Moskau: Kasparov gibt Gas

25.11.2004 – In den letzten Runden hat Kasparov im Superfinale der Russischen Meisterschaften ordentlich Gas gegeben und sich an die Spitze der Tabelle gehievt. Auch Grischuk und Dreev liegen nicht schlecht im Rennen, allerdings schon mit etwas Rückstand. Auch nachdem es inzwischen Eintrittskarten zu kaufen gibt (500 Rubel), haben nicht viel mehr Zuschauer den Weg ins Hotel Rossija gefunden. Stattdessen bleibt der elitäre Kreis der Schachjournalisten unter sich. Misha Savinov fasst in seinem zweiten Bericht aus Moskau die Ereignisse der Runden Drei bis Sieben zusammen. Mehr...

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Bericht vom Superfinale der Russischen Meisterschaft
Teil 2: Runden Drei bis Sieben
Von Misha Savinov


Ich freue mich mitteilen zu dürfen, dass die Ticketprobleme, die so viele  russische Medienvertreter beschäftigt haben, inzwischen gelöst sind. Seit der dritten Runde kann man Eintrittskarten kaufen, sofern man bereit ist 500 Rubel (ca. 16 Dollar) auszugeben, um eine einzelne Runde mit den Stars vor  Ort zu sehen. Außerdem haben die Organisatoren im Moskauer Schach-Mekka, dem Zentralschachklub, einen großen Bildschirm installiert, auf dem man die Partien sehen kann. Nur noch hoffnungslos konservative Puristen können die
Organisatoren für ihre Öffentlichkeitsarbeit kritisieren, solche, die sich  noch an die alten "Schachfieber-Zeiten" erinnern, als große Menschenmengen in die riesigen Turniersäle der Sowjetära stürmten, doch die Zeiten haben sich geändert.

Heute diskutieren nur noch die Journalisten vor Ort über die Partien. Die  Party ist sehr exklusiv: Nikitin, Dokhoyan, Sveshnikov, Kharlov, Bykhovsky, Dolmatov (in zufälliger Reihenfolge). Die Rolle von Mikhail Botvinnik wird nun von Sergey Shipov übernommen. Die berühmten Internetkommentatoren bleiben zu Hause und posten ihre Kommentare ins Web - aus meiner Sicht eine verbesserte Version der damaligen Telefonkommentare für die Presse von Botvinnik

Der aktivste Titelträger hier ist zweifelsohne Großmeister Dmitry Jakovenko.  Er war der Vierte beim Qualifikationsturnier in Tomsk und damit wie Khalifmann, Vierter in St. Petersburg, Ersatzmann für das Turnier. Jakovenko analysiert fortlaufend die Partien mit Fritz und teilt dessen Einschätzungen  meist. Die Engine hilft ihm, Komplikationen mühelos zu durchschauen und führt ihn bei Endspielen, in denen Jakovenko sehr gute Fähigkeiten besitzt, nicht in die Irre. Es muss ein ungewohntes Gefühl sein, Kasparovs  Anmerkungen zur gerade gespielten Partie zu korrigieren: "Nein, Garry Kimovich, du kannst einfach noch einen Bauern gewinnen und zwar so und so..." (wird auf dem Rechner gezeigt). Kasparov nickt und stimmt zu.

Jakovenko, der von Morozevich als talentiertester Spieler seiner Altersgruppe angesehen wird, erzählte mir, dass er seine Bemühungen im Schach verstärken werde und eine Profikarriere anstrebt und nicht als
Volkwirtschaftler in Moskau arbeiten möchte, eigentlich der deutlich besser bezahlte Beruf.

Das Pressecenter ist außerdem der Ort, wo die Spieler für Kurzremisen  angegriffen oder für Glanzsiege gelobt werden. Jeden Tag werden ein, zwei Spieler eingeladen, hier zu sprechen.



Grischuk wurde aufgefordert, sein 10-Züge-Remis gegen Dreev zu erklären.  Alexander fand keine Energie sein Überraschungsgrünfeld, aber genug seine Remisentscheidung zu verteidigen. Tatsächlich war die Partie wenig ereignisreich: Grischuk spielte eine für ihn unvertraute Eröffnung, Dreev antwortete mit einer seltenen Variante und beide Spieler brauchten zwei Stunden, um in die Partie zu finden. Dreev fand keinen Weg, geschickt auf ein Bauernopfer zu antworten, ohne seine Stellung zu kompromitieren und bot  Remis an. Grischuk hatte keinen Grund abzulehnen. "Wir hätten noch einige Züge spielen könne, um die Entscheidung für die Zuschauer zu rechtfertigen, aber es war wirklich nichts los," war die gemeinsame Ansicht.

In der dritten Runde gab es ein großes Durcheinander. Svidler, Morozevich and Motylev wurden von Spielern mit niedrigerer Wertung geschlagen. Peter Svidler ging mit Weiß der Sveshnikov-Hauptvariante aus dem Weg und hatte Mühe gegen den 19-jährigen Timofeev auszugleichen. Morozevich brach unter dem andauernden positionellen Druck von Tseshkovsky zusammen. Beide Spieler haben einen ähnlichen Stil und streben nach originellem Schach, deswegen warder frühe Damentausch eine Überraschung, allerdings auch eine weise
Entscheidung des Veteranen. Motylevs Fehler war, dass er den Sinn für Gefahr verloren hatte. Er hatte die Initiative in einem sizilianischen Endspiel und baute sie auch aus, erlaubte dem Gegner allerdings ein gefährliches Konterspiel, als er dessen 22...f5 nicht mit 23.f4! beantwortete. Nach der zusätzlichen Schwächung 25.h3 war Korotylev nicht mehr zu stoppen. Gemäß einer Nachricht in einem hiesigen TV-Sender waren alle Ergebnisse erwartet - wohl ein Druckfehler. Buchmacher verdienen viel Geld mit solchen
"erwarteten" Ergebnissen.
 
Die vierte Runde begann mit IM Ilya Odessky, der hier für eine russische Webseite schreibt, und seinem neuen Buch zu 1.d4 e6 2.c4 b6.


Links sein Verleger

Der Autor versichert, das Schwarz nach diesen beiden Zügen nicht verloren ist, aber keiner der Spieler wollte sich an diesem Tag darauf einlassen. Auch an diesem Tag wurden zwei Spieler für ihr Kurzremis angeklagt. Bareev war nicht in Kampflaune und bot mit Tausch und Zugwiederholung ein stilles  Remis an, doch Dreev interpretierte diese völlig fasch und dachte, dass Evgeny auf besonders trickreiche Weise auf Gewinn spielt. Während der  öffentlichen Analyse, meinte Bareev: "Ich war sicher, dass die Position  remis ist, wusste aber nicht, wie ich remis machen kann." Dreev: "Einfach anbieten, Evgeny." Großes Gelächter. Man sollte Remisen nicht verteufeln, es ist das einzige Ergebnis, bei dem beide Spieler glücklich sind.

Alexey Dreev ist übrigens ein aufmerksamer Leser alle Internetartikel über  ihn und sein Spiel. Er zögerte auch nicht sich über einige falsche Urteile  zu seiner Partie gegen Grischuk zu beschweren.

In Runde vier begann Morozevich sich mit seinem Eröffnungen zu wegzuducken. Wo ist sein entscheidendes 1.e4? Peter Svidler war definitiv überrascht, als 1.g3 kam. Morozevich opferte einen Bauern, aber die schwarze Stellung blieb verteidigungsfähig. Svidler forcierte Abtausch und nachdem ein völlig
gleiches Turmendspiel erreicht war, machte man remis.

Die erfahrensten, oder auch einfach ältesten, Spieler des Turniers begingen beide am Ende ihrer Partien Schachselbstmord. Der 60-jährige Tseshkovsky hatte mit 1...d6 leicht Ausgleich gegen einen 2700-Spieler erreicht, aber besorgte sich später selber die Probleme und gab nach Grischuks eleganter Qualitätsrückgabe sofort auf. Und Kasparov schaffte es nicht, seinen klar gewonnenes Endspiel gegen Motylev zu konvertieren. Es war frustrierend für Garry, der zuvor die Partie mit großer Präzision gespielt hat. Motylev hatte
als letzte Verteidigungsmöglichkeit die Qualität geopfert, wonach Kasparov  seine Konzentration völlig verlor und an mehren Stellen den Gewinn verpasste, obwohl die Züge selbst in Zeitnot leicht zu finden sind.


Motylev

Vielleicht brauchte Garry Kimovich einfach so einen emotionellen Stoß, um mit dem Gewinnen anzufangen.


Die Kosteniuk-Schwestern im Presszentrum während der vierten Runde

In Runde 5 wurde ich Zeuge eines kleinen Vorfalls auf der Bühne. Alexey Dreev kam an den Tisch und sah auf seine Uhr. Statt des normalen 1:40 zeigte sie -1:41. Alexey bat einen der Schiedsrichter, dies zu korrigieren. Dann begann er, auf einem Partieformular zu schreiben, und bemerkte, dass die Nummerierung mit 61 beginnt! (CB-08, CB-09).



Gott sei Dank passierte dies, bevor die Runde tatsächlich anfing – alles wurde im Handumdrehen behoben, ohne dass jemand gestört wurde. Nachdem Dreev energisch alle Probleme ums Brett herum gelöst hattte, musste er seine Überlegenheit einfach auch auf dem Brett zeigen. Sein schöner Positionssieg über Korotylev wurde zu einem der klarsten Siege im Turnier bislang.

Im Gegensatz zu Dreev sammelte Evgeny Bareev einfach ein, was Tseshkovsky ihm anbot. Wenn ich Bareev für etwas in dieser Partie loben muss, dann für seine perfekte Heimvorbereitung. Man hatte das Gefühl, als könnte Tseshkovsky nicht glauben, dass sein Angriff nicht durchschlägt und er so früh in der Partie das Remis anstreben muss.  Vitaly Valeryevich verschmähte Ausgleich und verlor bald seinen Springer, der 11 Züge lang hing. Die weißen Mattdrohungen erwiesen sich als illusorisch, und Bareev führte seinerseits den Mattangriff zügig und effektiv. Nach dem Unterzeichnen der Partieformulare begaben sich beide Großmeister in den Presseraum und erleuchteten die Zuschauer.


von links nach rechts: u.a. GMs Sveshnikov, Zagrebelny, Matveeva und Kosteniuk

Alex Morozevich änderte nach dem gestrigen Remis sein Outfit komplett, konnte aber erneut dieses ungünstige Resultat nicht vermeiden. Diesmal allerdings fesselte seine Partie die allgemeine Aufmerksamkeit wesentlich länger. Als Schwarzer im Spanier provokant unlogisch spielend, gelang es Alexander nichtsdestoweniger, seinen Gegner von entscheidenden Aktion am Damenflügel abzuhalten und die Initiative zu ergreifen. Kurz nach der Zeitkontrolle ergab sich ein gewonnenes Turmendspiel, aber Morozevich wählte einen falschen Weg, und Timofeev entschlüpfte.

Der dynamische Kampf zwischen Epishin und Kasparov harrt noch ernster Analyse. Beide Spieler waren während der Partie sicher, dass Weiß besser stand, und Schwarz mit Mühe und Not ausgleichen konnte, aber einige Analytiker beharrten darauf, dass Kasparov derjenige war, der Gewinnchancen hatte und sie mit einem verdächtigen Springermanöver Sd5-b4-d3 verdarb.

Auch Yuri Dokhoyan wurde zu dieser Partie befragt, vermied aber diplomatisch jegliche definitiven Schlussfolgerungen.


Yuri Dochojan

Evgeny Bareev steckt voller Geheimnisse, selbst für seine Freunde. Peter Svidler, Bareevs Sekundantenkollege für Vladimir Kramnik, hatte keine Ahnung, dass Evgeny seinen Geburtstag feiert, bis Chefschiedsrichter Vladimir Dvorkovich dies vor Beginn der 6. Runde laut verkündete (CB-15). Es erübrigt sich zu sagen, dass Bareev als Weißer nicht in Kampfstimmung war, und die Begegnung endete in beiderseitigen Einvernehmen friedlich.



Eine Schlüsselpartie des Tages war ohne Zweifel Kasparov – Dreev. Dreev hatte gemeinsam mit Grischuk die Führung inne, aber mit Schwarz gegen Kasparov zu spielen verhieß kein einfaches Leben. Und tatsächlich spielte Garry wieder mit der Selbstsicherheit, die früher bei ihm selbstverständlich gewesen war, spulte schnell die Eröffnungszüge herunter und erhielt rasch eine bedrohliche Stellung. Dreev reagierte mit einem prinzipiellen Turmopfer. Kasparov musste eine Figur zurückgeben, um das Matt zu verhindern, und die Spieler erreichten eine hoch komplizierte Stellung. Weiß hatte eine Qualität mehr, aber die schwarzen Figuren zielten auf die Königsstellung des Anziehenden, und alles konnte zu seinen Ungunsten explodieren. Es scheint, als war Dreev mit seinem 18...Sxe5 zu voreilig, womit er Kasparov erlaubte, die Stellung zu vereinfachen und in ein Endspiel überzuleiten, das von Jakovenko als „wahrscheinlich gewonnen“ eingeschätzt wurde. Schwarz hatte zwar formal gesehen materielle Kompensation für die Figur, Weiß aber gute Gewinnchancen. Der einzige Faktor, der für Schwarz sprach, war, dass Weiß sehr aufpassen musste, nicht alle seine verbleibenen Bauern (zwei, um genau zu sein) zu tauschen. Mit seinem letzten Zug vor der Zeitkontrolle griff Kasparov fehl und erlaubte Dreev eine wundersame Rettung, die dieser jedoch nicht sah. Um sie zu finden, musste man von ganzem Herzen an die schwarzen Verteidigungsressourcen glauben... oder Kasparov sein! Garry sagte, er habe die problemhafte, zum Patt führende Fortsetzung gesehen und zeigte sie nach der Partie seinem Gegner.

Eine weitere entscheidende Partie war Motylev – Epishin. Vladimir sah sich einer starken Neuerung gegenüber (entdeckt von Motylevs Sekundantem, GM Vokarev), fand keinen Ausweg aus dem gegnerischen Netz und musste im 55. Zug die Waffen strecken. Nicht weniger interessant waren die Remisen Grischuk – Timofeev und vor allem Korotylev – Tseshkovsky. Vitaly Tseshkovsky ist zweifellos der unterhaltsamste Teilnehmer bislang. Er lässt Stellungen nie „austrocknen“, erlaubt seinen Gegner immer, ihr eigenes Spiel aufzuziehen, erlangt ausreichendes Gegenspiel und verliert meist aufgrund kapitaler Einsteller. Das Wolga-Gambit in den Händen des Veteranen glich aus und wahrscheinlich mehr, aber in dem Damenendspiel sicherte der entfernte a-Freibauer dem Weißen das Remis. Und in Grischuk – Timofeev opferte der Anziehende einen Bauern, bot nach 50-minütigem Nachdenken ein Springeropfer an, dann gleich noch einen Turm hinterher und erzwang ein Remis durch Zugwiederholung. Anschließend unterhielten beide Spieler die Journalisten mit lebhaften Diskussionen über ihre Partie.






 


In den Runden 6-7 machte Kasparov einen großen Sprung von  +1 auf +3, das Ergebnis, das zum geteilten ersten Platz reichen könnte. Das Glück revanchierte sich bei Garry für seinen verpassten Sieg gegen Motylev – Vitaly Tseshkovsky hatte ausgezeichnete Chancen, Kasparovs Verteidigung mit einem schönen Opferangriff zu überwinden. Spektakulär spielte er zwar, aber nicht überzeugend, was Kasparov erlaubte, die sofortige Katastrophe zu vermeiden. Dann opferte.  ‘Tsesh’ eine Qualität für Dominanz auf den weißen Felder, und ein Remis hätte das faire Ergebnis dieser engen Partie sein können – aber er akzeptiert ja niemals Punkteteilungen! Und Kasparov auch nicht.  An irgendeiner Stelle führte Garry einen Zug aus, dessen Widerlegung er sah, aber er zockte, darauf setzend, dass sein Gegner ihn vielleicht nicht finden würde! Tseshkovskys Erwiderung war schwächer (Tg3 statt Dg6). Kasparov gelang es, sich zu konsolidieren, und es stellte sich heraus, dass er neben der Mehrqualität auch starke Drohungen gegen den weißen König hatte. Die Partie ging in ein Endspiel über, bei materiellem Vorteil für Schwarz, aber technischen Schwierigkeiten. Doch Tseshkovsky ließ noch einen weiteren schwachen Zug folgen und musste aufgeben.


Warten auf Kasparov

Sowohl Kasparov als auch Tseshkovsky besuchten das Pressezentrum, und die Besprechung dieser Partie war eine der längsten bei diesem Turnier überhaupt (CB-32, 33, 34)




Es ist sehr kurios zu beobachten, wie unterschiedlich die Spieler ihre Partien präsentieren. Dreev ist sehr instruktiv; er würde einen perfekten Lehrer abgeben (vielleicht Dvoretskys Einfluss?). Grischuk bleibt ungerührt, als ob ihm seinen Leistungen egal sit, ist aber sehr aufmerksam bei Kommentaren der Zuschauer und nimmt die Herausforderung bereitwillig an. Bareev ist sehr ruhig und spricht leise, und er ist immer bereit, unerwünschte Kiebitze mit ironischen Kommentaren zum Schweigen zu bringen. Sehr ehrgeizige Züge verwirft er, weil sie „ zu aggressiv“ seien, und tut so, als würde er in all seinen Partien nur ein Remis erreichen wollen  - dies zu glauben kann für seine Gegner bestimmt sehr irreführend sein.  

Kasparov rattert lange Varianten wie üblich schnell herunter, macht Grimassen, rügt eigene Fehler und spricht offen über seine psychologischen Erlebnisse. Tseshkovsky nimmt seine Einsteller mit Sarkasmus, verliert aber ihretwegen nicht die Beherrschung.  Vitaly scheint das bloße Dabeisein bei diesem Turnier schon zu genießen, ungeachtet seines formalen Ergebnisses – er ist ein wahrer Ritter des romantischen Schachs. In einem Interview sagte er, dass er sich nur gegen Kasparov über ein Remis freuen würde -–in Wirklichkeit aber
 tat Tseshkovsky alles, was in seiner Macht stand, um dies zu vermeiden!

Svidler ist der geborene Schauspieler, vom Talent ähnlich wie Kasparov, aber in einer anderen Rolle. Er ist immer ernsthaft bezüglich seiner Gedanken und Gefühle während der Partie. Korotylev ist ein selbstironischer und humorvoller Mensch, aber seine Kommentare sind beileibe nicht oberflächlich. Morozevich ist noch nicht in der Öffentlichkeit erschienen. Er mag keine Menschenmassen, aber ich hoffe, seine Weigerung zu reden ist nicht die Ursache für Alexanders schwankenden Leistungen...

Grischuk bekam keine Gelegenheit, gegen  Morozevich auf Gewinn zu spielen – Weiß vereinfachte geschickt, und das Morozevich leidet entweder unter schlechter Form, oder er hat einfach die Hoffnung auf eine erste Verbesserung seines aktuellen Resultates verloren. -2 ist definitiv ein ganz schwaches Ergebnis. Grischuk dagegen hat gute Chancen, diese Meisterschaft zu seinen Gunsten zu entscheiden, da er in der Schlussrunde Kasparov mit Weiß hat.

Peter Svidler fing endlich an, den Erwartungen gerecht zu werden, und hob sich mit einem gediegenen Sieg im offenen Sizilianer  (eine ungewöhnliche Kombination) gegen Korotylev auf +1.  Svidler kam in Vorteil, legte aber bei der Vorbereitung der entscheidenden Aktion ausgesprochene Geduld an den Tag, teils aufgrund der Stellungserfordernisse, teils aufgrund von Rechenfehlern. Nach 50 Zügen begann Peter endlich zu opfern und konnte den vollen Punkt einfahren. In dieser Partie bekam Korotylev keinerlei Gegenspiel. Vor den letzten vier Runden stand Svidler auf +1, hat aber noch schwierige Gegner, so dass seine Gewinnchancen sehr fraglich sind.

Alexey Dreev setzte Motylevs Position schwer unter Druck, aber Schwarz ließ es nicht an Einfallsreichtum missen, und beide Spieler erreichten eine höchst ungewöhnliche Stellung mit einer seltsam wirkenden weißen Bauernkette am Königsflügel, um die schwarze Figuren herumtanzen. Zähigkeit und Geschick der beiden Mitglieder der russischen Nationalmannschaft machten das Remis zu einer logischen Folge – etwas, womit sich Dreev eine zeitlang nicht abfinden wollte.

Offenbar hatte Alexey geplant, Alexander zu besiegen, um sich auf +2 zu hieven. In Anbetracht der Tatsache, dass die glücklosen Tseshkovsky und Epishin unter Dreevs verbleibenden Gegnern sind (neben Svidler), hat er ein ziemlich einfaches Finish und gewisse Chancen auf ein sehr gutes Resultat. Das Remis mit Motylev hat Dreevs Aussichten ein bisschen verschlechtert.


Svidler und Motylev

Nach 7 Runden scheint es also, als hätten nur Kasparov und Grischuk  noch Chancen, die russische Meisterschaft zu gewinnen. Mit etwas Glück könnte Dreev noch zu ihnen aufschließen, aber das ist unwahrscheinlich. Wie ich oben schrieb, könnte es so kommen, dass der Ausgang der Meisterschaft in der persönlichen Begegnung der zwei Spitzenreiter in der Schlussrunde entschieden wird.

Die Situation mit Kasparov ist einzigartig. Er ist offensichtlich beeinflusst von dem Mangel an positiven Neuigkeiten bezüglich seines Matches gegen Kasimdzhanov, erfüllt aber trotzdem seine Eloerwartung, und zahlreiche Ungenauigkeiten zeigen, dass es noch viel Spielraum nach oben gibt. Ich bin sicher, wenn

Kasparov diese Meisterschaft gewinnt, werden viele Kritiker schreiben, dass es kein überzeugender Erfolg war, während jeder andere Sieger sofort in die Gilde der Supergroßmeister erhoben würde. Wenn das nicht ausdrückt, dass Kasparov noch nicht „fertig hat“, habe ich nichts hinzuzufügen...

 

 

 

 



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