Neue Regeln für die Weltmeisterschaften

von André Schulz
26.04.2019 – Offenbar unter dem Eindruck des letzten WM-Wettkampfes mit 12 Remisen in den regulären Partien hat die FIDE ein neues Reglement festgelegt. Die Anzahl der Partien wurde auf 14 erhöht. Als Bedenkzeit gilt nun die klassische Bedenkzeit (ohne Standard-Inkrement). Das sind die Regeln:

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Zwei Partien mehr, klassische Bedenkzeit

Die Schachweltmeisterschaften wurde im Laufe ihrer Geschichte nach ganz unterschiedlichen Regeln und in unterschiedlichen Formaten gespielt. Das klassische Format ist seit dem ersten so genannten "Wettkampf um die Weltmeisterschaft" zwischen Steinitz und Zukertort im Jahr 1886 der Wettkampf. Die Regeln variierten. Meist wurden die Wm-Kämpfe vor dem Krieg auf eine bestimmte Anzahl von Gewinnpartien gespielt.

Die FIDE übernahm nach dem Tod des amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin 1946 die Organisation der Weltmeisterschaften, führte 1948 zunächst ein WM-Turnier durch, um dann die Tradition der Wettkämpfe fortzuführen. Von 1951 bis 1972 wurden die WM-Kämpfe auf 24 Partien ausgetragen. Bei Gleichstand behielt der Titelverteidiger seinen Titel.

Unter dem Eindruck von Fischer wurden die Regeln geändert. Zum Wettkampf gegen Karpov trat Fischer 1975 nicht an. Er hätte auf zehn Gewinnpartien gespielt werden sollen. Danach wurden die WM-Kämpfe auf sechs Gewinnpartien gespielt. Diese Regel hat den großen organisatorischen Nachteil, dass man nie weiß, wann der Wettkampf zu Ende sein wird. Dieses Manko zeigte sich besonders deutlich beim WM-Kampf 1984/85 zwischen Karpov und Kasparov, der gar kein Ende fand und nach 48 Partien ohne Sieger abgebrochen wurde. Danach kehrte man zur festen Anzahl von 24 Partien zurück. Nach dem Split der Weltmeisterschaften in eine "Klassische Weltmeisterschaft" und eine "FIDE-Weltmeisterschaft" gab es praktisch keine festen Regeln mehr. Sie wurden von Wettkampf zu Wettkampf neu festgelegt, die FIDE wechselte zum K.o.-Turnier.

Nachdem die Weltmeisterschaften 2006 wieder zusammen geführt wurden, war der Wettkampf über 12 Partien das gängige Format. Bei Gleichstand folgt ein Tiebreak mit Rapid- und ggf. Blitzpartien. In den acht Wettkämpfen seitdem (2007 wurde auch noch ein Turnier gespielt), stand der Sieger viermal nach regulärem Verlauf, also 12 Partien, fest. Viermal war allerdings ein Stichkampf nötig (2006, 2012, 2016 und 2018). Beim letzten Match zwischen Carlsen und Caruana in London endeten alle 12 Partien remis. Dies hat in der Schachwelt zu Diskussionen und bei der FIDE zum Nachdenken über das Format und die Regeln geführt.

Heute hat die FIDE nun modifizierte Regeln für die Offene Weltmeisterschaft und die Frauen-Weltmeisterschaft veröffentlicht.

Die wichtigsten Änderungen:

Offene Weltmeisterschaft:

Die Offene Weltmeisterschaft wird nun über 14 Partien mit langer Bedenkzeit ausgetragen.

Die Bedenkzeit beträgt zwei Stunden für 40 Züge, dann eine Stunde für 20 Züge ohne Zeitzugabe. Danach gibt es 15 Minuten für den Rest der Partie und eine Zeitzugabe von 30 Sekunden pro Zug.

Remisvereinbarungen vor Zug 40 sind nicht gestattet.

Es gibt nur noch fünf statt sechs Ruhetage.

Die Medien sollen besser eingebunden werden mit einem "Media Day". 

Frauenweltmeisterschaft:

Die Frauenweltmeisterschaft wird nun immer als Wettkampf mit 12 Partien ausgetragen. Das K.o.-Format als WM-Format ist abgeschafft. Die Frauen spielen weiter mit FIDE-Bedenkzeit.

Reglement Offene Weltmeisterschaft...

Reglement Frauenweltmeisterschaft...

Zur FIDE...

 




André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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WolfgangR WolfgangR 12.07.2019 05:34
Das in „wichtigen“ Fällen die Turnierregeln „nachgebessert“ werden müssen, leuchtet ein.
Ein wichtiges Beispiel war die Abschaffung sogenannter Hängepartien. Wenn jeder Spieler mit einem Schachcomputer oder Schachsoftware seine Stellungen analysieren kann, macht ein Fortsetzen dieser Partien keinen wirklichen Sinn mehr.
Deswegen muss man aber die grundlegenden Turnierregeln nicht im Jahrestakt ändern. Wir sind Schachspieler und keine Kicker, die es nicht einmal mit 5 Schiedsrichtern und Videobeweis schaffen, dass ein Spiel fair abläuft.
Bezüglich der Weltmeisterschaften lassen sich tausend und zehntausend Regeln ausdenken. Wäre es da nicht sinnvoller, sich einmalig auf Regeln zu einigen?
Eine grundlegende Klarheit könnte darin bestehen, dass der Herausforderer praktisch eine Partie mehr gewinnen muss als der Titelverteidiger. Bei Punktgleichstand im Match behält der Titelverteidiger den Titel. Das war bis weit nach Fischer „normal“.
Natürlich sind Schnell- und Blitzschachpartien unterhaltsamer und kurzweiliger, aber dafür gibt es ja inzwischen auch Weltmeisterschaften, so dass sie für ein Weltmeisterschaftsmatch nicht erforderlich sind. Bei eben jenen Weltmeisterschaften haben der aktuelle Weltmeister Magnus Carlsen uvam wiederholt gezeigt, dass sie zur Weltspitze gehören.
Den Spitzenspielern mit 30- oder 40-Züge-Regeln vorschreiben zu wollen, wann sie sich auf ein Remis einigen, finde ich albern. Es würde den Unsinn auf die Spitze treiben, wenn die Spieler hingingen, sich vor der Partie zu einigen und dann 3 Mal folgende Zugpaare wiederholen. 1. Sf3 Sf6 2. Sg1 Sg8 … mit zwangsläufigem vorzeitigen Remis wegen dreimaliger Stellungswiederholung. Es wäre zwar „Betrug am Zuschauer“, aber wer will einen Meister dazu zwingen oder verurteilen, gute Züge zu machen?
DoktorM DoktorM 27.04.2019 02:00
Eine offene Weltmeisterschaft ist offen für alle Geschlechter. Also für Männer, Frauen, ... .

Man könnte auch 16 Partien spielen. Mit einem Tag Pause nach jeweils vier Partien.

Oder man spielt 15 Partien mit einem Tag Pause nach drei Partien. Derjenige Spieler, der einmal mehr Weiß hat, muss mindestens 8 Punkte machen, um das Duell zu gewinnen. So wird ein Schnellschach-Stichkampf vermieden. Man könnte auch vor dem Duell einen Spieler auslosen, der in der letzten Runde die freie Farbwahl hat, dafür ebenfalls mindestens 8 Punkte zum Sieg benötigt. Oder man gibt dem Spieler, der in 14 Runden aktiver gewesen ist / besser gespielt hat / weniger ELO hat / ... , in der letzten Runde die Farbe seiner Wahl. Hier wären dann 7,5 Punkte ausreichend für den Sieg. Man kann Stichkämpfe vermeiden, wenn man es will.
Mazel_tov Mazel_tov 27.04.2019 08:03
Mein Vorschlag wäre bei Gleichstand nach den klassischen Partien das Los entscheiden zu lassen. Dann könnte sich keiner auf einen Tiebreak verlassen.
flygurnigel flygurnigel 26.04.2019 11:58
@ Marseille
ja, mich wundert es nur, dass ich in den verlinkten reglements nichts davon fand. dort ist die rede von der FIDE weltmeisterschaft und der FIDE frauenweltmeisterschaft.
Lt Marseille Lt Marseille 26.04.2019 10:46
Tiberius hat Recht. Was hätten 14 Partien zwischen Carlsen und Caruana gebracht? 2 Remisen mehr, denn bei einer festen Zahl von Partien sinkt natürlich die Risikobereitschaft zum Ende hin immer mehr. 24 Partien sind o.k., obwohl eine Gewinnpartienregelung besser wäre, es sich aber dann kaum ein Ausrichter finden lässt. Schade...
@ flygurnigel: "Offene Weltmeisterschaft" heißt nur, dass sich daran auch Frauen beteiligen dürften. Hat ja J. Polgar z.T. getan, schied aber immer früh aus. Aber auch eine Frau kann "Herrenweltmeister" werden, da dies etwas paradox klingt (und in unserer komplett durchgenderifizierten Welt zu schlimmen Irritationen führen würde), redet die FIDE von einer "offenen" WM. Funny!
RevTiberius RevTiberius 26.04.2019 09:07
Die Anzahl der Partien zu erhoehen ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Ob der Schritt von 12 auf 14 allerdings gross genug ist, wage ich zu bezweifeln. Mir scheint es wirklich die bessere Loesung zu sein, auf eine feste Zahl von Gewinnpartien zu spielen, z.B. (+6) oder so, damit die Spieler auch tatsaechlich auf Gewinn spielen muessen, und die "Ausrede" des Tiebreaks nicht zur Verfuegung steht.
Ausserdem waere es langfristig sicher auch sinnvoll, den Modus nicht andauernd zu aendern.
flygurnigel flygurnigel 26.04.2019 07:42
Was ist eine "Offene Weltmeisterschaft"?

In dem verlinkten Reglement zu "Offene Weltmeisterschaft" steht nichts davon.
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