Michael Richter: erst Schul- dann Blitzableiter

26.09.2005 – Am 3. Oktober gründet der Internationale Meister Michael Richter, nicht nur den Schachfreunden auf schach.de als Trainer bestens bekannt, in Berlin Wilmersorf (Bayerischen Str. 32) die Berliner Schachschule und macht sich damit selbts zum Schulleiter. In Zusammenarbeit mit den umliegenden Schulen wird er zusammen mit der ausgebildeteten Kindertrainerin Julia Belostoska Kinder, Schüler und Jugendliche an das faszinierende Schachspiel heran führen. In der kommenden Saison spielt Michael Richter außerdem für den Aufsteiger Zehlendorf in der ersten Bundesliga an Brett Eins. Das Elo-schwächste Brett Eins der Liga wird wahrscheinlich vor allem den Blitzableiter spielen. Doch mit einer Performance von 2500 könnte er schon seine zweite GM-Norm einfahren. Johannes Fischer führte ein Interview mit Michael Richter. Mehr...

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Mit Spaß in die Bundesliga und zum Schachtraining:
Ein Interview mit Michael Richter
Von Johannes Fischer

Am 22. Oktober beginnt die Bundesliga-Saison. Du spielst an Brett 1 für Zehlendorf und hast mit 2415 die schlechteste Elo-Zahl aller Spieler, die an Brett 1 gemeldet sind. Lothar Vogt hat 2484, Igor Nataf 2583, Jussupow 2595, alle anderen haben über 2600 bzw. über 2700. Freust Du Dich auf die Saison?

Ja, natürlich, unbedingt. Ich freue mich sehr darauf. Ich mag es, gegen stärkere Spieler zu spielen. Vielleicht ist ein ganz klein bisschen Selbstüberschätzung dabei, aber ich glaube nicht, dass ich zu viel Prügel bekommen werde. Ich spiele gerne gegen stärkere Gegner, weil ich nichts zu verlieren habe. Ich werde mich gut vorbereiten und bin sehr, sehr motiviert. Damit kann ich die Elo-Differenz hoffentlich ein bisschen ausgleichen. Außerdem habe ich gegen die zwei stärksten Gegner meiner bisherigen Schachkarriere – das waren Epishin und Sakaev – beide gewonnen. Das gibt Selbstvertrauen. Angst habe ich eigentlich nur, nicht aus der Eröffnung herauszukommen. Ich kenne das aus anderen Partien: Man kennt die Eröffnung nicht, merkt schon nach zehn Zügen, da ist etwas schief gelaufen und kämpft dann noch zwei Stunden ohne wirklich eine Chance zu haben. Das will ich natürlich nicht. Wichtig ist also, dass ich die Zeit finde, um mich gut vorzubereiten, damit ich die Eröffnungen heil überlebe. Dann funktioniert das, glaube ich.

Hast Du einen guten Tipp zum Umgang mit Niederlagen?

Ich glaube, der Umgang mit den eigenen Niederlagen ist eines der schwierigsten Dinge im Schach. Man sollte versuchen, diese Niederlagen möglichst schnell zu vergessen. Als Trainer versuche ich, die Kinder abzulenken: Sport machen, spazieren, Fußballspielen. Erwachsenen tut das auch ganz gut.

Viele Leute haben mich schon vor den psychischen Gefahren einer andauernden Niederlagenserie, die als Außenseiter in der BL droht, gewarnt. Aber das kenne ich nicht. Ich erinnere mich an ein Turnier in Dortmund, in dem Shirov mit 0 aus 4 gestartet ist, aber trotz seiner Niederlagen versucht hat, jede Partie auf Gewinn zu spielen. Vielleicht haben ihm die Niederlagen etwas ausgemacht, aber er kämpfte immer weiter. Ich finde das beeindruckend.

Außerdem kann man ja pro Wochenende nur zwei Partien verlieren, und das ist dann nach drei oder vier Wochen bei den nächsten Kämpfen schon wieder vergessen und dann geht es wieder neu los. Blöd wäre natürlich, wenn ich gar nichts hole, wenn ich 1,5 aus 15 mache, aber das passiert, glaube ich, nicht.

Welches Ziel möchtest Du diese Saison erreichen?

Ein oder zwei Spieler zu besiegen und die Anderen etwas ins Schwitzen zu bringen. Das wäre klasse. In Punkten ausgedrückt ist mein Saisonziel in etwa bei 4 aus 15. Mein Traum wäre jedoch, meine zweite GM-Norm zu machen. Wenn ich alle 15 Partien spielen könnte, hätte ich sogar die notwendige Zahl von Partien zusammen und bräuchte "nur" noch eine Zahl von 2500, um GM zu werden.

Und welches Ziel hat die Mannschaft?

Ein richtig gutes Mannschaftsgefühl aufzubauen, damit wir nach einem möglichen Abstieg gestärkt in die 2. Liga zurückgehen können.

Hast Du schon einmal Bundesliga gespielt?

97/98 bei Empor Berlin. Brett 5, 6, und 7, mit einem Ergebnis von 6 aus 15. Das war die Zeit, nachdem Kramnik und Shirov weggegangen sind und Empor abgestiegen ist.

Was ist reizvoll an der Bundesliga? Für Dich als Spieler und für die Zuschauer?

Für mich als Spieler ist es reizvoll, gegen Welt- und Europameister zu spielen, gegen die Besten der Welt. Zu sehen, wo meine Grenzen als Schachspieler sind.

Für Zuschauer ist die Bundesliga reizvoll, weil es die stärkste Liga der Welt ist - dort spielen die allerbesten Spieler und eine Reihe interessanter Charaktere wie z.B. Shirov und Anand.

Warum macht es Spaß bei Zehlendorf zu spielen?

Weil ich dort schon sehr lange spiele, die Leute schon sehr lange kenne und ihre Entwicklung verfolgen konnte, und weil ich mit den Mannschaftskameraden gut auskomme.

Habt ihr in Berlin eine Fangemeinde, die sagt: "Wir stehen zu Zehlendorf?"

Im Verein haben wir natürlich schon einige Fans. Ohne sie hätten wir die BL-Saison auch nicht finanzieren können. Feedback bekomme ich aber auch sehr viel durch mein Internettraining. Viele Leute dort sind immer sehr interessiert, wie es mit Zehlendorf weitergeht, und sie wollen wissen, wie ich mich auf die Bundesliga vorbereite, wie ich mir das vorstelle. Und da ich im Prinzip wenig zu verlieren habe, kann ich unsere und meine Fans kaum enttäuschen.

Über die Internetseite www.schachbundesliga.de kann man ja die Bundesliga gut verfolgen. Warum sollte der Zuschauer Zehlendorf im Blick behalten?

Weil wir als David gegen Goliath kämpfen und immer hoffen, den Großen ein Bein zu stellen.

Wer gewinnt dieses Jahr?

Eigentlich müsste es Baden-Baden schaffen. Bislang waren sie eigentlich immer die stärksten, aber dann landeten Porz und Werder Bremen doch vor ihnen. Aber die Spielstärke stimmt und auch vom dem Zusammenhalt her scheint die Mannschaft zu funktionieren.

Und wer steigt ab?

Leipzig, Zehlendorf, wie ich leider sagen muss, und auch Kirchheim ist ein aussichtsreicher Abstiegskandidat – aber den vierten Absteiger zu benennen, fällt ganz schwer. Godesberg wird nicht absteigen, die sind zu stark. Auch Neukölln steigt nicht ab, denn die Mannschaft verfügt über einen guten Zusammenhalt und eine Reihe starker Spieler. Vielleicht Solingen oder Eppingen.

Welche Spieler haben Dich letzte Saison besonders beeindruckt?

Anand, natürlich. Seine Ruhe ist beeindruckend, sein Ruf, und natürlich sein Schach. Dann auch Volokitin: sehr jung, sehr stark. Und Nisipeanu ist natürlich auch unglaublich stark. Kasimdschanow vielleicht auch noch.

Mit Interesse verfolge ich auch die Partien des Gespanns Jan Gustafsson/Peter-Heine Nielsen. Da sieht man immer ziemlich schnell, was gerade aktuell ist. Das hat mich einmal zu einer Katalanisch-Variante inspiriert, die ich erfolgreich gegen Robert Rabiega angewandt habe.

Und ich verfolge natürlich, was die Berliner machen, die Neuköllner, die Kreuzberger oder früher auch die Tegeler. Denn als Berliner will man natürlich wissen, warum Mladen Muse gegen Adams gewonnen hat und was Rainer Polzin in Zeitnot angestellt hat. Zu den "richtigen" Berliner Spielern, d.h. den Spielern, die für Berliner Klubs spielen und in Berlin wohnen, besteht so eine lockere Bindung. Das ist hauptsächlich Neukölln, wo ich meine Jugendzeit verbracht habe, aber auch Kreuzberg. Rainer Polzin von den Schachfreunden Neukölln treffe ich gelegentlich und wir reden dann über die Bundesliga, über die einzelnen Kämpfe, Abstiegsgefahr usw.

Wie könnte man die Bundesliga möglicherweise verbessern? Oder ist alles perfekt?

Die Verselbständigung der Bundesliga ist eine interessante Sache. Ein permanentes Thema ist natürlich auch die Ausländerproblematik. So wurde Zehlendorf von manchen vorgeworfen, dass wir keine starken ausländischen Spieler geholt haben – was die einzige Möglichkeit ist, um nicht abzusteigen. Aber für mich ist es wichtig, dass die Mannschaft ein Gefühl des Zusammenhalts hat. Dass man sich kennt, dass man gemeinsam zu den Kämpfen fährt und auch persönlichen Kontakt hat. Aber wie und ob man die Ausländerregelung ändern kann bzw. sollte, weiß ich nicht. Da müsste man Juristen fragen. Außerdem können die ausländischen Spieler die Liga beleben, z.B. wenn wirklich einmal acht Chinesen spielen oder Baden-Baden seine acht Superstars an die Bretter bringt. Das macht die Bundesliga eben auch zu dem, was sie ist. Andererseits sehe ich auch, dass gute deutsche Spieler nicht ausreichend gefördert werden. Jemand, der 2350 hat, aber einfach keine Möglichkeit hat, in der Bundesliga zu spielen, kann sich nur schwer weiterentwickeln.

Aber eigentlich halte ich mich daraus und möchte einfach nur mein Schach spielen. Natürlich haben Amateurmannschaften wie Zehlendorf oder Leipzig im Moment kaum Aussichten, die Klasse zu halten. Aber damit habe ich keine Probleme. Dann steigen wir eben ab und irgendwann auch wieder auf. Es wäre schön, wenn sich Amateurmannschaften in der Bundesliga halten könnten, aber das schafft eigentlich nur Neukölln.

Du studierst BWL, bist Schachtrainer und gründest am 3. Oktober eine Schachschule in Berlin? Wie sieht das Konzept dieser Schachschule aus?

Die Schachschule ist schon gegründet. Wir haben in zentraler Lage in Berlin am Olivaer Platz einen Gewerberaum von ca. 70 qm gemietet. Es gab eine Anschubfinanzierung, um die Räume zu mieten, das Mobiliar zu kaufen und dem Ganzen die Zeit zu geben, in Schwung zu kommen. Julia Belostotska wird als Kindertrainerin mitarbeiten. Wir arbeiten professionell, aber in familiärer Atmosphäre. Wir wollen besonders Kinder und deren Eltern ansprechen, die sich den pädagogischen Wert des Schachspiels zunutze machen wollen. Wir wollen gute und seriöse Arbeit leisten und hoffen auf die angemessene Wertschätzung. Jeder ist mit großem Enthusiasmus dabei und diesen Schwung wollen wir mit in die Arbeit nehmen.

Die Eröffnung  findet am 3. Oktober um 11 Uhr mit einem Kinderturnier statt. Die Erwachsenen werden sich gemütlich hinsetzen, Kaffee trinken, etwas Essen, den Kindern zuschauen, sich unterhalten, Spaß haben. Wir hoffen auf zahlreiche Besucher, aber bei 70 qm Fläche wäre eine Anmeldung (info@schachschuleberlin.de oder 0163-55 46 183) ganz gut.

Das Konzept der Schachschule sieht ganz grob beschrieben so aus, dass wir vormittags an die Schulen gehen und ab 14, 15 Uhr Kurse in unseren Räumen geben. Julia ist vor allem für das Kinderschach zuständig. Wir werden verschiedene Angebote anbieten.. Für den Normalkurs werden wir ungefähr 25 Euro pro Monat verlangen. In diesem Paket ist ein wöchentliches, doppelstündiges Training inklusive Lehrmaterial enthalten. Dazu kommt noch einmal im Monat ein Wochenendtreffen. Es sollen Halbpatenschaften entwickelt werden, d.h. wer möchte, kann für Kinder, deren Eltern nicht so wohlhabend sind, steuerlich absetzbare Patenschaften übernehmen.

Ich möchte pro Woche zwei bis drei Kinderkurse übernehmen, eher die Fortgeschrittenen; mein Schwerpunkt liegt auf dem Erwachsenentraining, das abends stattfindet. Einzeltraining, Gruppentraining, Internettraining über www.schach.de natürlich auch noch. Ich versuche, Internet, Email und Schachschule zu einer Art Fernstudium zu verbinden. Wir wenden uns dabei an Spieler jeder Spielstärke. Das Ziel ist, dass die Schachschule ein Anlaufpunkt für jeden wird, der in Berlin Schachunterricht bekommen möchte.

Eine konkrete Frage an den Trainer: Wie werde ich möglichst schnell möglichst gut?

Viel trainieren, viele Taktikaufgaben lösen – das gilt besonders für den Bereich bis 1800-1900. Stärkere Spieler sollten viele Turniere spielen, und beiden täte ein Trainer sicher gut.

Warum braucht man einen Schachtrainer? Es gibt doch zahllose Bücher und Millionen von Partien im Internet und in Datenbanken?

Was mir in Bezug auf Bücher und Datenbanken einfällt ist, dass sie eine Fülle an Informationen enthalten, die man nur schwer sortieren kann. Der Trainer sollte komplizierte Sachverhalte einfach darstellen können. Eine Hauptaufgabe des Trainers besteht m.E. auch darin, die Fehler seiner Schützlinge zu erkennen, sie darauf hinzuweisen und diese Schwächen mit Aufgaben und Ratschlägen abzustellen. Junge – und auch viele alte – Schachspieler erkennen diese Fehler jedoch nicht. Da spart ein Trainer viel Zeit und Mühe. Ein Trainer hat somit weniger die Aufgabe, konkret Varianten zu vermitteln, sondern sollte Denkhilfen geben.

Was ist das Schöne am Beruf des Schachtrainers?

Es macht immer wieder Spaß. Ich mache mein Hobby zum Beruf. Ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich mich mit Schach beschäftige, denn Schach ist mein Beruf.

Und wie wird man Schachtrainer?

Vor fünf Jahren wurde ich in meinem Verein gefragt, ob ich nicht Kinder trainieren will, Einzeltraining. So habe ich ein paar Stunden Probetraining gemacht und das kam gut an. Zunächst mit Tom Schrödter vom SK Zehlendorf, der dann später einmal zur Europameisterschaft gefahren ist. Dann haben andere Kinder nachgezogen und ich hatte auf einmal fünf bis sechs Einzeltrainings zu absolvieren. Später habe ich den Trainerschein gemacht und ab Anfang 2004 konnte ich auf dem ChessBase Server schach.de Training geben. Das war damals ganz neu. Daraus entwickelten sich neue Trainingsmöglichkeiten. Ich habe gemerkt, dass mir das viel Spaß macht, ich den Leuten etwas beibringen kann und vielleicht die Möglichkeit besteht, das Schachtraining zum Beruf zu machen.

Was war Dein schönstes Erlebnis als Trainer?

Das war ein Wochenendtreffen mit den Kindern von Zehlendorf. Da springen eine Menge Kinder herum, alle haben Spaß, die Eltern backen Kuchen, bringen etwas zu Essen mit, man merkt, wie sich die Kinder anfreunden und Freundschaften entstehen, die oft ein Leben lang halten.
 


Schachschule Berlin

Eröffnung am 3. Oktober in der Bayerischen Str. 32 (Berlin-Wilmersdorf).

T
rainer: IM Michael Richter und Kindertrainerin Julia Belostoska
Mehr Info per Mail:
info@schachschuleberlin.de
oder per Telefon: 0163/5546183

 

 

 

 



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