Ohne Karte kein Zutritt

17.11.2004 – Nach zwei Spieltagen kann man beim Superfinale der Russischen Meisterschaft bereits auf eine Reihe spannender und ereignisreicher Partien zurück blicken, nachdem die Meisterschaft zunächst noch durch kurzfristige durch Absagen überschattet worden war. Die anfänglichen Probleme mit der Internetseite wurden durch Abschalten der Bandbreite fressenden Webcam rasch gelöst. Das einzige, was jetzt noch fehlt, sind Zuschauer vor Ort. Die bisherigen Interessenten erschienen allesamt ohne Eintrittskarten und mussten deshalb vom Sicherheitsdienst abgewiesen werden. Wahrscheinlich hätten die Fans Karten gekauft, doch diese wurden bisher von der Druckerei noch nicht geliefert. Zwischenfälle mit dem Sicherheitsdienst gab es deshalb in Moskau nicht - bisher wollte sich allerdings auch kein FIDE-Vizepräsident zum Turniersaal Eintritt verschaffen. Misha Savinov wirft einen Blick auf die ersten Turniertage. Mehr

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Die ersten beiden Tage der Russischen Meisterschaft
Von Misha Savinov
Fotos: Misha Savinov und Dagobert Kohlmeyer

Es ist viel einfacher den Inhalt der Partien zu besprechen, die im Restaurant “Vasilyevsky” gespielt werden, als die Entscheidungen einiger Spieler und Organisatoren, die den Beginn des Turniers überschattet haben. Deren Züge, jeder für sich betrachtet, wirken einigermaßen logisch, doch das Gesamtbild ist ziemlich schräg. Zunächst erreichte ein Brief in französischer Sprache die Organisatoren, der gleichzeitig Kramnik und den sich vorbereitenden Khalifman aus dem Turnier boxte. Letzter erklärte, dass er nicht verärgert sei und fand rasch ein anderes Turnier, an dem er mitspielen konnte. Dies sogar so rasch, dass die Organisatoren ihn ein paar Tage später schon nicht mehr erreichen konnten, als ihnen ein weiterer Weltmeisterkollege abhanden kam.


Vartan Petrosjan, Sohn von Tigran und Garry Kasparov


Krylov und Svidler


Atarov interviewt Präsident Zhukov


Alexandra Kosteniuk und Alexey Dreev

Kramniks Rückzug war zumindest klar begründet (falls man sein Französisch entschuldigt), die Geschichte von Karpov klingt allerdings nach einem Aschenputtelmärchen. Um Mitternacht des 14.November fiel ihm plötzlich ein, dass er sich in einen unabkömmlichen Geschäftsmann zu verwandeln habe und dass man seine Inkarnation als Schachspieler bei diesem Turnier leider nicht mehr angesichtig werden könne. Zum zweiten Mal hintereinander springt Karpov von einem Turnier ab, bei dem auch Kasparov mitspielt (Sie erinnern sich noch an das Botvinnik-Memorial?). Ich vermute, dass er des Schachs so überdrüssig ist, dass er auf diesem Wege allen Turnierorganisatoren in der ganzen Welt nahe legen möchte, sämtliche Angebote in der Zukunft zu unterlassen. Oder hat jemand eine andere Erklärung. In einem Interview erklärte Karpov allerdings, weiter Schach spielen zu wollen. 


Blcik auf den Kreml


Hotel Rossija


Eingang zum Turnier


Eingang zum Restaurant “Vasilyevsky”






Aussicht aus dem Turniersaal auf den Kreml
 

Im Ernst: "Gut unterrichtete Kreise" versicherten, dass Karpov geschäftliche Verpflichtungen tatsächlich existieren würden und sogar so seriös seien, dass sie Anatolys Aufmerksamkeit erfordert hätten. Sein Fehler bestand allerdings darin, trotz dieser Verpflichtungen die Einladung zu diesem Turnier angenommen zu haben.

Dennoch, die russische Meisterschaft wandelt auch mit 11 statt 14 Teilnehmern auf den Spuren von Wijk aan Zee und sah gleich in der ersten Runde drei entschiedene Partien und ein 70-Züge-Remis. Nur Dreev gegen Timofeev gönnten sich ein Kurzremis. Timofeev servierte mit Schwarz eine Neuerung, die jede weiße Initiative auslöschte.

Vor dem Turnier sah man drei oder vier Spieler als Favoriten an: Kasparov, der in der FIDE-Rangliste immer noch Nummer Eins ist, ob man das gut findet oder nicht; Svidler, der auf der Olympiade die beste Vorstellung in der russischen Mannschaft gab, Morozevich, einer der großen Schachhelden 2004 und vielleicht Grischuk, ein immer bestens vorbereitetes großes Talent. Drei dieser vier gewannen in der ersten Runde ihre Partien.

Kasparov führte die weißen Steine gegen Bareev, gemäß der Statistik einer von Kasparovs Lieblingsgegnern. Bareev wählte die Modevariante mit kurzer Rochade. Vor 30 Jahren hielt man dies für sehr schlecht, doch inzwischen ist sie anerkannt. Die Idee von Schwarz besteht darin, die weiße Initiative am Königsflügel durch aktives Spiel im Zentrum und Tausch auszugleichen, bei schlechter Ausführung wird Schwarz allerdings mattgesetzt. In dieser Partie schien Kasparov um Zug 23 in schlechterer Position zu sein, doch Bareev verpasste die beste Fortsetzung (Lxd6 statt f6?) um den Vorteil festzuhalten. Und so übernahm Kasparov die Initiative. Dennoch war es nicht klar, ob Weiß auch gewinnen konnte. Laut den letzen Analysen von GM Jakovenko, hätte Schwarz im Bauernendspiel remisieren können, von dem man zunächst glaubte, dass es zu einem gewonnenen Endspiel Dame und Bauer gegen Dame führen würde. Das endgültige Urteil über das scharfe Bauernendspiel lautet also remis. Bareevs entscheidender Fehler war 38...La3 anstelle des besseren 38...Kg6!. Danach ließ sich Kasparov den Sieg nicht mehr nehmen, auch wenn das Endspiel noch durchaus trickreich war.

Svidler muss nach seinen Einsätzen in Brissago und bei der Olympiade vermutlich sehr müde sein, aber auch dann hält er ein bestimmtes hohes Niveau. In der ersten Runde spielte er einen sehr professionellen Stil: starke Eröffnung, früher Ausgleich, Vorteil schaffen nach Fehlern des Gegners und schließlich Gewinnvorteil erzielen.


Tseshkovsky

Tseshkovsky verteidigte sich tapfer in verlorener Stellung, doch schließlich fuhr der St. Petersburger Großmeister den Sieg ein.

Grischuk spielte mit Schwarz gegen seinen Freund Motylev. Eine ultra-scharfe Variante des Englischen Angriffs stand auf dem Brett. Nach dem thematischen Qualitätsopfer auf c3 hatte Weiß ausgeglichen. In einem damenlosen komplizierten Mittelspiel geriet Weiß dann in Nachteil und verlor, nicht zuletzt aufgrund seiner Zeitnot. Auch bei Bedenkzeiten mit Inkrement gibt es Zeitnoteinsteller.


Motylev

Witzigerweise waren Grischuk und Motylev zu den elegantesten Spieler der vergangenen FIDE-WM gewählt worden. Auch hier erscheinen alle Großmeister in Anzug und Krawatte. Die Organisatoren haben einen Dress-Code verordnet, worüber auch die Fotografen froh sind. Schach ist ein Sport für Intellektuelle und deshalb sollten Trainingsanzüge auch verbannt sein.

Morozevich war gegen Epishin den Sieg nahe. Bald nach der Eröffnung war er klar im Vorteil, doch dann begann Epishin sich wie Petrosian zu verteidigen. Laut Morozevich-Sekundant IM Barsky hatte Alexander Gewinnvorteil, aber einen verpassten Gewinnzug konnte man nicht finden. Am Ende hatte sich Epishin einen halben Punkt erkämpft. Ein verärgerter Morozevich musste am nächsten Tag aber noch mehr Kummer aushalten.


Dreev

Dreev lag im direkten Vergleich gegen Morozevich vor dem Turnier bereits mit +2 vorne, allerdings hatte Alexey in den meisten der Partien die weißen Steine. Am Dienstag hatte der Ratingfavorit einmal die weißen Steine, doch das Ergebnis war eine vernichtende Niederlage. Wer dachte, Alexey würde seine üblichen Verteidigungen, Französisch oder Caro-Kann, wählen, lag falsch: Sizilianisch stand auf dem Brett. Dreev verzögerte die Rochade und drückte gegen den weißen lang rochierten König. Ein Schlag folgte auf dem anderen. Die ganze Partie diktierte Dreev das Geschehen. Der arme Alexander wurde einfach vom Brett gespült. Das war nicht sein Tag. Aber Morozevich wird sich im Verlauf des Turniers erholen. Er ist jemand, der mehr gewinnt, aber auch mehr verliert als andere Super-GM.


Zufrieden: Dreev

Die Sieger der ersten Runde verloren alle an Fahrt, allerdings aus guten Gründen. Den besten Grund hatte Svidler, er war spielfrei. Kasparows Begründung war, das er immer noch Nummer Eins ist und dass sein Gegner Korotylev mit Weiß sehr vorsichtig agierte.

Mit der Damenindischen Verteidigung konnte Kasparov keinerlei Initiative erzeugen. Vielleicht sollte er gegen schwächere Gegner doch wieder Benoni oder Königsindisch spielen, so wie früher?



In der Partie zwischen Grischuk und Epishin belauerten sich die beiden Spieler in einem Igel. Weiß, Grischuk, wollte nicht zuviel riskieren und Schwarz kann im Igel sowieso nur etwas machen, wenn Weiß aktiv wird. Remis im 43.Zug.

Nach erst zwei Tagen können wir schon auf eine Reihe von interessanten Partien zurück blicken. Mit Kasparov, Grischuk und Dreev gibt es drei Tabellenführer. Die Organisation ist sehr gut und die Internetübertragung funktioniert nach Anlaufschwierigkeiten ebenfalls gut, nachdem man die Bandbreite fressende Webcam ausgeschaltet hat. Pressechef Alexander Roshal hat das Pressecenter mit der Hilfe seiner Assistenten Eugeny Atarov, Oksana Kosteniuk und den beiden Titelträgern GM Dmitry Jakovenko und IM Maxim Notkin exzellent eingerichtet.

Die Spieler kommen und zeigen am Demobrett ihre Partien.







Eigentlich gibt es nur einen Mangel. Es gibt keine Zuschauer.

Zwar wurden die Preise für die Karten genannt, doch die Tickets sind noch nicht erschienen. Und Zuschauer ohne Tickets werden von den Sicherheitsleuten abgewiesen (allerdings nicht auf spanische Art). Der Turnierdirektor hat versichert, das Problem bald zu lösen. Wir halten sie über dies und alles andere bei den 57. Meisterschaften auf dem Laufenden.

Misha Savinov



Misha Savinov
 


 

 

 

 

 

 

 

 

 


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