Nichts getürkt: Weihnachtsturnier in Paderborn

02.01.2008 – Der Schach spielende Türke des Wolfgang von Kempelen gilt als Vorläufer aller heutigen Schachcomputer. Allerdings spielte im Türken kein Programm, sondern ein Mensch. Kempelens Kunst lag darin, die Maschine so zu bauen, dass ein Mensch darin Schach spielen konnte, ohne entdeckt zu werden. Dadurch erzeugte er eine perfekte Illusion und zahlreiche Geistesgrößen seiner Zeit machten sich Gedanken über die Möglichkeit einer denkenden Maschine und fragten sich, ob und wie hier alles mit rechten Dingen zugehen konnte. Leider blieb der Originaltürke nicht erhalten, sondern starb 1854 bei einem Brand, aber im Heinz Nixdorf Museum in Paderborn gibt es einen sorgfältigen Nachbau zu bewundern. Dort fand zwischen Weihnachten und Neujahr auch der 4. Paderborner Schachtürken-Cup statt. Bettina Trabert berichtet.Mehr über den Türken...Kempelens Türke im Film...Zum Bericht...

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Im Zeichen des Schachtürken: Weihnachtsturnier in Paderborn
Text und Fotos: Bettina Trabert

Was tun Schachspieler an Weihnachten und Neujahr? Natürlich Schach spielen! Aus dem reichhaltigen Turnierangebot "zwischen den Jahren" hat sich der Paderborner Schachtürken-Cup, der dieses Jahr zum 4.Mal ausgespielt wurde, inzwischen fest etabliert. Und die Beliebtheit spiegelt sich in den steigenden Teilnehmerzahlen: 179 Spieler waren diesmal in den Open-Turnieren am Start, und weitere 99 Kinder und Jugendliche kamen zu den Jugend-Schnellturnieren zusammen. Eine noch längere Tradition hat das parallel ausgetragene Computerturnier, bei dem wieder einige der stärksten Programme der Welt in Aktion zu sehen waren.

Namensgeber des Turniers ist der Ahnherr aller Schachcomputer, der berühmte Schachtürke des Wolfgang von Kempelen, der im 18. und 19. Jahrhundert für Furore sorgte: 1770 hatte er seinen ersten Auftritt am Hofe der Kaiserin Maria Theresia, in der Folge trat er gegen Berühmtheiten wie Napoleon, Benjamin Franklin und Francois André Philidor an. Lange Zeit blieb ungeklärt, ob es sich bei dem äußerst erfolgreichen Schachautomaten um eine echte Maschine handelte, oder ob sich doch ein menschlicher Spieler dahinter verbarg. Damit war die Situation also gerade umgekehrt zu den heutigen Zeiten, in denen fast jeder ungewöhnlich gut spielende Mensch verdächtigt wird, sich der Hilfe eines Computers zu bedienen…

Tatsächlich stellte sich sehr viel später heraus, dass die Bewunderer des Schachtürken einem geschickten Täuschungsmanöver erlegen waren und ein Mensch in der spielenden Maschine verborgen war. Das Original fiel 1854 einem Brand zum Opfer, aber 2004 wurde der Schachtürke in Paderborn wieder lebendig: Ein in mühsamer Feinarbeit rekonstruierter und voll funktionstüchtiger Automat steht heute im Heinz Nixdorf Museum, in dem auch das Turnier ausgetragen wurde.

Die Vorteile, ein Turnier im größten Computermuseum der Welt auszurichten, liegen auf der Hand: Die technischen Möglichkeiten sind fast unbegrenzt. Die Bühne des Auditoriums bot einen ausgezeichneten Rahmen für die ersten 5 Bretter des Open-Turniers, die sowohl live im Internet übertragen wurden, als auch auf Demonstrationsbrettern für die Zuschauer vor Ort (die man sich allerdings zahlreicher wünschen würde) angezeigt wurden: Hier waren die Spielbedingungen besser als bei manchen hochkarätigen Rundenturnieren.



Der Rest des Feldes musste sich mit "normalen", aber immer noch sehr guten Spielbedingungen in den anderen Räumen zufrieden geben.



Die meisten der eingeladenen Großmeister hielten sich zwar während des gesamten Turniers auf der Bühne auf, aber vor der letzten Runde lag die Führung etwas überraschend bei FM Andreas Brühl und IM Juri Boidman. Die beiden ließen in Runde 7 jedoch nichts anbrennen und einigten sich schnell auf Remis, was einen Masseneinlauf von 6 Spielern mit 5,5/7 zur Folge hatte.



Der Glücklichste nach Buchholzwertung war schließlich GM Gerhard Schebler vom SV Mülheim.



Auf Platz 2 und 3 nach Wertung folgten FM Andreas Brühl und GM Henrik Teske, dessen Gegner sich hier (noch) nicht sehr beeindruckt zeigt.



Und Platz 4 ging schließlich an den Dauergast und zweimaligen Sieger des Schachtürken-Cups, GM Lev Gutman.



Im B-Turnier siegte Volker Henkel mit 6/7 vor Viktor Kuhn und Georgi Stambler. Das jüngste Talent im B-Turnier, der 9-jährige Carsten Hecht aus Paderborn, schlug sich mit 4 Punkten sehr wacker.




Alle Preisträger


Fototermin beim Schachtürken mit Volker Henkel, Andreas Brühl und Gerhard Schebler. Der Drittplazierte Henrik Teske versteckt sich in der Maschine.


Nein, doch nicht!



Und das Innere des Tisches ist tatsächlich leer. Bei den Vorführungen des Schachtürken wurden übrigens alle Türen in einer bestimmten Reihenfolge geöffnet, so dass der dort verborgene Spieler jeweils nicht zu sehen war.

In den Pausen konnte man einige der stärksten Schachprogramme der Welt bewundern, die zeitgleich im Computerturnier gegeneinander antraten, wo sich Hiarcs und Rybka den Turniersieg teilten. Ich muss zugeben, kein ausgesprochener Fan des Computerschachs zu sein, aber beeindruckend sind Spiel und Analyse der Elektronenhirne allemal - z.B. wenn ein Computer bei noch relativ vollem Brett auf einmal die Tablebases einschaltet, d.h. die Stellung auf für Menschen nicht nachvollziehbare Weise bis auf 6 Steine heruntergerechnet hat…



Eine der Spitzenpaarungen: Rybka gegen Shredder Meiner Erfahrung nach werden die besten Turniere von echten Schachliebhabern ausgerichtet, die auch selber gerne spielen. Das trifft auch auf Paderborn zu, wo während der Runden auch am Tisch der Organisatoren immer mal ein Brett auftauchte.




Schau mal, was ich mit deinem Bauern mache!


Die Analysen wurde abends in der Kneipe fortgesetzt, wo die Organisatoren mit großmeisterlicher Unterstützung die Partien des Tages Revue passieren ließen.

Die größte Anstrengung für die Ausrichter war wohl das eintägige Kinder- und Jugend-Schnellturnier, bei denen 99 Teilnehmer samt ihren Eltern Leben in die Bude brachten. Am Abend hörte man von den Organisatoren Aussagen wie: "Nächstes Jahr spiele ich stattdessen simultan das A- und B-Turnier!" Oder noch besser: "Ich spiele dann nächstes Jahr Groningen." Die Begeisterung, mit der gerade die Kleinsten bei der Sache waren, sollte aber sicherlich alles aufwiegen.




Welchen nehme ich jetzt mal?


Wie ging das noch mal mit dem Schäfermatt?


Halt, lass den stehen!


Bei der Verjüngung der Nationalmannschaft sind doch noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft…

Aus meiner Sicht ist als einziger Minuspunkt des wirklich sympathischen Turniers vielleicht der sehr straffe Spielplan mit 7 Runden in 3,5 Tagen zu nennen, der es kaum möglich macht, etwas mehr von der hübschen Stadt Paderborn zu sehen oder mit etwas Muße das sehenswerte Nixdorf Museum zu besuchen, in dem die Geschichte der Informationstechnik von der Keilschrift bis zu den neuesten Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz dargestellt wird. Abschließend noch ein kleiner Rundgang durch Paderborn.










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