Nalchik: Aronian geht wieder in Führung

21.04.2009 – Mit vier entschiedenen Partien meldeten sich die Spieler des Grand Prix in Nalchik nach dem Ruhetag heute unternehmungslustig zurück. Shakhriyar Mamedyarov besiegte Alexander Grischuk in einer seltenen Variante des Slawischen Damengambits. Levon Aronian profitierte von einem groben Fehler des überspielt wirkenden Vassily Ivanchuk (1,5 aus 6) und übernahm nach seinem dritten Sieg erneut die Führung (4 P.). Peter Svidler und Valdimir Akopian setzten den Trend des langen Endspiels fort. Svidler besiegte in seinem Grünfeldinder Pavel Eljanov in 74 Zügen und Vladimir Akopian entschied sein Damenendspiel gegen Sergey Karjakin im 71. Zug durch eine schicke Unterverwandlung. Gestern tankten die Spieler bei einem Ausflug in die nordkaukasischen Berge unverbrauchte Gebirgsluft.Turnierseite der FIDE...Partien, Bilder, Analysen...

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Fotos: Eldar Mukhametov, Turnierseite

 


Das Zentrum von Nalchik


Im Hotel Sindica findet der Grand Prix statt




Peter Svidler gewann heute mit Schwarz


Levon Aronian besiegte Vassily Ivanchuk


Valdimir Akopian erneut siegreich

 



 

Mamedyarov,S (2725) - Grischuk,A (2748) [D10]
4th FIDE GP Nalchik RUS (6), 21.04.2009

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sc3 Sf6 4.e3 a6

Das Chebanenko-System gilt als ausgesprochen flexible Alternative zu 4...dxc4 und 5...Lf5 bzw. 4.e6. Nach 5.Sf3 möchte Schwarze den Läufer nach g4 spielen. Nach 4...e6 5.Sf3 ist 5...a6 eine pfiffige Möglichkeit, die Hauptsysteme der Meraner und Anti-Meraner zu vermeiden und Weiß aus den gewohnten Pfaden zu drängen, denn 6.Ld3? (6.Dc2 c5 führt mit Zugumstellung zur Partie.; Möglich ist auch 6.b3 ) 6...dxc4 7.Lxc4 b5 8.Ld3 c5 führt zum sofortigen Ausgleich. Gegenüber der normalen Meraner Variante hat Schwarz auf Sbd7 zugunsten von c6-c5 verzichtet und damit ein schnelles weißes e3-d4 verhindert.

5.Dc2 e6
[Populäre Alternativen sind 5...b5 ; 5...g6] 6.Sf3 c5



Nun ist eine Version der Tarrasch-Variante entstanden, bei der die Züge Dc2 und a6 eingeschoben wurden und Schwarz mit c7-c6-c5 ein Tempo verloren hat. Dafür hat sich Weiß auf die harmlosere Variante mit e3 (statt g3) festgelegt. Mamedyarov und Grischuk nehmen mit der Partie ihre Diskussion der Variante aus dem GP von Baku wieder auf. 7.cxd5 exd5 8.Le2 Sc6 9.Se5

9.0–0 und nun:

a) 9... Le6 10.Td1 Sb4 11.Dd2 (11.Db1 Dc8 12.e4 dxe4 13.Sxe4 Lf5 14.Sfg5 Sxe4 15.Sxe4 cxd4?! (Besser 15...De6 ) 16.Txd4 Le7 17.Lg5 f6 18.Ld2 Sc6 19.Td5 Lg6 20.Ld3 0–0 21.Sc5 Lxc5 22.Txc5 Lxd3 23.Dxd3 De8 24.Td5= ½–½ Mamedyarov,S (2752)-Grischuk,A (2716)/Baku 2008/CBM 124 (42)) 11...Se4 12.Sxe4 dxe4 13.Se5 cxd4 14.exd4 Ld6 15.a3 Sd5 16.Dc2 f5 17.f3 0–0 (17...Lxe5 18.dxe5 Db6+ 19.Kh1 Tc8 20.Da4+ Dc6 21.Dd4 Dc2 22.fxe4 fxe4 23.Ld2 0–0 24.Tac1 Db3 25.Txc8 Txc8 26.Dxe4 Dxb2 27.Lc4 Sf4 28.Lxe6+ Sxe6= 0–1 Mamedyarov,S (2757)-Navara,D (2656)/Mainz 2007/CBM 119 ext (43)) 18.fxe4 Tc8 19.Lc4 Lxe5 20.exd5 Lxd5? (20...Lxh2+ 21.Kxh2 Lf7=) 21.Lxd5+ 1–0 Grischuk,A (2717)-Svidler,P (2765)/Monte Carlo 2006/CBM 111 ext]

b) 9...cxd4 10.exd4 Le7 11.Se5 Sxd4 12.Da4+ Sc6 13.Sxc6 bxc6 14.Dxc6+ Ld7 15.Db7 d4= 0–1 Mamedyarov,S (2754)-Sokolov,I (2652)/Calatrava 2007/CBM 117 ext (53)

 9...Dc7 10.Sxc6 Dxc6

Nach 10...bxc6 11.0–0 Ld6 12.h3 0–0 13.Td1 Te8 14.Lf3 cxd4 15.exd4 g6 hatte Schwarz keine Probleme (½–½) in Milov,V (2653)-Jakovenko,D (2608)/Warsaw 2005/CBM 108 (52)]

11.0–0 Ld6 12.dxc5 Dxc5 13.Ld2

13.Td1 0–0 14.Ld2 Le5 15.Dd3 Le6 16.Tac1 d4 17.Se4 Db6 18.b3 Tfd8 19.Sxf6+ Lxf6 20.e4 Ld7 21.Dg3 Lb5 22.Lc4 Tac8 23.Dd3 Le7 24.g3 Tc6 25.a4 Lxc4 26.Txc4 Txc4 27.Dxc4 h5 28.Tc1 La3 29.Dc7 Td6 30.Dc8+ Td8 31.Dc7 Td6 ½–½ Ivanchuk,V (2709)-Georgiev,V (2501)/Bled 2002/EXT 2003] 13...0–0 Schwarz hat ausgeglichen. Für den Isolani hat Schwarz aktives Figurenspiel.

14.Tac1



14... d4?!
[Schwarz forciert. In Betracht kam 14...Le6!? 15.Db1 Db6]

15.Se4
[15.exd4!? Dxd4 16.Le3 De5 17.g3 Lf5 18.Db3 b5 19.Tfd1 Tfd8 20.Lf3] 15...Sxe4

[Nach 15...Dxc2 16.Sxf6+ gxf6 17.Txc2 Lf5 18.Tc4 dxe3 19.Lxe3 b5= sollte die kleine Schwäche des Doppelbauers auf der f-Linie keine Rolle spielen.]

16.Dxe4 De5 17.Dxe5 Lxe5 18.b3 dxe3
[Nach 18...d3 19.Lf3 Tb8 20.Tc5 f6 21.Lc3 wird der Bauer d3 sehr schwach.] 19.Lxe3 Le6

[Auch nach 19...Te8 20.Lf3 Tb8 21.La7 Ta8 22.Lb6 ist der schwarze Damenflügel unter Druck.] 20.Lf3

Die Position sieht symmetrisch und ausgeglichen aus, doch Schwarz hat plötzlich große Probleme mit seinem Damenflügel.

20...Tab8 21.La7 Ta8 22.Lc5 Tfb8 23.g3 a5 24.Tfe1 Lc7 25.Le3 Ld6 26.Ted1 Le5 27.Tc5 f6 28.Tb5 a4 29.Lxb7 axb3 30.axb3 Ta3 31.b4 Ta4 32.Lc5 Kf7 33.h4 Ta2?

[Nötig war 33...g5 34.hxg5 fxg5 35.Te1 Lc7 mit weißem Vorteil.] 34.Tb6 [Weiß übersieht den etwas versteckten taktischen Figurengewinn 34.f4 Lc7 35.f5 Lxf5 36.Ld5+ Le6 37.Lxa2 Txb5 38.Td7++-] 34...Tb2 35.Te1 La2? [Zäher war 35...h5 36.f4 Lc3 37.Texe6 Txb7 38.Txf6+ Lxf6 39.Txb7+ Ke6] 36.f4 Lc3 37.Te7+ Kg6 38.Le4+ 1–0

 

Den gestrigen Ruhetag nutzten die Teilnehmer, Begleiter und Organisatoren zu einem Ausflug in die bergige Umgebung von Karbadino-Balkarien, Gebirgsee und Wasserfall inklusive.


Der "Dorfälteste" begrüßt die Gäste


Zur Begrüßung gibt es einen Eimer mit...?


Sekundant Huzman überlässt Gelfand den Vortritt


Das "deutsche" Team: Fridman und Kasimdzhanov


Wasser gibt es direkt an der Quelle, jedenfalls nicht weit davon entfernt


Blick ins Tal


Die Gruppe am Bergsee - zu kalt zum Baden


Boris Gelfand kauft den roten Poncho


Buntes Boot


Gruppenbild mit Dame


Etienne Bacrot weist in die Geheimnisse der feinen französischen Küche ein


Levon Aronian spielt gegen das örtliche Schachtalent

 

Über Karbadino-Balkarien

Nach der im letzten Jahr ausgetragenen Frauenweltmeisterschaft tritt die südrussische Stadt Nalchik (dt. Schreibweise Naltschik) mit dem Grand Prix-Turnier zum zweiten Mal in der Schachwelt in Erscheinung. Nalchik, mit 270.000 Einwohnern ist die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Karbadino-Balkarien, die seit 1991 existiert und seit 1997 eine eigene Verfassung hat. Der Name der Provinz an den nördlichen Ausläufern des Kaukasus bezieht sich dabei auf die Völker der Karbadinen und Balkaren. Die Erstgenannten sind eines der zwölf Stämme der Tscherkessen, die Letztgenannten ein Turkvolk.


Karbadino-Balkarien

Die Tscherkessen sind das älteste Volk des Nordkaukasus. Sie selber nennen sich Adyge und ihre Geschichte bzw. Vorgeschichte kann bis bis ins 5. Jh v.Chr. nachgewiesen werden. Ihre Ursprünge vermutet man in der nordkaukasischen Maikop-Kultur. Als Vorfahren der Tscherkessen werden die antiken Kimmerer angesehen. Das Siedlunggebiet umfasste weite Teile Südrusslands bis zum Asowischen Meer. Im Zuge des russischen Eroberungskriege gegen die kaukasischen Völker leisteten die Tscherkessen zusammen mit den Abchasen, Tschetschenen und weiteren Völkern etwa  100 Jahre lang erbitterten Widerstand, bis sie sich am Ende des Russisch-Kaukasischen Krieges (21.Mai 1864) doch unterwerfen mussten. Etwa 500.000 Nordkaukasier wurden von den Russen in das Osmanische Reich vertrieben. Heute lebt ein Großteil der Tscherkessen (ca. 1,5 Mi.) in der Türkei. Im Kaukasus lebt etwa eine halbe Mio. Tscherkessen in der Provinz Adygeja, 130.000 in der Provinz Karatschai-Tscherkessien und knapp 400.000 in Karbadino-Balkarien. Außerdem leben etwa 10.000 Tscherkessen in der Umgebung der Schwarzmeerstadt Tuapse, bekanntlich die Geburtsstadt von Vladimir Kramnik.


Von Nalchik per Sessellift in die Berge

Der Name der Balkaren leitet sich möglicherweise vom urbulgarischen Wort "balkh", das bedeutet. gemischt, ab. Die Eigenbezeichnung ist Tavhlu (Bergbewohner). Die Russen bezeichnen sie als eines der fünf Stämme der Bergtataren. Im 6. Jahrhundert wurde der Kaukasus zu großen Teilen von den Urbulgaren erobert. Ihnen folgten die Magyaren, später die Seldschuken. Nach 1219 folgten mehrer Überfälle durch die Goldene Horde der Mongolen. Von dieser spaltete sich ein Teil der Tataren ab und wurde im Nordkaukasus von den dort lebenden Völkern assimiliert. Die Balkaren standen dabei unter starkem kulturellen Einfluss der Tscherkessen.


Ein Wasserfall




Ausflugslokal bei Nalchik


Souveniergeschäft


Der Hund bewacht die Auslage


 


Manchmal kommt man nur mit Gewalt durch den Berg

Seit 1922 bilden Balkaren und Karbadiner eine autonomone Republik, die 1936 zur Autonomen Sozialisteischen Sowjetrepublik erklärt wurde. Während des Zweiten Weltkrieges verdächtigte man alle muslimischen Völker des Kaukasus der Kollaboration mit dem Deutschen Reich, darunter auch die Balkaren. Auf Befehl Stalins wurden 1943 alle Balkaren, etwa 40.000, innerhalb weniger Stunden nach Zentralasien deportiert, wo etwa 50% umkamen. Der Name der Balkaren wurde offiziell aus der Liste der Völker in der Sowjetunion gelöscht. Unter Nikita Chruschtschow  wurden die Balkaren 1957 rehabilitiert . Heute leben knapp 80.000 Balkaren in Karbadino-Balkarien.


Kamen sie vor, nach oder mit den Tscherkessen?

Die teils ethnisch, teils wirtschaftlich motivierten Konflikte in Südrussland und im Kaukasus haben bis heute kein Ende gefunden. In zahlreichen Militäraktionen hat Russland das nach Unabhängigkeit strebende Tschetschenien verödet. Die Frauen-Weltmeisterschaft im letzten Jahr fand kurz nach dem russisch-georgischen Militärkonflikt um Ossetien statt. Die georgischen Großmeisterinnen blieben deshalb dem Turnier fern. Neben Tschetschenien ist auch Dagestan mit vielen Terroranschlägen, bürgerkriegsähnlichen Kampfhandlungen und weit verbreiteter organisierter Kriminalität mit Entführungen und Geiselnahmen ein ständiger Unruheherd im Süden Russlands. Auch Nalchik liegt in der Einflusszone tschetschenischer oder dagestanischer Rebellen. 2005 kam es zu einem Überfall auf mehrere Standorte von Sicherheitskräften und auf öffentliche Einrichtungen mit geschätzten 124 Toten.


Nalchik


Die Vergangenheit lässt grüßen


Eldar Mukhametov in Nalchik

 

 

 



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