Offener Brief von Marta Michna

von ChessBase
11.12.2017 – Letzte Woche hat die Kommission Leistungssport des Deutschen Schachbundes die Kader 2018 aufgestellt. Marta Michna wurde für den B-Kader nicht mehr berücksichtigt, ist mit der Entscheidung nicht einverstanden und bittet mit einem Offenen Brief an die Kommission um Revidierung. (Foto: Karsten Wieland)

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Liebe Mitglieder der Kommission,

bei Ihrer Sitzung am letzten Wochenende wurden die Kader für das Jahr 2018 festgelegt. Ich bin sehr überrascht und sehr verärgert, dass ich dabei nicht berücksichtigt wurde.

Ich habe den Bundestrainer Dorian Rogozenco heute dazu angerufen. Er hat mir mitgeteilt, dies läge an meiner schlechten Leistung bei der Europameisterschaft auf Kreta. Nach meiner Entgegnung, dass er als Bundestrainer das schlechte Abschneiden der Mannschaft mitzuverantworten hat, sagte er, ich könne eine E-Mail an die Kommission schreiben. Ich tue dies öffentlich, um sicher zu gehen, dass sie auch Gehör findet.

Zu den Fakten: bei den beiden letzten Mannschaftsturnieren, der Olympiade 2016 in Baku und der EM 2017 auf Kreta, hat unsere Mannschaft katastrophale Ergebnisse erzielt. Meine beste Zeit ist sicherlich vorbei, aber ich habe mir bei beiden Turnieren nichts vorzuwerfen. In Baku habe ich am zweiten Brett sehr gut gespielt, die beste Elo-Performance der Mannschaft. Auch auf Kreta habe ich die zweitbeste Elo-Performance der Mannschaft erzielt und dabei meine Elo-Zahl auch bestätigt (-1,9). Ich bereite mich mit meinem Trainer Karsten Müller intensiv auf die Turniere vor, und während der Turniere verhalte ich mich professionell.

Bei den Deutschen Einzelmeistermannschaften in Bad Wiessee und den German Masters spiele ich regelmäßig mit, bin immer in den Top 3 gelandet – und das vor einigen Spielerinnen, die nun im B-Kader sind.

Im B-Kader für 2018 sind

  • Sarah Hoolt 2405
  • Hanna Maria Klek 2372
  • Melanie Lubbe 2345
  • Judith Fuchs  2276
  • Filiz Osmanodja 2243

Als einzige der genannten Spielerinnen ist Hanna Maria Klek ein einziges Mal bei Deutschen Meisterschaft oder den German Masters vor mir gelandet (bei der Deutschen Meisterschaft 2013).

Nun soll ich den Preis dafür bezahlen, dass die Mannschaft schlecht gespielt hat. Dabei sind die größten Fehler aus meiner Sicht woanders gemacht worden: bei der Nominierung und der Festlegung der Brettreihenfolge. Für beides ist der Bundestrainer Dorian Rogozenco verantwortlich.

Bei der Mannschaftsnominierung ist mir z. B. ein Rätsel, wieso Zoya Schleining seit Jahren übergangen wird. Sie bestätigt seit Jahren ihre Spielstärke von knapp 2400.

Bei unserem Kurztrainingslager vor der Europameisterschaft haben wir über die Aufstellung diskutiert. Die Idee, Josefine Heinemann als deutlich Elo-schwächste an Brett 2 zu setzen, fand ich von Beginn an falsch. Dies habe ich Dorian Rogozenco auch gesagt, obwohl mir andere Spielerinnen dazu geraten haben, nicht mit ihm darüber zu diskutieren – weil sie die Erfahrungen gemacht haben, dass dies zu persönlichen Nachteilen führt (hier möchte ich keine Namen nennen).

Nun bin ich also raus aus der Mannschaft – ich denke, weil es gewagt habe, die Aufstellung in Zweifel zu ziehen. Sportliche Gründe sehe ich nicht. Wer diese sieht, kann es mir gerne erklären.

Noch einmal zu unserem Abschneiden als Mannschaft. Dies tut mir wirklich sehr, sehr weh. Denn wir haben wirklich gute Voraussetzungen:

  • mit Elisabeth ein „Schach-Monster“ an Brett an 1, die jede Spielerin schlagen kann,
  • eine Reihe von erfahrenden Spielerinnen, die ihre Spielstärke seit Jahrzehnten auf hohem Niveau beweisen,
  • eine Reihe von jüngeren Talenten, die jetzt schon gut genug sind, am letzten Brett gut zu punkten und der Mannschaft zu helfen und
  • mit David Lobzhanidze einen Teamchef, der sich alle Mühe gibt, aus dem Kader und der Aufstellung, die ihm vorgesetzt wird, das Beste zu machen.

Warum wir diese guten Voraussetzungen nicht nutzen? Weil es immer wieder eine neue „crazy“ Idee gibt, wie man die Mannschaft neu erfinden kann.

Ich möchte Sie hiermit auffordern, mich weiterhin im B-Kader zu führen. Ich denke, ich erfülle alle schachlichen Anforderungen.

Viele Grüße

Marta Michna

Link:

Frauenkader 2018 beim DSB...




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Buzzard Buzzard 13.12.2017 10:02
Also wenn die Marta jetzt ihren Rücktritt erklärt, dann muss irgendwas RICHTIG schiefgelaufen sein, denn man muss sich nun wirklich ziemlich anstrengen, um es sich mit ihr zu verscherzen. Und dass die Josefine auf 2 nix reißt bei der EM, das war doch vorauszusehen (no offence). Kann man dem Rogo nicht einfach den Laufpass geben und mal einen gescheiten Bundestrainer einstellen, der den Durchblick hat und Mannschaften nach Leistung aufstellt.
ebit ebit 11.12.2017 11:27
Geht es dabei um Fördergelder oder nur um des Kaisers Bart?
Ich würde Frau Michna eher einen Posten als Stützpunkttrainierin geben, denn mit fast 40 Jahren und das ist die Realität, kann man nicht mehr viel zulegen. Im Gegenteil, es geht mehr oder weniger sukzessiv abwärts, daher sollten eher jüngere Spielerinnen gefördert werden, auch wenn sie derzeit noch schlechter sind.
Armin Nagel Armin Nagel 11.12.2017 09:36
Sehr geehrte Frau Michna,

ich bewundere Ihren Mut und die damit verbundene Offenheit. Ihre Ergebnisse auf höchster Ebene sprechen für sich.
Die vorgenommen Mannschaftsaufstellung für Kreta darf kritisiert werden, ebenso die für 2018 vorgenommene Auswahl des B-Kaders.
Eine derartige "Mannschaftsaufstellung" würde doch in jedem Schachverein zu Recht auf Kritik stoßen.
Der Bundestrainer steht bei den Ergebnissen in Kritik! Ebenso der Verband welcher diesen derartig gewähren lässt.

Wird dort auch der Mut aufgebracht werden, eine falsche Entscheidung zu korrigieren?

Ich hoffe ja und wünsche Ihnen einen Verbleib im B-Kader.

Freundlichen Gruß
Armin Nagel
ir77 ir77 11.12.2017 06:16
Liebe Marta,

das würde ich dir ebenfalls sehr wünschen. Die Entscheidung der Komission, (angeblich) wegen eines Turnieres aus dem Kader zu streichen, ist sicherlich sehr grenzwertig. Auch Ü20 SpielerInnen, die um 2250 dümpeln, (wenn auch persönlich sehr nett und mannschaftsdienlich) im Kader zu finden, ist ebenfalls seltsam - das hat doch mit Leistungsport wenig zu tun.

Ich habe mir jetzt die "Konzeption zur Leistungssportförderung
im Deutschen Schachbund" auf der Webseite des Schachbundes angeschaut. Ich zitiere Seite 4:
"B. ALLGEMEINE REGELUNGEN
1. Zielsetzungen auf DSB-Ebene
Die Leistungssportförderung soll:
• die Spielstärke der Kaderspieler1 so verbessern, dass diese zur Weltspitze zählen und bei Veranstaltungen der FIDE und der ECU vordere Plätze belegen,
• besonders begabte, entwicklungsfähige Nachwuchskaderspieler in ihrer Spielstärke so heben, dass sie in naher Zukunft in einer Auswahlmannschaft des Deutschen Schachbundes mit Erfolg eingesetzt werden können,
• die angemessene Vertretung des DSB bei internationalen Wettkämpfen, insbesondere Schacholympiaden sowie Welt- und Europameisterschaften, gewährleisten."
und die Seite 6:
"3. Allgemeine Förderungsvoraussetzungen / Kriterien
• Altersbestimmungen beziehen sich auf die Vollendung des jeweiligen Lebensalters. Stichtag ist der jeweilige 1. Januar des Kalenderjahres.
• Die Kaderstruktur sieht folgende Anzahl von Spieler/innen vor:
Männer: bis 10 A/B-Kader Frauen : bis 6 A/B-Kader
bis 8 C-Kader bis 4 C-Kader
bis 20 D/C-Kader bis 10 D/C-Kader
• Das Aufnahmealter: D/C-Kader bis 17 Jahre, C-Kader bis 18 Jahre, für die A- und B-Kader gelten keine Beschränkungen, bei Gleichwertigkeit erhalten jüngere Spieler den Vorzug.
• Das Höchstalter im A+B-Kader beträgt 40, für C-Kader 20 und D/C-Kader 18 Jahre."

Vielleicht sind hier die wahren Gründe zu sehen? Allerdings dürfte dies auf Liviu-Dieter auch zutreffen...

Liebe Grüße,
Ilja
Radost Radost 11.12.2017 05:21
Auf die Antwort der Kommission bin ich echt gespannt. Fehler können problemlos zurückgenommen werden. Es geht um eine starke Frauenmannschaft! Kritik gehört zu unserem Gemeinwesen.
ianer ianer 11.12.2017 04:20
Unbedingt wieder in den B, Kader!!!
Clemens_Allwermann Clemens_Allwermann 11.12.2017 03:36
Was war dann die Überlegung Heinemann an 2 zu bringen?
Krennwurzn Krennwurzn 11.12.2017 03:24
BUNDESOFFENERBRIEFTRÄGER statt Bundestrainer wäre die bessere Bezeichnung für Dorian Rogozenco.
Irgendwie läuft da was intern beim DSB bezüglich Spitzensport ordentlich schief!
schachkauf schachkauf 11.12.2017 12:15
Nachdem mich Marta am Tegernsee 2 x im Spaß-Blitzen in Grund und Boden spielte, hat sie es absolut verdient, als Kaderspielerin geführt zu werden. :-)

Sie ist hübsch und spielt immer auf den vollen Punkt. Was will man mehr? :-P
Lowlam Lowlam 11.12.2017 12:04
Tolle Reaktion Frau Michna! Ich hoffe, dass Sie Gehör finden und wieder in den B-Kader aufgenommen werden. Ein Bundestrainer, der Diskussionen mit Spielerinnen dann mit Sanktionen/Nachteilen belegt, ist meines Erachtens am falschen Platz! Ich drücke Ihnen die Daumen!
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