Neues Deutschland: Interview mit André Schulz zum WM-Match

23.09.2006 – Zum Beginn des Wettkampfes in Elista veröffentlichte das Neue Deutschland in seiner heutigen Ausgabe ein Interview mit André Schulz. Der ChessBase-Redakteur erklärt, wie es überhaupt zum Split der Schachweltmeister kam und warum es vier Jahre dauerte, bis die Prager Pläne zur Wiedervereinigung umgesetzt wurden. Seine Prognose für den Wettkampfausgang ist klarer Vorteil für Kramnik. Interview im Neuen Deutschland...Ungekürzter Nachdruck...

ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...


 

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

 

PLÖTZLICHER TOD IN KALMÜCKIENS STEPPE

Wer ist der Größte am Brett? Der Champ des Weltschachbundes FIDE, der Bulgare Wesselin Topalow (31), und der konkurrierende „Weltmeister im Klassischen Schach“, der Russe Wladimir Kramnik (31), fechten das untereinander aus in Kalmückiens Hauptstadt Elista vom heutigen 23. September bis zum 13. Oktober 2006. Hintergründe und Prognosen erfährt der Schachautor ART KOHR vom WM-Experten ANDRÉ SCHULZ; der 47-jährige Hamburger betreut als Redakteur den Internetauftritt von ChessBase, das meist besuchte Schachnachrichtenportal in der Welt.

ART KOHR: Zwei Weltmeister im Schach, die sich gegenseitig den Rang streitig machen. Wie ist es dazu gekommen?

ANDRÉ SCHULZ: Das geht zurück auf eine Auseinandersetzung vor 13 Jahren zwischen dem damaligen Weltmeister Garri Kasparow aus Russland und dessen britischem Herausforderer Nigel Short einerseits und dem seinerzeit amtierenden Präsidenten des Weltschachbundes Florencio Campomanes andererseits. Streitpunkt war die optimale Vermarktung der WM. Da der Konflikt nicht beigelegt werden konnte, privatisierte Kasparow kurzerhand den Schachtitel und begann, Weltmeisterschaften unabhängig von der FIDE auf die Beine zu stellen.

A. KOHR: Die FIDE ist vergleichbar mit der FIFA im Fußball?

ANDRÉ SCHULZ: Kann man so sagen. Seinen Titel verteidigte Kasparow 1993 zunächst erfolgreich gegen Short und 1995 gegen den Inder Viswanathan Anand. Neben den Weltmeisterschaften wird noch eine Weltrangliste geführt, in der Kasparow ebenfalls Erster war. Solange er den Titel innehatte, gab es wegen seiner Dominanz kaum Legitimationsprobleme. Das änderte sich im Jahr 2000. Kasparow verlor einen Wettkampf und den Titel an seinen Landsmann Wladimir Kramnik. Dieser dominierte in der Weltrangliste nicht so wie sein Vorgänger. Das Vorhandensein von zwei Weltmeistern war für die Vermarktung von Schach ungünstig. Die Schachwelt drängte auf eine Wiedervereinigung. 2002 trafen sich in Prag alle wichtigen Leute im Schach und vereinbarten einen entsprechenden Plan zur Durchführung.

A. KOHR: Die Umsetzung hat vier Jahre gedauert. Warum?

ANDRÉ SCHULZ: Zum Teil gab es Probleme mit den Rechten, zum Teil haperte die Organisation auf Seiten der FIDE. Kasparows Teilnahme komplizierte den Vorgang außerdem. Ein geplanter Wettkampf zwischen dem FIDE-Weltmeister von 2001, Ruslan Ponomarjow, und Kasparow wurde kurzfristig aus unbekannten Gründen abgesagt. Es gibt Gerüchte, wonach Russlands Staatschef Wladimir Putin dahinter steckte, weil dieser kein Interesse daran hatte, seinen politischen Gegner Kasparow als Schachweltmeister aufgewertet zu sehen. Schach hat in Russland immer noch einen hohen Stellenwert und Kasparow ist sehr populär. Putin und der FIDE-Boss Kirsan Iljumschinow, gleichzeitig Präsident der autonomen russischen Teilrepublik Kalmückien, pflegen nun ein herzliches politisches Verhältnis. Das war nicht immer so.

A. KOHR: In den Wiedervereinigungsprozess ist Bewegung gekommen nach Kasparows offiziellem Abschied vom Profisport 2005; der Ex-Weltmeister will alle Kräfte auf die Abwahl Putins konzentrieren.

ANDRÉ SCHULZ: Kasparows Ausstieg hat die Sache zweifellos leichter gemacht. Als starke Persönlichkeit hat er immer polarisiert und sich nicht nur Freunde in der Schachwelt gemacht.

A. KOHR: Jetzt das historische Match zwischen Kramnik und Topalow, um endlich die Spaltung der Schachwelt zu überwinden – allerdings in Elista tief in der kalmückischen Steppe.

ANDRÉ SCHULZ: Das ist wirklich schade. Schach boomt, und es ist absurd, dieses lange erwartete Wiedervereinigungsmatch fernab der Metropolen ausgerechnet in Elista zu veranstalten. In Madrid, London, New York, Paris, Moskau oder Berlin hätte man viel mehr Fans erreicht. Aber in Elista ist eben FIDE-Präsident Iljumschinow zu Hause. Immerhin kann man über das Internet die Partien allesamt live mitverfolgen.

A. KOHR: Kramnik reist nach Elista mit der Behauptung, der so genannte „klassische“ Weltmeister zu sein. Was soll uns das Attribut „klassisch“ sagen?

ANDRÉ SCHULZ: Traditionell entscheiden Zweikämpfe über die Titelträger im Schach; das zieht sich durch die Geschichte des Spiels. Die klassische Bedenkzeit beträgt zudem 40 Züge in zwei Stunden undsofort. Mit seinem Titel gibt Kramnik zum Ausdruck, dass er seinen Weltmeistertitel unter traditionellen Bedingungen gewonnen hat. Die FIDE hat nämlich in den letzten 10 Jahren eine Reihe von unglücklichen Experimenten mit dem Format und verkürzten Bedenkzeiten durchgeführt, die in der Schachwelt kritisch aufgenommen wurden und die dem jeweiligen FIDE-Weltmeister einiges an Legitimation raubten. Der amtierende FIDE-Weltmeister Topalow hat allerdings im letzten Jahr in San Luis ein WM-Rundenturnier gegen die besten Spieler der Welt gewonnen, jedoch bei verkürzter Bedenkzeit.

A. KOHR: Wieviele Partien sind in Elista angesetzt?

ANDRÉ SCHULZ: Zwölf Partien mit klassischer Bedenkzeit; Sieger ist, wer zuerst 6,5 Punkte geholt hat. Bei Gleichstand nach 12 Partien werden vier Schnellpartien mit 20 Minuten Bedenkzeit pro Partie und 10 Sekunden Zugabe pro Zug ausgetragen. Bringt auch das keine Entscheidung, folgen zwei Blitzpartien, mit fünf Minuten Bedenkzeit. Sollten Kramnik und Topalow dann immer noch gleichauf liegen, verlangt das Reglement eine so genannte „Sudden Death“- Partie. Beim „plötzlichen Tod“ bekommt Weiß ein leicht erhöhtes Zeitkonto von sechs Minuten, dem Schwarzen werden weiterhin bloß fünf Minuten zugeteilt. Im Ausgleich dafür genügt Schwarz ein Remis für den Gesamtsieg, während Weiß nach einem Unentschieden endgültig gescheitert ist und folglich auf jeden Fall gewinnen muss.

A. KOHR: Wie hoch ist das Preisgeld?

ANDRÉ SCHULZ: Eine Million Dollar, die unabhängig vom Ausgang zwischen Kramnik und Topalow geteilt werden. Trotzdem ist der Wettkampf in gewisser Hinsicht ein Alles-oder-Nichts-Match; nur der Gewinner qualifiziert sich für das nächste WM-Turnier 2007 in Mexiko. Der Verlierer ist von der Teilnahme ausgeschlossen.

A. KOHR: Wie darf sich der Sieger von Elista nennen? Super-Weltmeister vielleicht?

ANDRÉ SCHULZ: Nein, der ist schlicht und ergreifend der Schachweltmeister, so wie es früher war. Einen zweiten gibt es dann ja nicht mehr.

A. KOHR: Die Presse feiert den Shooting Star Topalow seit dem WM-Durchmarsch des Bulgaren 2005 in San Luis. Ist Topalow auch in Elista der Favorit?

ANDRÉ SCHULZ: Ich tippe auf Kramnik. Die beiden sind zuvor bereits mehrfach am Brett aufeinander getroffen, und da hat Topalow mit bisher 5:10 Zählern das Nachsehen gehabt. Kramnik hat außerdem eine viel größere Matcherfahrung. 2004 bog er seinen Titelkampf gegen den Ungarn Peter Leko in Brissago in der letzten Partie noch um.

------------------------ -------------------------

Alle Partien des WM-Kampfes Kramnik gegen Topalow in Elista ab 23. September 2006, 13 Uhr MEZ, live auf dem Server www.schach.de; weitere Infos zur Weltmeisterschaft bei
www.chessbase.de


 



 

 

 

 


Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren