Mikhail Moiseevich Botvinnik

25.11.2001 – In Moskau wird Mikhail Botvinnik, der diese Jahr  90 geworden wäre, mit einem Wettkampf zwischen Kramnik und Kasparov, geehrt. Wer war Mikhail Moiseewitsch Botvinnik? Sein schachliches Vermächtnis findet sich in der kürzlich von Ken Neat ins Englische übersetzten dreibändigen Ausgabe Botvinnik's best games. Dort findet man auf insgesamt 1352 Seiten fast 400 von Botvinnik kommentierte Partien und viele Anmerkungen zu Personen und Ereignissen, die für uns nicht nur zeitlich fern, sondern durch die politischen Umstände seiner Zeit auch sonst ausgesprochen unzugänglich sind. Eine ausgezeichnete Ergänzung ist das Kapitel über Botvinnik in Genna Sosonkos Russian Silhouettes. Hier erfährt der interessierte Schachfreund mehr über den Menschen Botvinnik und seine Lebensgeschichte. Weitere Kapitel befassen sich mit anderen wichtigen Personen des russischen Schachs. Mikhail Botvinnik: Botvinniks best games, 3 Bände, 1352 Seiten, Caissa, Olomouc 2000/2001, je Band DM 79,-; Genna Sosonko: Russian Silhouettes, 206 Seiten, New in Chess, Alkmaar 2001, 41,25 DM;Zu beziehen z.B. bei Schach-Niggemann... . Weitere Infos zu Botvinnik (Kurzbiografie, alle WM-Partien und Videos) auch in: Welt des Schachs, ChessBase-CD, 1998.Im ChessBase-Shop...Mehr zu Botvinnik...

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Mikhail Moiseevich Botvinnik


Botvinnik 1933

Während manche Spieler, zum Beispiel Tal oder Kortschnoj, ausschließliche Bewunderung ernten, scheiden sich an Weltmeister Mikhail Botvinnik die Geister. Wer war der wohl einflussreichste Mann des Sowjetischen Schachs wirklich? Viele Schachspieler, die in Russland aufgewachsen sind, haben ihn noch persönlich gekannt, und viele der weltbesten Spieler kamen in den Genuss der Botvinnik Schachschule, z.B. Karpov, Kasparov, selbst Shirov und auch Kramnik. In der Sowjetunion wurde er nur "der Patriarch" genannt. Manche halten ihn für den Weltmeister, der seine Erfolge am wenigsten seinem Talent zu verdanken hatte. Botvinniks Stärken waren Gradlinigkeit und Fleiß.

Mikhail Moiseevich Botvinnik war dreimal Weltmeister: 1948-1957, 1958-1960 und 1961-1963. 1948 gewann er den durch Aljechins Tod vakanten Titel im Turnier der Kandidaten in Groningen. 1951 verteidigte er den Titel gegen Bronstein. Der Kampf endete mit Punktgleichheit, nachdem Botvinnik in der vorletzten Partie seinen Rückstand wettmachen konnte. 1954 gegen Smyslov rettete ihn erneut die Regel, dass der Weltmeister den Titel bei gleicher Punktzahl behält. 1957 verlor er den zweiten Titelkampf gegen Smyslov deutlich mit 9,5:12,5. Die Regeln um die Weltmeisterschaft sahen für den entthronten Weltmeister die Möglichkeit eines Revanchekampfes vor. Botvinnik gewann den Rückkampf gegen Smyslov. Der nächste, der ihm den Titel streitig machte, war Tal im Jahr 1960. Botvinnik verlor und gewann den Titel im Rückkampf erneut zurück. Endgültig verlor er den Titel dann gegen Petrosian 1963. Nach dem Verlust des Titels spielte Botvinnik noch etwa 200 Turnierpartien. Später widmete er sich vor allem seiner Schachschule.


Botvinnik 1960

In dem Kapitel über Botvinnik in Russian Silhouettes beschreibt Sosonko eine Szene, in der er mit seinem Schüler Jeroen Piket Botvinnik in Moskau besucht, damit dieser Piket Unterreicht erteile. An einer Stelle sagt Botvinnik zum 15-jährigen Piket: "Mir scheint, dass Sie meine Partie gegen Yurev von der Meisterschaft der Handelsunion der Metallarbeiter, 1927 nicht kennen." Wie hätte der junge Holländer auch von dieser Partie wissen sollen? 

Sosonko lässt in seinem Buch Botvinnik selbst erzählen. In seinen Treffen mit dem früheren Weltmeister erfahren wir von Mikhails Kindheit und Jugend, der Vater ist ein jüdischer Bauernsohn aus der Ukraine, der in St. Petersburg heiratet, Mikhail wird 1911 dort geboren. Der Vater verlässt später die Familie. Botvinnik wächst vaterlos auf, eine biografisches Detail vieler Schachweltmeister.

Zwar ist Botvinnik Jude von Geburt, aber er ist überzeugter Sowjetbürger. Nur einmal fühlt er sich als Jude benachteiligt, als von offiziellen Stellen während eines WM-Kampfes gegen Smyslov antisemitische Äußerungen zu hören sind. Benachteiligungen war er aber in seiner Schachkarriere durchaus häufiger ausgesetzt. Sein ganz persönlicher Feind ist Weinstein, ein Mentor von David Bronstein, der seine Position im KGB häufig gegen Botvinnik einsetzt und u.a. einen möglichen Wettkampf gegen Aljechin hintertreibt. Bronstein ist der einzige, mit dem Botvinnik jede Beziehung abbricht. Das geschieht nach dem WM-Kampf 1951, als Botvinnik über das Verhalten des Herausforderers entsetzt ist. Der Name Weinstein ist im Westen nicht so bekannt, aber doch haben viele Schachfreunde schon einmal etwas von ihm gelesen, denn das berühmte Turnierbuch von Bronstein, Zürich 1954, soll in Wirklichkeit von Weinstein geschrieben worden sein und Bronstein hat "nur" Partiekommentare beigesteuert.

Im Gegenzug soll Botvinnik selbst in seinem Kampf gegen Keres in den 40ern von offizieller Seite unterstützt worden sein und auch später seinen Einfluss und seine Macht zu seinen Gunsten eingesetzt haben. Für alle diese Gerüchte und Erzählungen gibt es keine Beweise. An einer Stelle erzählt Botvinnik selbst bei Sosonko von solchen Versuchen von Einflussnahmen von außen: Levenfish hatte 1936 behauptet, er werde gezwungen, gegen Botvinnik zu verlieren. Botvinnik weist dies von sich. 

Wir erfahren aus einer Zeit, in denen die politischen Umständen für den Einzelnen lebensgefährlich waren. Treten und getreten werden gehörte zum Alltag und das Spüren und Durchsetzen von Macht ebenso. Das Verhalten Einzelner, die dort gelebt haben, können wir aus der räumlichen und zeitlichen Entfernung kaum richtig beurteilen.

Persönliche Spannungen hatte Botvinnik mit den meisten seiner Rivalen und er macht daraus auch keinen Hehl. Aber offenbar ging das - mit Ausnahme von Bronstein - niemals so weit, dass es nicht später reparierbar war.

Sosonko sieht Botvinnik als Bestandteil und Produkt des jungen Sowjetstaates. Botvinnik war überzeugter Staatsbürger der UdSSR. War er Stalinist? An einer Stelle in Sosonkos Buch Stellung zu den Anklagen gegen die Herrschaft Stalins und versucht die Vorwürfe des massenhaften Mordes und der Hexenjagden zu entkräften und zu relativieren. Aber man hat hier nicht den Eindruck, dass ein Stalinist spricht, eher jemand, der den Frieden mit seiner Heimat sucht. 

Außer dem Kapitel über Botvinnik enthält Genna Sosonkos Russian Silhouettes Aufsätze über  Tal, Polugajewsky, Geller, Capablanca, Zak, Furman, Koblenz, Vitolins (der sich am 16.2.1997 von einer Eisenbahnbrücke stürzte) und Levenfish. Eine Reihe von Fotos illustrieren auf beeindruckende Weise vergangene Zeiten und Menschen. 

Botvinniks (17.08.1911 bis 05.05.1995) schachliches Vermächtnis, Botvinnik's best games, liegt nun vollständig in englischer Sprache vor. Im tschechischen Caissa Verlag, Olomouc, erschien dieses Jahr der dritte Band der Übersetzung der russischen Ausgabe von 1984 (Analytisches und kritisches Werk).

Band eins (392 S., 121 kommentierte Partien) umfasst die Zeit von 1925 bis 1941, seine ersten Partien als 14-jähriger bis zur UdSSR Meisterschaft 1941. Band zwei (496 S., 129 kommentierte Partien) die Jahre 1942 bis 1957,  Partien aus den Kriegsjahren, die Weltmeisterschaften 1948 (Turnier in Groningen), 1951 (Bronstein) und 1954 (Smyslov). Band drei (464 S., 129 kommentierte Partien) enthält die Partien der Jahre 1957 bis 1970, u.a. die WM-Kämpfe gegen Smyslov, Tal und Petrosian.

Die Partie Botvinnik gegen Yurev, 1927, die der junge Piket nicht kannte, finden Sie übrigens im ersten Band auf S.70!

Jeder Band ist durch einige zusätzlich Trainingspartien, Tabellen, Listen von Wettbewerben und vor allem durch Fotos ergänzt. Viele Fotos zeigen Botvinnik, aber auch viele andere Personen der Zeitgeschichte sind abgebildet.


Botvinnik 1989

Wir erleben in diesen drei Büchern einen Zeitraum von 45 Jahren, in denen mehrere Generationen von Spielern am Tisch von Botvinnik Platz nehmen. Viele der ganz Großen treten an sein Brett: Capablanca, Ragozin, Rabinovich, Makogonov, Kubbel, Kan, Stoltz, Kasparian, Alatortsev, Rauzer, Flohr, Sozin, Yudovich, Kmoch, Lasker, Chekhover, Lilienthal, Aljechin, Vidmar, Levenfish, Tolusch, Kotov, Panov, Boleslavsky, Keres, Bondarevsky, Konstantinopolsky, Smyslov, Euwe, denker, Tartakower, Gligoric, Kottnauer, Reshevsky, Bronstein, Szabo, Geller, Tajmanov, Stahlberg, Najdorf, Pirc, Unzicker, Ciocaltea, Uhlmann, Larsen, Donner, Tal, Portisch, Schmid, Pachmann, Wade, Stein, Trifunovic, Pomar, Spassky, Kholmov und viele mehr. Die ganze Schachgeschichte dieser Zeit und die meisten der Eröffnungen, die wir kennen, personalisieren sich in ihren Erfindern gegenüber von Botvinnik. Zu manchen Spielern äußert er sich, spricht von ihren Stärken und Schwächen oder seiner Beziehung zu ihnen.

Nach jeder Partie hat sich Botvinnik hingesetzt und diese analysiert und mit Anmerkungen versehen. Sein analytischer Fleiß hat ihn zum Weltmeister gemacht. Eigenen Schwächen spürte er nach und merzte sie systematisch aus. Aus seinen verlorenen Kämpfen gegen Smyslov und Tal lernte er und im Rückkampf zeigt er sich überlegen, indem er auf die Schwächen der Gegner spielte. 

Die Partien sind im besten Sinne konservativ kommentiert. Der Patriarch erklärt die Ideen und legt weniger Wert auf lange Varianten. Da die Analysen alle ohne Computer gemacht wurden, gibt es ein paar Fehler, die der Übersetzer mit Computerhilfe korrigiert hat. Die einleitenden Worte zu jedem der drei Bände liefern ein stimmungsvolles Bild der damaligen Lebensumstände in der UdSSR und den Lauf der Dinge aus Botvinniks Sicht.

Wer sich durch den Preis von DM 79,- pro Band nicht abschrecken lässt, bekommt in den Partien und Kommentaren Botvinniks tiefschürfendes Lehrmaterial für sein eigenes oder das Schachverständnis seiner Schüler. Viele Partien zeigen auch heute noch gültige Gewinnstrategien für bestimmte Stellungstypen. Botvinniks best games ist ein zeitloses und unvergängliches Werk.


Botvinnik 1993
 

Sosonko schreibt, dass Botvinnik später auf bittere Weise kennen gelernt hat, was es bedeutet, alt zu sein: Die alten Freunde sind gegangen, neue kommen nicht, und es bleiben nur die Erinnerungen. Eine endgültige Erkenntnis, wenn man sich wie Botvinnik die atheistische Weltanschauung der Bolschewiken zu eigen gemacht hat.

Aber vielleicht ist ja doch alles ganz anders: Vielleicht treffen wir uns ja alle in einer anderen Welt. Dort kommt ein stark kurzsichtiger Mann auf Sie zu, der gemerkt hat, dass Sie sich für Schach interessieren, und fragt Sie: "Kennen Sie denn meine Partie gegen Yurev von der Meisterschaft der Handelsunion der Metallarbeiter, 1927 nicht?" Wie wird Ihre Antwort lauten? Sie haben es selbst in der Hand ... !

In Moskau werden die beiden besten Spieler der Welt, beides Schüler Botvinniks, im Dezember zeigen, dass sie bei Weitem nicht nur diese Partie Ihres Lehrmeisters gründlich studiert haben.

25.11.2001/André Schulz

 



Mikhail Botvinnik: Botvinniks best games, 3 Bände, 1352 Seiten, Caissa, Olomouc 2000/2001, je Band DM 79,-
Genna Sosonko: Russian Silhouettes, 206 Seiten, New in Chess, Alkmaar 2001, DM 41,25
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Welt des Schachs, ChessBase-CD, 1998, DM 48,-

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