Masterclass Smyslow: Rezension bei Glarean

von ChessBase
18.10.2021 – Die neue Masterclass-DVD zu Wassily Smyslow ist Nummer 14 der Reihe über die Weltmeister und bringt eine umfassende "Werkschau" des 7. Schachwltmeisters, der bisweilen in seiner Leistung etwas unterschätzt wird. Mario Ziegler hat sich die DVD für das Glarean Magazin angesehen. Sein Fazit: Die DVD ist eine kompetente, interessante Zusammenschau des Smyslow’schen Schaffens.

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Rezension von Mario Ziegler bei Glarean Magazin. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung

Wassili Wassiljewitsch Smyslow war der siebte Weltmeister der Schachgeschichte – und eine der vielfältigsten Persönlichkeiten des internationalen Schachsports. Man attestierte dem Spiel dieses russischen Großmeisters (und studierten Bariton-Sängers) ein besonderes Streben nach harmonischen Figurenstellungen. Diese „Harmonie“ sorgte allerdings nicht dafür, dass sein Leben und Schaffen im breiten Schach-Feuilleton überdurchschnittliche Aufmerksamkeit zugestanden wurde. Eine neue DVD aus dem Hause Chessbase will da etwas nachbessern.

Ich muss gestehen, dass ich vor der Anfertigung dieser Rezension viel zu wenig über Wassili Wassiljewitsch Smyslow (1921-2010) wusste. Natürlich, er war Weltmeister von 1957 bis 1958, nachdem er in seinem ersten Anlauf 1954 Titelverteidiger Botwinnik bei einem Endstand von 12:12 denkbar knapp nicht entthronen konnte. Auf dem Weg zu seinen beiden Titelkämpfen gewann er zwei der wichtigsten Turniere der Schachgeschichte, die Kandidatenturniere von 1953 und 1956, denen in Form der Turnierbücher herausragende literarische Denkmäler gesetzt wurden.

Master Class Band 14 - Vasily Smyslov

Smyslov pflegte einen klaren positionellen Stil und verließ sich auch in scharfen taktischen Stellungen häufig mehr auf seine Intuition als auf konkrete Variantenberechnung, wobei er es im Bedarfsfall durchaus verstand, brillant zu kombinieren.

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Die „Master Class“ – Reihe von Chessbase

Denkt man an Smyslow, so schwingt sogleich das Wort „Harmonie“ mit – lag doch dem 7. Weltmeister, der auch ausgebildeter Baritonsänger war, ein besonderes Streben nach harmonischer Figurenstellung am Herzen, wie bereits der Titel seines 1979 erschienenen Werkes nahelegt: „Auf der Suche nach Harmonie“. Und doch sind das nicht eben viele Informationen über eine der herausragenden Gestalten der Schachgeschichte. Umso gespannter war ich auf die DVD, die vor wenigen Wochen im Hause ChessBase als 14. Band der Reihe „Master Class“ herausgegeben wurde. Damit fehlen in der illustren Reihe der besprochenen Schachgiganten von den Weltmeistern lediglich noch Wilhelm Steinitz und Max Euwe.

Nach einer Kurzbiographie wird Smyslows Schaffen in den Bereichen Eröffnung, Strategie, Taktik und Endspiel untersucht. Jedes Kapitel enthält mehrere Videos, sehr oft mit Trainingsfragen versehen. Im Kapitel über die Eröffnung stellt Yannick Pelletier Smyslows die These auf, dass die Auseinandersetzung mit Botwinnik, mit dem sich Smyslow in drei Weltmeisterschaften maß, großen Einfluss auf seine Eröffnungen, insbesondere sein Schwarzrepertoire, gehabt habe. Interessant und in gewisser Weise bezeichnend für Smyslows Stil ist das zweite Video, in dem das Konzept des Doppelfinanchettos behandelt wird, das von Smyslow mit großem Erfolg gewählt wurde, um theoretische Debatten zu vermeiden. Er versuchte mit Weiß von vorneherein nicht, aus der Eröffnung heraus deutlichen Vorteil zu erzielen, sondern spielbare Stellungen zu erhalten.

„Untheoretisches Vorgehen“ in der Eröffnung

Mit diesem Ansatz kommt Smyslow dem Vorgehen heutiger Spitzenspieler erstaunlich nahe. Dass dieses „untheoretische“ Vorgehen auch gegen sehr starke Gegner Früchte trug, zeigt eine Schlüsselpartie im Kandidatenturnier 1956 gegen einen seiner Hauptkonkurrenten, nämlich David Bronstein. Allerdings deckt diese Partie auch eine kleine Schwäche der DVD auf, nämlich die (meiner Ansicht nach) gelegentlich etwas zu pauschalen Bewertungen:

 

Smyslov- Bronstein
Kandidaten-Turnier 1956 (Amsterdam)

 

Zu dieser Stellung (Smyslow-Bronstein, Kandidatenturnier Amsterdam/Leeuwarden 1956), in der zuletzt 23.b5 gespielt wurde, führt Pelletier aus: „Weiß hat schon eine sehr starke Initiative. Smyslow hat hier Bronstein überspielt und in der Folge hat er dann auch seinen Vorteil ziemlich souverän verwertet.“

Das fügt sich gut in den Gedankengang des Kapitels, in dem Partien präsentiert werden, in denen Smyslow aus den harmlos scheinenden Positionen des Doppelfianchettos erstaunlich glatt gewinnen konnte – selbstverständlich nicht ohne eine gewisse Mithilfe seiner Gegner. Doch an dieser Stelle ist in Wahrheit aus Bronsteins Sicht noch alles im Lot, weshalb Pelletiers Einschätzung, mit der er die Betrachtung der genannten Partie abschließt, den Kern der Sache verfehlt.

Erste nach

23... Sb4 24.Sg5 Lxg5 25.Dxb4 Dxb4 26.Txb4 Le8 27.d4 Tac8 28.Tb3 b6 29.d5 exd5 30.Sxd5 Kf8 31.Ta1 [bringt das unglückliche]

31...Ld2 [die schwarze Stellung in Schieflage. während 31… Tc1+ nach wie vor das Gleichgewicht gehalten hatte.  Offenbar hatte Bronstein]

32.e6 [übersehen oder unterschätzt. Da 32…fxe6? 33.Tf3+ mit Gewinn zulässt, musste er wohl oder übel mit]

32...Lg5 [zurückrudern, wonach aber Smyslow in Vorteil kam. Die Partie endete nach]

33.h4 fxe6 34.Tf3+ Kg8 35.Lh3 Ld7 36.Txa7 exd5 37.Txd7 Lf6 38.Le6+ Kf8 39.Tf7+ Ke8 40.Tb7 Tc1+ 41.Kg2 Td6 42.Lf5 g6 43.Ld3 Le7 44.Te3 Td7 45.Txb6 d4 46.Tf3 Ld6 47.Ta6 Ke7 48.Ta8 Lc5 49.Th8 Kd6 50.Tc8 Kd5 51.h5 Tc3 52.hxg6 hxg6 53.Tc6 Tb7 54.Txg6 Txd3 55.Txd3 Kc4 56.Td1 d3 57.Tc1+ 1–0

Enge Verbindung von Strategie und Taktik

Smyslows Strategie im Mittelspiel nähert sich in sieben Videos Mihail Marin an. Er betont die enge Verbindung von Strategie und Taktik: Smyslow sei kein echter Positionsspieler, als welcher er oft gesehen wird, sondern ein kompletter Spieler, der seine Gegner erst positionell überspielte, um die Partie danach taktisch zu entscheiden. In dieser Hinsicht zieht Marin den überraschenden Vergleich zu Aljechin – sicher nicht der Spieler, an den man am ehesten denken würde, wenn man Smyslow vor Augen hat. Sehr interessant ist die Analyse dreier „Spätwerke“ – Partien, die Smyslow im Herbst seiner langen Karriere im Alter von 52, 62 und 72 Jahren gegen andere Weltklassespieler gewinnen konnte. Marin bezeichnet Smyslows Partien im Alter sogar als „schöner und reiner“ als diejenigen zu seiner Glanzzeit.

Smyslows Endspiel-Schaffen

Mit Karsten Müller widmet sich ein ausgewiesener Endspielexperte dem Schaffen Smyslows in der letzten Partiephase. Auch in den gewählten 6 Beispielen (darunter drei Turmendspielen) wird das vielbeschworene Streben nach Harmonie bemüht. Die Beispiele sind durchgehend eindrucksvoll und werden von Müller gut erklärt, wenngleich man sie, wie auch Müller selbst betont, viel eingehender studieren sollte als lediglich in Form des Videos.

Neben dem Endspiel gehören die taktischen Fähigkeiten zu Smyslows herausragenden Eigenschaften. In 25 interaktiven Taktikaufgaben widmet sich Oliver Reeh diesem Bereich.

Fehlende Datenbank mit Smyslow-Studien

Als Bonus enthält die DVD alle 2856 von Smyslow gespielten Partien (teilweise mit Kommentaren versehen), weitere von Oliver Reeh aufbereitete Trainingsfragen sowie ein aus den Partien des Exweltmeisters generiertes Eröffnungsbuch.

Während sich mir der Nutzen dieser Eröffnungsbücher, die sich auch in anderen Publikationen finden, nicht recht erschließt, hätte ich die eine oder andere Zugabe nützlich gefunden. Eine Übersicht über Smyslows Erfolge mag vor allem aus Sicht eines an Schachhistorie Interessierten wünschenswert sein, doch sind es nicht gerade Fans der Schachgeschichte, die als Käufer solcher DVDs in Frage kommen? Ebenso hätte eine Datenbank mit den ca. 150 von Smyslow komponierten Studien die DVD abgerundet.

Interessante Gesamtschau

Wohlverstanden: Das ist Mäkeln auf hohem Niveau. Wenn man die DVD als das begreift, als was sie konzipiert wurde, erfüllt sie die Erwartungen vollkommen: Es wird eine interessante, kompetente Zusammenschau des Smyslow’schen Schaffens in den verschiedenen Partiephasen geboten und dem Zuschauer die Möglichkeit eröffnet, an Schlüsselstellen selbst den Entscheidungen des Meisters nachzuspüren.

K. Müller / M. Marin / O. Reeh / Y. Pelletier: Vasily Smyslov – Master Class Band 14, Chessbase Hamburg

Master Class Band 14 - Vasily Smyslov

Smyslov pflegte einen klaren positionellen Stil und verließ sich auch in scharfen taktischen Stellungen häufig mehr auf seine Intuition als auf konkrete Variantenberechnung, wobei er es im Bedarfsfall durchaus verstand, brillant zu kombinieren.

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Original-Rezension bei Glarean...

 


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