Nimzowitsch: Viel Wortwind

von Conrad Schormann
04.01.2019 – Aaron Nimzowitsch war ein origineller Schachdenker, hatte aber Schwierigkeiten seine Ideen in verständlicher Sprache mitzuteilen. Sein Werk "Mein System" ist manchmal genial, hat bisweilen aber einfach zu viel Wortwind, findet Conrad Schormann.

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Nimzowitschs abseitige Pirouetten

Wer anderen Leuten Dinge erklärt, dem sollte es ein Anliegen sein, verstanden zu werden. Gedankliche und sprachliche Klarheit des Lehrenden helfen dem Schüler. Ein Lehrtext, gespickt mit Fachbegriffen und Abschweifungen, verfehlt sein Ziel.

Aaron Nimzowitsch (circa 1916) | Foto: Per Skjoldager​, "Aron Nimzowitsch On the Road to Chess Mastery, 1886-1924"

Klarheit war nicht das Anliegen von Aaron Nimzowitsch. Schrieb der Meister über Schach, ergoss sich eine Flut von neu geprägten Fachbegriffen über den Leser. Außerdem musste stets die Exzentrik des Autors durchschimmern, damit ihn ja niemand mit Siegbert Tarrasch verwechselt, Gott bewahre. Hier ein Schnörkel, dort eine Pirouette; die Ideen für gedankliche Exkursionen flogen Nimzowitsch nur so zu. Anstatt auf den Punkt zu kommen, verfolgte er sie mit Freude.

Nimzowitsch über die Bedeutung der siebten Reihe beim Schach klingt so:

„Wir haben gesehen, wie groß die Bedeutung des einmal erkämpften Zutritts zur 7. und 8. Reihe werden kann. Wenn dem so sei, so liegt die Annahme nahe, daß die Natur selbst, sozusagen, etwas zum Schutze dieser empfindlichen Stelle getan haben mag, ähnlich wie genannte gütige und weise Allmutter Natur dem Menschenherz einen glänzend „gedeckten“ Platz hinter Rippen und tief im Brustkasten angewiesen hat (So gut versteckt ist dieser Platz, so tief verborgen das Versteck des Herzens, daß man bei manchen Leuten auf den Gedanken kommen könnte, sie seien…herzlos zur Welt gekommen. Um die gefühlvolleren unter meinen freundlichen Lesern gleich zu beruhigen, will ich übrigens gleichzeitig mitteilen, daß Herzlosigkeit ein minderes Herzleiden darstelle, worunter die Betreffenden fast gar nicht litten).“

Allmutter Natur? Herzleiden?

What the f... , Aaron?

Schachlich ein Meilenstein, als Schachbuch bedingt gelungen, weil Nimzowitsch vom Verlangen getrieben war, über seinen Genius zu schreiben.

Der Streit speziell über Nimzowitschs „Mein System“ tobt bis heute – ein Indiz, dass das Werk ein bleibendes, aber eben kein rundum gelungenes Schachbuch ist. Schade eigentlich. Die Substanz des Werks, die von Nimzowitsch erstmals benannten Konzepte, war Mitte der 1920er revolutionär, und sie ist in weiten Teilen bis heute gültig.

Leicht Fortgeschrittene finden bei Nimzowitsch ein Fundament, auf dem sich ein Verständnis für Strategie und Positionsspiel bauen lässt. Wer weiter fortschreitet, sich auf den Weg zur Meisterschaft begibt gar, der liest seinen Nimzowitsch noch einmal und findet reihenweise Lehrsätze und Konzepte, deren Bedeutung ihm beim ersten Lesen nicht aufgegangen war. Zum Beispiel jene Passage über Doppelbauern, die oft „statisch stark“ und „dynamisch schwach“ sind. Anfängern erschließt sich das nicht, starke Spieler nicken erstaunt, weil sie das in dieser Klarheit noch nie gehört haben. Manchmal kommt Nimzowitsch eben doch auf den Punkt.

Zwischen diesen Perlen schweift Nimzowitsch immer wieder ab, damit der Leser ja nicht vergisst, wie schlau der Autor ist und was für ahnungslose Stümper fast alle anderen Zeitgenossen, die eingangs des 20. Jahrhunderts über Schach geschrieben haben. Mancher Schachfreund genießt Nimzowitschs Exzentrik bis heute, erfreut sich an Originalität und Abseitigkeit der Exkursionen, aber wer im Jahr 2018 ein Buch ausschließlich aus dem Grund kauft, sich schachliche Grundlagen anzueignen, der findet leicht das besser geeignete Werk eines Autoren, der ausschließlich über Schach schreibt anstatt über sich und seinen Genius.

Manche der von Nimzowitsch benannten Konzepte müssten im Kontext eines 100 Jahre fortentwickelten Schachverständnisses heute anders beschrieben und von neuen Blickwinkeln beleuchtet werden. Manche der Fachbegriffe, die er verwendet und zu einem erheblichen Teil geprägt hat, benutzen wir heute immer noch – aber anders.

„Zentralisierung“ damals und heute

Die „Zentralisierung“ zum Beispiel. Wenn Magnus Carlsen seine Figuren entwickelt und seine Türme verbunden hat, wird er diese oft auf zentralen Linien aufstellen. In erster Linie solche Manöver nennen wir heute Zentralisierung. Und wenn unser Oli beim „Projekt Mama besiegen“ nach der Eröffnung wieder seinen Springer ins Abseits befördert, anstatt ihn im Zentrum zu verankern, dann wird deutlich, dass nie jemand mit ihm über „Zentralisierung“ gesprochen hat.

Nimzowitsch beleuchtet die „Zentralisierung“ ausschließlich im Zusammenhang mit dem Endspiel. Der König, den wir zu Beginn der Partie am Rande des Brettes hinter einen Schutzwall von Bauern in Sicherheit bringen, spielt in dieser finalen Phase der Partie plötzlich eine gewichtige Rolle. Angesichts des reduzierten Materials auf dem Brett drohen ihm ja keine Mattattacken mehr.

Die Erzfeinde Tarrasch und Nimzowitsch haben sich auf diesem Foto, aufgenommen in St. Petersburg 1914, meisterhaft zentralisiert. Während alle Herren ihre Brust zur Kamera ausrichten, brät sich Schachfreund Nimzowitsch eine Extrawurst und stellt sich quer. Wir wissen es nicht, würden aber wetten, dass das Absicht war.

Damit der König mitspielen und seine beträchtliche Wirkung entfalten kann, muss er wirksam aufgestellt werden. Am meisten Wirkung entfaltet eine Figur im Zentrum. Und so begibt sich der Monarch im Endspiel in aller Regel auf eine Reise Richtung Brettmitte.

Ähnlich verhält es sich mit den Damen. Auch die bleiben zu Beginn besser im Stall, um nicht von den kleinen Figuren des Gegenspieler belästigt, womöglich gar eingefangen zu werden. Aber sobald sich ihnen ein zentraler Posten anbietet, sicher vor jeglicher Belästigung, gehören auch sie zentralisiert. Die Dame ist schließlich die stärkste Figur. Wenn die vom Zentrum aus in jede Ecke des Brettes wirkt, ist das ein gewichtiger, mitunter sogar entscheidender Faktor.

Zitieren wir noch einmal Nimzowitsch zum 76. Diagramm in seinem Werk:

Diagramm 76 aus „Mein System“, in dem es  leider zu oft um Wind und Königstöchterlein geht anstatt um Schach.

„Weiß läßt sich den Wind um die Ohren blasen und zieht, einem Märchenhelden gleich, froh und munter in die weite Welt. Und schließlich kommt er an ein herrliches Schloß, und dort harrt seiner … das junge märchenhaft schöne Königstöchterlein … Genau so geht es hier unserem Kf3, nur mit dem Unterschiede, daß ihm gleich zwei Schlösser winken: die Idealstellungen b6 und g6. Nach langen Irrfahrten gelangt er schließlich auf eins dieser Felder, kommt in Sicherheit und gewinnt.“

Die weiße Dame ist prächtig zentralisiert, beherrscht eine Menge Felder und beschützt alle weißen Bauern. In ihrer Deckung begibt sich der Weiße König auf Wanderschaft zu seinen Idealfeldern b6 oder g6, um die schwarzen Bauern aufs Korn zu nehmen.

Alles andere ist nur Wortwind.

Der Beitrag erschien im Original in Conrad Schormanns Blog "Perlen vom Bodensee". Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

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Conrad Schormann, gelernter Tageszeitungsredakteur, betreibt in Überlingen am Bodensee ein Büro für Redaktion und Kommunikation. Fürs Schachspielen hat er zu wenig Zeit, was auch daran liegt, dass er so gerne darüber schreibt, sei es für Chessbase, im Reddit-Schachforum oder für sein Schach-Lehrblog Perlen vom Bodensee...

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Buzzard Buzzard 06.01.2019 10:47
Diese Rezi enthält mir viel zu viel Wortwind. Jeder Schachspieler, der etwas auf sich hält, sollte diesen Klassiker einmal in seinem Leben gelesen haben. Ohne Wenn und Aber.
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