Mit Vollgas gegen Reti!

von ChessBase
27.02.2022 – Das neue ChessBase Magazin #206 bietet einmal mehr eine Fülle an Ideen und Empfehlungen für Ihr Repertoire. Neben den drei Eröffnungsvideos von Jan Werle, Daniel King und Mihail Marin sowie Rainer Knaaks Fallensammlung enthält die neue Ausgabe elf Eröffnungsartikeln die ein breites Spektrum abdecken: von einem scharfen Gambit in der Caro-Kann Vorstoßvariante über "Spanisch für Strukturfans" (Verzögerte Abtauschvariante) bis zum neuen Grünfeld-Trend 5.Ld2 c5!? Imre Hera greift in seinem Beitrag indes eine radikale Idee gegen die Reti-Eröffnung auf, mit der David Navara im Jahr 2011 seinen Gegner, GM Markowski, schockierte: nach 1.Sf3 d5 2.c4 d4 3.b4 setzte der Kreativkünstler mit der Neuerung 3...g5!? fort und ließ danach auch noch seinen h-Bauern Richtung gegnerische Rochade rauschen. "Eine der interessantesten Erfindungen unter den jüngsten Neuerungen in der modernen Theorie", meint unser Autor. Das sollten Sie sich einmal anschauen!

ChessBase Magazin 206 ChessBase Magazin 206

Tata Steel 2022: Duda, Giri, Erigaisi, Grandelius, Mamedyarov, Nielsen, Pragg und Shankland kommentieren + Videos von Rogozenco. Special zu Levon Aronian. Eröffnungsvideos von Werle, King und Marin. Plus 11 Eröffnungsartikel mit neuen Repertoireideen!

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Dampfwalze gegen Reti

Imre Hera inspiziert 1.Sf3 d5 2.c4 d4 3.b4 g5

Eine Standardfrage bei heutigen Debatten zu moderner Theorie lautet, ob es nach wie vor möglich ist, in der ganz frühen Phase der Eröffnungen überhaupt noch etwas zu erfinden. Viele Hobbyspieler wollen von Profis wissen: Wie weit kann sich Schach entwickeln, wenn Maschinen in der Lage sind, schnell die besten Alternativen zu zeigen? Werden uns nicht in einem bestimmten Moment die Neuentdeckungen ausgehen? Und wie wir bei diesem Thema sehen werden, lautet die Antwort bislang: nein! Ich lege Ihnen ein ganz besonderes und äußerst vor – es beginnt mit 1.Sf3 d5 2.c4 d4 3.b4 g5.

Man mag sofort sagen: Bist du übergeschnappt? Einen Bauern am Königsflügel nach vorn jagen, schon im 3. Zug, mit Schwarz?! Widerspricht das nicht komplett den alten, guten Prinzipien? Nun, diese Reaktionen wären natürlich verständlich. Den frischen Innovationen folgend müssten wir uns allerdings langsam eingestehen, dass viele dieser Prinzipien in bestimmten Fällen durchbrochen werden können. Ich erinnere mich immer, wie mein Vater früher von den Schlachten zwischen Kasparov und Karpov zu sprechen pflegte. Obwohl es erst die 1980er waren, beauftragte Kasparov seine Sekundanten schon damit zu versuchen, die Bewertungen von Eröffnungen bereits um den fünften Zug herum zu verändern! Und wenn dies vor 30 Jahren ging, als die Computer bei weitem noch nicht das heutige Niveau hatten, warum sollte es in der modernen Ära unmöglich sein?

Die Idee dieses haarsträubenden Zuges lautet, den f3-Springer von seinem Originalplatz wegzulocken bzw. zu vertreiben, um mit ...e7-e5 das Zentrum zu besetzen. Sie stammt vom tschechischen Super-GM David Navara, der sie vor zehn Jahren in die Turnierpraxis einführte. Andererseits vergingen drei Jahre, bis sich der zweite Großmeister das Abspiel zu eigen machte. In der Mega Datenbank 2022 kann man knapp über 100 Partien dazu finden. Der Mangel an guten, nützlichen und langen Partien stellte mich beim Bearbeiten meiner Sammlung vor einige Herausforderungen. Ich muss einräumen, dass es viele Blitz- und Schnellschachpartien sind, was nicht überraschend klingt, wenn man berücksichtigt, dass es definitiv Mut erfordert, einen derart wilden Versuch am Brett zu starten, wenn es um Elopunkte geht.

Mit diesem Material wollte ich dem Leser vor allem etwas Einzigartiges zeigen, was gleichzeitig wettbewerbsfähig ist. Da es nach wie vor viele unerforschte Wege gibt, habe ich versucht, auch meine eigenen Untersuchungen weiterzugeben.

Zu Beginn werde ich jene Nebenabspiele untersuchen, in denen Weiß das Gambit ablehnt:

1) Das Reagieren im Zentrum mit dem scheinbar logischen 4.e3, was ich als ziemlich schlecht erweist - Hillarp Persson,T - Morozevich,A 0-1.

2) Der Versuch, Schwarz mit 4.Da4+ zu verwirren, wie in der Hauptpartie des Abspiels. Ich bevorzuge den Textzug 4...c6 gegenüber 4...Ld7, wozu ich ebenfalls ausführliche Analysen angegeben habe. Siehe die Anmerkungen zu Markowski,T - Navara,D 1/2.

3) Und schließlich das sehr verbreitete, aber bescheidene 4.h3, wie zu sehen in Anton Guijarro,D - Urkedal,F 1/2.

Weiß hat zwei Wege, den Bauern zu schnappen:

Direkt mit 4.Sxg5 (Variante A) oder unter vorheriger Einschaltung von 4.Lb2 Lg7 (Variante B).

A) 4.Sxg5

Im Fall von 4.Sxg5 reagiert Schwarz natürlich mit 4...e5,

und nun gibt es eine Unterteilung zwischen A1) 5.Se4 und A2) 5.d3

A1) Nach 5.Se4 lässt 5...f5 6.e3 einen scharfen Kampf erwarten -

man prüfe meine Kommentare zu Daverkausen,B - Bellahcene,B 0-1.

A2) Dagegen führt 5.d3 zu einem eher strategischen Kampf. Erwähnenswert ist, dass Schwarz in der Musterpartie zwar recht siegessicher agierte, aber Weiß ziemlich schnell einen großen Fehler machte. Objektiv gesprochen wäre meine Präferenz nach 5...Lxb4+ 6.Ld2

(statt 6...Dxg5) vielmehr 6...Le7. Mehr dazu finden Sie hier: Bocharov,D - Pridorozhni,A 0-1.

B) 4.Lb2

Die zweite Hauptoption für Weiß lautet 4.Lb2, und nach 4...Lg7 erörtere ich die folgenden Abweichungen:

B1) Das Unterminieren des Zentrums mit 5.e3,

wonach einer meiner Landsleute eine interessante Partie gewann - Wang,T - Berczes,D 0-1.

B2) 5.Sxg5 e5 6.Se4 f5

und hier kann Weiß beide verfügbaren Felder wählen:

B21) 7.Sg3, was in Medvegy,Z - Sedlak,N 0-1 eine schmerzliche Niederlage für Weiß nach sich zog.

B22) 7.Sc5, was eine äußerst wilde Geschichte ist und somit ein großartiger Botschafter für die gesamte Variante. Schwarz jagt den Springer weiter mit 7...b6,

wonach ich zwei Fortsetzungen untersuche:

B212) Den bescheidenen Rückzug 8.Sd3, zu sehen in Reinderman,D - Schoppen,C 0-1, und

B222) das ehrgeizigere 8.Da4+, was in der Fernpartie Taylor,B - Hechl,G 1/2 vorkam, die man meines Erachtens nicht zu lange verfolgen sollte.

Fazit: Meines Erachtens ist das Gambitabspiel mit 3...g5 eine der interessantesten Erfindungen unter den jüngsten Neuerungen in der modernen Theorie, vor allem in einer derart frühen Phase der Eröffnung. Schwarz verschafft sich ausgezeichnete Chancen auf eine kraftvolle Partie, und seine Kontrolle im Zentrum ist oftmals einfach zweifellos stark. Er kann auch den Bauern auf b4 zurückgewinnen, falls Weiß nicht gewillt ist, mit seinem Springer nach c5 in den Dschungel vorzustoßen. Sicher gibt es noch eine Menge zu entdecken, aber im Moment sehe ich keine Variante, die diese spannende Idee widerlegt. Mit einer solchen Eröffnungswahl würde Schwarz definitiv anzeigen, dass er keineswegs ein Angsthase ist, mutig genug, seinem Gegner so schnell einen Bauern zu schenken und ihn so psychologisch unter Druck setzend.

Dem kompletten Artikel mit allen Partien und Analysen von Imre Hera finden Sie im neuen ChessBase Magazin #206!

Übersicht aller elf Eröffnungsartikel in ChessBase Magazin #206

Hera: Reti-Eröffnung 1.Sf3 d5 2.c4 d4 3.b4 g5
Schandorff: Caro-Kann Vorstoßvariante 7.b4!?
Szabo: Siilianisch Nimzowitsch-Variante 2.Sf3 Sf6 3.e5 Sd5 (Teil II)
Braun: Sizilianisch Taimanow-Variante 7.g4!?
Kapnisis: Russisch 3.d4 Sxe4 4.Ld3 d5 5.Sxe5/6.Sc3
Ris: Spanisch mit 3...Lc5 (Teil I) 4.0-0 Sd4
Lorenzini: Spanisch Verzögerte Abtauschvariante 6.Lxc6
Postny: Londoner System 5.Sbd2 Db6 6.dxc5 Dxb2
Grigoriants: Slawisch 3.Sf3 dxc4 4.e3 Le6 5.Sbd2
Vogel: Grünfeld-Indisch 5.Ld2 c5!?
Zelbel: Königsindisch-Rezepte gegen 6.Le2 (Teil II)

ChessBase Magazin #206

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