Neu- Vlastimil Hort: Meine Partien mit den Weltmeistern

05.11.2008 – In seine besten Zeit gehörte Vlastimil Hort zur absoluten Weltspitze und gehörte zu den Top Ten. Bei den Kandidatenwettkämpfe zur Weltmeisterschaft 1977 unterlag Hort Boris Spassky nur knapp mit 8,5:9,5. Zwei Jahre später übersiedelte der in Kladno geborene Tschechoslowake nach Köln und erhielt 1986 die deutsche Staatsbürgerschaft. Fast mehr noch als seine Leistungen am Brett hat ihn seine Tätigkeit als Kommentator bekannt gemacht, vor allem an der Seite von Dr. Helmut Pfleger und Dr. Claus Spahn in den WDR Schachsendungen "Schach der Großmeister". Seine schalkhaften Kommentare in breitem tschechischen Dialekt wurden zu geflügelten Worten, z.B.: "Diesäh Zug gääht nicht." - "Warum denn nicht nicht?" - "Wähgähn Rähgähl. Andähräh Seitäh ist am Zug." Die WDR-Schachsendung gibt es leider nicht mehr. Aber alle Hort-Fans kommen noch einmal auf ihre Kosten. Mit seiner DVD "Meine Partien mit den Weltmeistern" lädt Vlastimil Hort zu einer Zeitreise und Begegnungen mit den Weltmeistern am Schachbrett ein. Natürlich gibt es noch mehr von den Dingen abseits des Brettes zu berichten. Dies gilt übrigens auch für die Aufnahmen. Denn als Hort eigentlich schon am Zug war, saß er noch im Zug.DVD im Shop kaufen...Making of ...

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Vlastimil Horts DVD über die Weltmeister
Von André Schulz

Anfang September 2008 kamen die Mitarbeiter des ChessBase Büros in der Hamburger City Nord in den Genuss eines ganz besonderen Besuchers. Vlastimil Hort hatte sich zu Aufnahmen für eine DVD angesagt. Bei verschiedenen Gelegenheit hatte es zuvor schon Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit gegeben und dann war nach einigen Telefonaten schnell Einigkeit erzielt worden, wobei die größte Hürde noch darin bestand, einen Termin im dichten Terminkalender des gefragten Turnierspielers, Kommentators, und Ehrengasts bei vielen Veranstaltungen zu finden.


Hort beim Simultan beim Ärzteturnier


Hort und Portisch als "Mainzelmännchen"

Vlastimil Hort gehörte in seiner besten Zeit - in den Siebziger und Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts - zur absoluten Weltspitze. Mit seinem sechsten Platz beim Interzonenturnier in Sousse 1967 erregte der in Kladno geborene, damals 23-Jährige bereits die Aufmerksamkeit der Schachwelt. Beim Wettkampf UdSSR gegen den Rest der Welt 1970 spielte Hort für den "Rest" an Brett vier. Sechsmal gewann er zwischen 1971 und 1984 die tschechische Landesmeisterschaft. Bei den Kandidatenwettkämpfe zur Weltmeisterschaft unterlag Hort 1977 Boris Spassky knapp mit 8,5:9,5. In dieser Zeit war er einer der zehn besten Spieler der Welt. Der Statistiker Jeff Sonas führt Vlastimil Hort in seiner Gesamtliste der besten Schachspieler aller Zeiten auf Rang 83 mit 2717 Elo (*historisch).

Schon 1979 übersiedelte Hort nach Deutschland und spielte in der Bundesliga für die SG Porz, auf den Schacholympiaden aber zunächst weiter für die Tschechoslowakei. Während der Schacholympiade 1982 in Luzern verstarb der Staatschef der UdSSR, der Vorsitzende der KPdSU Leonid Breschnew (10.November 1982). Diesem Umstand trugen die Schweizer Organisatoren der Schacholympiade Rechnung, indem sie vor der Runde eine Gedenkminute einlegten, zu der alle anwesenden Spieler aufstehen sollten. Nicht alle fanden aber, dass der Anlass diese Ehrehrbietung rechtfertigte.

"Nein, daas war keinä gutä Idääh. Nun was solltäh ich machen? Stillstähen für Brähschnähw? Zusahmähn mit dähn Spielärn aus der Sowjätunion? Dann ich kam auf dän elegantän Auwäg. Schnell ging ich auf das stilläh Örtchten, wo man ist ganz alleinä. Was soll ich sagen, wähn traf ich dort? Meinän Kollegen Lubosch Kavaläk. Da hattän wir gleiche Lösung gefunden und standen nun zusammän, aber nicht für Brähschnähw."


Vlastimil Hort bei der Schacholympiade in Luzern

Bekanntlich war das Schach in den Ostblockländern, besonders in den zur Sowjetunion zusammengefassten Staaten, eine hochpolitische Angelegenheit. Aber auch in den von der Sowjetunion abhängigen Satellitenstaaten musste der Tod des obersten Herrn den "großen Bruders" entsprechend betroffen betrauert werden. Dies war im Falle von Breschnew in der Deutschen Demokratischen Republik nicht ganz einfach, da der Tod des Generalsekretärs um einen Tag verspätet erst am 11.11. von den DDR-Medien bekannt gegeben wurde und so mit den fröhlichen Feiern zum Karnevalsbeginn zusammenfiel. Damit nicht etwa irgendwelche Missverständnisse entstünden, wurde der Beginn der Karnevalssaison in diesem Jahr deshalb um einen Tag verschoben.

Ein besseres Timing hatte etwa 30 Jahre zuvor Josef Dschughaschwili, genannt Stalin, bewiesen.

Nach dessen Tod am 5. März 1953 kondolierte auch das 14-tägige DDR-Schachorgan "Schach" pflichtschuldig auf der Titelseite seiner 2. Märzausgabe 1953 und gelobte "nun im Geiste Stalins" (!) "noch bewusster für die Völkerverständigung einzutreten":


 

Titelseite von "Schach" 1953

Nachdem Hort 1986 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen hatte, wurde er in der Tschechoslowakei zu zwei Jahren Haft verurteilt, später aber von Vaclav Havel begnadigt: "Därr Lubosch Kavaläkk, ähr hat nur ein Jahr bekommähn, ich zwei, wegähn, ich gläubä - ach habäh ich vergessen." Mehrfach gewann Hort danach den Titel des deutschten Einzelmeisters.

Bis 2000 spielte er bei der SG Port, wo Hort dem Mäzen Wilfried Hilgert sehr verbunden war. Doch nachdem schließlich kaum noch jemand seiner Generation dort am Brett saß, wechselte Hort 2000 nach Oberhausen in die Regionalliga. Viel bekannter noch als durch seine Erfolge im Schach, ist Vlastimil Hort durch seine Kommentare bei den WDR-Schachsendungen geworden. In unnachahmlicher Weise hat er viele Jahre lang an der Seite von Redakteur Dr. Claus Spahn und seinem GM-Kollegen Dr. Helmut Pfleger die Reihe Schach der Großmeister mit treffenden und oftmals humoristischen Kommentaren gewürzt.


Dr. Pfleger, Hort, Dr. Spahn


Vlastimil Hort und Dr. Claus Spahn bei der WM in Bonn

Anfang September fand sich schließlich ein Termin, an dem Hort Zeit hatte, nach Hamburg zu reisen, um im ChessBase Studio die Aufnahmen über eine DVD zu den Weltmeistern zu erledigen. Um möglichst viel Zeit für seine Aufnahmen zur Verfügung zu haben, wollte Hort schon sehr früh in Hamburg sein und bestieg deshalb am frühen Morgen in seiner Heimatstadt Köln einen Zug. Doch genützt hat ihm das nichts. Hort kam in Hamburg zur Ankunftszeit nicht an. Am Bahnhof wartete man vergeblich auf den Gast. Die Anzeigetafel verkündete eine Verspätung von 45 Minuten, wobei der erfahrene Bahnreisende weiß, dass "45 Minuten Verspätung" in Bahnlingua für "wir haben keine Ahnung, wann der Zug kommt", steht.

Wo ist Vlastimil Hort?

Aber wo war Hort? Zur Erläuterung der Gründe, die zu seiner Verspätung führte, sei ein kleiner Einschub erlaubt:

In den Achtziger Jahren wurde Deutschland vom Privatisierungsvirus ergriffen. Nach der Post, die in die Teile Telekom (mit unzähligen Tochterfirmen: T-Online, T-Com, T-Mobile, T-Keineahnung), Gelbe Post (DHL!) und Postbank (nun in Stücken verkauft an Deutsche Bank) zerschlagen wurde, und vielen Energiekonzernen strebt auch die Deutsche Bahn, bzw. deren Manager erfolgsprämiert, den Börsengang an.

Wer noch Bahn fährt, versteht schnell, dass sich das Unternehmen - im Besitz vieler Einkaufszentren in zentraler Lage, aus traditionellen Gründen derzeit noch Bahnhof genannt  -, sich heute eher als Immobilien- und Handelsgesellschaft versteht, die allerdings noch einige lästige Verpflichtungen im Transportwesen zu erfüllen hat.


Bahntower in Berlin

Die neue Zielgruppe der Deutschen Bahn sind also die zukünftigen Aktionäre, während die alten Kunden, die Zugreisenden, vor allem Kosten erzeugt. Um sich "fit für die Börse" zu machen, wurden im Zuge der Rationalisierung alle nicht profitablen Strecken still gelegt. In der Regel gibt es jetzt nur noch eine Verbindung zwischen zwei Orten. Wenn diese ausfällt, dann..., - Sie ahnen es.

Doch nicht alles hat sich im Laufe der letzten Jahre bei der Bahn verschlechtert. So wurde z.B. ein neues Fitnessangebot eingeführt, dem man sich nur ganz schwer versagen kann, nennen wir es "Bahnrace".

Bei Bahnreisen empfiehlt es sich - besonders für Familien mit Kleinkindern und Senioren -, Sitzplätze zu reservieren, da man sonst in den zumeist überbuchten Zügen die Fahrt u.U. über mehrere Stunden stehend verbringen muss. Das Auffinden der reservierten Sitzplätze wird durch den Wagenstandsanzeiger ermöglicht, der an jedem Bahnsteig aufgestellt ist. Sie stellen sich mit ihrem Gepäck einfach an die Stelle des Bahnsteigs, an der der Wagen mit ihrem Sitzplatz halten wird. Dies ist ein fein durchdachtes System, das einst von unseren Großvätern eingereichtet wurde und das immer noch funktioniert, sofern der Zug in der geplanten Wagenreihung einfährt.

In einem von vier  Fällen wird der ICE, in dem Sie gebucht haben, jedoch erfahrungsgemäß in "umgekehrter Wagenreihung" in den Bahnhof einfahren. Im Extremfall befindet sich nun ihr Sitzplatz nicht im vordersten, sondern vielleicht im letzten Wagen.

Gelegentlich wird diese Änderung am Bahnsteig frühzeitig bekannt gegeben, meistens werden Sie es aber erst erfahren, wenn die Einfahrt Ihres Zuges angesagt wird, also etwa eine Minute vorher.

Und jetzt sind Sie an der Reihe! Der Bahnrace beginnt.

Wie lang ist ein ICE?

Hätten Sie es gewusst? Der ICE 1 ist 358 Meter lang. Und das ist u. U nämlich die Entfernung, die sie nun zurücklegen müssen, um zu "ihrem" Wagen zu gelangen. Oder ist es ein ICE 3? Pech gehabt. Bei doppelter Bestückung (zwei ICE sind aneinander gehängt) weist der ICE 3 sogar eine Gesamtlänge von 420 Metern auf.

Wo liegt eigentlich der Weltrekord für 400 Meter? Bei 43,18 Sekunden.

Die normale Haltezeit für einen Zug im Bahnhof beträgt 3 Minuten. Diese Zeit steht Ihnen nun zur Verfügung, um von ihrem Standpunkt bis zum neuen Haltepunkt Ihres Wagens zu gelangen, Das muss doch zu schaffen sein. Wenn Sie Pech haben, rennen Sie allerdings wirklich 400 Meter. Im Gegensatz zu Michael Johnson bei seinem Weltrekord 1999 in Sevilla laufen Sie ohne Spikes, aber dafür mit Gepäck. An der rechten oder linken Hand befindet sich vielleicht ein Kind, das Sie nun auch noch hinter sich herziehen. Oder sind Sie Rentner, Mutter mit Kinderwagen? Sie starten im Handycaplauf.

Leider ist die Laufstrecke auch nicht frei. Abfalleimer, Anzeigetafeln, Kioske und Bänke stehen herum. Die größte Schwierigkeit beim Vorwärtskommen bilden die Menschen auf dem Bahnsteig. Diese kommen Ihnen in großer Zahl entgegen und wollen zum anderen Ende des Bahnsteigs. Denn dort wird ihr Wagen stehen. Falls Sie daran denken, einfach irgendwo in den Zug zu steigen und sich innerhalb desselben zum reservierten Platz vorkämpfen zu wollen - vergessen Sie es. Auch im Zug kommen Ihnen zahlreiche Reisende entgegen, die genau in die andere Richtung müssen. Und in einem ICE kommen zwei Personen mit Koffern nur unter größten Mühen aneinander vorbei.

Die gute Nachricht unserer kleinen Betrachtung ist, dass Vlastimil Hort dieses Angebot für diesmal erspart blieb. Wer sehr früh (oder sehr spät) fährt, kann auch ohne viele Mitläufer zum Ziel gelangen. Der in der Tschechoslowakei geborene Großmeister fuhr also frohgemut in Richtung Hamburg und kam auch bis kurz vor Bremen. Dort gab es aber offenbar einen Schaden an der Strecke und es ging nicht weiter. Nach einigem Nachdenken und einer Umrüstpause ging die Fahrt also wieder zurück, denn - s.o. - die Bahn hat die meisten Ausweichstrecken still gelegt. Zurück ging es bis Oldenburg. Von dort fuhr der Zug dann weiter nach Hannover und schließlich kam der bekannte Schachgroßmeister nach einer mehr als siebenstündigen Irrfahrt doch noch, zwar etwas erschöpft und auch ein wenig aufgebracht, am Ziel an.



"Wisseähn sie, es tut mir so leid. Ich fühläh mich ganz furchtbar. Daahs ist allähs diesä Mähdonn schuld. Man solltäh ihn trähtähn in den A..., jähddähn Tag."


Vlastimil Hort in Hoogeveen

Doch die gute Laune des Schachentertainers war aber bald wieder hergestellt und er nahm an diesem und den folgenden Tagen eine DVD über diejenigen Schachweltmeister auf, die er selbst noch gekannt oder gegen die er gespielt hat.


Pascal Simon weist in die Aufnahmetechnik ein

Der älteste Weltmeister, den Hort noch getroffen hat, war Max Euwe. Gegen den Niederländer hat er allerdings nicht mehr gespielt. Die erste sportlich Begegnung führte Hort mit Michael Botvinnik zusammen. Hort zeigt seine Partie aus dem Turnier von Monte Carlo 1968. Aber natürlich geht es bei einer DVD von Vlastimil Hort nicht nur um die Schachpartien. So gibt es auch über Botvinnik Einiges zu berichten, leider nicht nur Gutes.

Zehn Partien gegen die Weltmeister Botvinnik, Smyslov, Tal, Spassky, Fischer, Karpov und Kasparov bieten Gelegenheit zu einer virtuellen Zeitreise durch die Schachgeschichte, die vier Stunden lang in sehr angenehmer Reisebegleitung dauern wird. Wer allerdings eine ganze Bahnfahrt lang, so wie Hort sie erlebt hat, von Köln nach Hamburg unterhalten werden möchte, muss schon beide, die deutsche und die englische Version nacheinander anschauen.


"Zäh laah Wieh", wie wirr in Tschäschien sahgähn..."

 


 

Fritz Trainer
Vlastimil Hort  Meine Partien gegen die Weltmeister

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