Miami in Rumänien?

13.09.2013 –  Schach, Sonne, Strand und Meer. Das klingt verlockend, hat aber gelegentlich Nachteile, zum Beispiel, wenn die ganze Nacht Partystimmung herrscht und man kein Auge zubekommt. Wie man trotzdem gut spielt, verrät Alina l'Ami in ihrem Bericht über die rumänische Mannschaftsmeisterschaften, die im renommiertesten und vielleicht lautesten Badeort Rumäniens stattfanden.  Zum Bericht...

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Mamma Mia im Miami Rumäniens 'Mamaia!

Irgendetwas im Namen unseres berühmtesten Badeorts, Mamaia, hat mich immer gestört. Eine mittlerweile etwas veraltete Bedeutung des Wortes "Mamaia" ist "Großmutter", was nicht wirklich an Urlaub und Amüsement denken lässt. Dennoch hat dieser Ort, den ich im letzten Jahr in einem Artikel beschrieben habe, etwas von einer alten, früher wunderschönen Dame...

Strand von Mamaia

Dieses Jahr fanden die Mannschaftsmeisterschaften drei Wochen früher statt als im vorherigen Jahr. Dabei erwies sich Mamaia als sehr lebhaft, manchmal sogar übertrieben lebhaft, so als ob man wüsste, dass die Stadt wenige Tage später in die Lethargie der alten Dame verfallen würde. Wie auch immer, mein diesjähriger Besuch in Mamaia ließ mich eher an das Fast-Anagramm Miami und weniger die Oma von 2012 denken. Aber als ich Nacht für Nacht von einem unglaublichen Gemisch (besser gesagt, einem Molotov-Cocktail) aus House Music, Manele (orientalische Lieder geringer Qualität) und dem Schluchzen diverser Geigen, all das gelegentlich unterbrochen von stets grauenhaft laut gedudelten Sommerhits und trotz Ohrenstöpsel und einem zerknüllten Kissen über dem Kopf am Schlafen gehindert wurde, kam mir lediglich ein entnervtes Mamma Mia (!) in den Sinn, ein Anagramm, das die Dinge besser beschreibt als das oben erwähnte…

Die ganze Nacht kein Auge zugemacht zu haben war wenig hilfreich, als ich mein müdes Gehirn am nächsten Morgen davon überzeugen wollte, dass der rumänische Badeort doch eigentlich ganz nett war. Wäre ich als Touristin dort gewesen, hätten sich alle meine Sorgen über angemessene Nachtruhe wahrscheinlich in Luft aufgelöst und ich hätte nicht einmal versucht, mich dem ganzen Spektakel zu entziehen. Aber als Schachspielerin steht Party rund um die Uhr während eines wichtigen Turniers nun wirklich nicht ganz oben auf meiner Prioritätenliste...

Wie auch immer, ganz egal, wie man das obige Wortspiel betrachtet, so glaube ich, dass solche Ferienorte am Meer die Neigung haben, sich während der Hochsaison in riesige explosive Partyzonen zu verwandeln; also fasste ich den Beschluss, keine allzu große Nörglerin zu sein, sondern mich an meine Umgebung anzupassen. Aber allen Änderungen zum Trotz drängten sich die ersten unschönen Eindrücke, die ich letztes Jahr gewonnen hatte, auch dieses Jahr leider immer wieder hartnäckig in mein Bewusstsein. Ja, die trübe Nebensaison-Stimmung hatte aufgehört, aber ich hatte den Eindruck, dass der Ort mit Sicherheit nicht das "Miami Rumäniens" war, ja, nicht einmal eine echte "rumänische Perle", wie Mamaia oft genannt wird. Der Ort war lebendig, überfüllt, fast alles, was ein Badeort am Strand sein soll, aber immer noch weit von dem entfernt, was ich mir unter amerikanischen Standards vorstelle. Lag das an den schlimmen Auswüchsen vergangener Zeiten des Kommunismus, der im "praktischen" Design vieler architektonischer Werke immer noch sichtbar ist; oder vielleicht daran, dass das offizielle Hotel "The Pearl" alles andere als eine Perle war; oder war es der Fehler des ziemlich künstlich wirkenden Anblicks, der durch die Palmen, die es überraschenderweise zum 45. Breitengrad der Nordhalbkugel geschafft hatten oder lag es einfach am irgendwie kitschigen Gefühl, das sich einem fast überall aufdrängte?!

Ich bekam Angst, dass ich mich genau in die alte Dame verwandeln könnte, die sich über alles und jeden beschwert. Diese Einstellung ist alles andere als ideal, aber ähnelt den Anstrengungen, die Schachspieler manchmal auf sich nehmen, um eine Katastrophe am Brett zu erklären. Denn spielt man eine schlechte Partie, liegt das nie an unserem Schachwissen, das natürlich über jeden Zweifel erhaben ist!

Um die Wahrheit zu sagen, war es letztes Jahr zwar ruhig, aber meine Mannschaft konnte nicht einmal eine Medaille gewinnen; doch dieses Jahr stand unser "Dream Team", wie wir es gerne nennen, nach sieben von neun Runden bereits als Sieger fest! Der Dank für unsere Leistung gebührt allerdings weder den Festival-Beats noch den hungrigen Mücken; stattdessen möchte ich noch einmal auf das rumänische Sprichwort hinweisen, das ich bereits letztes Jahr erwähnt hatte: "Menschen adeln einen Ort". Außerdem haben wir manchmal gar nicht bemerkt, ob Haupt- oder Nebensaison ist, ob wir am Strand von Miami oder Mamaia entlang gelaufen sind - Hauptsache, wir fühlten uns wohl. Auf den Wettbewerb der Männer wirkte sich die veränderte Umgebung kaum aus; und als wäre das nicht genug, so hatte auch die Abwanderung der starken Spieler Nisipeanu und Vajda von Apanova Bucuresti zur Mannschaft von Baia Mare keine großen Folgen. Tatsächlich gingen die Medaillen an die gleichen Teams wie 2012...

In Mannschaftswettbewerben, vor allem bei so ausgeprägt individualistischen Sportarten wie Schach, spielt der Zusammenhalt der einzelnen Mannschaftsmitglieder eine größere Rolle als viele glauben. Ich kann guten Gewissens behaupten, dass der selbst verliehene Name "Dreamteam" nicht gewollt, sondern einfach nur die genaue Beschreibung dessen war, was wir fühlten. Wir folgten dem Vorbild unserer Mannschaftskollegin Viktorija Cmilyte und kultivierten eine moderne, positive Sicht auf die Dinge. Wir akzeptierten den Ort, sahen ein, dass die Bedingungen für alle gleich waren und schließlich freuten wir uns sogar darüber! Es ist interessant zu sehen, wie sich ein Alptraum in eine wunderschöne Träumerei verwandelt…die Musik war nicht mehr länger ein Störfaktor, sondern nur noch ein (tatsächlich angenehmes!) Hintergrundgeräusch, ein Zeichen für die generell herrschende ansteckende gute Stimmung; die Palmen kamen nicht länger vom Mars, sondern bildeten ein Teil der Umgebung; die zehn Quadratmeter großen Zimmer verwandelten sich von 'klaustrophobisch' in 'gemütlich'; und was die kitschigen Verkaufsstände betrifft - wir haben dort so gutes Eis wie selten gegessen!

Viktorija Cmilyte. Wie freundlich sie ist, muss man nicht betonen. Das sieht man nach einem kurzen Blick in ihre Augen.

In der letzten Runde zeigte sich der Zusammenhalt unseres Teams auf unerwartete Weise. Wir nahmen unsere Partien sehr ernst, obwohl sportlich bereits alles entschieden war. Dennoch fehlte uns vielleicht ein Quäntchen Energie, denn alle Partien endeten remis - das einzige Match, das wir nicht gewinnen konnten! Ich erwähne das, um noch einmal klarzustellen, dass dies kein Geschenk an unsere Gegnerinnen war, die sich dadurch die Silbermedaille sicherten und der Mannschaft von AEM Timisoara, die am Ende auf dem dritten Platz landete, das Nachsehen gaben.

Trotz der rumänischen Finanzkrise und der im Vergleich zu den Vorjahren höheren Zahl von Brettern, an denen in der Frauenmannschaftsmeisterschaft gespielt wurde (in den letzten Jahren wurde an drei Brettern gespielt, dieses Jahr an vier, was meiner Ansicht nach sehr gut geeignet ist, um Ausrutscher zu verhindern) spielten dieses Jahr alle startberechtigten Teams mit. Waren letztes Jahr nur acht Mannschaften am Start, so beteiligten sich dieses Jahr alle Mannschaften an der Medaillenjagd und wollten den Sommer am Schwarzen Meer genießen - und warum auch nicht? Schließlich sollte man den Teufel nicht schwärzer malen als er ist. Die Leute haben unterschiedliche Interessen und was für die einen ein absoluter Alptraum ist, kann für andere eine Quelle der Inspiration sein.

Ich sollte nicht vergessen zu erwähnen, wie stark die Meisterschaft dieses Jahr war, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. 30 GMs gingen an den Start, darunter zehn mit einer Elo-Zahl von über 2600. Bei den Männern gingen Spieler wie Volokitin, Berkes, Nisipeanu und Erdos an den Start (um nur ein paar zu nennen), bei den Frauen bekannte Spielerinnen wie Lahno, Cmilyte, Danielian oder Atalik. Ich bin mir sicher, dass Sie die Wettkämpfe bei einem solchen Feld reizvoll finden - falls sie die Matches nicht schon live verfolgt haben.

Bei den Frauen scheint mein Team CS Politehnica-Antibiotice Iasi das Feld deutlich dominiert zu haben (glauben Sie mir, das ist nie so einfach, wie es scheint!), doch bei den Männern war der Weg zur Goldmedaille voller Dornen. Nachdem AEM Luxten Timisoara in Runde zwei überraschend gegen ein vermeintlich schwächeres Team verloren hatte, wurde das Match gegen Clubul de Sah al mun in der siebten Runde zum entscheidenden Wettkampf. Besonders spannend und nervenaufreibend war die Partie zwischen Constantin Lupulescu and Levente Vajda, die schließlich remis endete, nicht ohne zuvor den Blutdruck beider Kapitäne in die Höhe getrieben zu haben... Vielleicht waren nicht alle in dieser Partie gezeigten taktischen Ideen korrekt, vor allem nicht die in der Zeitnotphase aufs Brett gebrachten, aber trotzdem ist diese Partie definitiv sehenswert! Aber...das Ass im Ärmel von AEM war GM Vladislav Nevednichy, der alle seine acht Partien gewann! War die magische Sonne Rumäniens der Grund für eine solch phantastische Leistung?! Interessanterweise hat AEM nur einen Wettkampf verloren, nämlich den, in dem Nevednichy nicht gespielt hat - was für ein Patzer, Käpten!

Jetzt, wo das Turnier vorbei ist und wir eine hübsche kleine Goldmedaille in der Tasche haben, kann ich nicht behaupten, dass ich mich nicht wohlgefühlt habe. Im Gegenteil, unser Rhythmus war phantastisch, das Wetter einfach perfekt, die Chilis, die Viktorija und ich bei fast jedem Essen mit Genuss zu uns genommen haben - unvergesslich… Zufällig habe ich einen kleinen Scherz über Mamaia aufgeschnappt. Darin wird behauptet, dass ein paar prominente Persönlichkeiten eigentlich auf dem Weg an den Strand von Miami waren, aber aus Versehen in Mamaia gelandet sind, der Aschenputtel-Version Miamis. Das macht mich wütend. Zunächst einmal hat Mamaia keinen Flughafen. Zweitens und wichtiger: Sie können sagen, was Sie wollen, aber ich werde meine Großmutter immer mit Respekt behandeln!

 

Der acht Kilometer lange Strand des beliebtesten und teuersten Badeorts in Rumänien: Mamaia

Miami Made in Rumänien

 

Im Sommer ist der schmale Strand voller Sonnenanbeter aus ganz Rumänien, die darum kämpfen, möglichst stark von der Sonne gebraten zu werden... nachts verwandelt sich Mamaia in eine Partymeile, in einen angesagten Ort, wenn man für solche Dinge in Stimmung ist;

Pokale

Der Spielsaal

Meine Mannschaftskollegin Kateryna Lahno aus der Ukraine; sie hat die ersten drei Runden gespielt, in den letzten sechs Wettkämpfen saß dann Viktorija Cmilyte am ersten Brett.

War in den letzten Jahren immer bei den Rumänischen Mannschaftsmeisterschaften dabei: Der ukrainische GM Andrei Volokitin, der nicht nur mit seiner Mannschaft, AEM Luxten Timisoara Gold gewann, sondern auch noch das beste Ergebnis am ersten Brett erzielte: 6/8 und eine Elo-Performance von 2761.

Viorel Iordachescu aus Moldawien: Steckt er in Schwierigkeiten oder beeindruckt ihn das Spiel Volokitins nicht? Nach einem Blick auf das Ergebnis würde ich sagen, die erste Vermutung war richtig.

Brett eins und zwei der stärksten Mannschaft, AEM Luxten Timisoara: Volokitin und Berkes

GM Ferenc Berkes aus Ungarn

"Willst du das wirklich spielen, Viktor?!" (der stärkste rumänische GM: Liviu Dieter Nisipeanu und der ungarische GM, Viktor Erdos, spielten für Clubul de Sah al mun Baia Mare. Die Mannschaft landete auf dem zweiten Platz.

Brett eins von CS Studentesc Medicina Timisoara: der ukrainische GM Illya Nyzhnyk

Ein weiterer GM aus der Ukraine, der für unsere Mannschaft CS Politehnica Iasi spielt: Evgenij Miroshnichenko

Meine Mannschaftskolleginnen und Freundinnen: WIM Smaranda Padurariu und IM-in spe Irina Bulmaga! (von links nach rechts)

Maria-Ruxandra Ilie, die für ACS Sah Apa Nova Bucuresti spielte, hat es mir in unserer Partie nicht leicht gemacht und scheint eine zu niedrige Elo-Zahl zu haben!

GM Elina Danielian aus Armenien spielte an Brett eins für CS AEM Luxten Timisoara

Aus irgendeinem Grund lastet auf den Spielerinnen und Spielern, die als letzte spielen, immer eine Menge Druck, denn ihre Partien entscheiden schließlich über das Endergebnis...

Meine Wenigkeit - bitte beachten Sie die Ohrringe...

...die Schöpferin des erwähnten handgemachten Schmucks und unsere Mannschaftskollegin: Smaranda Padurariu! Jetzt kennen wir das Geheimnis unseres Erfolgs: die hübschen Ohrringe

IM Ekaterina Atalik und WGM Mihaela Sandu landeten mit ihrem Team CS Stud.Medicina Timisoara auf dem zweiten Platz

IM Ekaterina Atalik

Bereit für den Kampf: das entscheidende Match zwischen AEM Luxten Timisoara und Clubul de Sah al Mun.Baia Mare in der siebten Runde wird eine Menge Energie kosten.

Remisinflation: in der letzten Runde kam es dann doch zu einer Reihe von Remis.

Platz drei bei den Frauen: AEM Luxten Timisoara; leider konnten Cristina und Veronica Foisor aus persönlichen Gründen bei der Abschlussfeier nicht dabei sein;

Platz zwei: CS Stud.Medicina Timisoara

Platz eins: unsere Mannschaft CS Politehnica-Antibiotice Iasi

Platz drei bei den Herren: ACS Sah Apa Nova Bucuresti

Platz zwei: Clubul de Sah al Mun.Baia Mare

Der Sieger: CS AEM Luxten Timisoara

Partien Männer

Partien Frauen

Offizielle Webseite

Ergebnisse Männer

Ergebnisse Frauen

Text: Alina L'Ami

 


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