„Maximum aus meinen Stellungen geholt“

von Hartmut Metz
18.06.2017 – Daniel Fridman hat bei der Europameisterschaft hauchdünn die Bronze-Medaille verpasst. Trotzdem zeigt sich der dreifache deutsche Einzel-Meister vom Bundesligisten SV Mülheim Nord im Interview mit Hartmut Metz sehr zufrieden über sein Abschneiden – schließlich holte der 41-Jährige seiner Ansicht nach das „Maximum aus seinen Stellungen“ heraus.

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Hartmut Metz: Herr Fridman, Sie spielten eine überragende EM und lagen dauernd mit an der Spitze. Selbst als am Schluss ein Remis gegen Igor Kovalenko für die Weltcup-Qualifikation gereicht hätte, gewannen Sie noch einmal mit Schwarz. War noch mehr drin als Platz vier und 8/11?

 

Daniel Fridman: Wenn man meine Partien ansieht, habe ich das Maximum aus meinen Stellungen geholt. Dritter konnte ich trotzdem werden, falls der zweitplatzierte Baadur Jobava in der letzten Runde Sieger Maxim Matlakov geschlagen hätte - und er hatte recht gute Chancen im Verlauf der Partie.

 

Also auch ein bisschen Trauer über die verpasste Bronzemedaille. Gab es kritische oder entscheidende Momente während des Turniers?

 

Es gab einige kritische Momente. Ich zähle sie alle chronologisch auf: Zuerst war es meine Partie gegen den am Ende drittplatzierten Vladimir Fedoseev. Nach dem ruhigen Eröffnungsverlauf war er ganz schnell zum Angriff übergegangen. Sein Figurenopfer auf f7 war interessant, aber auch nicht mehr.


Fedoseev,Vladimir (2690) - Fridman,Daniel (2605)
Stellung nach 14.Lxf7+:

 

 

Nach meinem Fehler 14...Dxf7?! statt 14....Kxf7 konnte er mich nach 15.Dd6 Se6 mit 16.fxe5 statt 16.Dxe5 stark unter Druck setzen. Nun war die Stellung wieder unklar - und den Rest der Partie habe ich gut gespielt. Ich konnte seine Fehler nutzen und kam so auf +4. Die andere kritische Partie war gegen Ivan Cheparinov in Runde sieben. Nach der Eröffnung glich ich langsam aus.


Cheparinov,Ivan (2688) - Fridman,Daniel (2605)
Stellung nach 25...Sd7:

 

 

Dank seines ungenauen Zugs 26.Db3 statt 26.f4, konnte ich mit 26....Sc5 sogar die bessere Stellung erreichen. Stattdessen machte ich in zwei Zügen meine Stellung wieder schlechter!
 

 

Und nach meinem 29....Sxb2? stand ich sogar auf Verlust nach 30.Te3. Zum Glück blieb die Stellung noch kompliziert genug. In beiderseitiger Zeitnot leistete sich Cheparinov einige Fehler, und ich rettete mich ins Remis. Gegen Alexander Motylev stand ich in der Eröffnung nach seinem sehr interessanten 12.a3!? mächtig unter Druck.


Motylev,Alexander (2665) - Fridman,Daniel (2605)
Stellung nach 11...Sd7:

 

 

Zum Glück hat er nicht weiter optimal gespielt, und ich konnte in Runde neun ebenso das Remis halten. Die letzte kritische Partie war natürlich die zum Schluss mit Schwarz gegen Kovalenko. Verliere ich diese, erhalte ich keinen Preis und verfehle die Weltcup-Qualifikation!


Kovalenko,Igor (2657) - Fridman,Daniel (2605)
Stellung nach 11.Sxe5:

 

 

Nach der starken Neuerung 11...a5! bekam ich eine sehr aussichtsreiche Stellung aus der Eröffnung heraus. Im späteren Verlauf konnte ich meine Vorteile ausbauen und denke, dass ich verdient gewann - was mich letztendlich auf +5 hievte.


Woran lag es, dass Sie in so starker Form waren?


Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht! Vielleicht bekam ich nach meinem guten Start mit 3/3 die nötige Sicherheit, vielleicht stimmten die Rahmenbedingungen. Schwer zu sagen. Ich habe nichts Besonderes vor diesem Turnier gemacht.

 

Hatten Sie Unterstützung vor Ort? Zuletzt beklagten ja mehrere deutsche Nationalspieler diese fehlende vom Deutschen Schachbund, etwa beim Topturnier in Baden-Baden.


Bundestrainer Dorian Rogozenco war vor Ort und bot seine Unterstützung an. Ich finde es positiv, auch wenn ich davon kein Gebrauch machte.

 

Mit Matthias Blübaum und Vitaly Kunin, mit dem Sie in Spanien noch im Mai ein Open spielten und dort remisierten, überzeugten zwei weitere Deutsche.


Ja, es ist sehr erfreulich. Jetzt haben wir vier Deutsche beim Weltcup! (Anmerkung: Spitzenspieler Liviu-Dieter Nisipeanu war schon qualifiziert). Vitaly und Matthias starteten nicht optimal ins Turnier, konnten aber am Ende mehrere Partien nach einander gewinnen, teilweise gegen nominell stärkeren Gegner, und erzielten ebenso die erwünschten +5.

 

Vitaly Kunin

Lässt das für die Nationalmannschaft hoffen – auch mit Blick auf weitere Nachwuchskräfte hinter Blübaum, der einen furiosen Schlussspurt mit 5,5/6 feierte?


Mit mir und Vitaly haben zwei „erfahrenere“ Spieler gezeigt, dass es ist vielleicht noch zu früh ist, uns abzuschreiben. Matthias hat Charakter gezeigt und wieder seine hohe Klasse bewiesen. Für Dennis Wagner, Rasmus Svane, Alexander Donchenko, Rainer Buhmann und Elisabeth Pähtz verlief das Turnier unterschiedlich. Einer ist am Ende bestimmt ganz unzufrieden, der andere denkt: Geht gerade so ... Ich will ungern irgendwelche Schlussfolgerungen anhand eines, auch wenn sehr starken, Turniers ziehen. Wir haben viele talentierte Spieler mit Potenzial, die sich bestimmt noch in anderen Turnieren zeigen werden!
 

Matthias Blübaum

Wir wollten Sie auch bestimmt nicht schon aus dem Nationalteam ausmustern nach der starken Leistung! Was trauen Sie sich nun beim Weltcup zu?


Ich versuche immer objektiv zu bleiben. Daher: so viel, wie geht. In einem K.o.-Turnier ist natürlich alles möglich, aber letztes Mal beim Weltcup (Anmerkung: 2011) durfte ich in der zweiten Runde gegen Shakriyar Mamedjarov ran ... Die zweite Runde ist durchaus zu erreichen, auch wenn es nicht einfach ist. Um weiter zu kommen, braucht man schon eine gewisse Portion Glück.

Alle Partien von Daniel Fridman bei der EM 2017 nachspielen:

 

 

Hinweis zu den "fliegenden Diagrammen" im Artikel:

Sie können auf dem Brett Züge eingeben und mit den Pfeiltasten vor- und zurückgehen.



Hartmut Metz ist hauptberuflich Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für das Schach-Magazin 64 und Schach-Aktiv (Österreich).
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