Die ganze Geschichte des Schachs: Mega 2017

12.12.2016 – Für die meisten Spieler dient die Mega Database vor allem als wichtigstes Hilfsmittel zur Vorbereitung auf den nächsten Gegner oder als vollständige Referenz für das Eröffnungsstudium. Die Mega Database bietet aber auch einen Einblick in die ganze Schachgeschichte. In der neuen Ausgabe Mega Database 2017 wurde der historische Teil noch einmal erheblich erweitert und verbessert. Mehr von Gisbert Jacoby ...

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ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

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Von Gisbert Jacoby

Der historische Teil von 1500 bis 1939

Das Schachspiel, wie wir es heute spielen, ist die europäische Variante des im 8.Jahrhundert in Indien erfundenen Schachs. Es breitete sich um das Jahr 1500 von Spanien (Ruy Lopez) über Italien (Greco) nach Frankreich aus, wo es mit Philidor (um 1790) einen ersten Höhepunkt erlebte. Der Engländer Staunton besiegte 1843 in Paris den Franzosen Saint Amant und reklamierte die Vorherrschaft Großbritanniens. 1851 siegte beim ersten internationalen Turnier der Deutsche Adolf Anderssen. Von Paul Morphys Sieg über Anderssen im Jahre 1858 bis hin zu dem Erstarken des sowjetrussischen Schachs nach 1918 und dem Durchbruch Michael Botvinniks an die Weltspitze in den 1930iger Jahren, über all dieses hat die Megabase immer schon berichtet.

Match Anderssen-Morphy, 1858

Für die neue MegaBase 2017 wurde dieser historische Teil drüber hinaus jetzt noch ausführlich bearbeitet, erweitert und verbessert: über 10.000 zusätzliche Partien, davon mehr als 668 kommentiert, mehr als 60 neue Texte über historische Turniere u.v.m. Neues historisches Material aufzuspüren, zu bearbeiten und zu bewerten macht viel Freude, entbehrt aber nicht einiger Schwierigkeiten.
Fangen wir mit den Partien und der Partienotation an. Im 19.Jahrhundert notierten die Spieler ihre Partien nicht selbst, und sie legten auch keine Sammlung ihrer eigenen Partien an. Bei großen Veranstaltungen gab es Protokollanten, die diese Arbeit übernahmen, und die Qualität ihrer Arbeit war recht unterschiedlich. Beim 1.Amerikanischen Kongress in New York 1957, den P. Morphy im K.o. Finale gegen L. Paulsen gewann, wurde die Leistung des Protokollanten F. Edge vom Organisator W. Fiske namentlich gelobt. Derselbe Edge diente P. Morphy während seines England Aufenthaltes als ehrgeiziger Sekretär, der möglichst viele Wettkämpfe zustande bringen wollte und vor allem den gegen den führenden Engländer H.Staunton. Die meisten Engländer hassen ihn bis auf den heutigen Tag, weil er in seinem Buch (The exploits and triumphs in Europe of Paul Morphy, the chess champion.) ein schlechtes Licht auf ihren Helden Staunton warf, der einem Wettkampf mit Morphy aus dem Wege ging.

Einige Protokollanten mussten viel leiden. Beim ersten Internationalen Turnier London 1851 gibt es im deutschen Turnierbuch S.54 zur Partie Williams-Mucklow zum 63.Zug die Anmerkung: Staunton bemerkte hierbei, er habe nicht ermitteln können, wie viele Zeit an diese Partie gewendet worden. Es müsse ein erhebliches Quantum gewesen sein, denn etwa gegen die Mitte der urkundlichen Aufzeichnung findet sich die vielsagende Bemerkung des unglücklichen Protokollführers: „beide Herren schlafen bereits.“

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es beim Schach keine Begrenzung der Bedenkzeit. Seit 1861 wurde mit Uhren experimentiert, zunächst mit Sanduhren. Erst in London 1883 wurden moderne Schachuhren eingesetzt. Die Partien des Wettkampfes zwischen H. Staunton und Pierre Charles Saint-Amant im Café de la Régence in Paris 1843 haben durchschnittlich neun Stunden gedauert.

Schach im Café de la Régence

P. Morphy war (wie auch A. Anderssen ) kein Dauerdenker. Sehr gereizt soll er auf L. Paulsen in New York 1851 reagiert haben, weil der Deutsche so lange nachdachte. Eine Anekdote zufolge soll Morphy sich entschlossen habe, den Schachtisch und den Turniersaal zu verlassen, um ein Restaurant aufzusuchen, weil Paulsen wieder einmal in einer freien Partie (keiner Turnierpartie) nicht zog. Als er nach einer Stunde ans Brett zurückkehrte, soll Paulsen ihn angeblinzelt haben mit der Frage: „Wer ist eigentlich am Zug?“. Daraufhin beschloss Morphy, nie wieder eine freie Partie oder gar einen Wettkampf gegen diesen Gegner zu spielen.

Freie Partien, Gelegenheitspartien (englisch: casual games). Die wohl berühmteste Partie der Schachgeschichte, die ‚Unsterbliche‘ zwischen Anderssen und Kieseritzky, wurde 1851 in London gespielt, nicht als Turnierpartie, sondern als eine von wahrscheinlichen hunderten von Freien Partien, die Anderssen vor und nach den Turnierpartien gespielt hat. Im Besitz von Schachuhren hätte man wahrscheinlich Blitzpartien gespielt.
Die Frage nach den Mittel, um die Partien zu bearbeiten ist die Frage nach den Quellen. Zeitschriften, Turnierbücher, Partien Sammlungen und Biographien sind die leichter zugänglichen Quellen. Für intensive Untersuchungen kann man sich auf die Suche nach Zeitungen mit Schachspalten machen. In England und den USA gab es erstaunlich viele Schachecken.

 

Intensives Schachleben im Jahr 1910 (kleiner Ausschnitt aus der Turnierliste der Mega 2017)

Das Ziel lautet präzise Informationen zu sammeln über Spieler, Spielernamen, über die Turnierdaten, Art der Turniere und Hintergrundinformationen. Auch Anmerkungen zu den Partien sind willkommen. Aber auch wenn man das Glück hat, Zugang zu einer gut sortierten Schachbibliothek zu haben, hören die Schwierigkeiten nicht auf. Im 19.Jahrhundert galt es vielen als verpönt, seinen Namen auf gedrucktem Papier öffentlich zu machen. In dem Buch Souvenir of the Bristol Chess Club, das um 1845 in Bristol gespielte Partien enthält (jetzt in der Mega 2017), finden sich viele Beispiele in der Form Mr.R gegen Mr.W ohne weitere Angaben zur Person oder zum Datum. Es gab auch die Möglichkeit unter einem Pseudonym zu spielen. Referent Owen spielte als ‚Allies‘. Blackburne wurde in einer wichtigen freien Partie gegen Steinitz aus dem Jahr 1863 als „amateur from Manchester“ bezeichnet (Illustrated London News: 9 October 1863:" ..played at the Grand Cigar Divan between Mr.Steinitz and an Amateur of Manchester." Zitiert Nach Harding: Blackburne.2015.McFarland.)

Werden Freie Partien ohne genaue Angaben über Datum, Ort und Anlaß publiziert, kann das schnell zu Verständnisproblemen führen. Ich möchte auf den Spieler Louis Eichborn hinweisen, von dem in der Megabase 35 Partien aus den 1850iger Jahren erfasst sind. Alle Partien hat er gegen A.Anderssen gespielt mit einem Gesamtergebnis von 32,5 Punkten aus 35. Laut Mega 2016 haben die beiden sechs Wettkämpfe gespielt. Wie ist der Befund zu erklären? Eichborn wird nicht das verkannte größte Genie aller Zeiten sein, ab was ist die Lösung? Wir können aus dem zuvor über Freie Partien gesagtem Rückschlüssen ziehen. Die Partien wurden nicht aufgezeichnet. Eichborn hat wahrscheinlich später vor allem seine Gewinnpartien aufgezeichnet und publizieren lassen. Eichborn dürfte ein Breslauer Spieler gewesen sein, mit dem Andessen abends eine Partie nach der anderen nicht blitzte , aber daddelte. Ich kann mir vorstellen daß die beiden von 1852 bis 1859 viele hunderte von Partien getauscht haben. Natürlich haben sie keinen einzigen ernsthaften Wettkampf gespielt.

Es gibt selbstverständlich auch gute Quellen, mit deren Hilfe die Arbeit an den Partien schnelle Fortschritte macht. De Felice hat ein jetzt 15 bändiges Werk bei McFarland in den USA publiziert mit dem Titel: Chess Results. Er liefert Turniertabellen mit Namensangaben der Turniere und in den meisten Fällen auch Datumsangaben zu den Turnieren vom 1747 bis 1980.

Will man die Datumsangaben für die einzelne Runden ermitteln, ist man auf Turnierbücher oder Biographien angewiesen. Die präzisen Datumsangaben für die einzelnen Partien ermöglichen die Reihenfolge der Partien eines Spielers zu sehen, oder auch die zeitliche Folge von Eröffnungsvarianten.

Anmerkungen zu Partien oder Hintergrundmaterial zu einem Turniere findet man ebenfalls in den Hauptquellen, den Zeitschriften, Turnierbüchern und Biographien. Als Bespiel diene der berühmteste Patzer, der J. Capablanca in seiner Karriere unterlaufen ist. Wie konnte dem Mann, der so sicher wie eine Maschine spielte, ein derartig grober Missgriff unterlaufen?

 

 

In der Mega 2017 gibt es einige Verbesserungen in der Darstellung. So sind die Turniereinträge nun lesbarer geworden. Die ältesten Partien von Spielern wie Lucena, Ruy Lopez, Greco, Philidor u.a. werden jetzt nach dem Namen der Spieler bezeichnet und nicht nach Orten. Aus ‚London blindfold‘ ist ‚Philidor blindfold London 1790‘ geworden. Auch Wettkämpfe und Simultanvorstellung sind nun präziser bezeichnet, z. B.

"Match Eliskases-Bogoljubow +6-3=11 Germany 4.1.1939" (Mega 2017) statt "GER m 1939"( Mega 2016) oder

"Alekhine sim +26-2=13 Stockholm 24.4.1935" (Mega 2017) statt "Stockholm sim 1935" (Mega 2016)

 

Die Hauptarbeit lag aber auf der Erweiterung der Partienmenge insgesamt. Die Mega 2017 ist im historischen Bereich deutlich größer geworden. Auch die Anzahl der kommentierten Partien hat sich nicht nur zur Freude der Schachhistoriker erhöht. Einige Zahlen mögen das belegen:

Mehr historische Partien:

  Mega 2016 Mega 2017 Differenz
Historische Partien (1500-1939) 60838 71189 + 10351
Kommentierte historische Partien   3500  4168 +    668
Texte mit Turnierinformationen    114   174 +     60

 

Wer waren die "fleißigsten" Spieler?

Spieler mit den meisten Partien

Aljechin 2186
Tartakower 1604
Spielmann 1357
Marshall 1312
Capablanca 1213
Lasker,Emanuel 1126
Sämisch 1119
Bogoljubow 1016

Raul Capablanca: 1213 Partien in der Mega 2017

In der deutschen Liste folgen (nach Lasker, Saemisch und Bogoljubow)

Anderssen 892
Tarrasch 848
Teichmann 651
Leonhardt 536

Adolf Anderssen: Viele hundert seiner freien Partien sind bisher nie veröffentlicht worden

 

Kommentierte Partien

Bei einer großen Anzahl von Partien wurden zeitgenössische Kommentare eingefügt. Zum Teil stammten die Kommentare von den Spielern selbst, zum Teil von Zeitgenossen selbst:

Anzahl der kommentierten Partien eines Spielers

Aljechin: 402
Rubinstein 195
Botvinnik 130
Steinitz 124
Nimzowitsch 108

Alexander Aljechin: Fleißiger Spieler und fleißiger Kommentator

Deutsche Spieler:

Bogoljubow 121
Anderssen 91
Lasker,Emanuel 62
Tarrasch 57
Sämisch 45
Paulsen,Louis 24

Möglicherweise stimmen die Zahlen nicht überall exakt überein und sind in Wirklichkeit größer, denn die Arbeit an der Mega 2017 wurde noch fortgesetzt.

 

In einem Videotutorial stellt Gisbert Jacoby zusammen mit Karsten Müller einige spannende Neuheiten und Erweiterungen der Mega 2017 vor:

 


 

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