Norway Chess, Rd. 4: Jeder ist schlagbar

von Marco Baldauf
10.06.2017 – In einer verrückten und spannenden vierten Runde wird beim Norway Chess gezeigt, dass jeder jeden schlagen kann: Weltmeister Magnus Carlsen wird von Levon Aronian entzaubert, MVL kam im Najdorf unter die Räder und Vishy Anand verteidigt lange gut, um am Ende einzügig alle Mühe zunichte zu machen. Vladimir Kramnik und Sergey Karjakin schrammen hingegen beide an einer Niederlage vorbei.

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Jeder kann jeden schlagen

Die ersten drei Runden des Altibox Norway Chess bestätigten alle Prognosen, die vor dem Turnier getroffen wurden: das Feld sei zu stark, als dass viele Partien gewonnen werden könnten. Die Spieler seien allesamt auf derart hohem Niveau, sodass sie sich neutralisieren werden. In der Pressekonferenz zu Beginn des Turniers meinte Magnus Carlsen, +1 würde gar reichen, um seine Elozahl zu halten. So überrraschte es die wenigsten, dass die ersten drei Runden nur zwei Gewinnpartien hervorbrachten: Hikaru Nakamura besiegte zum Auftakt Anish Giri und Vladimir Kramnik konnte das Duell der älteren Generation gegen Vishy Anand für sich entscheiden...schachlich waren die Partie zum Großteil qualitativ sehr hochwertig, doch wenige Fehler erzeugen auch wenige Gewinnchancen.

Soweit also wie gehabt, Norway Chess Teil 1. Durch den gestrigen Ruhetag änderte sich offensichtlich einiges. Drei entschiedene Partien, und dabei hätten es auch fünf sein können - oder gar müssen. Doch beginnen wir mit dem Highlight der Runde, der Niederlage Magnus Carlsens gegen Levon Aronian.

Daniel Kings Videoanalyse

Videoanalyse (deutsch) bei Spiegel-online...

Aronian 1-0 Carlsen

Aronian und Carlsen legen eine Wahnsinnspartie hin - mehr ist zu diesem Meisterstück vermutlich nicht zu sagen. Der Armenier zeigt mit 10.Lc2!? eine interessante Idee in der Vorbereitung und schreckt nach Carlsens Antwort 10...Td8 nicht davor zurück, Qualität und Bauer ins Geschäft zu stecken.

 

Carlsen musste Material zurückgeben, um seine Dame wieder zu befreien, doch Aronian dachte gar nicht daran, dargebotene Bauern einzusacken, sondern opferte noch eine Leichtfigur hinterher:

 

Carlsen überdeckte mittels 19...Sf6 das sofortige Matt, doch die weiße Dame landete auf c7, von wo aus sie Carlsens Türme aufs Korn nahm.

 

Nachdem der erste Rauch sich zu verziehen schien, hatte Aronian drei Bauern für eine Leichtfigur, konnte seine Zentrumsmasse sofort in Bewegung setzen. Carlsen stand immer noch unter großem Druck, schaffte es jedoch die gegnerischen Bauern vorerst zu bändigen.

 

Aronian legte simple Mittel an und transferierte seinen Turm über die 3. Reihe nach g3, die schwarzen Figuren waren mit gleichzeitiger Deckung des Matt auf g7 sowie der Bändigung des c6 heillos überfordert.

 

Carlsen reicht die Hand zur Aufgabe

Ein Rückschlag für den Weltmeister. In den folgenden Runden hat er gegen Giri und MVL zwei Weißpartien und wird Siege brauchen, soll es mit dem ersten Turniersieg seit September 2016 etwas werden.

Nakamura 1-0 Vachier-Lagrave

Eine typische Sizilianische Partie, frei nach dem Motto "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." Nakamura erarbeitet sich mit frühzeitigem Sd5 und exd5, gefolgt von den Vorstößen c4 und b4 eine strukturell überlegene Stellung am Damenflügel, MVL kontert mit einem Mattangriff am Königsflügel. Obwohl die schwarze Attacke auf den ersten Blick ebenso vielversprechend aussieht, rückt Nakamura humorlos mit seinem c-Bauern bis nach c6, stellt damit sicher zu gewinnen, falls er nicht mattgesetzt wird und kümmert sich danach um die Verteidigung seines Monarchen. Dies gelingt und Vachier-Lagrave muss bald die Segel streichen.

Giri 1-0 Anand

Das Duell der Tabellenletzten fand in der Begegnung zwischen Anish Giri und Vishy Anand statt. Giri wählte die englische Eröffnung und wiederholte eine Variante, die er in der wichtigen Schlussrunde des Moskauer Grand Prix gegen Alexander Grischuk auf dem Brett hatte. Anand zeigte sich gut vorbereitet, doch Giri konnte den Ex-Weltmeister mit kleinen Nadelstichen vor Aufgaben stellen. Als man das Gefühl bekam, Anand hätte die schwersten Momente hinter sich gebracht, patzte er dann doch. 10 Züge vor der Zeitkontrolle musste Anand die schwere Entscheidung treffen, eine Figur gegen drei Bauern zu opfern und so eine komplizierte Stellung mit objektiv sehr guten Remischancen anstreben, hing jedoch am Material und wurde postwendend bestraft.

 

Anish Giri wieder auf 50%

Caruana 1/2 Kramnik 

Eine unübersichtliche Partie! Kramnik legt sein Spiel bereits in der Eröffnung komplikationsreich an und eine sehr unausgewogenene Stellung entsteht. Caruana gewinnt einen Bauern, Kramnik stößt hingegen mit seinen Bauern am Königsflügel vor. Die Engine sieht lange Caruana klar im Vorteil, doch Kramniks Stellung erweist sich als schwer zu knacken. In der Hoffnung, seine Bauer in Bewegung setzen zu können, opfert Caruana eine Qualität, doch Kramnik sucht Gegenspiel und findet ein Dauerschach. Eine vergebene Chance für Caruana.

So 1/2 Karjakin 

Ebenso wie Caruana kam auch Wesley So seinem ersten Sieg nahe. Doch ein Übersehen in Zeitnot und Verteidigungskünstler Sergey Karjakin war zurück in der Partie.

 

So übersah an dieser Stelle die Drohung ...Sf6, wonach der Springer auf d5 landete und die Partie von vorne begann. Nach dem 40. Zug war eine Stellung erreicht, in der beide Parteien nur schwer Fortschritte erzielen konnten.

 

Wesley So zauberte jedoch mit dem Plan g4, h4, h5 und dem folgenden Opfer g5! etwas aus dem Hut und Karjakins Defensivleistungen wurden noch einmal bis auf letzte geprüft. Am Ende rettete sich der WM-Herausforderer des vergangenen Jahres unter Zuhilfenahme eines Patttricks.

 

Die längste Partie des Tages: Wesley So gegen Sergey Karjakin

Partien der 4. Runde:

 

Tabelle nach 4 Runden:

(click image for full size)

Alle Partien:

 

Fotos: Lennart Ootes

 



Marco Baldauf, Jahrgang 1990 spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Schach. 2000 und 2002 wurde er Deutscher Jugendmeister, seit 2014 ist er Internationaler Meister und spielt für die SF Berlin in der Bundesliga.
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