Mit Italienisch gewinnen

09.03.2017 – Die Italienische Eröffnung ist wieder "in". Immer mehr Weltklassespieler greifen zum Italiener, aber auch und gerade für Vereinsspieler ist Italienisch geeignet. Vor allem, da es beim Italiener mehr auf Verständnis der Ideen und weniger auf theoretische Kenntnisse ankommt. Christian Hoethe hat sich drei DVDs und ein Buch angeschaut, die helfen, mit Italienisch zu punkten.

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Rezension: Wie spielt man Italienisch?

Stefan Kindermann: Intelligentes Italienisch
Nigel Davies: Attack with the Modern Italian
Sergey Tiviakov: Bishops Opening and Italian Game
Karsten Müller, Georgios Souleidis: Winning with the Slow (but venomous!) Italian

Man kann es nicht anders sagen - Italienisch ist wieder im kommen! Besonders im Jahr 2016 wurden wieder zunehmend Partien Italienisch eröffnet - von Carlsen über Anand, Adams, Bologan, Kramnik, Tiviakov bis zu So und weiteren Spielern der Weltelite. Eine Laune der Mode? Das mag sein. Aber ich denke, zum grossen Teil sind auch die Berliner Mauer (nach 1. e4 e5, 2. Sf3 Sc6, 3. Lb5 Sf6) und Russisch (1. e4 e5, 2. Sf3 Sf6) daran Schuld, die es dem Anziehenden schwer machen, Eröffnungsvorteil nachzuweisen.

Steckt Spanisch damit nun in einer hoffentlich nur temporären Krise bis in naher Zukunft ein wirksames Gegengift gegen Kramniks Mauer gefunden wird?

Nun gibt es auf dem Markt eine relativ grosse Auswahl an Angeboten zum Thema "Italienisch". So hat ChessBase gleich drei wirklich gute DVDs zum Thema Italienisch herausgebracht, während das Autorengespann GM Karsten Müller und IM Souleidis ein Buch zu Italienisch verfasst hat mit dem Titel "Winning with the Slow (but venomous!) Italian", das bei New in Chess erschienen ist. Alle vier Produkte möchte ich hier vorstellen. 

Die erste DVD ist vom englischen Grossmeister Nigel Davies und erstreckt sich über eine Spielzeit von satten 4 Stunden, die zweite ist vom bekannten deutschen Grossmeister Stefan Kindermann und geht sogar über ganze 5 Stunden! Die DVD von Tiviakov hat eine Spielzeit von etwas mehr als 4 Stunden. Italienisch hat gegenüber Spanisch einen gewichtigen Vorteil: es gibt nicht soviel Theorie zu lernen wie im königlichen Ruy Lopez. Das Aufbauschema sieht einen Plan mit Lc4, d3, c3 vor - danach entwickelt sich das Geschehen auf dem Brett oft ähnlich nach einem langfristigen Plan. Ein Angriff am Königsflügel ist hier nicht unwahrscheinlich, dazu steht der Lc4 ideal und das typisch "spanische Manöver" mit Te1, Sf1-g3-f5 ist auch oft ein Teil dessen.

Und dass Italienisch durchaus in der Lage ist, selbst auf höchstem Niveau Kurzpartien zu produzieren, das veranschaulicht die folgende recht aktuelle Musterpartie auf ideale Weise:

 

Es kann alles so einfach aussehen, wenn man "nur" die richtigen Züge ausführt. Dass dem so ist, dafür sorgen die Grossmeister Davies, Tiviakov und Kindermann mit ihren DVDs, wenn auch auf leicht unterschiedliche Art und Weise. Das Buch von Müller und Souleidis werde ich seperat behandeln. 

Ein Vorteil der Kindermann- und Tiviakov-DVDs mag darin bestehen, dass ChessBase das Format seiner Lehrvideos in der Zwischenzeit weiter entwickelt und mit interaktiven Abschlusstests und Video-Feedback "ausgestattet" hat. Als Käufer kommt man so in den Luxus, sich selbst den Fragen des Grossmeisters zu stellen und somit den erworbenen Wissenstand zu hinterfragen. 

Zudem habe ich das Gefühl, dass Kindermann und Davies die Basics etwas besser herausarbeiten als beispielsweise Tiviakov, der gewöhnlich schnell durch die Varianten springt, was natürlich insbesondere für den Italienisch-Neuling (wie mich) nicht unbedingt ein Vorteil ist. Davies und Kindermann besprechen im Detail typische, leichte Ungenaugigkeiten wie sie auf Vereinsebene häufig anzutreffen sind, beispielsweise eine zu frühe Läuferentwicklung des Nachziehenden nach g4 und wie Weiss daraus Kapital schlagen kann, indem er die Rochade verzögert, De2 nebst h3 und ggf. g2-g4 folgen lassen kann, gefolgt von Sf1-g3-f5. Ein Beispiel aus einem Simultan vom Meister persönlich gefälligst?

 

Das ist alles schon sehr intruktiv - hier merkt man dem Münchener Großmeister  Kindermann seine sehr gute didaktische Lehrfähigkeit an. Davies und Tiviakov setzen vielleicht unbewusst ein etwas höheres Italienisch-Verständnis voraus und besprechen daher weniger typische "Fehler", sind aber trotzdem ebenso instruktiv wie verständlich und auch gut in der Partieauswahl und den typischen Plänen und Figurenmanövern. 

Kommen wir nun zu der Neuerscheinung "Winning with the Slow (but venomous!) Italian" - grob übersetzt "Gewinnen mit dem langsamen (aber giftigen) Italiener" - von GM Karsten Müller und IM Georgios Souleidis, die beide auch ChessBase-Autoren sind. Bücher aus dem New in Chess Verlag haben mir aufgrund ihrer guten Aufmachung schon immer gut gefallen: klares Schriftbild, schöne Hervorhebungen, ausreichend viele Diagramme und in der Regel gute Erklärungen. Dieses Buch ist da keine Ausnahme! 

Auf 234 Seiten beschreiben die Autoren im ersten grossen Block überaus ausführlich die Theorie des Italieners. Dabei befassen sie sich sowohl mit den seltenen Nebenvarianten als auch natürlich den kritischen Hauptabspielen. Was mir dabei überaus gut gefallen hat: im Inhaltsverzeichnis kategorisieren sie dabei die schwarze Spielweise nach Plänen und nicht nach trockenen Theorie-Zügen, z.B. Schwarz spielt d7-d5, er überführt den Sf6 nach h5, bringt das Springermanöver nach g6, spielt ohne Lc5 usw. Das half mir ungemein, mich zu orientieren - ebenso wie die recht guten Zusammenfassungen am Ende der jeweiligen Kapitel. Was mir auch gefiel, ist, dass Müller und Souleidis im zweiten Block nicht nur detailliert auf typische taktische und strategische Motive eingehen und dem Leser so das Verstehen der Stellung ans Herz legen und nicht das reine Auswendiglernen von Varianten. Sie gehen sogar noch einen Schritt weiter und befassen sich in einem Kapitel ausführlich mit den Empfehlungen einiger Schwarz-Repertoires gegen Italienisch, zum Beispiel der Grossmeister Marin, Bologan und Gustafsson. Das ist ein Novum, das ich bisher noch nicht in dieser Ausführlichkeit gesehen hatte und dem hoffentlich zukünftig von anderen Autoren  nachgeeifert wird. In jedem Fall ein geniales Buch, das jeder besitzen sollte, der Italienisch mit Weiss oder Schwarz aufs Brett bringt. 

Dass Italienisch auch einem als Remiskönig titulierten Anish Giri zu vollen Punkten gegen stärkste Konkurrenz zu verhelfen vermag, spricht doch eine deutliche Sprache:

 

Und wer noch immer nicht völlig überzeugt ist, dem hilft hoffentlich folgende Partie des Weltmeisters dabei, Italienisch doch in sein Repertoire aufzunehmen:

 

Fazit:

Drei didaktisch gute bis sehr gute ChessBase-DVDs und ein hervorragendes Buch zum wieder in Mode gekommenen Italienisch, die allesamt keinerlei Wünsche offen lassen. Für welches Produkt man sich letztlich entscheidet, bleibt am Ende natürlich Geschmackssache - aber hier ist man überall in guten Händen! Ich persönlich würde hier unbedingt zum Buch greifen und es mit einer DVD kombinieren!

Stefan Kindermann, Intelligentes Italienisch im Shop kaufen...

Nigel Davies, Attack with the Modern Italian im Shop kaufen...

Sergei Tiviakov, The Bishop's Opening & The Italian Game im Shop kaufen...

Karsten Müller & Georgios Souleidis, Winning with the Slow (but Venomous!) Italian

 

Über den Autor:

Christian Hoethe ist 41 Jahre alt, Vater dreier Töchter und eines Sohnes, wohnt in Braunschweig und erlernte die Gangart der Figuren relativ spät mit 13 von seinem Vater. Ein Jahr später spielte in der Schach-AG seines damaligen Erdkundelehrers, mit dem er auch heute noch ab und zu eine Partie spielt. Mit 15 landete er Dank seines Mathe-Nachhilfelehrers (!) endlich in einem Verein.

Er brachte es zu seinen besten Zeiten auf eine Elo-Zahl von 2247 und spielt für den Schachverein Gifhorn, wo er auch einmal im Monat Training gibt.


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