Nachruf: Evgeny Sveshnikov (11. Februar 1950 bis 18. August 2021)

von André Schulz
19.08.2021 – Evgeny Sveshnikov ist der Namensgeber einer der mittlerweile beliebtesten Varianten im Sizilianer – der nach ihm benannten Sveshnikov-Variante: 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5!?. Er entdeckte das Potenzial der damals als theoretisch anrüchig geltenden Variante bereits in den 60er Jahren und machte die Variante nicht nur populär, sondern leistete damit auch einen wichtigen Beitrag zum Verständnis modernen Positionsspiels. Gestern, am 18. August 2021, starb der 1950 in Tscheljabinsk geborene Großmeister. | Foto: Thorsten Cmiel

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1967, bei einem Wettkampf zwischen der Sowjetunion und Ungarn, spielte Sveshnikov mit Schwarz gegen den späteren WM-Kandidaten Andras Adorjan und gewann eine interessante Partie.

 

Auch theoretisch ist diese Partie interessant, denn in der Megadatabase ist dies Sveshnikovs erste Partie mit dem später nach ihm benannten System. Die Variante selbst war damals allerdings schon bekannt und wurde meistens Lasker-Pelikan Variante genannt. Aber sie galt als theoretisch anrüchig, denn mit 5...e5 schwächt Schwarz die Felder d5 und d6 und muss nach 6.Sdb5 d6 7.Lg5 a6 8.Lxf6 gxf6 eine weitere Verschlechterung seiner Bauernstruktur in Kauf nehmen – und das dynamische Potenzial des schwarzen Aufbaus erkannten selbst die besten Spieler der damaligen Zeit nicht.

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Doch Sveshnikov und sein Freund Gennadi Timoshchenko glaubten an das schwarze System und erzielten damit kontinuierlich Erfolge, was die Variante immer populärer werden ließ. So populär, dass man sie schließlich Sveshnikov-Variante nannte. Mittlerweile ist der Sveshnikov-Sizilianer eine der beliebtesten Eröffnungen überhaupt und Spieler wie Peter Leko, Vladimir Kramnik, Boris Gelfand, Ian Nepomniachtchi oder auch Magnus Carlsen, um nur ein paar zu nennen, haben sie gespielt oder spielen sie noch.

Sveshnikov wurde am 11. Februar 1950 in Tscheljabinsk geboren. Im Alter von zwei Jahren lernte er das Damespiel und als er fünf Jahre alt war, brachte sein Vater ihm auch das Schachspiel bei. Schon bald war Sveshnikov in der Lage, seinen Vater und auch seinen Großvater zu besiegen, spielte aber nur im Familienkreis. 

Als Achtjähriger besuchte er dann ein Sommerlager für Kinder und Jugendliche, nahm dort an einem Schachturnier teil und gewann es. Sein Ehrgeiz war geweckt und von nun an besuchte Sveshnikov regelmäßig die Schachgruppe im örtlichen Pionierpalast.

Sein Lehrer dort war Leonid Aronovich Gratvohl. Gratvohl emigrierte später nach Israel, aber Sveshnikov behielt den Kontakt zu seinem ersten und auch einzigen Schachlehrer. Nach eigener Beurteilung war Evgeny Sveshnikov kein Wunderkind, sondern lernte nur langsam und durch ständiges Studium des Spiels.

Nach der Schulausbildung studierte Sveshnikov Ingenieurwissenschaften und nachdem er seinen Abschluss gemacht hatte, sollte er, inzwischen 24 Jahre alt, seinen Wehrdienst ableisten. Da er im Schach schon Meisterstärke erreicht hatte, wurde ihm angeboten als Turnierspieler dem Wehrdienst aus dem Weg gehen. Sveshnikov entschied sich für diesen Weg. 

Schon mit 17 Jahren hatte Evgeny Sveshnikov erstmals bei einem Finalturnier zur UdSSR-Meisterschaft mitgespielt und im Laufe seiner langen Schachkarriere nahm Sveshnikov an unzähligen weiteren Turnieren teil und entschied laut eigener Aussage über 100 Turniere für sich.

So gewann er als Allein- oder Co-Sieger die internationalen Turniere Decin 1974, das Tschigorin Memorial 1976, das Capablanca Memorial 1979, die 51ste UdSSR Meisterschaft 1983, Hastings 1984/85, das Tschigorin Memorial 1985, Moskau 1989, Podolsk 1983 und das Keres Memorial (1984). Sveshnikov gewann zudem 2003 und 2010 die lettische Landesmeisterschaft. Zwischen 2004 und 2010 vertrat er viermal Lettland bei Schacholympiaden. 2016 gehörte er an Brett eins zum russischen Siegerteam bei der Mannschaftsseniorenweltmeisterschaft Ü65. 2017 wurde er Senioreneinzelweltmeister Ü65.

Evgeny Sveshnikov 1981 | Rob Bogaerts/Anefo/Dutch National Archive

Ende der 1970er Jahre zählte Evgeny Sveshnikov zu den 25 besten Spielern der Welt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatte er gegen eine Reihen von Spitzenspielern gespielt und dabei zum Teil bemerkenswerte Ergebnisse erzielt. So spielte spielte Sveshnikov gegen Mihail Tal insgesamt 13 mal und hatte dabei eine ausgeglichene Bilanz (+ 3 - 3 = 7).

1974 wurde Sveshnikov zum Internationalen Meister ernannt, 1987 dann auch zum Großmeister.
 
Eine kleine Geschichte sagt vielleicht etwas über den Charakter von Evgeny Sveshnikov aus. In dem Buch "Der KGB spielt Schach" berichtet Boris Gulko von seinem Bemühen um eine Ausreise aus der der Sowjetunion und Emigration nach Israel, Ende der 1970er Jahre. Er demonstrierte dafür vor einem Regierungsgebäude in Moskau, zusammen mit seiner Frau. Das Paar wurde schließlich gegen Widerstand von der Polizei weggetragen. Während die übrigen Passanten das schweigend mit ansahen, rief Evgeny Sveshnikov den Polizisten mutig zu: "Was machen Sie mit dem Mann? Lassen Sie ihn los! Ich kenne ihn. Er ist ein bekannter Schachgroßmeister." Gulko durfte 1986 die UdSSR verlassen und ging in die USA.

Seiner eigenen Eröffnung hat Sveshnikov allerdings nicht immer die Treue gehalten und später hielt er die "Kalashnikov"- Variante (ohne Sf6) für die genauere Version der Idee. 

Sveshnikov war zweimal verheiratet und hatte vier Kinder. Seine zwei Töchter aus erster Ehe leben in Tscheljabinsk, seine zwei Söhne aus zweiter Ehe in Riga. Sein Sohn Vladimirs Svešņikovs trägt ebenfalls den Titel eines Internationalen Meisters und gewann 2016 die lettische Landesmeisterschaft.

Sveshnikov setzte sich zeitweise vehement dafür ein, dass die beiden Spieler einer Schachpartie als intellektuelle Urheber der Partie auch die Rechte auf Verwertung erwerben, konnte sich aber mit dieser Auffassung nicht durchsetzen.

Sveshnikov betreute zudem Spieler wie Anatoly Karpov, Lev Polugaevsky, Alexandra Kosteniuk, Alexei Shirov und viele andere als Trainer und Sekundant, aber Schachgeschichte geschrieben hat er vor allem mit seinen Beiträgen zur Eröffnungstheorie. Neben der Sveshnikov-Variante machte er zahlreiche Entdeckungen im c3-Sizilianer und in der Vorstoßvariante im Franzosen.

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Evgeny Sveshnikov starb am 18. August 2021 im Alter von 71 Jahren.


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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