Masterclass: Raul Capablanca - ein Rezension

07.11.2018 – In der Reihe "Masterclass" werden die großen Spielerpersönlichkeiten der Schachgeschichte vorgestellt. In Band 4 beschäftigten die Autoren sich mit Rau Cablanca und seiner Spielkunst. Philipp Hillebrand hat sich die CD angesehen und meint: "Ein gelungenes Werk, welches sich auch als „Videoabend“ allein zur Unterhaltung nutzen lässt."

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Rezension zu Masterclass 4, José Raúl Capablanca

Von Philipp Hillebrand 

Kenne deine Klassiker! So lautet ein oft erteilter Ratschlag. Warum dies so ist, und welche Bedeutsamkeit sich dahinter versteckt, sieht man sehr schön an der DVD aus dem Hause ChessBase. Es ist nicht nur eine Hommage an die Schönheit im Spiel Capablancas, sondern auch das von ihm am Brett gefundene strategische Werkzeug, welches auch heutige Generationen von Schachspielern immer noch nutzen. Allerdings werden nicht nur fehlerlose Werke Cabablancas präsentiert. Die Zusammenstellung des Materials kann man in Anlehnung an die drei Partiephasen im Schach als klassisch bezeichnen, also Eröffnung, Mittelspiel und Endspiel. Zunächst nimmt sich GM Niclas Huschenbeth die gewählten Eröffnungssysteme des dritten Weltmeisters der Schachgeschichte vor. Freilich kann man mit den heutigen Hilfsmitteln wie Datenbanken und Engines nur schwer nachvollziehen, dass der Kubaner mit einem doch als recht eng zu bezeichnenden Repertoire viele Erfolge verbuchen konnte.

Allerdings ging es Capablanca wohl stets darum, spielbare und gesunde Stellungen zu bekommen, wie GM Marin an anderen Stellen in anderen Zusammenhängen erläutert, z.B. wenn es um Vereinfachungen als strategische Waffe in Mittel- oder Endspielen geht. Es dürfte also wohl eher eine Frage des sich Wohlfühlens gewesen sein, welche die Wahl der einen oder anderen Variante mit sich brachte. Zuletzt verfolgt auch ein gewisser Magnus Carlsen solch einen Ansatz, wenn er z.B. zum Londoner System greift. Diese Eröffnung verdankt übrigens ihre Namensgebung dem Turnier aus dem Jahre 1922, welches in London stattfand und in sehr souveräner Manier von Capablanca gewonnen wurde. An der Eröffnung des Londoner Systems waren kreative Köpfe wie Saviely Tartakower oder Geza Maroczy beteiligt. Aber auch Charles Watson, welcher den Aufbau mit frühem Lf4 gegen Capablanca versuchte, prüfte seine Spielbarkeit, und es ist erstaunlich, wie aktuell das Konzept des Kubaners dagegen bis heute ist! Witziger weise wandte das kubanische Genie in diesem Turnier auch einmal den Aufbau mit frühem Lf4 an, allerdings gegen die Absicht des Nachziehenden sich Königsindisch aufzubauen.

„Eine Stellung, welche in den letzten Jahren sicher eine Art Renaissance erlebt hat dank Spieler wie Carlsen, Grischuk und vor allem Sedlak Nikola, welcher die Erkenntnisse von V. Kovacevic aufnimmt, welcher in der Zeit vor den Engines diese Stellung sehr gut behandelte.“

Gerade weil sich ein Mythos um die Faulheit im Bereich des Eröffnungsstudiums um Capablanca rankt ist es aber dennoch ein Fakt, das gerade im Abgelehnten Damengambit eine Abwicklung auf ihn zurückgeführt wird. Im Weltmeisterschaftsmatch gegen Aljechin wurde das Damengambit in 30 von 33 gespielten Partien auf Herz und Nieren geprüft. Hier ist das Manöver mit …dxc4 nebst …Nf6-d5 als Capablancas Entlastungsmanöver in die Literatur eingegangen, und wer etwas über das Damengambit lernen möchte, kommt um dieses Match nicht herum, werden doch die Einschübe diverser Randbauernzüge vor dem Nehmen auf c4 betrachtet.

Master Class Band 4: José Raúl Capablanca

Er war ein Wunderkind und um ihn ranken sich Legenden. In seinen besten Zeiten galt er gar als unbezwingbar und manche betrachten ihn als das größte Schachtalent aller Zeiten: Jose Raul Capablanca, geb. 1888 in Havanna.

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Aber auch eine sehr modern anmutende Behandlung der Ben-Oni Struktur beeindruckt, da die Figuren mit Leichtigkeit ihre üblichen Plätze finden und GM Marin erläutert an anderer Stelle sehr gelungen das Erfolgsrezept der Strategie des Nachziehenden.

Was ich an dieser Stelle vermisst habe, sind tiefere Aussagen zu der Partie Marshall, F – Capablanca, J , in welcher ein von Marshall sehr lang und intensiv vorbereitetes Bauernopfer, das Marshall- Gambit in der Spanischen Partie von Capablanca offenbar am Brett widerlegt wurde und es ist verblüffend, viele Nuancen der Verteidigung für den Anziehenden bis heute standhalten:

„Viele Schachspieler, welche sich mit dem Marshall Gambit auseinandersetzen, wissen, welches Potential der schwarze Angriff besitzt, und dass der Anziehende nicht jede freundlich dargebotene Figur nehmen sollte. Der Anziehende ist am Zug, wie Spielte Capablanca gegen seinen berühmten Gegner Frank James Marshall im Jahre 1909 in einem gespielten Match?“

Auch eine Partie gegen Aaron Nimzowitsch kommt nicht zur Sprache, welche einen Stellungstyp beinhaltet, welcher an Strukturen des Wolga Gambits erinnert, und das obwohl es sich um eine Variante aus der Spanischen Eröffnung handelt!

„Die Stellung stammt aus der Partie Nimzowitsch, A - Capablanca, J 0-1(42), gespielt in St. Petersburg 1914. Der positionelle Druck der schwarzen Figuren gegen den weißen Damenflügel ist spürbar und es ist als Verteidiger sehr schwer in einer solchen Lage die Kontrolle zu bewahren.“

Den mittleren Block bilden die Beiträge von GM Marin zur Strategie und der Part von IM Oliver Reeh zur Taktik. Beide Autoren haben die besondere Fähigkeit mit ihren Erläuterungen und Fragen den „Leser bzw. Zuhörer“ in die richtige Spur zu bringen, wenn es darum geht ein Problem selbst zu lösen. Eine berühmte sog. petit combinaison erfolgte in der Partie zwischen Jossip Bernstein und Capablanca aus dem Jahre 1914, wo ironischer weise Bernstein derjenige war, der gegen die Teilnahme Capablancas am Turnier protestierte, da dieser zu jenem Zeitpunkt über zu wenig internationale Turniererfahrung verfüge. Gerade diese Anekdote verhilft vielleicht dem einen oder anderen dazu, sich zumindest die Schlusskombination der Partie zu merken, um somit stets selbst vor den Unannehmlichkeiten eines fehlenden Luftloches gewappnet zu sein oder besser, davon zu profitieren, wenn es der Spielpartner unterlassen hat selbiges zu beachten.

„Der Nachziehende ist am Zug und es ist aktuell freilich noch nicht ersichtlich, dass die Grundreihe hier am Ende der Partie Bernstein zum Verhängnis wird. Die Partie ist aber auch wegen der Frage spannend, wie die sog. hängenden Bauern seitens des Nachziehenden behandelt wurden. Die Aussagen Capablancas zu dieser Thematik sind sehr lehrreich.“

Besonders wertvoll ist der letzte Clip von Marin, den er selbst als Capablancas Erbe bezeichnet und er präsentiert Beispiele, in denen auch Robert James Fischer von einem dominierenden Springer Abschied nimmt um ihn gegen einen scheinbar schwächeren Läufer zu tauschen:

„Lasker hat gerade als Nachziehender …f6 gezogen um somit bei Gelegenheit den Sf3 vermittels …Lh5 zu fesseln oder auch zu tauschen, was den Druck auf das Feld e5 erhöhen wurde, wonach ein Gegenspiel mehr als real ist für den Nachziehenden. Capablancas Lösung dagegen wirkt zunächst paradox, aber dennoch vollkommen im Einklang mit der Stellung.“

„Eine bekannte Partie zwischen Fischer, R – Spassky, B 1-0 aus ihrem WM Kampf aus dem Jahre 1972. Fischer am Zug wählte ebenfalls einen seltsam anmutenden Abtausch, aber genau das, war ein solider Weg um den Vorteil des Anziehenden zu festigen.“

Der letzte Part mit Videoformat wird von GM Karsten Müller behandelt, wo es um dessen Spezialgebiet, die Endspiele geht. Der didaktische Ansatz ist etwas anders als bei Marin und Reeh, aber gerade wegen der kleinen Zusammenfassungen am Ende eines Clips absolut empfehlenswertes Studienmaterial. Wichtige Endspielthemen wie Durchbruch, Regenschirm, Zugzwang und vor allem die Aktivität der Figuren werden hervorgehoben und mit guten Lehrbeispielen unterstützt. Gerade die Turmendspiele galten in den Händen Capablancas als mustergültige Werke:

„Dies dürfte eines der bekanntesten Turmendspiele aus dem Schaffen des Kubaners gewesen sein und eines, welches nach GM Müller in jedem guten Endspielbuch zu finden sein müsste. In der Partie Capablanca, J - Tartakower, S 1-0 (52) aus dem Turnier zu New York aus dem Jahre 1924 wird ersichtlich, dass vor allem in Turmendspielen die Aktivität meist wichtiger ist als das Material, wenn es darum geht die verbleibenden Kräfte koordiniert miteinander arbeiten zu lassen.“

Ergänzt wird dieses gelungene Infotainment mit einer guten und ausführlichen Biographie aus der Feder von Peter Schneider, welche hervorragend gegliedert ist und neben dem schachlichen Wirken Capablancas auch Einblicke in dessen Privatleben zulassen und man kann nachfühlen, wie schwer es für ihn gewesen sein muss, dass er kein Revanchekampf mit Alexander Aljechin um die Schachkrone mehr bestreiten konnte. Die mitgelieferten Turniertabellen und aufgeführten Quellen lassen sicher auch das Herz eines Schachhistorikers höher schlagen. Die von GM Marin analysierten Endspiele, sowie die Datenbank mit 103 Partien, welche Testfragen beinhalten geben auch viel Material für das aktive Studium mit.

Eine Partie Cabaplancas kam in keiner der Videosektionen vor, aber sie würde meiner Meinung nach sehr gut im Bereich Strategie verortet sein, da man sehen kann, welch ein Vorgehen gegen die sog. Stonewall Formation des Nachziehenden gewählt werden kann. Auch die "petit combination" zum Schluss der Partie ist sehenswert. Diese Partie ist für mich der schönste Edelstein aus der Sammlung des Schaffens Jose Raul Capablancas:

„Die Stellung stammt aus der Partie Capablanca, J – Treybal, K, 1-0 (58), Karlsbad 1929. Die Bauernstruktur des Anziehenden ist imposant und deutet ein V an, also ein "Victory" für den dritten Schachweltmeister der Geschichte. Die Eroberung der Punkte a7/b7 und dann c6 ist beeindruckend.

Wie gewann der Anziehende an dieser Stelle?“

Fazit:

Man merkt, wie ausgewählt und passend das Material ausgesucht wurde um das Leben und um das schachliche Erbe des Genies aus Kuba zu präsentieren. Der Mix aus Infotainment mit Hilfe der Clips ist großartig und die Endspiele lehrreich dank der didaktischen Umsetzung durch GM Müller. Das Studienmaterial ist umfangreich und oft ausgezeichnet kommentiert, u.a. von Capablanca selbst oder Garry Kasparov. 5/5 Sternen für das gelungene Werk, welches sich auch als „Videoabend“ allein zur Unterhaltung nutzen lässt.

 

 

 



Themen: Rezension
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