Miskolc: Leko gewinnt

04.09.2006 – Am gestrigen letzten Tag des Schnellschach-Wettkampfes zwischen Peter Leko und Anatoly Karpov endeten beide Partien unentschieden. In der vorletzten Partie hatte Leko die Chance mit den weißen Steinen seinen Vorsprung zu vergrößern, als Karpov seine Dame gegen Turm und Läufer gab. Doch der Ex-Weltmeister bewies einmal mehr seine außerordentlichen Fähigkeiten in der Verteidigung. Im sehr gut besuchten Nationaltheater von Miskolc wurde der Sieg des besten ungarischen Schachspielers von den Zuschauern mit stürmischen Ovationen aufgenommen. Im nächsten Jahr soll an gleicher Stätte ein Wettkampf zwischen Leko und Kramnik organisiert werden. Dagobert Kohlmeyer berichtet aus Ungarn. Turnierseite...Partien, Video, Bericht...

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Leko besiegt Karpow und spielt nächstes Jahr gegen Kramnik
Von Dagobert Kohlmeyer aus Miskolc

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Partie 8...


Peter Leko hat das Schnellschachmatch gegen Anatoli Karpow in Miskolc mit 4,5:3,5 gewonnen. Zwei Remispartien genügten ihm am Sonntagabend, um seinen Halbzeitvorsprung von einem Punkt bis zum Ende des Wettkampfes zu behaupten. In der 7. Partie schien es sogar, als könne der Ungar schon vorzeitig alles klarmachen, aber Karpow entschlüpfte als Schwarzer trotz weniger Material und hoher Zeitnot wieder ins Unentschieden.

Leko gegen Karpov: Alle Partien...

 

Mit dem Endergebnis waren Zuschauer und Veranstalter zufrieden, die ihren Schachsportler Nr. 1 mit stürmischen Ovationen feierten.





Bürgermeister Sandor Kali, der Schirmherr des Matchs, kündigte noch bei der Siegerehrung auf der Bühne an, dass im nächsten Jahr an gleicher Stelle ein Duell zwischen Peter Leko und Wladimir Kramnik stattfindet. 

 

 

Karpow erkannte Lekos Überlegenheit an und erklärte das Schlussresultat unter anderem damit, dass er in letzter  Zeit zu wenig Spielpraxis habe. Für Peter seien dieser Erfolg und die gewonnen Match-Erfahrungen sicher nicht unwichtig, wenn man an künftige WM-Kandidatenkämpfe denke.

Schauplatz des Matchs war in diesem Jahr das Nationaltheater von Miskolc. Es liegt an der Hauptstraße im Zentrum direkt in der Fußgängerzone. Zwischen 1847 und 1857 im klassizistischen Stil errichtet, war es das erste Theater aus Stein im Lande, in dem Aufführungen in ungarischer Sprache erfolgten. Schachfreunde nicht nur aus Miskolc, sondern aus ganz Ungarn strömten zu den Partien von Karpow und Leko. Besonders am Wochenende war das Theater fast gänzlich gefüllt, trotz Liveübertragung im Internet. Auch der Internationale Meister Janos Rigo und seine Frau Kata kamen aus Budapest zum Finale.


GM Berkes beim Simultan

Großmeister Ferenc Berkes kommentierte an allen Tagen für die Zuschauer im Theatersaal die Züge von Karpow und Leko.

Miskolc war eine Reise wert. Die drittgrößte Stadt Ungarns, an den Ausläufern des Bükk-Gebirges gelegen, hat mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick vermutet. Der barocke Stadtkern ist zum großen Teil restauriert. Im Hermann-Otto-Museum gibt es eine bedeutende Gemäldesammlung. Sehenswert ist auch das Kirchenmuseum am Deák ter mit der größten Kollektion von griechisch-orthodoxen Kunstwerken im Lande. Wir haben dort 88 außergewöhnliche Ikonen bewundert, die noch gut erhalten sind.

Eine spätgotische Kirche auf dem Avas-Berg mit ihrem Glockenturm aus dem 16. Jahrhundert ist das Wahrzeichen der Stadt. Zu Miskolc gehören auch der Ort Diósgyör und der Kurort Miskolc-Tapalca mit seinem Höhlenbad. 

Ein architektonisches Kleinod ist die Burg Diósgyör mit ihren 24 Meter hohen Ecktürmen, umgeben von einem Wassergraben. Ihre Blütezeit erlebte die Burg im 14. Jahrhundert zurzeit von König Ludwig dem Großen. Den rechteckigen Innenhof umgeben teils über drei Meter dicke Mauern. Der junge Museumsführer in Ritteruniform zeigt den neugierigen Gästen gern alle Verliese der Burg bis zur Folterkammer und dem Raum, wo noch heute Münzen geprägt werden.

In der heutigen Zeit bildet die Burg die Kulisse für zahlreiche Kulturveranstaltungen. Es gibt die Reihe „Miskolcer Sommer“, das internationale Volksfestival „Kalaka“, Burgspiele, Theateraufführungen und ein Dixielandfestival. In der schönen Jahreszeit kommen junge Paare gern auf die Burg, um in deren altem Gemäuer ihre Hochzeit zu feiern oder vor der eindrucksvollen Kulisse Erinnerungsfotos zu machen.   


Ludwig der Große

Wir hatten das Glück, in der Diósgyöri Varkert Pension direkt an der Burg zu wohnen. Das gastfreundliche Haus ist erst zwei Jahre alt und befindet sich im Privatbesitz. Vom Zimmerbalkon geht der Blick direkt zur Burg und in die Berglandschaft. Im Restaurant der Pension mit Terrasse wird typisch ungarische Küche serviert.

Ein Geheimtipp sind auch die Miskolcer Restaurants Talizman und Calypso. Wir haben beide besucht. Im Calypso fand der Begrüßungsabend statt, an dem Bürgermeister Sandor Kali die Großmeister Karpow, Leko und alle die Leute empfing, die etwas mit der Organisation des Schachmatchs zu tun hatten.

Am Ruhetag lud das Stadtoberhaupt auch noch ins schöne Rathaus ein, wo eine Weinverkostung für die rechte Stimmung sorgte.


Eingang zum Rathaus

Tokajer der besten Sorten wurden selbst von Karpow und Leko nicht verschmäht. Die Spieler nippten jedoch immer nur, und Peter sagte mit Augenzwinkern: „Sonst kann ich für meine morgigen Züge nicht garantieren“.

Nach dem Weingenuss im Rathaus ließen einige Unentwegte den Abend in Miskolc-Tapalca ausklingen. Es zählt zu den führenden Thermalkurorten Ungarns. Das einmalig schöne Höhlenbad in Tapalca ist erst kürzlich modernisiert und ausgebaut worden. Die Grottenhöhle ist außergewöhnlich und wird vor allem von jungen Leuten gern besucht. Man kann draußen und drinnen schwimmen, die Sauna besuchen und die verschiedensten Massagen nehmen. Im Wellness-Bereich fehlen auch Elektrotherapie und Solarium nicht. Im Garten gibt es einen Kinderpool und ein Freibad.

Schach wurde natürlich auch wieder gespielt. Der nächste Wettkampftag brachte zwei Remis mit umgekehrten Vorzeichen, weil der Weiße seinen Vorteil jeweils nicht verwerten konnte. Bei Leko war die Überlegenheit beträchtlich, aber er ließ Karpow in der 5. Partie, einem angenommenen Damengambit, mit Schwarz ins Remis durch Dauerschach entschlüpfen. „Ich hätte nur meine Figuren zurückziehen müssen und nach dem Turmtausch im Damenendspiel mit einem Mehrbauern gute praktische Chancen gehabt, zumal Karpows Bedenkzeit sehr knapp war. Aber mit wenigen Sekunden auf der Uhr schaffte der alte Fuchs das Unentschieden.“

Das sechste Spiel (Meraner Variante) war eine sehr positionelle Angelegenheit, in der Leko ganz genau spielen musste, um nicht in Nachteil zu geraten. Doch sein starkes Turmmanöver nach b4 und der anschließende Damentausch sicherten ihm das Remis. „Der Partieverlauf war astrein und hätte auch einem Kampf mit klassischer Bedenkzeit zur Ehre gereicht“, konstatierte Peter hinterher.

Nachher auf der Straße mussten beide, ehe sie ins Auto stiegen, noch viele Autogramme schreiben.

Genau wie tags zuvor, als spielfrei war und sie bei einer Talkrunde unter anderem jeder eine Glanzpartie zeigten. Leko kommentierte am Demobrett sein Spiel gegen Teimur Radjabow in Morelia/Linares und Karpow seine „Unvergängliche“ gegen Topalow in Linares 1994. Peter nickte anerkennend: „Eine der besten Partien aller Zeiten“.

Bei einem Ausflug nach Lillafüred lernten wir den vielleicht schönsten Erholungsort Ungarns kennen. Er liegt gut 10 Kilometer von Miskolc’ Zentrum entfernt, gehört aber noch zum Stadtgebiet. Das malerische Tal wird von drei Gebirgszügen umrahmt. Bestimmendes Gebäude ist das Hotel Palota. Es wurde ab 1927 erbaut und 1930 als Schloss im Stile der Neorenaissance eröffnet. Das imposante Bauwerk liegt in einem riesigen Park mit Hängegärten. Von dort hat man einen wunderschönen Ausblick auf das Tal des Szinva-Bachs und den Hamori-See. Der Bach fließt auch durch Miskolc. In der Nähe des Schlosshotels plätschert ein Wasserfall. Wie Peter Leko erzählte, hat er vor einigen Jahren auch schon in dem imposanten Haus gewohnt und dort ein Trainingslager absolviert. Zum Ort gehört die Stephanshöhle, deren Tropfsteine sehenswert sind und deren Mikroklima heilende Wirkung haben soll.


Der Eingang zur Höhle mit klaren Ansagen

Wir danken unserer Reisführerin Ilona und dem Fahrer Christian sehr, dass sie uns in dieser erlebnisreichen Woche so viel von Miskolc und seiner schönen Umgebung gezeigt und darüber hinaus interessante Einblicke ins ungarische Leben von heute ermöglicht haben. Bürgermeister Sandor Kali, der sich heftig für das Schach engagiert, hat die Pläne für das nächste Jahr schon genannt. Wie er mitteilte, geht die Schachtradition in Miskolc weiter. Nächstes Jahr spielen Kramnik und Leko, es gibt also quasi eine Neuauflage des WM-Kampfes 2004 von Brissago. Vorstellbar ist für die Enthusiasten in der Region später auch ein Großmeisterturnier in Miskolc. Die Stadt hat den Ehrgeiz, Schachmetropole von Ungarn zu werden.

Text: Dagobert Kohlmeyer
Fotos: Dagobert Kohlmeyer, Frederic Friedel


 

Das kleine Land Ungarn hat eine Vielzahl von bemerkenswerten Schachtalenten hervor gebracht. Vielleicht wird man in Zukunft auch von dieser jungen Dame hier mehr hören:


Die 8-jährige Timea Hercsik mit ihrem Idol Peter Leko


Der große Moment: Timea macht den ersten Zug


Timea mit ihrer jüngeren Schwester

Timea hat seinerzeit Schach von ihrer Mutter Gabriella gelernt. Auch die kleine Schwester Dalma begeistert sich für das Spiel. Gab es da nicht schon einmal eine ungarische Schachfamilie mit sehr talentierten Mädchen


Timea mit ihrer Trainerin Zsuzsa Veröci

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 



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