Moskau: Schachmeisterschaft der Musiker

17.01.2006 – Zur traditionellen Ausbildung von russischen Kindern und Jugendlichen gehört neben einigen Grundkenntnissen im Schachspiel auch eine musikalische Erziehung. So kommt es, dass viele russische Schachspieler ausgezeichnete Musiker sind und umgekehrt viele Musiker hervorragende Schachspieler. Das bekannteste Doppeltalent ist Mark Tajmanov, der mit seiner Ehefrau Lyubov Bruk seinerzeit eines der weltbesten Duos am Flügel bildete. Doch auch der Komponist Sergey Prokofiev und der Geiger David Oistrakh waren so gute Spieler, dass sie einen Wettkampf gegeneinander spielten. Die Schach-Mannschaft des Moskauer Musikkonservatoriums war in vergangenen Zeiten gefürchtet und konnte bei den Hochschulmeisterschaften oft nur vom Team der Profis des Instituts für Köperkultur übertroffen werden. Vor ein paar Jahren wurde die nach der Wende abgerissene Schachtradition am Moskauer Konservatorium wieder erweckt. Anvar Tourdyev berichtet von den Einzelmeisterschaften der Musiker, an denen neben einem Kasparov auch der bekannte Pianist und Kramnik-Freund Luganski teilnahm. Mehr...

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Schach und Musik. Moskauer Ferien
Von Anvar Tourdyev, Postgraduierter Student am Staatlichen Moskauer Konservatorium

Am Freitag, den 6. Januar, ein Tag vor dem orthodoxen Weihnachtsfest, fand im Oktyabr’sky Schachklub die traditionelle offene Neujahrsmeisterschaft des Moskauer Staatlichen Konservatoriums statt. Vierzehn Spieler nahmen teil: Professoren und Studenten des Konservatoriums, berühmte Moskauer Musiker und Komponisten sowie Solisten des Bolschoi Theaters.

Das Interesse von Musikern am Schach kommt nicht von ungefähr und hat tiefe Wurzeln. Bekanntlich war François André Danican Philidor, der stärkste europäische Spieler in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, auch ein berühmter Komponist, und man findet seinen Namen in musikalischen Lehrbüchern. Aber was Tradition angeht, so begann eine wirkliche Verbindung zwischen Schach und musikalischer Kultur zur Zeit der Sowjetunion, als das Interesse an diesen Bereichen menschlichen Schaffens so groß war wie nie zuvor. Eine wichtige Rolle spielten dabei natürlich die kreativen Aspekte des Schachs und die bohemienartige Atmosphäre beider Welten. In Erinnerung ist noch ein Schachwettkampf zwischen dem Komponisten Sergey Prokofiev und dem herausragenden sowjetischen Geiger David Oistrakh (letzterer gewann den Wettkampf überzeugend). Übrigens trat Prokofiev in Simultanveranstaltungen gegen Capablanca an und unterhielt freundschaftliche Kontakte zu dem großen Kubaner.

Aber auch mancher Berufsschachspieler stand in direkter Verbindung zur Musik. Hier ist zuallererst Mark Taimanov zu nennen, nicht nur Großmeister und Weltmeisterschaftskandidat, sondern auch Pianist, der am Leningrader Konservatorium seinen Abschluss gemacht hat, und danach eine erfolgreiche Konzertkarriere einschlug, bei der er im Duo mit Lyubov Bruk auftrat. (Joel Lautier interviewt Mark Tajmanov, 2002...)

Von den Moskauern muss Boris Abramovich Shatskes erwähnt werden, der ein Buch über die “Englische Eröffnung” schrieb und zur gleichen Zeit am Moskauer Konservatorium Klavier unterrichtete. Ein besonderer Platz auf dieser Liste gebührt Ex-Weltmeister Vassily Vassilyevich Smyslov, dessen Gesangstalent auch außerhalb von Schachkreisen bekannt ist.

Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass die Sowjetzeit in Russland sowohl für das Schach als auch für die Musik ein goldenes Zeitalter war. Am Konservatorium wurde eine Schachsparte ins Leben gerufen, deren Mannschaft sich aktiv an Hochschulwettkämpfen beteiligte, und manchmal sogar weit vorne landete, einmal sogar auf dem 2. Platz (hinter der Mannschaft vom Institut für Köperkultur, die aus Berufsschachspielern bestand, aber noch vor der Mannschaft der staatlichen Moskauer Universität).

Die Schachsparte wurde in den 90er Jahren geschlossen, genau wie viele andere Schach- und Nichtschachorganisationen des damals turbulenten Landes. Aber als sich die wirtschaftliche und kulturelle Lage in Russland verbesserte, nahmen viele vergessene Traditionen wieder ihren verdienten Platz ein.


Schiedsrichter


Im Klub

Die neue Schachsparte des Moskauer Konservatoriums gibt es seit fünf Jahren. Das Neujahrsblitzturnier für Musiker zeigt, wie aktiv ihre Mitglieder sind. Der Wettbewerb fand dieses Jahr bereits zum fünften Mal statt. Normalerweise nehmen daran etwa 20 Spieler teil, und auch dieses Mal blieb die Teilnehmerzahl nur knapp darunter, trotz der strengen Kälte, die einen Tag zuvor über Moskau hereingebrochen war. Leider mussten einige begeisterte Schachfans wegen Krankheit absagen, darunter der Gewinner des Internationalen Tschaikowsky Wettbewerbs, der Cellist Alexander Knyazev, der Geiger Nikolay Savchenko, der Dekan des Fachbereichs für Komposition (ein erfahrener Meisterkandidat, ehemaliger Meister von Kislovodsk), Alexander Koblyakov, ein berühmter Pianist, Professor Alexey Nasedkin und auch der Klarinettenstudent Alexey Balashov, Sohn von Großmeister Yury Balashov.

Trotzdem war das Turnier ziemlich stark besetzt. Nikolay Lugansky, Pianist und Gewinner des Internationalen Tschaikowsky Wettbewerb nahm teil,


Der Starpianist Nikolay Lugansky am Flügel...


...und am Brett.



 


Begelman Lugansky und Tantsov kiebitzen bei Kasparov


der Komponist Yury Kasparov (ein Namensvetter des weltstärksten Spieler; übrigens war Garrys Onkel ebenfalls Komponist und trug den Titel Verdienter Künstler Aserbaidschans), Verdienter Künstler Russlands,


Yury Kasparov, Verdienter Künstler Russlands


Oleg Tantsov (Klarinettenlehrer am Konservatorium), Alexander Kirov (Geige), außerordentlicher Professor am Konservatorium, der sich mit einem Schwarzsieg in einer Simultanveranstaltung mit Anatoly Karpov bleibenden Ruhm erworben hat, wobei das Simultan zu einer Zeit gespielt wurde, als Karpov auf der Höhe seines Ruhmes stand,


Alexander Kirov

Dmitry Galynin (Kammerorchester), Professor am Konservatorium, der Solist des Orchesters des Bolschoi Theaters, Sonya Belyaeva (Oboe),


Sonya Belyaeva

der bekannte Moskauer Blitzspieler Boris Begelman (Geige),


Boris Begelman

sowie Studenten und Postgraduierte des Konservatoriums, darunter der Autor dieser Zeilen.


Kolesnikov


Anvar Tourdyev

Die Neujahrsatmosphäre passt perfekt zum Blitz mit seinem Humor, seiner Nervosität, seiner Hektik, den Überraschungen und plötzlichen Launen des Schicksals.


Begelman - Kolesnikov


Busyrev-Lugansky


Busyrev, Tourdyev






Kasparov-Busyrev


Kasparov und Tourdyev bei der Analyse


Lugansky-Begelman




Oseev

 


















Turdyev-Busyrev


Weiß patzte einen Turm ein.

Der Modus des Turniers wirkt attraktiv: zuerst nehmen alle Spieler in einem Turnier jeder-gegen-jeden teil, in dem sich die acht besten für den K.O-Wettbewerb qualifizieren, und danach Wettkämpfe über zwei Partien gegeneinander austragen. Das Finale besteht aus vier Partien. Bei Punktgleichheit kommt es zum Tie-Break, in dem mit 4 Minuten gegen 5 gespielt wird, die Seite mit den 5 Minuten jedoch gewinnen muss.

Das Qualifikationsturnier brachte einen erbitterten Kampf um die Qualifikationsplätze, lediglich der erste Platz stand lange vor dem Ende fest: Borya Begelman übernahm gleich zu Beginn die Führung, erlitt nur eine Niederlage und blieb bis zum Ende an der Spitze. Mir gelang es, mir in der vorletzten Runde den zweiten Platz zu sichern.

 

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Nach hartem Kampf war ich in allen drei Wettkämpfen erfolgreich und wurde zum vierten Mal hintereinander Meister des Konservatoriums (der erfahrene Schachveteran Koblyakov triumphierte 2001).

Ich möchte mich noch bei den Mitgliedern des Oktyabr’sky Klubs für den herzlichen Empfang und die feierliche Atmosphäre bedanken – ohne jeden Zweifel ist dies der beste Klub in Moskau. Nach dem Turnier erhielten alle Finalteilnehmer und alle weiblichen Teilnehmerinnen Geschenke überreicht und die Clubverwaltung improvisierte ein festliches Abendessen. Und ich glaube, dieses freundschaftliche Schachfest hat alle glücklich gemacht – Spieler, Organisatoren und sogar die Schiedsrichter des Turniers!

Tourdyev-Belyaeva

Partie zum Nachspielen...

Vor der Partie bot ich meinem Gegner Remis an, aber er lehnte ab. Das kam für mich wenig überraschend, da dies das fünfte Jahr in Folge ist, wo ich Remis anbiete, nur um zu hören, wie Sonya das Angebot ablehnt. Trotzdem enden alle unsere Begegnungen in der Regel doch friedlich. Diesmal gab es eine lustige Partie.

1.d4 d5 2.c4 Sc6 3.Sf3 Lg4 4.cd Lf3 5.dc Lc6 6.Sc3 e6 7.e4 Dd7?! 8.d5 ed 9.ed De7+ 10.Le3 0-0-0 11.dc?! Ich spielte diesen Zug leichten Herzens.

11…Td1+ 12.Td1 bc?! Besser war es, ein paar der nutzlos stehenden Figuren zu entwickeln. Jetzt nimmt der tückische weiße Läufer mit Tempo eine drohende Stellung ein:

13.La6+ Kb8 14.0-0 Sf6 15.LBc5!? De8 16.Lf8 Df8! Ich rechnete mit 16…Tf8 17.Tfe1! mit Damenfang, und nach dem Textzug hatte ich geplant, ‘mir etwas einfallen zu lassen’. Weiß muss sich jetzt anstrengen, um im Spiel zu bleiben.

17.Td4 Sd5 18.Tfd1 Dc5? 19.Sd5 Sd5 20.Td5 De7 21.Tb5+ Ka8 22.Lb7+ Kb8 23.La6+ und Remis. Beachtung verdiente 23.Lf3+ Kb8 24.Lg4+ mit Damengewinn, aber wer weiß schon, ob ein Sieg mehr Wert ist als gute Laune?



Die Preisträger: Busyrev, Tantsov, Tourdyev, Begelman


Und die beiden Co-Sieger Tantsov und Tourdyev
 

 

 

 

 

 

 

 

 


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