Narrenschach

09.09.2005 – Endlich gibt es eine Schachvariante, bei der die Niederlage nur noch halb so schlimm ist, während der Sieg doppelt so schön ist. Bei "Jester's Game"  von Heinrich Kollers spielen drei Spieler gegeneinander, wobei es während der Partie zu wechselnden Koalitionen kommen kann und kommen wird. Sieger ist, wer zuerst einen der anderen beiden Könige Matt setzt. Dann sind zwei die Verlierer und können sich gegenseitig trösten, während der Sieger seinen Gewinn gleich doppelt genießen kann. Gespielt wird übrigens auf 100 dreieckigen Feldern und aus Gründen der Symmetrie musste eine zusätzliche Figur eingeführt werden, der "Hofnarr" (engl. Jester). Dr. René Gralla führte ein Interview mit dem Erfinder für Neues Deutschland. Interview beim Neuen Deutschland...Nachdruck...

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Nachdruck aus Neues Deutschland mit freundlicher Genehmigung des Autors.


 

„Jester’s Game“ für drei – das zeitgemäße Schach für die neoliberale Globalisierung:
Eben noch Dein Freund – und schon rammt er Dir ein Messer in den Rücken …

Wie ein Narr am Brett: So fühlen wir uns oft, wenn wir beim Schach mal wieder in eine Anfängerfalle tappen. Künftig dürfen wir während einer Partie jedoch in Würde den Narren geben: dank „Jester’s Game“, schließlich ist der „Hofnarr“ – englisch: Jester – Namensgeber und wichtige Figur in dieser neuen Version des Königlichen Spiels. Die obendrein gleich für drei Teilnehmer angelegt ist; der Autor Dr. René Gralla hat sich vom Erfinder Heinrich Koller (60) aus Riedenburg im Altmühltal die Feinheiten von „Jester’s Game“ erklären lassen.

Kreative Köpfe denken sich immer wieder mal eine Schachvariante für mehr als zwei Gegner aus. Bisher allerdings ohne dauerhaften Erfolg. Nun aber wollen Sie, Herr Koller, Ihr  „Jester’s Game“ für drei auf den Markt bringen. Warum?

Der Wunsch, das königliche Spiel zu erweitern, geht zurück bis auf das Mittelalter. Alle früheren Versuche sind aber daran gescheitert, dass die Leute unbeirrbar am Quadrat klebten, nämlich am Viereck als Grundform des Feldes. Aus geometrischen Gründen kann ich aber nicht drei Personen an einem Quadrat vereinen, ohne dass es in der Zentralregion des Schachplanes zu Übergangsschwierigkeiten kommt: Dort müsste ich, wenn ich das Viereck bewahren wollte, entweder Haken schlagen lassen oder Bögen ziehen.


Heinrich Koller

Das beantwortet aber noch nicht die Grundfrage: Wozu brauchen wir ein Trio-Schach?

Wer selber einmal „Jester’s Game“ ausprobiert, stellt fest: Im Vergleich dazu ist das normale Schach langweilig und trocken. Und das ist ja auch klar: Zu dritt macht die Sache einfach mehr Spaß. Zumal Sie bei „Jester’s Game“ einen Zusatzkick kriegen: Jede Partie endet mit einem Sieger – und mit zwei gleichrangigen Verlierern. Und das garantiert auf jeden Fall einen harten und spannenden Kampf.

Für das eingangs angesprochene Problem des Designs – drei Denksportler fighten auf einem virtuellen Center Court in einem einzigen Match um Sieg und Platz – haben Sie eine verblüffende Lösung gefunden: Dreiecke an Stelle der gewohnten Schachquadrate …

… dieser Kniff macht es möglich, dass Sie, wie Sie das aus dem klassischen Schach kennen, geradeaus und diagonal ziehen – und trotzdem parallele Wirkungen in beide Richtungen erzielen, mit Blick auf Ihre anderen beiden Gegner.

An welchen Punkten wechseln die Figuren von Dreieck zu Dreieck?

So wie im Schach, wo die Steine von Quadrat zu Quadrat wandern. In „Jester’s Game“ dürfen Sie für Stellungswechsel sowohl Längsseiten als auch Spitzen der Felddreiecke nutzen.

Trioschach – in „Jester’s Game“ heißen die Parteien Gelb, Rot und Blau - ist belastet mit einer besonderen Schwierigkeit. Nehmen wir an, Gelb knöpft sich zuerst die Roten vor, beide Seiten müssen Verluste hinnehmen – während Blau seine Truppen schont und nicht eingreift. Da wäre Blau beim finalen Showdown der lachende Dritte – und der mutige, aber vorzeitig ausgepowerte erste Angreifer der Gelackmeierte …

… es sei denn, der rote König wird von den Gelben doch matt gesetzt: Dann ist die Partie plötzlich zu Ende – und Gelb der Gesamtsieger. Neben Rot hätte nämlich auch Blau verloren – weil es dem Dritten nicht gelungen ist, seinerseits einen der feindlichen Monarchen in einem Mattnetz zu fangen.

 

 

Folglich hätte Blau im gegebenen Fall den Roten helfen müssen – um den gelben Sturm zu stoppen und ein vorzeitiges Aus nicht nur für Rot, sondern eben auch für den zunächst scheinbar unbeteiligten Blauen zu verhindern?

Richtig. In „Jester’s Game“ ist eben auch Ihr psychologisch-taktisches Geschick gefragt. Wenn Sie merken, dass einer der drei Kontrahenten besonders stark ist, sollten Sie mit dem schwächeren Dritten – der eher auf Ihrem Niveau liegt – ein Zweckbündnis eingehen. Gemeinsam haben Sie bessere Chancen, die dominierende Macht auf dem Brett zu kontrollieren und Unentschieden zu halten.

Werden solche Allianzen ausdrücklich ausgehandelt?

Nein. Das läuft intuitiv ab: Sie müssen die konkrete Situation analysieren und erkennen, wer sich gerade auf Ihre Seite geschlagen hat. Und wer momentan Ihr Feind ist.

Wie im richtigen Leben …

… das ist ja auch der Clou bei „Jester’s Game“. Vergessen Sie aber nie: Ein Matt irgendwo auf dem Brett beendet sofort das Spiel. Folglich hält jede Koalition nur kurzfristig; auch Ihr aktueller Bündnispartner bleibt Ihr Gegner. Aufschlussreich ist insofern die Reaktion von Managern, denen ich das Spiel demonstriert habe. Die haben mir gesagt: Das läuft ja ab wie der tägliche Überlebenskampf in meiner Firma; heute liiere ich mich mit einer Person, morgen rammt sie mir das Messer in den Rücken.

„Jester’s Game“ – das zeitgemäße Schach für die neoliberale Globalisierung?

Ja (lacht)!

Psychotricks bei „Jester’s Game“ sind das eine; hinzu kommt, dass Gelb, Rot und Blau jeweils über einen Extra-Bauern verfügen - sowie über eine Zusatzfigur, den „Jester“, zu deutsch: „Hofnarr“.

Ich habe das Arsenal pro Partei – 18 Steine, zwei mehr als im gewohnten Schach – erweitern müssen, um in der Startstellung das optische Gleichgewicht zu schaffen: König vis-à-vis König, Turm vis-à-vis Turm, und so weiter.

Wie zieht der „Jester“?

Der „Hofnarr“ ist äußerst behend und mobil, weil er in sich die Fähigkeiten von Dame und Springer vereinigt. Mit einer wichtigen Einschränkung: Der „Jester“ muss passiv bleiben. Bekanntlich schlägt ein Narr niemals zu, folglich darf der „Jester“ auch im Schach keine fremde Figur niederstrecken und beseitigen. Geschweige denn matt setzen.

Welche Rolle spielt dieser „Jester“ dann überhaupt noch in einer Partie?

Die gleiche Rolle, die früher einem Hofnarren zugestanden hat. Der Schalk unterhält und schützt seinen Herrscher – und „Jester’s Game“ spiegelt das in einer Sonderklausel wieder: Der Hofnarr kann nur dann aus einer Partie eliminiert werden, wenn er aus zwei Richtungen bedroht wird – zum Beispiel Rot und Blau Arm in Arm gegen den gelben Jester. Damit nicht genug: Die Figur, die es wagt, sich am Narren eines Königs zu vergreifen, hat zugleich ihr eigenes Schicksal besiegelt: Da es sich nicht schickt, einen Narren zu schlagen, muss der Angreifer zusammen mit dem Jester von der Bühne abtreten.

Spieler werden es sich also dreimal überlegen, bevor sie einen Jester antasten, der sich schützend vor seinen Monarchen wirft …

… so schaut es aus. Das macht den schwachen Narren im Ergebnis zu einer wichtigen Figur.

 Abgesehen vom neuen „Jester“ hat Ihr Schach mit 100 Dreiecken ein größeres Spielfeld als die normale 64-Felder-Ausgabe. Ändert das etwas an den sonstigen Zugmöglichkeiten?

Nein. Die Rochade, das Schlagen „en passant“ mit einem Bauern, die Beförderung eines Fußsoldaten zum Offizier, insbesondere Dame, nach dem Durchstoß bis zur Basis des Kontrahenten, der „Grundlinie“: All das ist auch in „Jester’s Game“ möglich.

Planen Sie Turniere in Ihrem Hofnarren-Schach?

Ende 2006 lassen wir einen internationalen Cup in „Jester’s Game“ ausspielen. Voraussichtlich an einem Ort in der Schweiz.

Wie lange basteln Sie eigentlich schon an Ihrer Schachvariante?

Den ersten Prototyp habe ich 1974 rausgebracht.

Gut drei Jahrzehnte Tüfteln an „Jester’s Game“: Das ernährt eigentlich nicht seinen Mann …

… ich mache auch noch andere Sachen. Im Hauptberuf bin ich Produktentwickler. Ich war der erste, der eine elektronische Feuchtregelungsanlage gebaut hat.

Was, bitte, ist das denn?!

Da stecken Sie einen Fühler in den Boden, messen die Feuchtigkeit, und bewässern entsprechend Ihre – meinetwegen – Radieschen.

Weitere Informationen zu „Jester’s Game“ (Regeln und Musterpartien online): www.jestersgame.com; Preise pro Spielsatz: zwischen 50 und 70 Euro

Ist Bobby Fischer einer von uns – in der Internationale der Schachnarren?

Narrenschach für Drei – mit dem gelben, roten und blauen Dämlack gleich auf dem Brett: Das lässt uns Normalo-Schächer aufatmen, die wir uns oft genug selber wie arme Suppenkasper hinter dem Brett gefühlt – und aufgeführt - haben. Insbesondere wenn wir mal wieder in eine dieser notorischen Eröffnungsfallen für Dummies getappt sind – von denen eine sogar jenen viel sagenden Namen trägt, der schnell zum peinlichen Label für das Opfer werden kann: das berüchtigte „Narrenmatt“.

Besagter Taschenspielertrick für Ahnungslose – neudeutsch: „Fool’s Mate“ – geht ja so:

1.f3(?!?!) e5 2.g4?? Dh4# .

Und eigentlich scheint der Blitzschluss derart absurd, dass er in der Praxis niemals vorkommen dürfte. Leider ist das aber ein Irrtum: Murphy’s Law - „Was schief gehen kann, geht schief." - gilt selbstverständlich auch und sowieso im Reich der 64 Felder – und eines der Opfer ist sogar schon mal, wenn die Auguren nicht irren, kein Geringerer als Bobby Fischer himself (!) gewesen.

Über dieses denkwürdige Ereignis hat der niederländische Schachjournalist und Buchautor Tim Krabbé in seinem Kult-„Open Chess Diary“ in der Ausgabe 9. Juni

2001 bis 26. September 2001 berichtet: auf www.xs4all.nl/~timkr/chess2/diary_7.htm .

Anlass dafür ist das Auftauchen eines bis dato unbekannten Spielers gewesen, der im Internet unter dem Pseudonym „guest71“ die absurdesten Eröffnungen wählte – total irre Auftaktmanöver wie am 1. Juli 2001 gegen einen Meister Zhong 1.f3(?!?!) (die legendäre „Hammerschlag-Eröffnung“) 1…. d5 2.Kf2! ... (ein unfassbarer Plan) 2.... g6 3.Ke3!! ... (weiter geht's!) 3.... Lg7 4.Kf4!!! ... (ein sensationeller Ausguck) ... - und am Ende doch gewann (!!); zum Beispiel gegen den sicher ziemlich zerknirschten Zhong im 26. Zug.

Das kann eben nur ein Genie wie Bobby Fischer schaffen, er muss es damals also tatsächlich inkognito gewesen sein – was aber nichts daran ändert, dass sich auch ein ganz Großer dem Gesetz des Mr. Murphy beugen muss; siehe ein 3-Minuten-Blitz-Match von „guest71“ gegen den französischen IM Robert Fontaine, der seinerzeit ELO 2452 hatte und unter dem Kampfnamen „Beber“ antrat.

Weiß: „guest71“ (angeblich Robert James „Bobby“ Fischer? /seinerzeit: USA)

Schwarz: Beber (aka: IM Robert Fontaine/France)
3-Minuten-Blitz, 24.April 2001, ICC 3 0


Froms Gambit

1.f4 e5 2.f5(?!?) d5

Nach 9 Sekunden Grübeln, wie wir bei Tim Krabbé lesen, setzte Weiß fort:

 3. g4?? …

Offenbar konnte IM Robert Fontaine das alles nicht fassen, jedenfalls studierte er die Stellung geschlagene 13 Sekunden lang – bis zum finalen Schlag:

3…. Dh4# 0:1

Da haben wir es: das „Narren-Matt“ – und noch dazu gegen einen Giganten wie den heutigen Neu-Bürger von Island, Robert James Fischer. So verrückt ist Schach – und auf die Verrücktheit lässt sich noch einer drauf setzen: dreieinhalb Jahre später ein Déjà-Vu des Narrenmatts nach dem Muster „guest71“ vs. „Beber“ von 2001.

Weiß: Massoud Amini/Germany

Schwarz: Dr. René Gralla/Germany

5-Minuten-Blitzpartie, 2.November 2004, Hamburg/Germany, Bar-Café "Roxy"

Froms Gambit

1.f4 e5 2.f5(?!) d5 3.g4??.Dh4# 0:1

Vorsicht also: Nicht nur in der Politik, sondern auch auf dem Brett sind an 365 Tagen die Narren los. Um so dankbarer  müssen wir deswegen Heinrich Koller aus dem fränkischen Riedenburg sein für dessen neues „Jester’s Game“ – mit gleich drei vom Regelwerk legitimierten Schach-Narren auf dem Brett. Komme da noch einer und sage: „Oh mein Gott, hier sind mal wieder die Doofen am Werk!“ Da können wir jetzt frohgemut erwidern: „Genau … aber welchen Narren hätten’s den gern? Den in gelb, rot oder blau?!“

Und so sieht es auf dem 100-Dreiecke-Brett aus, wenn die Narren los sind: hier die Homepage www.jestersgame.com .

Auf dass sie ewig leben möge: die Internationale im Narrenschach.

Dr. René Gralla, Hamburg



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