Norwegischer Schachbund stimmt gegen Kindred-Deal

von André Schulz
18.07.2019 – "Pecunia non olet", befand einst Kaiser Vespasian. Magnus Carlsen und Garry Kasparov folgen dem römischen Kaiser in seiner Auffassung und würden gerne mehr Geld im Schach sehen, auch von Wettanbietern. Andere sind sich da nicht so sicher. Der Norwegische Schachbund hat kürzlich ein Sponsoring-Angebot der Kindred-Wettgruppe abgelehnt.

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Kein WM-Kampf in Stavanger

Magnus Carlsen befindet sich derzeit in ausgezeichneter Form und eilt von Turniersieg zu Turniersieg. Während er beim GCT-Turnier in Zagreb seine Überlegenheit am Brett demonstrierte, befand er sich der Weltmeister zugleich in einem Disput mit dem Norwegischen Schachverband. Dieser Kampf wurde offenbar an zwei Schlachtplätzen ausgetragen, wobei für Außenstehende nicht völlig klar ist, ob und wie die beiden Themen tatsächlich in Verbindung stehen.

Zum Einen würde der Norwegische Schachverband sehr gerne einen Weltmeisterschaftskampf mit seinem Weltmeister im eigenen Land austragen. Dafür hat der Verband eine Ausschreibung gemacht und sich dann für die Organisatoren von Stavanger als Bewerber entschieden. Dies geschah aber anscheinend, ohne Carlsen selber in ausreichendem Maße in die Entscheidung mit einzubeziehen. 

Das Carlsen-Camp sieht einen WM-Kampf im eigenen Land grundsätzlich als zusätzlich Belastung an, was nachvollziehbar ist. Der Rummel zuhause ist ungleich größer als anderswo. Öffentliche Aufmerksamkeit, Interviewanfragen, womöglich sogar Homestories, sind kaum gute Voraussetzungen, um sich auf einen Weltmeisterschaftskampf zu konzentrieren. Einen Heimvorteil gibt es im Schach im Unterschied zu anderen Sportarten nicht (Jubeln und Anfeuern verboten). Bei verschiedenen Turnieren in Stavanger hat Carlsen bereits einschlägige Erfahrungen in dieser Hinsicht gemacht. 

Henrik Carlsen hat in einem Facebook-Post auf diese Aspekte hingewiesen und erläutert, dass sein Sohn dies alles in Kauf nehmen würde, wenn der Kampf in Oslo oder in der Nähe stattfinden würde. Magnus Carlsen wäre dann in gewohnter Umgebung. Es gab tatsächlich hier zwei Bewerber, die vom Verband aber nicht berücksichtigt wurden. In Stavanger wollte Carlsen nicht in einem Wettkampf um die Weltmeisterschaft antreten. Sein Vater bat die Organisatoren, sich aus dem Bietverfahren zurückzuziehen. Diese kamen der Bitte bedauernd nach. 

Das ist der eine Schauplatz der Geschichte.

Kein Wettgeld für den Schachverband

Der andere ist ein Angebot des Wettanbieters Kindred (genau genommen von der Kindred-Tochter Unibet) an den Norwegischen Verband. Kindred (1997 vom Schweden Anders Stöm gegründet, mit offiziellem Firmensitz in Malta) bot dem Norwegischen Verband fünf Millionen Euro, verteilt auf fünf Jahre, für die Entwicklung des Schachs in Norwegen an und forderte dafür Lobbyarbeit. Der Verband solle sich dafür einsetzen, dass das staatliche Monopol für Wettgeschäfte in Norwegen aufgehoben wird und Kindred auf dem norwegischen Markt aktiv werden kann. Der Schachverband wurde von der norwegischen Spielaufsicht allerdings gewarnt, er könne mit der Annahme dieses Angebots seine Gemeinnützigkeit gefährden.

Das Angebot wurde im Verband kontrovers diskutiert. Schließlich setzte die Verbandsführung für den 7. Juli eine Abstimmung unter den Mitgliedsvereinen an. 

Carlsen war dafür, das Angebot anzunehmen. Wahrscheinlich war das Carlsencamp selber der erste Ansprechpartner für die Kindredgruppe. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, anzunehmen, dass die Fäden in Gibraltar zusammenlaufen.  

Der Weltmeister versuchte, in die Abstimmung einzugreifen, indem er selber einen Schachclub gründete und den ersten 1000 Mitgliedern die Jahresgebühr erließ. Mit über 1000 Mitgliedern in seinem neuen Club hätte er einen großen Stimmenanteil für die kommende Abstimmung erworben, denn der norwegische Schachverband ist mit 9000 Mitgliedern in seiner größe überschaubar.

Nun meldeten sich die Juristen zu Wort und bezweifelten, dass eine kostenfreie Mitgliedschaft im Carlsen-Club auch zu einer Stimmberechtigung im Verband führen würde. Der Carlsen-Club bot an, auf 35 seiner 41 Stimmen zu verzichten, wollte damit nur seine selbst zahlenden Mitglieder (alle über der 1000-Marke) zur Abstimmung bringen. Die Gegenseite fragte nach, wie man auf Mandate verzichten könne, die man gar nicht habe, und betrachtete die Offerte als Remisangebot in verlorener Position.

Garry Kasparov hat in einem Beitrag auf chess24/ Playmagnus für die Carlsen-Initiative Partei ergriffen, berichtet von seinen eigenen Bemühungen in den zurückliegenden Jahren, das Schach mit Hilfe von professionellen Sponsoren von Mäzenen unabhängiger zu machen und mehr Geld in die Schachszene zu bringen. Das Argument der Gegenseite, Geld von Wettfirmen sei kein sauberes Geld, versucht er mit einer Reihe von Argumenten zu entkräften.

In Norwegen werden die Sportverbände übrigens aus den Überschüssen des staatlich kontrollierten Glücksspiel finanziert. Der Schachverband gehört allerdings nicht zu den Sportverbänden, weil Kinder dann bis zu einem bestimmten Alter nicht bei Erwachsenenturnieren mitspielen könnten. Der Sportverband und die Kultusministerin haben dem Schachbund aber angeboten alternative Geldquellen zu organisieren. 

Kasparov empfindet es in seinem Beitrag als Heuchlerei, dieses Geld anzunehmen, das Geld von Kindred jedoch abzulehnen. 

Die Glücksspielindustrie, darunter die Online-Casinos, Internet-Wettportale oder Poker-Server, sind weltweit nicht besonders gut angesehen. Es werden hohe Gewinne erzielt, die offiziellen Firmensitze befinden sich aber in Steueroasen und Gebieten mit politischem und wirtschaftlichem Sonderstatus, wie Malta, Gibraltar oder die Isle of Man. Seit einigen Jahren gibt es eine gewisse Nähe zum Schachmarkt. Firmen wie Pokerstrategy, Pokerstars oder Superbet finanzieren Schachserver und Schachturniere. Viele Schachfreunde betrachten Schach jedoch nicht als Glücksspiel und möchten die glanzvolle Schachkultur eher nicht in der Nähe der anrüchigen Glücksspielindustrie sehen. Diese bietet jedoch viel Geld und sorgt damit für zusätzliche Aktivitäten. Was ist hier der richtige Weg?

Ursprünglich war das Meinungsbild gegenüber dem Kindred-Angebot indifferent. Als Carlsen dann aber mit seiner Vereinsgründung in die Abstimmung einzugreifen versuchte, fühlten sich viele norwegische Schachfreunde in ihrem Verständnis von funktionierender Demokratie angegriffen und schnell entwickelte sich eine starke Stimmungslage gegen das Wettgeld-Angebot. Bei der Abstimmung kam es zu einer Rekordteilnahme und das Kindred-Angebot wurde deutlich mit 132:44 Stimmen abgelehnt.

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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cs001 cs001 18.07.2019 01:24
Ich findes es richtig, derartig zwielichtiges Geld abzulehnen. Carlsen hätte es gerne genommen, damit reiht er sich in die Reihe der Schachspieler ein, die auch mit dem Teufel paktieren würden, wenn er denn genug zahlen würde. Aljechin hat ja auch mit den Nazis paktiert bzw. seinen Namen von ihnen misbrauchen lassen, damit er weiter professionell Schach spielen konnte. Und woher die Gelder der FIDE in den letzten Jahrzehnten kamen, fragt man sich auch lieber nicht. So gesehen sind Wettgelder schon fast seriös.
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