie der logische Zug, ist aber taktisch voll daneben. Whitehead erreichte schnell eine Gewinnstellung. Durch planloses Spiel vergab er diese aber im Lauf der nächsten 40 Züge. Markus spielte diese Phase sehr gut. Schließlich stand er sogar auf Gewinn, später hätte es remis werden sollen. Ein neuerlicher Bock von Markus beendete die Partie. Taktisch hatte er gewisse Schwächen.“

„Wie eine Maschine“

Natürlich wurden Markus’ Partien später auch gemeinsam beim Oberkochener Vereinsabend analysiert. Mit dabei war Bernd Hierholz. Er spielte gemeinsam mit den Kappe-Brüdern und Dieter Migl in der bärenstarken Oberkochener Jugendmannschaft, von der in der Fortsetzung die Rede sein wird. Zur Partie gegen Whitehead sagt Hierholz:

„Die Partie gegen Whitehead war ein Knaller. Den spielentscheidenden Fehler beging Markus im 69. Zug (De3). Ob Markus‘ Niederlage gegen Whitehead eine direkte Folge seiner Niederlage gegen Arnason war, kann ich nicht beurteilen. Einen Konditionsmangel würde ich bei Markus nicht vermuten – ich habe oft in Jugend- und Vereinsturnieren und auch in Verbandskämpfen neben Markus gesessen. Er spielte wie eine Maschine. Sein Punkt war für die Mannschaft schon vor Spielbeginn fest eingeplant.“

In der achten Runde kreuzten sich die Wege von Markus Kappe und dem heutigen FIDE-Vizepräsidenten Nigel Short, der damals als 12-Jähriger an der U17-Weltmeisterschaft teilnahm. Es wurde Markus‘ dritte Hängepartie am Stück. 

 

(Kommentare aus der Mega Database von ChessBase)

Der Schreiber dieser Zeilen fühlte sich im siebten Schachfan-Himmel, als Short die Anfrage zur damaligen Begegnung beantwortete. An Markus Kappe erinnert sich Short leider nicht, an das Geschehen auf dem Brett sehr wohl: „Die Qualität meiner Partie gegen Markus Kappe war ziemlich schlecht, wie bereits ein flüchtiger Blick mit einer Engine offenbart. Ich erinnere mich, dass mir schon damals bewusst war, einige Chancen liegengelassen zu haben, aber es ist schockierend zu sehen, wie viele es wirklich waren. Und ich spreche noch nicht einmal von strategischen Fehlern.“

„Mein Sekundant war nutzlos“

Nicht nur Nigel Short, auch Markus Kappe hat in dieser Partie „viel ausgelassen“, erklärt Migl. „Markus’ Wissen war damals beschränkt. Vor der WM hatte er eine Handvoll halbwegs ernsthafter Turniere gespielt. Nur Jugendturniere. Er spielte immer den Zug, der in der Stellung strategisch am besten war. In diesem Fall Besetzung der a-Linie mit Ta1. Der Springer bleibt auf c3. Die Stellung kann so etwa spiegelverkehrt aus dem geschlossenen Sizilianer entstehen. Heute weiß jedes Kind, dass nach …f4 die weiße Königsstellung evtl. anfällig ist. Aus diesem Grund durfte Schwarz auch nicht …c5 spielen, da Weiß mit 17.Sd5 und evtl. Se3 die Königsstellung entscheidend sichern kann.“

„Ich war erst zwölf und wusste nicht wirklich, wie man Partien analysieren sollte“, sagt Short. „Mein Sekundant, der immerhin eine Elo von etwa 2100 hatte, verfügte auch über kein Konzept. Er war einfach ein freundlicher Erwachsener, der zu meiner Begleitung mitgeschickt worden war. In praktischer Hinsicht war er nutzlos. Das wurmt mich noch heute. Dieses waren meine prägenden Jahre, aber ich habe aus dieser Niederlage wenig bis gar nichts lernen können, und das zu einer Zeit, als ich schneller hätte vorankommen sollen.“ 

Prägende Jahre: Klein-Nigel studiert die Partien von Bobby Fischer.

Trotz des turbulenten Sieges gegen Nigel Short war Markus Kappe nach dieser Partie aus dem Rennen um den WM-Titel, wie wir aus dem Zeitungsbericht von 1977 erfahren:

„Die restlichen drei Partien waren für den Ausgang der Weltmeisterschaft nicht mehr ausschlaggebend. Markus spielte in der neunten Runde gegen den späteren IM Negulescu (Rumänien) Remis, gewann anschließend gegen den Kolumbianer Lopez und einigte sich dann in der letzten Partie mit dem Kanadier Pajek auf ein Remis. Damit stand Markus als alleiniger Vierter fest. Weltmeister wurde der Isländer Arnason. Auf den Plätzen folgten der Amerikaner Whitehead, der Sowjetrusse Kasparow und Markus Kappe. Die vier Erstplatzierten lagen jeweils nur einen halben Punkt auseinander.“   

Tunierfavorit Kasparow hat also auch nicht gewonnen. Und was schreibt Kasparows damaliger Trainer Alexander Nikitin in seinem Buch „Mit Kasparow zum Schachgipfel“ über dieses Turnier? Von Garris Niederlage gegen Markus Kappe, die ihm die Goldmedaille verwehrte, kein Wort. Der Name Kappe taucht bei Nikitin nicht einmal auf:

„Von seiner erneuten Reise zur Kadettenweltmeisterschaft kehrte Garri als Dritter zurück. Dabei sah sein Spiel keineswegs schlechter aus als das des Siegers Arnason aus Island. Drei Runden vor Schluss lag Garri mit diesem sogar punktgleich an der Spitze. Das Reglement, das in elf Tagen elf Partien vorsah, wurde indes besser von Jugendlichen verkraftet, die fast 16 Jahre alt waren. Garik hatte am Schluss nicht genug Kraft. Er spielte dreimal Remis und musste auch noch den Amerikaner Whitehead vorbeiziehen lassen.“ 

1974: Der spätere Großmeister Klaus Bischoff (links) gegen Markus Kappe. | Foto: privat

Nach der Rückkehr vom Turnier gaben Markus und Reinhard Kappe in Oberkochen eine Pressekonferenz. Der damalige Vorsitzende des Schachvereins Hans Horstmann betonte, wie stolz alle Mitglieder des Clubs auf die Turnierteilname von Markus seien. Der Erfolg lasse für Markus‘ schachliche Zukunft hoffen.

Allein, diese Zukunft gab es nicht.

Was der Vorsitzende des Schachvereins über seinen Nachwuchsstar nicht wusste, erzählt uns Reinhard Kappe: „Nach seiner letzten Partie bei der Schüler-Weltmeisterschaft 1977 sagte Markus mir, er wolle kein Schach mehr spielen, um sich ganz der Mathematik zu widmen. Und tatsächlich spielte er keine einzige Partie Schach mehr. Man hätte denken können, er hätte wegen der Niederlage gegen Arnason aufgehört.“

Im für ihn ereignisreichen Jahr 1977 spielte Markus Kappe nicht nur die Kadetten-WM und die deutsche Jugendmeisterschaft in Wallrabendstein. Er gewann außerdem den jährlichen Bundeswettbewerb Mathematik des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft.

3124 Schüler hatten teilgenommen. In der dritten Runde, einem Kolloquium mit Mathematik-Professoren, hatte sich das Feld auf 59 reduziert. Markus Kappe setzte sich durch. Er wurde in die Studienstiftung des deutschen Volkes aufgenommen und gewann einen Förderpreis, der es einem deutschen Schüler erlaubte, am mathematischen Sommerkurs der Universität Chicago teilzunehmen.

„Nach seiner Rückkehr aus Chicago sagte er mir, er würde jetzt nicht mehr verreisen“, berichtet Reinhard Kappe. „Tatsächlich reiste er nicht mehr. Nach dem Abitur studierte Markus einige Jahre Informatik an der Uni Stuttgart, gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes.“

Dieter Migl ist Markus Kappe an der Stuttgarter Uni 1980 noch einmal begegnet:

„Wir liefen aufeinander zu. Auf ein ‚Hallo, Markus‘ reagierte er nicht. Erst als er schon vorbei war, zeigte ein zweites ‚HALLO, MARKUS!‘ Wirkung. Wir unterhielten uns, auch über das Studium. Er sagte, er würde kein Schach mehr spielen, und die Professoren könnten ihm nichts Neues erzählen.“

Markus Kappe war des Schachs überdrüssig, der Mathematik – und letztlich des Lebens, aus dem er am 31. Mai 1987 freiwillig schied. Er wurde 26 Jahre alt. 

„Er war zu intelligent für diese Welt.“ (Dieter Migl)

Die von ihm besiegten Garri Kasparow und Nigel Short spielten 1993 gegeneinander um die Weltmeisterschaft.  

Am 16. Dezember 2020 wäre Markus Kappe 60 Jahre alt geworden.

Supertalent Markus Kappe und seine Wegbegleiter: „Er war unser Maßstab“

Gestützt auf eine gute Jugendarbeit, wurde der Schachverein Oberkochen zu einer Schachhochburg in Ostwürttemberg. Mehrere Nachwuchsspieler gehörten zum Stammpersonal der ersten Mannschaft, die 1977 in die Verbandsliga aufstieg, die dritthöchste Spielklasse. Markus Kappe (16) spielte sogar an Brett eins.

Nicht bloß auf eigene Talente setzte man, auch ins benachbarte Bayern wurden die Fühler ausgestreckt. Dieter Migl erinnert sich, wie er vom SK Nördlingen über die Grenze weggelockt wurde: „Oberkochen war gerade aufgestiegen. Sie wollten mich – als Köder wurde mir ein hinteres Brett angeboten.“ Neben dem Stammplatz in der Verbandsliga war für ihn der Oberkochener Nachwuchs ein attraktiver Wechselanreiz „Wahrscheinlich waren wir 1977 die beste, zumindest eine der besten deutschen Jugendmannschaften.“ Migl präsentiert einen Zeitungsbericht vom Oberkochener Jugendblitzturnier für Viermannschaften. Sein Team gewann überlegen mit 73,5 von 80 möglichen Brettpunkten. „Das zeigt, wie wir damals mit der gewiss nicht schwachen Konkurrenz umgesprungen sind – und das, obwohl Reinhard Kappe, einer unserer Besten, an dem Tag nicht mal dabei war.“

Im zweiten Teil dieser Trilogie (siehe oben) war zu lesen, Markus Kappe habe nach der Rückkehr von der U17-WM in Südfrankreich keine einzige Partie mehr gespielt. Migl bestreitet das: „Markus hat die Saison in der Verbandsliga regulär zu Ende gespielt, auch die Vereinsmeisterschaft. Da hat Markus unter anderem mich ganz trocken abgefertigt.“

Seine letzte Turnierpartie habe Markus Kappe im Wettkampf Oberkochen gegen Stuttgart-Fasanenhof gespielt. „Markus hat ohne Gegenwehr verloren.“ Kappes damaliger Gegner: Martin Böhm, ein ehemaliger württembergischer Spitzenspieler. Böhm hat die Partie für uns freundlicherweise mit ein paar Anmerkungen versehen (besten Dank).

Böhm- Kappe
Fas-Oberkochen
5. März 1978
Kommentiert durch MB

Sein Ruf eilte ihm voraus, ein „Ausnahme“-Talent, folglich strebte ich taktische aggressive Varianten an…

1.Sf3 g6 2.d4 Lg7 3.e4 d6 4.Lc4 Sf6 5.De2 O-O 6.O-O c6 7.Lb3 Dc7 8.Sc3 e5 9.dxe5 dxe5 10.Le3 Sbd7 11.Sd2?! (11.Sg5 h6 12.Sxf7 Txf7 13.Lxf7+ Kxf7 14.Dc4+ Kf8 15.f4 Dd6 16.Tad1 De7 17.Sa4 ⩲) 11…Td8 12.f4!? Sb6 (12…exf4 13.Lxf4 Se5 14.Sc4 Sfg4 15.h3 b5 16.Sxe5 Sxe5 17.Lxf7+ vmtl. die Absicht von f4) 13.f5 (Schon steht ein Stoßstürmer auf der f-Linie bereit…und behindert den Lc8 in der Entwicklung… 13. fxe5 Lg4 14.Df2 Dxe5 15.h3 Le6 16.Sf3 Dc7 17.Lxe6 fxe6 18.Ld4⩲) 13…gxf5 14.exf5 Sbd5 15.Sxd5? (Vom positionellen Standpunkt aus schlecht, Idee war den schwarzfeldrigen Läufer zu behalten…) 15…cxd5 = 16.Lg5 Ld7?! (16…a5 17.a4 h6 18.Lh4 e4⩱) 17.Tf3 (Natürlich Königsangriff, was gibt es besseres? Th3- Idee, jedoch c4 war wohl besser, kommt noch… weil mich der Gegner lässt…) 17…Kh8 18.Taf1 Tg8 (Logischer Zug, nach Kh8… Vmtl. verfehlt, den König so einzuklemmen… 18…e4 19.Th3 De5∞) 19.c4 Dc5+ 20.Kh1 d4 21.Th3± Tae8? (Stellt die Partie ein… 21…Lc6 22.Lc2 Tad8 23.Se4 Lxe4 24.Lxe4 Td6) 22.Se4! Sxe4 23.Dxe4 (Reicht auch noch zum Sieg. Weiß verpasst Matt…, passiert mir auch nicht allzu oft… 23.Txh7+ Kxh7 24.Dh5+ Lh6 25.Dxh6#) 23…Dc6 23…f6?24.Txh7+ Kxh7 25.Dh4+ 24.Dh4 h6 25.La4! (Der vmtl. übersehene Ausheber) 25…Dxc4 25…b5 26.Lxb5 26.Tc1 Da6 (Aufgabe wäre sportlicher gewesen…) 27.Lxd7 Tef8 28.f6 (Das Spiel gegen h7 war doch längst schon klar, weshalb er so leichtfertig agiert hat, erschloss sich nicht…) 1–0

Nach diesem letzten Spieltag der Saison 1977/78 stand der hauchdünne Abstieg aus der Verbandsliga fest, obwohl die Mannschaft nie höher als 3,5:4,5 verloren hatte. Eine Zäsur für Oberkochen. „Markus spielte nicht mehr, auch sein Bruder Reinhard war weg in Freiburg zum Studieren. Schließlich bin auch ich nach Nördlingen zurück gewechselt“, sagt Migl. 

Wie muss man sich das damalige Jugendtraining vorstellen? Roland Fritz, Mitglied des Post SV Ulm, war befreundet mit dem vor einem Jahr gestorbenen damaligen Oberkochener Jugendtrainer Norbert Nikels und oft in Oberkochen beim Vereinsabend zu Gast. „Zusammen trainiert wurde eigentlich nicht“, sagt Fritz. „Ich habe ein- oder zweimal ein Simultan mit der Jugendgruppe gemacht. Norbert Nikels war es, der die Oberkochener Jungs zu einer Einheit geformt hat. Darunter waren vier oder fünf Spieler, die sich gegenseitig angespornt haben.“

Bei Markus Kappe führte diese Entwicklung bis zu Siegen über Garri Kasparow und Nigel Short. Reinhard Kappe und Dieter Migl landeten später in der Bundesliga. 

Zu Markus Kappes Entwicklung habe der Trainer wenig beigetragen, das meiste habe er sich selbst beigebracht, sagt Fritz. „Bei Markus war von Anfang an ein gutes Verständnis vorhanden. Durch die Gemeinschaft mit seinem Bruder Reinhard sind beide schnell gut geworden.“ Jugendtrainer Nikels sei nicht besonders spielstark gewesen, „aber er hat die Jungs gefördert. Er hat ein gutes Umfeld geschaffen.“ 

Der kleine Mann im Ohr 

Einer dieser „Jungs“ war Bernd Hierholz. „Markus ist während der Partie selten aufgestanden oder herumgelaufen. Er saß ruhig, fast regungslos aufrecht am Brett, war auf seine Partie konzentriert, neudeutsch: cool.“ Besondere Merkmale? Er habe immer ein kleines Mäppchen dabeigehabt, mit Spitzer und Radiergummi. „Die Züge notierte er per Bleistift. Seine Stifte maßen oft nur drei bis vier Zentimeter und waren von beiden Seiten angespitzt.“

Markus sei wenig mitteilsam gewesen. „Die Schachfamilie war wichtig für seine soziale Integration“, sagt Hierholz. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten und Intelligenz habe Markus außerhalb des Schachs eine eher exponierte Stellung eingenommen. „In unserer Gruppe war er nicht nur integriert, sondern geschätzt. Sein Talent war sofort nach dem Vereinseintritt in den frühen 70er-Jahren sichtbar. Markus war unser sportlicher Maßstab. Außerdem hat er die Gruppe mit Ideen und geistreicher Ironie belebt.“ 

Markus Kappes Schwester Regina berichtet von der Vorliebe ihres Bruders für Boogie-Woogie-Musik von Axel Zwingenberger und den Liedermacher Ulrich Roski. Damit konfrontiert, kommen bei Hierholz sofort alte Erinnerungen zurück: „Ulrich Roski, ‚Der kleine Mann im Ohr‘, genau das war unser Witz damals, da fuhr Markus voll drauf ab! Das war der besondere Geist, der uns verband.“ 

Hierholz war damals oft bei Kappes zu Besuch. „Reinhard und Markus bewohnten allein die untere Etage des Hauses. Im Gegensatz zu mir hatten sie ganz viele Schachbücher“, sagt Hierholz. Davon habe auch er profitiert. „Reinhard hat seinen Bruder geliebt und gefördert. Er war für Markus nicht bloß Bruder, auch Manager, Sekundant und Pressesprecher.“

25 Meter hohe Bäume

In einem Schuljahreszeugnis habe Markus Kappe es mal auf einen Notenschnitt von 1,0 gebracht. „Wir witzelten danach, dass der eigentliche Schnitt 0,9 war: Markus verblüffte seinen Mathelehrer mit einer Lösungsmethode, so dass dieser ihm eine 1+ gab, was mitsamt den anderen sämtlichen Einsern arithmetisch korrekt zu einem 0,9-Schnitt führt.“ Markus habe demzufolge auch im Fach Sport eine Eins gehabt. „Er war viel in der Natur unterwegs, erkletterte 25 Meter hohe Bäume, selbstverständlich mit wohlkalkuliertem Risiko, und er ernährte sich sehr gesund.“

Hierholz weiß nicht mehr, ob Markus Vegetarier war, hält das aber für wahrscheinlich. „Kein Nikotin, kein Koffein, kein Alkohol. Vorzugsweise trank er Fruchtsäfte, jedenfalls Getränke ohne Kohlensäure. Über die schädlichen biochemischen Wirkungen hat er in unserem Freundeskreis mal referiert, ohne dass ich es verstanden hätte.“

Markus sei ein ganz besonderer, außergewöhnlicher Mensch gewesen. „Es macht mich heute noch glücklich, ihm begegnet zu sein, und ich bin stolz, von ihm akzeptiert worden zu sein. Genau so bekundete es ein Klassenkamerad und Sitznachbar von Markus, den ich vor einigen Jahren mal zufällig in Oberkochen traf“, sagt Hierholz. „Um keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen“, ergänzt er: „Markus ist nicht arrogant gewesen. Er war einfach in allem besser und wusste es wirklich besser!“

Bernd Hierholz ist heue bei der Karpow-Schachakademie in Hockenheim tätig. Darüber hinaus engagiert er sich für das Kinder- und Jugendschach im Raum Heidelberg, Walldorf, Hockenheim und Ladenburg. Er ist auch selbst noch aktiv in der zweiten Mannschaft des SV Hockenheim.

Die Ka-Phonie des Schachs

„Mir wurde erst jetzt klar, dass es sich in meinem Schachleben wundersam gefügt hat, dass ich mit den beiden einzigen deutschen Kasparow-Bezwingern zusammenkam“ , sagt Hierholz. Robert Hübner kennt er nicht näher, begegnete ihn aber im März 2019 zufällig in Berlin. „Robert Hübner ist lockerer als ich dachte. Wir hatten ein angeregtes Gespräch, obwohl ich sowohl Markus als auch Robert schachlich als auch allgemein intellektuell nicht annähernd das Wasser reichen kann.“

Markus Kappe auf sein außergewöhnliches Schach zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht, sagt Hierholz. „Markus hat einen Wikipedia-Eintrag verdient, er war eine große Persönlichkeit. Leider konnte er sein Potenzial nicht mehr in großen Lebensleistungen zeigen. Dafür war sein Leben zu kurz.“ In Hierholz‘ „verrücktem Schachhirn“, wie er es nennt, regt sich ein weiterer Gedanke: „Die ‚Ka-Phonie’ hat sich verlängert: Karpov, Kasparov, Carlsen, Kasimdzhanov, Caruana, Kamsky, Karjakin, Khalifman, Kappe. Zufall? Ich glaube nicht. Nomen est omen!“

Dass es kaum Bilder von Markus Kappe gibt, erklärt Hierholz damit, dass dieser nicht gern im Rampenlicht stand. „Das war keine falsche Bescheidenheit, sondern es war ihm einfach nicht wichtig. Auch die Pressearbeit. Ihn nach Turnieren zu fragen, wie es war und wie es gelaufen ist, das war dann Reinhards Part.“  

 Nigel Short – „etwas herzlos“

„Markus am Brett zu besiegen, war schwierig“, sagt Hierholz. „Gegen mich hat er taktisch nie etwas zugelassen.“ Wurde er „angesprungen“ (wie von Kasparov), setzte er den Konter an, drehte den Spieß um. „Seine Berechnungen waren exakt.“ Hierholz verweist auf die Begegnung Matthias Deutschmann-Markus Kappe von der Deutschen Jugendmeisterschaft in Wallrabenstein 1977. „Diese schöne Partie illustriert seinen Spielstil: streng positionell, genau, korrekt, Fianchetto, Läuferpaar, im Geiste Retis, Königsindisch.“

 

Der Kabarettist Matthias Deutschmann war als Jugendlicher Kaderspieler des Deutschen Schachbundes. Er ist in Schachkreisen als „Stimme von Fritz“ bekannt und spielte einst für den SK Freiburg-Zähringen in der Schachbundesliga – zu Beginn der 1980er-Jahre sogar eine Zeit lang gemeinsam mit Reinhard Kappe. Diesen hat er als „sympathischen, intelligenten und mit ironischem Humor gesegneten Schachspieler“ in Erinnerung.

An die Partie gegen Markus Kappe entsinnt sich Deutschmann düster. „Ich habe damals meistens 1.e4 oder 1.c4 gespielt. Darum wundere ich mich über die Eröffnung: Königsindisch, Awerbach-System. Aber tatsächlich, das ist meine Partie! Traumatisch und einprägsam: die Schwäche der schwarzen Felder nach dem Abtausch des Damenläufers.“ Als Verlierer gegen Markus sieht Deutschmann sich mit Garri Kasparow und Nigel Short in guter Gesellschaft, „obwohl mir Nigel Shorts schwarzer ‚Humor‘ nicht zusagt. Erleichtert festzustellen, dass man, im Gegensatz zum Gewinner der Partie noch lebt, das ist etwas herzlos.“

Benedikt Kappe ist, nachdem sein Bruder Christopher mittlerweile nicht mehr spielt, als einziger aus der Kappe-Familie noch in einem Schachverein. Für den SV Walldorf saß er in der Oberliga in den vergangenen Jahren indes nur selten am Brett. „Unabhängig von Corona bin ich seit einiger Zeit eher passiv. Zuletzt machte ich nur ein, zwei Spiele pro Runde – wenn überhaupt“, sagt Benedikt. Er ist der Neffe von Markus Kappe, hat seinen Onkel allerdings nicht mehr kennengelernt. Auch Benedikt war in der Jugend schachlich erfolgreich, wurde bei der badischen U-18-Meisterschaft einmal Zweiter. „Das ist jetzt aber auch schon über zehn Jahre her.“ 

„Ich habe als Kind zu Besuch bei meinem Opa in Oberkochen im alten Kinderzimmer von Onkel Markus mal eine Schublade mit ganz vielen Pokalen entdeckt und fand das sehr aufregend.“ Vereinzelt habe er von den älteren Familienmitgliedern oder seinem Vater Reinhard auch etwas über Markus’ Erfolge mitbekommen. „Aufgrund der tragischen Todesursache habe ich aber nie genauer nachgefragt, weil das sicher sehr schlimm für die Familie war. Ich wollte keine alten Wunden aufreißen.“

Lieblingsschachbuch „Mein System“

„Fast meine gesamte Gymnasialzeit kannte ich eigentlich nur Schule und Schach mit Markus. Obwohl zweieinhalb Jahre jünger, war er immer der Bessere“, sagt Dr. Reinhard Kappe. Nicht nur seinem älteren Bruder Reinhard war Markus Kappe schon in jungen Jahren überlegen. „Der Vereins-Wanderpokal ging, nachdem er ihn ständig hintereinander gewonnen hatte, in den endgültigen Besitz von Markus über. Sein Name war da so oft untereinander eingraviert, bis es keinen Platz mehr gab.“

1976 war auch Reinhard Kappe sehr erfolgreich. Gemeinsam belegten die Kappe-Brüder die beiden ersten Plätze bei der Württembergischen Jugendmeisterschaft und qualifizierten sich damit beide für die Deutsche Jugendmeisterschaft in Lübeck. 

„Am Oberkochener Gymnasium hat Markus auf eigenen Wunsch eine Klasse übersprungen, mit dem Ziel, eher zu studieren. 1979 hat er das Abitur gemacht“, berichtet Reinhard Kappe. Sein eigenes Studium verschlug Reinhard Kappe einst nach Freiburg, wo er für den SK Freiburg-Zähringen bis 1983 16-mal in der Schachbundesliga spielte.

Vereinsschach spielt Dr. Kappe längst nicht mehr. Er ist Laborleiter am Südharz-Klinikum in Nordhausen, unterrichtet außerdem Hygiene für Medizinstudenten als außerplanmäßiger Professor an der Uni Heidelberg. Sich selbst bezeichnet er als „normalen Hobby-Schachspieler, der es mal zu Elo 2000 und ein paar Bundesliga-Einsätzen gebracht hat“. Stolz ist er eher auf eine Fernpartie, die er einst bei der Jugendfernschachmeisterschaft gegen den späteren Großmeister Eckhard Schmittdiel gewonnen hat.  

„Markus’ Lieblingschachbuch war übrigens Mein System von Aaron Nimzowitsch, mit blauem Kunstleder-Einband und Golddruck. Das hat er komplett durchgearbeitet“, sagt Reinhard Kappe. Auch philosophische Werke von Friedrich Nietzsche habe Markus studiert. „Sein Zarathustra liegt derzeit gerade auf meinem Nachttisch.“

Kasparow über Kappe

Garri Kasparow haben wir für diesen Artikel nicht erreicht. Nachdem wir berichtet hatten, dass Kasparows damaliger Trainer Alexander Nikitin im Buch "Mit Kasparow zum Schachgipfel" den Namen Markus Kappe übergangen hat, haben uns mehrere Leser informiert, dass sich Garri Kasparow in seinem dreibändigen Werk Garry Kasparov on Garry Kasparov zur Kadetten-WM 1977 und auch zu Markus Kappe geäußert hat:

„In the 4th round I lost an undistinguished game to an opponent who was by no means the strongest – Kappe from West Germany.“

(In der 4. Runde verlor ich eine ambitionslose Partie gegen einen Gegner, der nicht gerade der Stärkste war – Kappe aus Westdeutschland.)

Klingt erst mal wenig schmeichelhaft für den bei diesem Turnier nur einen halben Punkt hinter Kasparow ins Ziel gekommenen Markus Kappe. Lassen wir hierzu nochmals Bernd Hierholz zu Wort kommen. Als taktisch geschulter Spieler könne er Kasparows Reaktion gut nachvollziehen, sagt er: „Wenn man so langweiliges Zeug vorgesetzt bekommt, wenn der Gegner gewöhnliche, alltägliche, unverbindliche, unbestimmte und wenig konkrete 08/15-Standardvarianten aufs Brett bringt, gehört das aus Kasparows Sicht natürlich bestraft. Erschwerend kommt die ‚Frechheit‘ des Gegners hinzu, noch dazu mit den weißen Steinen, den Ball so flach zu halten. Dennoch hält sich mein Mitleid mit Kasparow in Grenzen.“

„1977 Cadet World Championship: I didn’t win this under-17-tournament, the only such title that escaped me!“

(Garri Kasparow)

„Was Kasparow verkennt: Markus war vielleicht ‚by no means the strongest‘, aber womöglich eben doch ’strategisch der Beste der Welt‘.“

(Bernd Hierholz)

 

(*) Entgegen der Darstellung im Zeitungsartikel scheint Garri Kasparow erst 1980 seine erste offizielle Elozahl erspielt zu haben. Damals stieg er mit 2595 als 15. der Weltrangliste ein.

Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

 

 

 


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren