"Mein David Ionovich"

21.09.2018 – David Bronstein war sicher einer der kreativsten Spieler der Schachgeschichte. Im Wettkampf um die Weltmeisterschaft 1951 verpasste er den Titelgewinn nur knapp. Vlastimil Hort berichtet hier von den Erlebnissen mit "seinem David Ionovich".

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Vlastimil Hort: "Mein David Ionovich"

1946, ein Match der Städte Prag-Moskau. Bronstein war damals der jüngste sowjetische Teilnehmer. Auch der Jüngste, der erstmals zu einem Turnier ins „Ausland“ reisen durfte. Die Überlegenheit der Moskauer Mannschaft war klar, das beste Ergebnis aber erzielte der Jüngste, Bronstein!

 

Seine originellen Ideen im Königsindisch haben eine ganze Schachgeneration beeinflusst und begeistert.

 

 

 

 

Es passiert sicher sehr selten, dass man innerhalb einer Woche ein Qualitätsopfer wie Ta8xa1 gleich in 2 Partien anwenden kann. Natürlich nur ein riesiges Talent und viel Fleiß in der Vorbereitung können solch ein taktisches Feuerwerk entzünden!

David Bronstein in jungen Jahren 

 „Bronstein gewann in Pilsen keine einzige Partie“

Ich mag sie, die alten, meist bizarren Zeitungsberichte über das damalige Schachgeschehen. Die oben zitierte Headline stammt aus einer Pilsner Lokalzeitung und erschien Ende März 1946. Was war passiert?

Nach dem Wettkampf Prag-Moskau 1946 (Ausgang 23-13 für die Gäste) blieb die sowjetische Mannschaft (Alatortsev, Lilienthal, Simagin, Bronstein, Kotov, Bondarevsky und Smyslov) noch 14 Tage in der CSSR um in Prag und weiteren Städten ihr Können in Schaukämpfen und Simultanveranstaltungen zu zeigen. So kurz nach Kriegsende und der Befreiung waren die Sowjets noch sehr willkommen und gern gesehene Gäste in meinem Land.

IGM Bronstein wurde am Bahnhof in Pilsen von einem Willkommenskommitee erwartet. Gemeldet war noch eine Begleitperson der sowjetischen Botschaft - ohne die ging es in dieser Zeit nicht! – aber Maestro Bronstein kam überraschend ganz alleine an und weil viele in Pilsen ihn persönlich gar nicht kannten, bemerkte ihn die Delegation nicht. So machte Bronstein sich alleine auf den Weg. Die Delegation wartete und wartete. Der nächste Zug kam, auch hier keine Spur von Bronstein. Das angesagte Simultan an 35 Brettern musste also ins Wasser fallen. Verzweifelt improvisierten die Organisatoren stattdessen ein großes Blitzturnier.

Bronstein saß inzwischen bei dem x-ten Bierchen gemütlich im Hotel Smitka. Erst spät am Abend wurde er dort von einem Schachfreund entdeckt. Ein Desaster für die Organisatoren! Überaus unglücklich über die misslungene Vorstellung brachten sie Bronstein am nächsten Tag zum Zug nach Prag. Ich bin sicher, das war für Bronstein das leicht verdienteste Honorar während seines ganzen Schachlebens.

Hier noch eine kleine Zugabe. Bronstein wurde von einheimischen Journalisten häufig kritisiert. Er mache zu viele inhaltslose und schnelle Remisen hieß es in den einschlägigen Gazetten. Seine Antwort darauf kam prompt: „Was wollen Sie von mir? Soll ich mich etwa für ein Taschengeld von 3 Rubel und 53 Kopeken anstrengen, um gegen einen übermächtigen Gegner wie Weltmeister Smyslov ernsthaft zu spielen? Ob dieses Statement, wohl in seine politische Akte aufgenommen wurde?

„The last round à la Bronstein“

Tag der letzten Runde. Auf dem Programm stand unter anderem die Partie Bronstein-Hort. Für beide Seiten war der Ausgang sehr wichtig. Zu meinem großen Erstaunen fragte mich mein Gegner vorher, ob ich seine These „Das Turnier endet mit der vorletzten Runde“ kenne. Bis dato war mir nur bekannt, dass die letzte Etappe der „Tour de France“ nach Paris symbolisch gefahren wurde. Vorsichtshalber hatte ich mich auf unser Spiel gut vorbereitet. Bronstein spielte schnell und noch schneller bot er mir ein Remis an. Ich akzeptierte. So teilten wir mit Gligoric zu dritt den zweiten Platz.

Was für ein seltsamer Vogel, dieser David Ionovich, dachte ich bei mir. Bisher hatte ich ihn vor allem nur aus dem Turnierbuch des Kandidatenturniers in Zürich 1953 gekannt. Übrigens ein Juwel unter all den veröffentlichten Turnierbüchern.

Nach der Preisverleihung das nächste überraschende Angebot von Bronstein. „Ich habe in meinem Koffer noch eine Flasche echten grusinischen Cognac. Überaus neugierig nahm ich sein Angebot an. Es wurde eine lange Nacht. Mein neuer Compagnon redete zu viel, ich zu wenig. Ausgeglichen war nur die Stärke der Kopfschmerzen bei uns beiden am nächsten Morgen. Eines habe ich behalten, Bronstein war überaus erleichtert und zufrieden, dass er im Turnier vor Tigran Petrosjan landen konnte…

War alles nur ein Traum oder Wirklichkeit? Unter Alkoholeinfluss hatten wir verabredet, bei  unserer nächsten Partie obligatorisch ein Königsgambit 1.e4 e5 2.f4 zu spielen, egal wer von uns beiden Weiß haben würde. Dunkel kann ich mich noch erinnern, dass das Interzonenturnier von dieser Abmachung ausgenommen sein sollte.

David Bronstein

Mensch, Vlasty, bist Du verrückt oder noch immer besoffen? Mein Verdacht, dass wir in der vorangegangenen langen Nacht nicht nur bei einer Flasche geblieben waren verstärkte sich mehr und mehr. Mit weißen Steinen ein Königsgambit zu spielen, hatte ich in meinem bisherigen Schachleben nie in Betracht gezogen. Das war einfach nicht in meinem Repertoire. Umso mehr missfiel mir diese Idee! Aber Versprechen ist Versprechen und ein Handschlag darauf muss gehalten werden. Vielleicht gibt es aber überhaupt kein Zusammentreffen am Brett mehr, versuchte ich mich zu trösten. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Für den Fall der Fälle hatte ich mir vorgenommen, das Königsgambit mit weißen Steinen fleißig zu üben. Und dann ist es passiert…

„Das Königsgambit“

Zum Donner Memorial in Amsterdam 1994 waren für die Gruppe B nur die Schachspieler eingeladen, die Heinz Donner geschätzt hatte.

Jan Hein Donner und David Bronstein | Foto: Nationaal Archif

Der Einladung aus dem fernen Argentinien gefolgt war auch Bent Larsen, ein großer Freund Donners. Schade, schade, dass er kurz vor Spielbeginn leider aus gesundheitlichen Gründen hatte absagen müssen. Wie man aus der Turniertabelle ablesen kann, war die ältere Garde sehr gut vertreten. Von den drei teilnehmenden Holländern, waren zwei, Ligterink und Ree, wie Donner hervorragende Journalisten.

Mit gemischten Gefühlen sah ich mir die Startliste an. Vinkovci 1970 – Amsterdam 1994! Das obligatorische Königsgambit, die Verabredung mit Bronstein, hing über mir wie ein Damokles Schwert.

Ich übte also fleißig die mir ungeliebte Eröffnung, über deren Korrektheit ich bis heute meine Zweifel habe. Mit Schwarz hätte ich immer ein paar Hausvarianten parat, doch mit Weiß konnte es nur in einem Kamikaze-Selbstmord enden. Die Auslosung näherte sich. Vergebens suchte ich nach einem würdigen Ausweg. Könnten vielleicht einige Flaschen besten holländischen Genevers meinen „Vertragspartner“ umstimmen? War diese mündliche Abmachung eigentlich nicht sowieso schon verjährt?

Der Tag der festlichen Eröffnung mit Auslosung war gekommen. Unbarmherzig schlug die Schachgöttin Caissa zu. Erste Runde Hort-Bronstein! Was für ein Schock!

In der Nacht konnte ich kaum ein Auge zu machen, unruhig wälzte ich mich im Bett hin und her. Ganze lange 24 Jahre waren seit der Abmachung vergangen. Wie wäre unser Fall eigentlich juristisch zu beurteilen? Ein Schachgericht würde mich sicherlich nicht aus der Verantwortung lassen, ein Zivilgericht vielleicht. Mir war auch bekannt, dass einige Verwandte Donners Richter waren und in den holländischen Gerichten ziemlich hohe Ämter inne hatten…

Die erste Runde näherte sich schneller als mir lieb war. Handshake. Ich zog als Weiß ziemlich schnell 1. f2-f4. Mein Gegner sah mich mit verständnisvollem Blick an und reagierte sofort à tempo mit 1… e7-e5.  Eigentlich war seine Gewohnheit, über den ersten Zug 15-20 Minuten nachzudenken. Die Vergangenheit holte mich ein. Ich kämpfte mit meinem Gewissen – soll ich oder soll ich nicht? Anstatt Bronstein verbrauchte ich jetzt fast 20 Minuten mit Nachdenken und zog (feige) 2. d2-d3. Das Publikum war schon ganz unruhig geworden.

 

Stolz bin ich auf die Partie nicht, am liebsten würde ich sie aus dem Gedächtnis ausradieren. Unverständlicherweise geriet Bronstein in eine grausame Zeitnot – nur noch 1,5 Minuten hatte er noch für 18 Züge. Es klang wie Engelsmusik in meinen Ohren, sein Remis-Angebot.  Vor lauter Erleichterung hätte ich ihm fast die Hand abgerissen.

Ich glaube, wir beide hätten in Amsterdam gut einen Psychotherapeuten gebrauchen können. Hatte Bronstein überhaupt mein Präsent, die Flasche Genever, an der Rezeption gefunden? Ich war jedenfalls froh, dass er mir während des Turniers keine bösen Blicke zuwarf. Eines aber ist klar, meine Aversion gegenüber dem Königsgambit werde ich wohl nie los.

Bronstein bei der Analyse mit dem Nachwuchs

„Wissen Sie, was ich meine…“

David Ionovich wurde alt. Ab und an sahen wir uns bei den AEGON-Turnieren – „Mensch gegen Computer“ in Den Haag. Sein Redefluss war inzwischen beachtlich angestiegen. Er redete immer mehr und mehr. Auch die Brillengläser wurden immer dicker. Sein beliebtester Satz in gebrochenem Deutsch war „Sie wissen, was ich meine?“

Nein, ich - wie viele andere auch -, wir wussten nicht, was er meinte. Ich versuchte höflich zu sein und hörte ihm eine Weile zu. Irgendwann aber kam ich nicht drum herum, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass er eine Schachpartie spielte und am Zuge war.

Eine Frage, die mich und wahrscheinlich viele andere noch heute beschäftigt. Musste er im Jahre 1951 im Match gegen Botwinnik in ein Unentschieden einwilligen? Sein Vater verbrachte viele Jahre in einem schrecklichen sibirischen Arbeits-Lager und ich bin überzeugt, dass zu Zeiten Stalins der Staatsapparat zu allem Bösartigen unter der Sonne fähig war. Wissen Sie, was ich meine?

Unser letzter Kontakt war leider nur telefonisch. Prag-Minsk im Juni 2006. Pavel Matocha von der Prager Schachgesellschaft und ich hätten ihn gerne bei dem Wettkampf „Schneeglöckchen versus Veteranen“ gehabt. Er freute sich sehr über die unerwartete Einladung, musste leider aus gesundheitlichen Gründen absagen. Seine leise Stimme klang am Telefon sehr traurig. Matocha und ich versuchten es eine halbe Stunde später wieder. Unser Angebot: „Sie können gerne mit einer Begleitperson kommen, müssen nicht spielen. Wir würden uns freuen, wenn Sie als Ehrengast an dem Turnier teilnehmen würden.“

„Sehr nett, dass noch jemand an mich denkt. 1946 war ich in Prag sehr glücklich. Das tschechische Bier und die „Spekacky“ am Wenzelsplatz werde ich nie vergessen.“ Das waren seine letzten Worte.

Im Schach wie auch im Leben wird es immer so bleiben – eine Generation geht, die nächste kommt. Noch im selben Jahr, am 5. Dezember 2006, verlässt einer der größten Schachspieler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert die Schachszene unseres Planeten für immer. Gott sei Dank hatte er noch erleben können, dass seine geliebte Ukraine wieder selbständig wurde.

Seine Schachkarriere ist reich an Erfolgen vielfältiger Art. Ich war immer fasziniert von seinen Auftritten bei den Schacholympiaden. Mit der sowjetischen Mannschaft gewann er die Goldmedaille der Schacholympiaden 1952, 1954, 1956 und 1958! Außerdem verbuchte er 1952 und 1956 am vieren Brett sowie 1958 am dritten Brett die besten Einzelergebnisse.

Fehlt Ihnen in Ihrer Bibliothek nicht noch ein Buch? „The sorcerer's apprentice“ in Deutsch heißt es „Der Zauberlehrling“ (Edition Olms) kann ich nur empfehlen!

Seine beste Elo-Zahl im Mai 1971 war 2595, seine beste historische Elo-Zahl im Juni 1951 war 2792! Chapeau!

In Erinnerung bleiben seine bizarren Ideen und Züge, die bisher noch keinen adäquaten Nachfolger gefunden haben…

 



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Rheingauer Rheingauer 24.09.2018 08:43
Vielen Dank V. Hort! Sehr schöner Artikel!
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