Neue Repertoireideen (I): "Der Chinesische Drachen"

05.11.2019 – Die Präsentation neuer Eröffnungsideen ist einer der Schwerpunkte von ChessBase Magazin. In der aktuellen Ausgabe warten elf Beiträge auf Sie – von Englisch über Benoni, Caro-Kann, dreimal Sizilianisch bis zu Nimzo-, Grünfeld- und Königsindisch. Eine bunte Mischung, bei der für jeden Geschmack etwas dabei ist! In dieser kleinen Reihe, die wir heute mit dem "Chinesischen Drachen" beginnen, laden wir Sie zu einem Blick in drei ausgewählte Artikel ein.

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Analysen von Giri, Anand, Nisipeanu, Huschenbeth, Vidit, Vitiugov, Tomashevsky, u.v.a. Dazu Videos von King, Shirov und l'Ami, elf Eröffnungsartikel mit neuen Repertoireideen und Trainingseinheiten für jede Partiephase!

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Der Chinesische Drachen

Igor Stohl checkt den Status quo von 10...Tb8!?

Heutzutage den Sizilianischen Drachen zu spielen, ist nichts für Hasenfüße. Angesichts der überall lauernden Silikonmonster, die unerbittlich Nebenvarianten schließen (vor allem in Fernpartien), wandern die Drachen-Aficionados über ein veritables Minenfeld. Deshalb ist ein positives Ergebnis in einer hochrangigen Partie immer ermutigend, und eingefleischte Drachen-Fans haben vermutlich bemerkt, dass in seinem Bestreben, die diesjährige amerikanische Meisterschaft zu gewinnen, Nakamura in Robson,R - Nakamura,H 0-1 den Drachen mit großem Erfolg anwandte.

Nach den Standardzügen 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 g6 6.Le3 Lg7 7.f3 0-0 8.Dd2 Sc6 9.Lc4 ist seine Spielerei mit 9...Sxd4 10.Lxd4 Le6 eine Sache der Vergangenheit, und er wählte die Hauptfortsetzung 9...Ld7. Weiß spekulierte nicht mit der Zugfolge und erwiderte 10.0-0-0 (10.h4 h5 11.0-0-0 Tc8 12.Lb3 Se5 ist eine lange Geschichte für sich; um es kurz zu machen, können wir sagen, dass sich Schwarz aktuell in dieser Variante ganz gut schlägt). Hier steht Schwarz an einem wichtigen Gabelpunkt. Obwohl 10...Tc8 die bei weitem populärste Fortsetzung ist, sind die entstehenden Stellungen nach 11.Lb3 nicht jedermanns Geschmack. In dem Abspiel 11...Se5 bleibt das flexible 12.Kb1! das Hauptproblem. Danach das Qualitätsopfer 12...Sc4 13.Lxc4 Txc4 14.g4 b5 15.b3 b4!? folgen zu lassen, gibt Schwarz zwar praktische Chancen, verliert aber allmählich an Boden - schließlich ist diese Variante sehr verpflichtend. 11...Sxd4 12.Lxd4 b5 ist wahrscheinlich objektiv besser, aber auch dieser Zweig ist immer theoretischer geworden, wobei das Beste, was Schwarz nach 13.Sd5 erhoffen kann, ist, mit einem Minusbauern Remis zu halten.
Hikaru war dieser Stand der Dinge sicherlich bewusst, und er wählte, gewillt, seine Gewinnchancen zu maximieren, ohne sich auf eine langwierige Theorieschlacht einzulassen, das weniger übliche 10...Tb8!?

 

Die Hauptidee hinter dem scheinbar mysteriösen Turmzug ist, so schnell wie möglich den b5-Vorstoß anzubringen. Da danach oft das Manöver Sa5(e5)-c4 folgt, was Weiß in der Regel dazu zwingt, auf c4 zu nehmen, wird der schwarze Tb8 bereits in Feuerstellung stehen. Dank des belgischen FM Luc Henris erhielt diese Alternative den Namen "Chinesischer Drachen": In seinem Artikel für das New in Chess Yearbook 2002 schrieb er, sie während der Jahre analysiert zu haben, als er in China lebte. Der Name blieb haften, und als der Plan Aufmerksamkeit erlangte, begann er auch in GM-Begegnungen aufzutauchen. Neben Nakamura zeigten sich auch Ivanchuk, Radjabov und sogar Carlsen willens, es damit zu versuchen. Von diesem Punkt ausgehend werden wir untersuchen, wie es dem Chinesischen Drachen auf höherer Ebene und auch im Fernschach im vergangenen Jahrzehnt ergangen ist.

A) Wie üblich werden wird zuerst die unbedeutenderen Abspiele checken. 11.Kb1 ist natürlich ein typischer Zug in vielen Sizilianern mit entgegengesetzten Rochaden, sein Zweck lautet unter anderem, der Röntgenwirkung der schwarzen Schwerfiguren in der c-Linie zu entkommen. Doch hier ist der Turm nicht auf das Standardfeld c8 gegangen und kann von b8 aus ebenfalls Röntgenwirkung gegen den weißen Monarchen entfalten! 11...b5!? ist die prinzipiellste Reaktion. In der Partie Astroukh,V - Simmelink,J ½-½ gelang es Schwarz nach 12.Sdxb5 Se5 13.Le2 Da5, ausreichende Kompensation für den Bauern zu demonstrieren. Die Anmerkungen zeigen, dass das zurückhaltendere 11...Sxd4 12.Lxd4 b5 ebenso spielbar sein könnte.

B) Nach 11.h4 kann Schwarz mit 11...b5!? ein ähnliches Motiv anbringen. In der älteren Partie Sukhov,N - Simmelink,J ½-½ behauptete sich der Belgier einmal mehr, nach dem standardmäßigen 12.Sdxb5 geduldig seine Kompensation pflegend. Doch im Gegensatz zu 11.Kb1 verdient hier 12.Scxb5!? Sa5 13.Sa3 mehr Aufmerksamkeit; die Anmerkungen zeigen, dass es eine lohnende Alternative sein könnte.

C) Alles in allem verlagerte sich nach ein paar anfänglichen Tests der Fokus aus weißer Sicht fast ausnahmslos auf 11.Lb3. Hier ist Henris früheres 11...Se5 aus der Praxis nahezu verschwunden - es schränkt nicht nur die Optionen von Schwarz nach Standarderwiderungen ein, überdies ist auch das direkte 12.f4 Seg4 13.h3! Sxe3 14.Dxe3 unangenehm und zwingt ihn in die Defensive. Somit lautet die Hauptreaktion heutzutage 11...Sa5, was Schwarz die Möglichkeit gibt, in einem passenden Moment Sxb3 einzuflechten oder sogar e5 zu spielen. In diesem Augenblick befinden wir uns an einem wichtigen Gabelpunkt, Weiß muss sich entscheiden, ob er sofort seinen Bauernsturm startet oder Zurückhaltung übt und eine positionellere Behandlung wählt.

 

C1) Die erste Methode wird durch 12.h4 b5 repräsentiert, und einmal mehr befinden wir uns an einem Gabelpunkt. Nach dem energischen 13.h5 Sc4 14.Lxc4 bxc4 öffnete Weiß in Dastan,B - Georgiadis,N 0-1 sofort die h-Linie mit 15.hxg6, aber Schwarz hat gute Defensiv- wie auch Konterressourcen und zog schließlich aus ihnen vollen Nutzen. Eine mögliche vorgeschlagene Verbesserung ist 15.Kb1!? Weiß kann mit diesem Zug auch beginnen, 13.Kb1 Nc4 14.Bxc4 bxc4 wird ebenfalls recht oft gespielt. Nun muss er erneut entscheiden, wie sehr er das Spiel von Schwarz berücksichtigen sollte.

 

Das prophylaktische 15.Ka1 wurde gut beantwortet mit der Gegenprophylaxe 15...h5!, die Niederlage von Schwarz in Carlsen,M - Radjabov,T 1-0 hat nichts zu tun mit der Eröffnung, aus der er eine ausgezeichnete Stellung bekam.
Die direkten Versuche lauten 15.h5, was zu einem Abspiel führt, was wir bereits oben erwähnt haben, und 15.g4, was nach 15...Db6 16.b3 Da6 in Holroyd,K - Percze,J ½-½ zu faszinierenden taktischen Komplikationen mit friedlichem Ergebnis führte.

C2) All dies wirft eine Frage auf - Weiß kann versuchen, seine Initiative mit 12.g4 zu entwickeln, wonach 12...b5 13.Kb1 (13.Lh6 leitet zu den 12.Lh6-Abspielen über, unten behandelt und gekennzeichnet als C3)) 13...Sc4 14.Lxc4 bxc4 15.Ka1 die Lockerung seines Damenflügels vermeidet, während Schwarz nicht die Idee aus Carlsen-Radjabov oben hat.

 

Obwohl Weiß in Szabo,K - Jianu,V 0-1 schnell fehlgriff und verlor, kann sein Spiel verbessert werden, und dieser Zweig verdient es wahrscheinlich nicht, weniger populär zu sein als 12.h4.

C3) In den meisten Fällen setzt Weiß mit 12.Lh6 fort, um den wichtigen Drachenläufer zu tauschen, welcher den weißen König attackiert und den eigenen verteidigt, was ein Standardverfahren ist. Der Nachteil lautet, dass der Nachziehende nach dem Verschwinden der schwarzfeldrigen Läufer seine Bauernstruktur najdorfmäßig umgestalten kann - der Vorstoß e7-e5 wird die Gefühle des Lg7 nicht mehr verletzen! Und in der Tat, nach 12...Lxh6 13.Dxh6 verdient das sofortige 13...e5 bereits Aufmerksamkeit.

Den kompletten Artikel mit kommentierten Partien und Analysen finden Sie in ChessBase Magazin #192 (November/Dezember 2019).

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