Ohne Verlierer keine Sieger

07.07.2004 – Im Sport werden meistens nur die Sieger gefeiert. Das ist im Fußball, wo Bayern München denkt, eine Bundesliga nur mit Ihrer Mannschaft wäre doch von größter Anziehungskraft, ebenso wie im Schach. Aber wie hätten denn die vielen glanzvollen und geistreichen Kombinationen zustande kommen sollen, wenn auf der anderen Seite nicht die späteren Verlierer durch ihre hilfreichen Züge die Partie in die richtige Richtung gelenkt hätten? Conrad Schormann lenkt in seinem Beitrag das Licht auf einen der großen Verlierer im Schach, Sir George Alan Thomas, und findet einen einfallsreichen Weg, ihn posthum endlich einmal zu einem großen Sieg zu verhelfen. Mit Sir Thomas auf dem Holodeck...

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Sir Thomas auf dem Holodeck
Von Conrad Schormann

Schachspielern würde auf dem Raumschiff Enterprise nicht langweilig. Das gilt für die altertümliche Variante des Weltraumkreuzers aus dem Jahr 2200 mit Captain James T. Kirk auf dem ledernen Chefsessel wie für die moderne Version 150 Jahre später, die Captain Jean-Luc Picard von seinem avantgardistischen Plastikthron aus kommandiert.

Mister Spock, halb Vulkanier, halb Mensch, hat den Erdlingen in der Frühzeit der Weltraumfahrt das 3D-Schach geschenkt, Schach auf mehreren Ebenen. Ein 3D-Schachbrett gleicht einem Parkhaus ohne Wände, das Spiel beherrschen Menschen etwa so gut wie Frauen das Einparken rückwärts. Die begrenzte Kapazität menschlicher Hirne ist dem geistigen Multitasking von Spock nicht gewachsen.

Das Spitzohr spielt daher bevorzugt gegen den Bordcomputer, klemmt ihm regelmäßig Remisen ab und soll ihn sogar besiegt haben, als keiner zugeschaut hat. Unbekannt ist, ob die Schachsoftware auf der Ur-Enterprise aus Hamburg stammt, es ist nicht einmal klar, ob es Hamburg in 200 Jahren noch gibt, geschweige denn die Hamburger Schachfirma, die bis dahin wahrscheinlich von einer vulkanischen 3D-Schach-Firma gekauft worden ist. Bis wir erfahren, was passieren wird, müssen wir unsere Fantasie spielen lassen: Vergesst Fischer gegen Spassky. Spock gegen Fritz 92 auf Enterprise, welch ein Duell. Faszinierend.

Glaubt man der Fernsehserie, hat 150 Jahre später auf der Picard-Enterprise das 3D-Schach dem klassischen Schach endgültig den Rang abgelaufen (und Androiden ersetzen Vulkanier, das ist nur gerecht). In der Bordbar steht ein 3D-Schach, eifrig bedient vom Androiden Mister Data, der mit dem lange verrenteten Mister Spock den Verstand und den Vornamen „Mister“ teilt.

Dennoch würden wir Schachspieler auf der Enterprise des Jahres 2350 im Paradies leben. Wann immer wir nicht damit beschäftigt wären, unter Grobian-Aliens Frieden zu stiften oder das Raum-Zeit-Kontinuum zu flicken, könnten wir im Holodeck die gute alte Schachzeit aufleben lassen.

Das Holodeck ist die nützlichste aller Erfindungen, die die Enterprise durchs All schippert. Jede erdenkliche Umgebung können wir dort schaffen und längst gestorbene Leute auferstehen lassen, wenn der Computer genug über sie weiß. Wir hätten natürlich die Vulkanobase-CD „450 Jahre Schach“ geladen, damit der Bordcomputer sich auskennt. „New York 1924“ sagen wir dann, ein paar Mausklicks, schon stehen wir im Manhattan-Chessclub des Jahres 1924. An der Theke sehen wir Aljechin Notizen machen für sein Turnierbuch, Capablanca plaudert mit Bewunderinnen, die Sicht auf den alten Lasker ist verdeckt wegen des Zigarrennebels.

Die unendlichen Weiten des Holodecks sind damit nicht am Ende. Ereignisse wie New York 1924 sind reproduzier- und manipulierbar. Noch ein paar Mausklicks, und schon wäre das Teilnehmerfeld um den größten Patzer in 450 Jahren Schachgeschichte erweitert. „Lieutenant Schormann, kommste mit in die Bordbar?“ „Nee, ich muss ausschlafen, morgen nach Feierabend hab' ich Schwarz gegen Tartakower.“ 22 Feierabende später wäre dieser Traum zum Albtraum geworden – 0/22, letzter Platz, sieben Punkte hinter dem Vorletzten Janowski, 18 hinter dem Turniersieger Lasker.

Revanche! Das Holodeck bietet auch die Möglichkeit, die alten Meister zu necken. Natürlich könnten wir die elf Erstplatzierten mit einer Phaserkanone niederstrecken, es bietet sich aber eine feinsinnigere Methode an, den Herren eins auszuwischen. Wir lassen jemanden auferstehen, dem alle Schachspieler viel zu verdanken haben – und dem die Schachgeschichte übel mitgespielt hat: Sir George Alan Thomas aus London. Dieses Mal soll Sir George Alan Thomas New York 1924 aufmischen.

Jedem Schachspieler begegnen irgendwann Partien des britischen Dauerverlierers. Wir, die wir vergeblich versucht haben, unser kümmerliches Spiel zu verbessern, haben unablässig die feinen Siege der Herren Lasker, Capablanca oder Aljechin studiert. In unseren Lehrbüchern taucht Sir Thomas mindestens so oft auf wie diese Großen seiner Zeit, und immer verliert er instruktiv. Mal erliegt er einem Läuferopfer auf h7, mal erledigt ihn sein Gegner mit den verdoppelten Schwerfiguren auf der siebten Reihe. Weil Sir George Alan Thomas damals so lehrreich verloren hat, wissen wir Patzer heute, welche Gefahren lauern, wenn wir versuchen, im Dschungel der 64 Felder zu überleben.

Hätte es 1924 eine Weltrangliste gegeben, Sir George Thomas (1881-1972) wäre vielleicht knapp in den Top 100 gewesen (laut „chessmetrics“ war er besser). Gegen Capablanca (2,5/11), Aljechin (3/13)&Co. hatte Sir Thomas kaum eine Chance, im Vera-Menchik-Club war er nicht einfaches Mitglied sondern siebenfaches, aber gegen die zweite Meistergarde seiner Zeit mischte er munter mit.

Menchik gegen Thomas...

Und er hatte das Glück, im schachbegeisterten England zu leben, das in den ersten 70 Jahren des 20. Jahrhunderts nur einen Weltklassespieler gebar, als 1929 der sagenhafte Sultan Khan auftauchte und 1933 wieder verschwand.

Gegen den indischen Naturschachspieler hat Sir Thomas in acht Partien 1,5 Punkte geholt. Als einer der besten Briten spielte Thomas dennoch regelmäßig in Hastings und bekam viele Einladungen aufs Festland. Etwa 80 internationale Turniere hat der mehrfache britische und Londoner Meister im Laufe seiner Schachkarriere gespielt und mit allen Großen seiner Zeit die Klingen gekreuzt. Die FIDE verlieh ihm 1950 den IM-Titel, der Schachwelt hinterließ er unzählige instruktive Verlustpartien.

Auch am berühmtesten Magnetmatt der Schachgeschichte war Sir George Alan Thomas beteiligt – als Verlierer, versteht sich. Auf der anderen Seite des Brettes saß der deutsche Meisterspieler Eduard Lasker (der 1924 in New York Vorletzter wurde und allenfalls entfernt verwandt war mit dem Turniersieger und Exweltmeister Emanuel Lasker). Eduard Lasker berichtet in seinem Buch „Chess Secrets“ von dieser freien Partie. Der Deutsche war gerade in London angekommen und als erstes zum Schachclub gepilgert. Ein freundlicher Herr forderte den Deutschen zu einer Partie auf. Lasker sprach kein Englisch, er wusste nicht, dass er es mit dem Meister von London zu tun hat. Im 11. Zug opferte er die Dame auf h7 um den König ins Freie zu zerren. Im 17. Zug war der Schwarze Monarch auf g1(!) angekommen, und Lasker zog 18.Kd2#. „That was very pretty“, soll Thomas gesagt haben, als er seinem Gegner gratulierte – und der dürfte weder ein Wort verstanden noch geahnt haben, dass diese Partie um die Welt gehen wird.

Lasker gegen Thomas...

Sir George Alan Thomas war nicht nur ein hervorragender Verlierer im Schach. Sieben Mal gewann er die britische Meisterschaft im Badminton (auch im Doppel und Mixed hat er britische Titel eingeheimst), und er amtierte 1935 bis 1956 als erster Präsident des internationalen Badminton-Verbandes IBF. Auch im Tennis gehörte die adelige Sportskanone zu den besten auf der Insel. In Wimbledon kam er bis ins Viertelfinale. Ein hervorragender Hockeyspieler war er obendrein. Eine Internet-Recherche hat nicht erhellt, ob der Mann einer geregelten Tätigkeit nachgegangen ist, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nach menschlichem Ermessen kann er für solche Nebensächlichkeiten keine Zeit gehabt haben.


Auf dem Holodeck würden wir die holografische Reinkarnation Sir George Alan Thomas' die Allwermann-Variante spielen lassen. Er wäre anders als seine Gegner mit dem Bordcomputer gekoppelt, würde messerscharfe Eröffnungen spielen, Chaos auf dem Brett schaffen und seine limitierten Widersacher niederrechnen – alle, bis auf Emanuel Lasker. Der hat 1924 als 56-Jähriger mit seinem Turniersieg in New York eine Geschichte geschrieben, wie es sie nur im Schachsport gibt. Die Ehrfurcht gebietet uns, Lasker nicht den Turniersieg zu rauben. In unserer Holodeck-Version des Turniers würde Sir George Alan Thomas Zweiter, vor Capablanca, vor Aljechin. Diese beiden zu überflügeln, war ihm im wahren Leben nicht vergönnt.

Capablanca gegen Thomas, 1919...

Capablanca gegen Thomas 2, 1934 ...


 

 

 



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