Offener Brief von Igor Khenkin

09.07.2010 – Deutschlands beste Schachspieler und der deutsche Schachbund konnten sich im Hinblick auf die kommende Schacholympiade nicht auf die Höhe des Antrittshonorars einigen. "Wir sind Profis", sagen die Spieler: "Neben den zwei Wochen im Turnier sind mindestens zwei Wochen Vorbereitung nötig. Ein Monat Zeitaufwand muss entsprechen vergütet werden. " Vom Etat des Schachbundes für den Leistungsbereich komme zuwenig bei den Spielern an. "Wir haben kein Geld", sagt der Schachbund. Die Honorare werden nicht von Mitgliedsbeiträgen, sondern nur von den Ergebnissen der Wirtschafts- GmbH bestritten. Mehr als angeboten kann nicht gezahlt werden. Bundestrainer Uwe Bönsch will nun mit einer "jungen" Mannschaft antreten. Igor Khenkin als spielstarker Vertreter der "älteren Generation" fühlt sich übergangen und hat einen "offenen Brief" formuliert. Offener Brief von Igor Khenkin...

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Sehr geehrter Herr Prof. von Weizsäcker,
 
wie ich der Internetseite www.chessbase.de entnehmen konnte, werden die vier die deutsche Eloliste anführenden Spieler (Naiditsch, Meier, Friedman, Gustafsson) mangels Einigung über das Spielerhonorar nicht an der Schacholympiade 2010 in Chanty-Mansijsk teilnehmen.
 
Ausweislich des o.g. Berichts plant Bundestrainer Bönsch anstelle dessen, ein "junges Team" antreten zu lassen. Ein persönliches Gespräch mit Herrn Bönsch ergab, dass voraussichtlich u.a. Bogner, Baramidze und Buhmann dieses Team bilden werden. Dies sei von der "Leistungskommission" des Deutschen Schachbundes so bestimmt worden.
 
Für mich ergeben sich in Anknüpfung daran folgende Fragen und Überlegungen:
 
1. Durch welche Personen wird die "Leistungskommission des Deutschen Schachbundes" gebildet?
 
2. Nach welchen Kriterien wird die Deutsche Nationalmannschaft aufgestellt?
 
Nach meiner festen Überzeugung sollte erstes Kriterium für die Aufstellung der Nationalmannschaft die Spielstärke sein. Zwar können neben der Spielstärke auch "weichere" Kriterien miteinfließen, jedoch muss die Spielstärke die klare Richtschnur für die Nominierung bleiben. Hierbei müssen sich zwar nicht sämtliche Überlegungen dem Diktat der Elozahl unterordnen. Jedoch sollte die Elozahl (oder auch die DWZ) als unangefochtenes und objektiviertes Maß der Spielstärkenbestimmung auch hier grobe Richtschnur bleiben.
 
Völlig absurd sind die hin und wieder zu vernehmenden Äußerungen maßgeblicher Funktionäre, ein Spieler sei "zu alt". Beinahe jeder heutige Spitzenspieler wurde in seiner Jugend gefördert. Ziel der Jugendförderung begabter Spieler ist die volle Entfaltung der individuellen Leistungsfähigkeit. Verwehrt man allerdings diesen ehemals geförderten, heutigen Spitzenspielern dann die Möglichkeit zu spielen, so pervertiert die so wichtige Jugendförderung zum sinnentleerten Selbstzweck. In Wahrheit gibt es weder alte noch junge, weder harte noch weiche, weder "richtige" deutsche noch eingewanderte Spieler: es gibt nur gute und schlechte Spieler.
 
Folgt man bei der Nominierung der Nationalmannschaft aber schon nicht der Spielstärke, so hat sich die Aufstellung aber zumindest an sachlichen Kriterien auszurichten. Will man etwa - wegen der Enttäuschung über die vermeintliche 'Geldgier' der Besten - einer (ebenso vermeintlich) 'unverbrauchten' Jugendmannschaft die Chance geben, so wäre dies zwar zumindest im Ansatz ein sachliches Kriterium. Allerdings ist es dann völlig unverständlich, den bereits 29-jährigen Rainer Buhmann (um jedes Missverständnis zu vermeiden: den ich persönlich und schachlich über alle Maßen schätze) mitzunehmen. Im Übrigen könnte man dem verständlichen Wunsch nach einer "jugendlichen" Mannschaft ebenso gut dadurch Rechnung tragen, dass man diese - wie vor zwei Jahren in Dresden - als B-Mannschaft nominiert.
 
Apopos B-Mannschaft: Fast mutet es an, als sei die Aufstellung durch eine heimliche Liebe des Bundestrainers zum Buchstaben "B" motiviert. Dies würde sogar seine eigene Aufstellung in den Bereich des Möglichen rücken. Doch Spaß beiseite: Die Nominierung der Deutschen Schach-Nationalmannschaft vollzieht sich momentan leider tatsächlich jenseits aller sachlichen und schachlich-sportlichen Erwägungen. Diese werden ersetzt durch Intransparenz, Unberechenbarkeit und nicht zuletzt durch persönliche Animositäten. Es scheint, als habe die Art und Weise der langjährigen Führung der FIDE durch Campomanes und Iljumschinow auch auf den Deutschen Schachbund abgefärbt. Um es ganz klar zu sagen: Es ist mir völlig unverständlich, dass offenbar geplant ist, mich als (sowohl nach Elo als auch nach der DWZ) besten der nunmehr verfügbaren deutschen Spieler nicht zur Schacholympiade in meine alte Heimat mitzunehmen.
 
Mit der Hoffnung auf eine baldige Stellungnahme verbleibe ich
 
mit freundlichen Grüßen
Igor Khenkin

 

 



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