Neue Repertoireideen (II): "Benoni forever!"

09.11.2019 – Die Präsentation neuer Eröffnungsideen ist einer der Schwerpunkte von ChessBase Magazin. In der aktuellen Ausgabe weiht Sie z.B. Tanmay Srrinath in die Geheimnisse seines Benoni-Repertoires ein. Schauen Sie doch einmal in den zweiten Teil unserer Reihe und staunen Sie, was unser neuer Autor gegen den gefährlichen Dreibauern-Angriff ausgegraben hat!

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Analysen von Giri, Anand, Nisipeanu, Huschenbeth, Vidit, Vitiugov, Tomashevsky, u.v.a. Dazu Videos von King, Shirov und l'Ami, elf Eröffnungsartikel mit neuen Repertoireideen und Trainingseinheiten für jede Partiephase!

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Mutig im Dreibauern-Angriff

Tanmay Srinath zeigt sein Schwarzrepertoire im Benoni

Benoni ist das kompromissloseste Eröffnungssytem, das Schwarz gegen 1.d4 wählen kann. Es war der Favorit des brillantesten Weltmeisters aller Zeiten, des unsterblichen Mikhail Tal. Inspiriert durch ihn, haben diverse starke Großmeister wie die jungen Kasparov, Ivanchuk und Topalov Benoni auf allerhöchster Ebene angewandt, mit großem Erfolg. In jüngerer Zeit wurde die Eröffnung von dem verstorbenen Vugar Gashimov wiederbelebt, einem der originellsten Kämpfer in der Computerära, der Skalp um Skalp damit errang. Spieler höchsten Ranges wie Alexander Grischuk, Ian Nepomniatchchi, Vladimir Kramnik und Fabiano Caruana greifen dazu, wenn sie in Must-win-Situationen sind. Ein Vorteil von Benoni gegenüber seinen Fianchettoverwandten, Königsindisch und Grünfeld, ist, dass es nur eine Grundstruktur gibt, aus der allerdings verschiedene Pläne entstehen können. Es ist reich an Möglichkeiten und bietet beiden Seiten die Chance, höchst kreatives Schach zu spielen.

Das erste Schachbuch, das ich zur Gänze aufsog, war "The Life and Games of Mikhail Tal". Ich verliebte mich in den 'Zauberer aus Riga', und seine Eröffnungen wurden bald die meinigen, vor allem Modernes Benoni. Es ist eine Eröffnung, die ich liebe und hoffe nie aufzugeben!

Da Benoni eine hochtaktische Eröffnung ist, hat Weiß zahlreiche Optionen dagegen. Die aggressivste Möglichkeit, die ihm zur Verfügung steht, besteht im Dreibauern-Angriff: 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 e6 4.Sc3 exd5 5.cxd5 d6 6.e4 g6 7.f4

 

Der Schwachpunkt von Benoni ist der Mangel an Kontrolle über das Zentralfeld e5. Weiß hofft, die schwarzen Bastionen in einem Rutsch zu durchbrechen. Dies ist der schärfste Versuch, eine der zweischneidigsten Eröffnungen im Schach zu widerlegen. Deshalb muss man umfassend vorbereitet sein, um nicht vom Brett gefegt zu werden. In diesem Eröffnungsreport hoffe ich, Ihnen eine unbezwingbare Rüstung zu geben gegen alles, was Weiß auf ihre Stellung wirft. Der Hauptschwerpunkt dabei wird sein, eine Lösung für den traditionellen Dreibauern-Angriff zu finden, der (aus der Diagrammstellung heraus) nach 7...Lg7 A) 8.Sf3 0-0 9.Le2 entsteht.
Bezüglich der weißen Alternativen B) 8.Lb5+ und C) 8.e5 siehe unten.

 

Die Kernidee von Weiß ist sich in der Art des Klassischen Systems zu entwickeln. Falls Schwarz ihm nicht schleunigst etwas entgegensetzt, so kann der Anziehende großen Vorteil beanspruchen, indem er schnell im Zentrum vorrückt. Dementsprechend hat man in dieser Stellung drei haupsächliche Versuche gesehen - 9...Te8?!, was in der Versenkung verschwunden ist aus Gründen, die gleich erklärt werden, 9...Sbd7, was darauf abzielt, e5 durch Angreifen von d5 zu verhindern, und schließlich (und vielleicht am besten von dem Rest) 9...Lg4, was ich (und viele GMs ebenfalls) in der Mehrzahl meiner Partien gespielt habe. Doch all diese Systeme haben einen Nachteil - sie versuchen, Weiß daran zu hindern, die Initiative zu ergreifen, statt mit energischem Spiel selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Darum werde ich eine 4. Option empfehlen, die zwar selten angewandt wird, aber voll dem Geist dieser Eröffnung entspricht: 9...b5!

 

Ein Zug, der einem natürlichen Plan folgt, in der Praxis aber selten zu sehen ist. Gut, in der Modernen Hauptvariante haben GMs Partie um Partie mit ...b5 herausgehauen, und Schwarz hatte Mühe, mehr als ein Remis zu erreichen, aber dies ist anders! Zunächst einmal kann Weiß den Bauern b5 nicht ohne weiteres schnappen (mit 10.Lxb5 oder 10.Sxb5?, siehe unten), da f4 seine Position im Zentrum geschwächt hat. Ich habe all seine Versuche in der obigen Stellung geprüft, und der aktuelle Stand der Dinge ist, dass sich Schwarz mehr als gut hält.

Dies im Hinterkopf, wollen wir jetzt die entscheidende Variante durchgehen, die nach 10.e5! dxe5 11.fxe5 Sg4 12.Lg5! (erneut hat Weiß auch andere Möglichkeiten zur Verfügung - siehe unten - aber der Textzug ist am kritischsten) Db6 13. 0-0 c4+! 14. Kh1 entsteht.

 

Sieht aus, als müsste Weiß klar besser stehen, oder? Er hat das Zentrum, einen ungehinderten Freibauern auf d5, und er ist nur einen Zug davon entfernt, seine Entwicklung abzuschließen. Tja, solche allgemeinen Schlussfolgerungen gelten im Benoni nicht! Bevor wir uns meinen Vorschlag in dieser Stellung betrachten, wollen wir sie mit der vergleichen, die nach einer ähnlichen Zugserie in der Variante 9...Te8 entsteht. 

 

Bemerken Sie den Unterschied? Es ist die Platzierung des b-Bauern und des Königsturms - hier stehen sie auf b7 bzw. e8. Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass das einen Riesenunterschied macht! Erst einmal ist der c4-Bauer von Schwarz schwach. Zweitens wirkt seine Damenflügelentwicklung so, als ob sie niemals rechtzeitig zustande käme. Drittens ist der Turmzug eher schädlich als nützlich - Weiß möchte ja gar nicht, dass der e-Bauer auf dem Brett bleibt. Er will den Vorstoß d6!, seinen Springer nach d5 bringen, und Schwarz wird bald unter immensen Druck kommen. Seine beste Wahl ist ein Übergang in ein Endspiel, in dem er zwar zwei Mehrbauern besitzt, aber so erstickt wird, dass er mehr von sich gibt, als er gegessen hat! Derartiges Defensivspiel ist für Maschinen, nicht für Menschen! Darum ist meine Anregung der beste Weg, eine dynamisch ausgewogene Stellung zu erhalten - eine, in der beide Seiten willens sind, bis zum Äußersten zu gehen, um als Erster Drohungen aufzustellen. Mit diesen Punkten im Hinterkopf wollen wir jetzt zu meinem theoretischen Vorschlag zurückkehren: 14...Lb7!

 

Bis dato hatten sich die Schwarzspieler auf gut Glück den e5-Bauern geschnappt und waren in der Folge böse untergegangen. Dies ist vermutlich der Grund, weshalb die Variante mit 9...b5! bisher einen schlechten theoretischen Ruf hatte. Aber damit ist Schluss! Mit meiner Verbesserung 14...Lb7! werden Weißspieler ihre Methoden bald überdenken.

Zur Beantwortung der Frage, weshalb dies eine Verbesserung ist, wollen wir uns die Stellung genau ansehen. Es ist offensichtlich, dass Weiß in der Entwicklung vorn liegt, lediglich sein a1-Turm muss noch ins Spiel gebracht werden. Allerdings fällt auch auf, dass Weiß sich ein wenig überdehnt hat - der Läufer auf g5 feuert ins Leere, der Läufer auf e2 ist stark eingeschränkt, und der e5-Bauer steht bereits unter Beschuss. In diesem Moment müssen wir innehalten und einen konstruktiven Plan für Schwarz ersinnen. Was ist es, was wir erreichen wollen? Das typsche b5 und c4 hat uns am Damenflügel einen Vorsprung verschafft, daher liegt auf der Hand, dass dies unser Stärkebereich ist. Aber vergessen wir den freien weißen d-Bauern nicht. Es gibt ein paar Varianten im Dreibauern-Angriff, in denen Weiß zwei Bauern opfert und Schwarz mit einem Dorn auf d6 komplett einschnürt. Also sind gegen den d-Bauern Maßnahmen zu ergreifen. Die Figuren müssen entwickelt werden. Sd7 kommt als Erstes in den Sinn, aber dies ist ein Zug, den man jederzeit machen kann. Es ist der lästige weißfeldrige Läufer, der zuerst mobilisiert werden muss. Mit 14...Lb7! hindern wir Weiß daran, mit den Zentralbauern beliebig umzugehen, und wir stellen den Läufer auf eine potentiell gefährliche Diagonale. Ein weiterer Vorteil dieses Zuges lautet, dass er den Turm auf a8 deckt, was immer nützlich ist. Somit braucht Schwarz nur noch zwei Tempi, um sich selbst voll zu mobilisieren, wonach Weiß langsam dämmert, wie viele Löcher er sich selbst bereitet hat.

Es gab bislang erst drei Partien in diesem Abspiel, daher werden wir keine Musterpartien betrachten, weil sie nicht meinen Empfehlungen folgen. Stattdessen sollte die am Ende der Übersicht präsentierte Analyse ausreichen, um Ihnen die Komplikationen und Feinheiten nahezubringen.

Den kompletten Artikel mit Analysen und kommentierten Partien finden Sie in ChessBase Magazin #192 (November/Dezember 2019).

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